Die Luft ist superfrisch

2038 Der deutsche Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig entwirft eine ehrgeizige Utopie ohne Müll und mit freiem Internet
Die Luft ist superfrisch
Als Avatar im deutschen Pavillon: Das macht die Krise schon 2021 möglich

Foto: 2038 – The New Serenity/German Pavillon at the 17th Architecture Biennale

Im Jahr 2038 ist es endlich da, das Zeitalter der heiteren Gelassenheit. The New Serenity, so lautet das Motto des deutschen Pavillons auf der 17. Architekturbiennale in Venedig, der einen Sprung in eine nicht allzu ferne, dabei jedoch radikal andere Zukunft unternimmt. Das sieht dann etwa so aus: Wettbewerb und Profitstreben sind 2038 abgeschafft, stattdessen verbindet die Menschen Solidarität und Kooperation. Ökonomie und Ökologie haben sich zur gemeinsamen Kreislaufwirtschaft verschworen, Müll ist passé, denn alles wird wiederverwertet. Da Landbesitz und Bodenspekulation als Grundübel der Umweltvernichtung ausgemacht wurden, gibt es einen neuen Eigentumsbegriff, der auf freiem, gemeinschaftlichem Zugang basiert. Alles funktioniert irgendwie dezentral und selbstorganisiert, offen, pluralistisch und von unten nach oben. Das ist schon mal klasse.

Die entscheidende Zutat zu alldem aber sind die Daten, die Wissen verwalten und die Menschen verbinden. Sie organisieren im Verborgenen alles Mögliche, während deren Besitzer sich vielleicht zu Hause wohlig am Hintern kratzen. Vielleicht träumen die künstlichen Intelligenzen in einer Ruhepause von elektrischen Schafen wie die Androiden von Philip K. Dick in der Romanvorlage zum Film Blade Runner. Anders als in dessen dystopischem Moloch, in dem die schwarzen Fassaden im Neonlicht glühen, allmächtige Konzerne beherbergen und ihre Schatten die Menschen erdrücken, ist hier alles „commons“ und „open source“. Alle Monopole sind zerschlagen, Datenkraken wie Google, Facebook und Co. sind die Dinosaurier aus der digitalen Steinzeit. Jetzt, also 2038, gehört das Internet allen. Wälder, Berge und Flüsse sind den Menschen juristisch gleichgestellt und alle Lebewesen sowieso, während die KI im fortwährenden Flow in Zeit und Raum dauerdenkt und -kommuniziert.

„Es hat funktioniert“

Der visionäre Architekt und Designer Buckminster Fuller stellte fest, dass man nicht dadurch etwas ändert, indem man die bestehende Realität bekämpft, sondern indem man ein neues Modell baut, das bisherige Modelle überflüssig macht. Der Kunstgriff, dass The New Serenity nicht vom Status quo ausgeht, sondern diesen kurzerhand als überwunden deklariert, ist diesem Credo entlehnt. Es lässt in Fullers Tradition einen Freiraum zur Formulierung eines angestrebten Idealzustands entstehen, in dem alles möglich wird, wofür es Worte gibt. Allzu leicht wird der Entwurf künftiger Welten so leider zu einem Wettbewerb um Sprachfloskeln, in dem die verführerische Beschreibung an die Stelle der überzeugenden Herleitung oder der beweiskräftigen Argumentation tritt. Genauso leicht ist es allerdings, Denkexperimente als naiv oder abwegig abzutun. Das „Team 2038“, das den aktuellen Pavillon zusammen mit internationalen Architekten, Wissenschaftlern, Philosophen, Künstlern oder Ökonomen transdisziplinär konzipiert hat, kontert diesen Reflex mithilfe hermetischer Immanenz: Alles, was der Pavillon thematisiert, trägt sich innerhalb der Prämisse zu, dass wir uns in der Zukunft befinden. „Es hat funktioniert!“, wie einer der vielen kurzen Filme proklamiert, aus denen die Präsentation besteht.

Gehen wir vielleicht, um uns das alles besser vorstellen zu können, einen Schritt zurück, sagen wir, auf die Stufen, die zum steinernen Pavillon in Venedig hinaufführen. Wer das Innere des Gebäudes betritt, der findet dort nichts außer einigen QR-Codes vor, die an den ansonsten weißen Wänden haften. Scannt man sie, spielen sich auf dem persönlichen Smartphone oder Tablet kurze, Clip-artige Filme ab. Sie bestehen weitgehend aus Interviewausschnitten mit den Protagonisten des „Team 2038“ und befassen sich als sogenannte History Channels mit verschiedenen Themenbereichen, die der Fragestellung des Biennale-Kurators Hashim Sarkis folgen: How will we live together?

Der leere Pavillon versteht sich, wie Mitkurator und Architekt Nikolaus Hirsch erklärt, als radikales Statement, der das glamouröse Spektakel vor Ort zugunsten einer ins Virtuelle verlagerten, globalen Präsenz unterläuft. Denn die weiten, lichtdurchfluteten Hallen gibt es auch als 3-D-Modell, in das man per Avatar Zutritt erlangt. Die Filme schaut man per Mausklick, und wenn man möchte, kann man sich mit anderen Besuchern unterhalten. (Wer es traditioneller mag, der kann sich die Filme auch einfach auf 2038.xyz ansehen.) So lobenswert die ehrgeizige, globalen Problemen gewidmete Agenda des Projekts ist, so dünn ist das, was die kurzen Filme an montierten Gesprächshappen liefern. Kaum etwas kommt darin über den Charakter eines Trailers hinaus. Wer wissen will, wie diese heile Welt entstand, der muss sich mit der schlichten Erklärung zufriedengeben, dass „eine Reihe von Krisen“ zum Umdenken geführt hätte oder dass „es Umwälzungen gab“. Wer fragt, wie diese zukünftige Welt denn architektonisch aussehen wird, der fragt vergeblich. Aber der Himmel ist klar und die Luft superfrisch.

Sicher, es geht hier ganz bewusst nicht um futuristische Designs, sondern um einen ökosozialen Neuentwurf künftiger Lebenswelten. Das Berufsbild des Architekten entfernt sich damit absichtlich von der Festlegung aufs Sichtbare hin zu einem erweiterten Rollenverständnis von Architektur, das die Kuratoren des Pavillons für sich und nicht zuletzt auch für die Hochschulen, an denen der studentische Nachwuchs ausgebildet wird, einklagen: weg vom Objektfetischismus, weg von repräsentativem Denken, weg auch vom Superlativ spektakulärer Bauten, wie sie zum Stein gewordenen Antlitz neoliberalen Städtewettbewerbs wurden. Dafür wendet es sich systemischen Fragen zu, die neue Wege beschreiten wollen, anstatt mit der Bebauung von Land trotz wachsenden Unbehagens immer mehr Boden zu versiegeln, Zugangsrechte zu beschränken und mit Beton, Stahl und Glas die desaströse ökologische Bilanz der Moderne auf unabsehbare Zeit fortzuschreiben.

Das ökologische Zeitalter verlangt nach einer Architektur, die im Austausch mit der Biosphäre steht, anstatt sich von ihr abzuschotten, die nicht nur dem Menschen, sondern auch anderen Arten ein Zuhause bietet, sagen etwa die Architekten Ferdinand Ludwig und Daniel Schönle. Beispielsweise dem Monarchfalter, wie einer der wenigen konkret werdenden Exkurse exemplifiziert: Der orangerote Schmetterling, in Nord- und Südamerika einst allgegenwärtig, ist vom Aussterben bedroht und soll in baulich eingeplanten Nischen nisten. Auch die Verwendung organischer Baustoffe, in deren Entwicklung sich Revolutionäres abzeichnet, weist in dieselbe Richtung: Myzele von Pilzen, Fenster aus Ton und pflanzlichem Glycerin – hier erschließt sich dank biotechnologischer Fortschritte tatsächlich gerade eine neue Welt. Die Architektur erklärt sich so kurzerhand zur Schnittstelle auf der Suche nach postkapitalistischen Lebensformen.

Viel behauptet, wenig gesagt

Das Medium Film, das hier ausschließlich zur Präsentation gewählt wurde, ist im Alleingang allerdings damit überfordert, so komplexe Inhalte zu vermitteln. Anstatt substanzielle Interviews zu führen, die in die Tiefe gehen, wird hier viel behauptet und wenig gesagt. Warum, wenn man schon ein digitales Format wählt, es nicht auch als Archiv für die Zusammenführung alternativen Wissens nutzen? Warum werden hier verbal multimediale Welten entworfen, aber de facto wird monomedial gearbeitet?

Statt einer thematischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand wählt The New Serenity die Volte in die utopische Science-Fiction, in der Giraffen durch Brooklyn wandern und blinkende Intelligenzen, die aussehen wie Köder zum Fliegenfischen, die Menschen wie Moskitos umschwirren. Wie war das noch 2021? Es war „eine Zeit der Lähmung und von existenziellem Schmerz“, also, kurz gesagt, ziemlicher Mist: „Die Reichen waren superreich und trotzdem total unglücklich, weil es überhaupt keine Richtung gab.“ So klingt es, wenn sich im Film Interrail 2038 des Regisseurs Christopher Roth, den die Ausstellung an prominentester Stelle platziert, zwei Teenager, die sinnlos durch die menschenleeren Giardini in Venedig driften, über die Dinge des Lebens unterhalten. Zu wünschen wäre dem Projekt 2038, dass es in seiner weiteren Entwicklung, für die Venedig nur den Auftakt darstellt, aus seiner Zukunftsblase aussteigt und seine fiktionalen Ideen mit realem Wissen unterfüttert, das konkrete Perspektiven anbietet und in praktische Modelle überführt. Es ist höchste Zeit dafür.

Info

Die 17. Architekturbiennale in Venedig läuft bis 21. November. Der deutsche Pavillon kann auch online unter 2038.xyz besucht werden

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06:00 29.05.2021

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