Die Lust am Dilemma

Spielmacher Wer Spiele erfindet, kann zwar nicht das Hobby zum Beruf, wohl aber den Beruf zum Hobby machen

Mit der Muse ist es wie mit der Polizei. Wenn man sie dringend braucht, ist sie nie da. Sie erscheint, wann immer es ihr beliebt. Man sollte also vorbereitet sein. Eines Morgens erschien sie Andrea Meyer in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Sie kam in Gestalt eines Ohrwurms, einer Schnulze, die sich beim Aufstehen in den Gehörgang kuschelt und sich im Laufe des Tages wie eine lästige Zecke im Trommelfell verbeißt. Es war irgendwas mit Liebe, Herz und Feuer. Worte eben, die immer und in jedem Refrain vorkommen. Und das war es dann schon fast. Zu einem Wort fielen ihr auf Anhieb vier weitere Schlager ein. Zu einem anderen immerhin zwei. Wenn man diese Worte je nach Häufigkeit unterschiedlich bewertet und Bonuspunkte verteilt fürs Singen, wird es ein Spiel - irgendwann. Denn so schön es ist, die Idee zu haben, so grausam wird das Gefummel, ein spielbare Version daraus zu entwickeln. Da wird gegrübelt, entworfen, getestet und umgeschrieben und manchmal auch in der Schublade entsorgt. Die Arbeit einer Spiele-Erfinderin ist mühsam und langwierig. Andrea Meyer erfindet Spiele, seit fünf Jahren schon. Sie ist eine der wenigen Frauen in der Spieleautoren-Branche. Nach Hossa, dem Schlager-Ratespiel, und Stimmvieh, dem Parteienfinanzierungsspiel, folgt in wenigen Tagen als ihr drittes Werk eine Art Behörden-Simulation namens ad acta. Manchmal verirrt sich die Muse eben auch in die Bürokratie.

Berlin-Tegel, September, Sonntagnachmittag. Im hölzernen Jugendzentrum am Rande der Kleingarten-Kolonie wird das erste Berliner Spiele-Autoren-Treffen abgehalten. Die Zielgruppe ist auch geladen. Ein paar Dutzend Spieler sind gekommen, die handvoll Autoren zu besichtigen, ihre Spiele zu probieren und vielleicht auch eins zu kaufen. Vor der großen Fensterfront sitzt Meyer, eine kräftige Frau in Jeans-Weste, mit Brille und kurzen blonden Haaren und hantiert mit Kärtchen und Büroklammern. Sie erklärt einem Kollegen ihre neueste Erfindung. Und die geht so: Vier Spieler, die Chefs von Rathaus, Finanz-, Umwelt- und Arbeitsamt, versuchen ihre Akten so über die eigenen und fremden Schreibtische zu bugsieren, dass sie im rechten Moment ad acta gelegt werden können. Das bringt Punkte. Wie im echten Leben denkt jede Behörde zuerst an sich. Fremde Akten werden geflissentlich ignoriert, man bittet vorrangig um Amtshilfe, terrorisiert sich mit Anrufen, Rücksprachen und Sonderboten. Das Dilemma: Ständig bringt der Bote neue Akten. Der Stapel wächst, der Kampf scheint aussichtslos. Einige Akten bleiben immer liegen, bis zum Feierabend, bis ganz unten schon der Schimmel blüht. Und am Ende droht der Reißwolf.

"Mein Insider-Wissen kam mir bei diesem Spiel natürlich zugute", sagt Meyer. Bei der täglichen Arbeit leidet sie nämlich selbst an diesem Akten-Dilemma. Die Mitdreißigerin arbeitet als Referentin im Bundesumweltministerium. Allein vom Spieleerfinden lässt sich die Miete nicht bezahlen. Sie muss zufrieden sein, wenn sie die Materialkosten decken kann. "Es kommen zwar jedes Jahr hunderte neue Spiele auf den Markt, aber höchstens zwei oder drei Autoren können sich ganz damit finanzieren", sagt sie. Einer dieser Professionellen ist Klaus Teuber. Sein Bestseller Die Siedler von Catan hat sich hunderttausendfach verkauft. Andrea Meyer ist schon stolz, wenn sie 500 Stück losschlägt - im Selbstverlag. Auf dem handgemalten Poster hinter ihr prangt ihr Markenname: "Bewitched Spiele".

Andrea Meyer ist Mitglied der Spiele-Autoren-Zunft. In der haben sich etwa 300 Erfinder vereint - auch, um ihre öffentliche Wahrnehmung zu erhöhen. Es gehe nämlich nicht an, sagen die Zunftmeister, "dass viele Käufer Spiele noch immer erwerben, ohne auf die Autoren zu achten, was bei einem Buch ja eine Selbstverständlichkeit ist." Während die Brettspielkultur in anderen Ländern im Sterben liegt und vornehmlich unter Kinderkram firmiert, floriert hierzulande eine vitale Szene. Deutschland einig Spielerland? Immer wieder schaffen es auch Spiele mit kompliziertem Regelwerk, die als schwer verkäuflich gelten, auf bundesdeutsche Tische. Die Gier scheint unermesslich. Eine Bekannte aus Meyers Spielerunde lagert 1.500 Spiele in ihrer Wohnung - in 14 tiefen Regalen, in zwei kompletten Zimmern. Sie könnte einen Spieleverleih betreiben, aber Spieler geben ihre Lieblinge nur ungern her. Da kommt immer was weg. Sie bringen sie höchstens mit zum Spielenabend.

Spieleabend - eine Vokabel mit der Kraft, die Nation zu spalten. Lässt Augen funkeln und Finger kribbeln bei den einen. Löst Alarm und Fluchtreflexe aus bei den anderen. Langes Palaver, welches Spiel, welche Regeln, lackierte Kieferntische, oben Ton-Teekanne auf Stövchen, unten feuchte Wollsocken. Und wenn es ganz schlimm kommt: Herbert Grönemeyer. Spieletreffen muss man mögen. Andrea Meyer mag Spieletreffen. Irgendwann vor fünf Jahren verspürte sie den Wunsch, eigene Spiele zu erfinden. "Es ist eine schöne Art die eigene Kreativität zu verewigen", sagt sie. Also grübelte sie über Mechanismen und Strategien und hoffte auf die Muse. Es gibt kein Verfahren und keine Regeln. Nur eines ist wichtig: man muss ein Dilemma erzeugen, die scheinbar ausweglose Situation. Der Zug mit ungewissen Folgen, die Angst vor der vertanen Chance und eine kleine Prise Zufall. Hübsch verpackt in eine Geschichte könnte es klappen. Das Spiel reduziert die Komplexität der Wirklichkeit und ist eine a) freie, b) ungewisse, c) vom Alltag abgekoppelte, d) unproduktive, e) geregelte, f) fiktive Betätigung. Sagen die Sozialwissenschaftler. Andrea Meyer hat Pädagogik studiert.

"Spiele machen Sinn - auch pädagogisch. Das ist vor allem nach Erfurt wichtig", sagt sie. Eine mittelalte Frau, die beim Spiele-Autoren-Treffen am selben Tisch Platz genommen hat, erhebt Einspruch: "Also, ich weiß nicht. Erfurt! So was lässt sich doch nicht mit Brettspielen verhindern", sagt sie und schüttelt den Kopf. "Natürlich nicht. Aber ich merke beim Spielen, dass ich nicht unbedingt gewinne, wenn ich aggressiv spiele", sagt Meyer. Ein paar Tische weiter beugen sich fünf Spieler über eine Landkarte. Sie starren auf das bunte Spielfeld, auf dem "Weltmächte" steht und das vollgestellt ist mit absurd vielen Steinen und Figuren. Ein junger Mann mit Zopf versucht seit einer ewigen Weile, das Spiel zu erklären. Er sagt: "Die Frage ist doch: tragen die anderen Länder die UN-Resolution mit oder nicht?" Nachdenkliches Schweigen. Dann sagt er: "Jetzt brauchen wir Papier und Stifte."

Komplexe Spiele gehen schlecht. In seinem Leitfaden für Spieleerfinder warnt der Spiele-Experte Tom Werneck: "Der Redakteur muss eine Vorstellung davon bekommen, wie schwer oder leicht die Spielidee einem Ver-käufer oder dem Endverbraucher vermittelt werden kann." Wäre Schach erst heute erfunden worden, hätte es kaum eine Chance, auf den Markt zu kommen. Es ließe sich nicht vermarkten. "Spiele, die auf einem sehr komplizierten Regelwerk beruhen, haben bei uns kaum Chancen", sagt auch Susanne Schausbreitner, Redakteurin beim Ravensburger Verlag. Sie begutachtet zugesandte Spiele auf Verwertbarkeit. Über 1.500 Angebote landen jährlich auf ihrem Tisch - von skizzierten Entwürfen bis hin zu spielbaren Muster. Nur etwa 40 werden umgesetzt. Die meisten Ideen kann sie bereits nach kurzem Regelstudium in die Tonne treten. "Oft handelt es sich lediglich um die hundertste Abwandlung erfolgreicher Spieleklassiker", sagt Schausbreitner - Memory mit anderen Bildern, Monpoly im Mittelalter. Sogar Mensch-Ärgere-Dich-Nicht wird immer wieder neu erfunden. Andere Vorschläge funktionieren einfach nicht. Erst wenn auch die Testrunden erfolgreich verlaufen, der Spielreiz stimmt und die Vermarktungschancen auch, bekommt der Autor einen Vertrag, der ihn mit drei bis fünf Prozent am Umsatz beteiligt. Für die Spiele von Andrea Meyer haben sich die Verlage bisher nicht interessiert - nicht familienkompatibel, zu schwierig, zu speziell, darum der Eigenverlag. Zwei Jahre hat sie an ad acta getüftelt von der Idee bis zum Endprodukt. "Man muss Spiele testen, immer wieder, mit Leuten, die einen Scheiß-Arbeitstag hatten, die verliebt sind oder so", sagt sie. Auch Extrem-Strategien, die Grenzfälle, müssen ausgelotet werden. Was passiert, wenn jemand statt Akten zu bearbeiten alle Aktionspunkte inklusive der Traubenzucker-Reserven für die Überstunden nur ins Bleistiftspitzen investiert? Oder wenn jemand, was dumm wäre, statt der eigenen Akten nur die der Mitspieler bearbeitet? Funktioniert das Spiel dann noch? Nach allem Getüftel und Geteste beginnt für das Ein-Frau-Unternehmen die eigentliche Arbeit: Spielpläne entwerfen, Spielsteine und Karten bestellen und Kartons falten, 40 Büroklammern abwiegen. In ein paar Tagen wird es vollbracht sein. Sie wird das Spiel öffentlich vorstellen in der Saarländischen Landesvertretung, Kollegen und Freunde werden da sein, sie wird dem Grafiker danken und ihrer Freundin - dafür, dass sie hinnimmt, dass 200 Spiele den Flur der gemeinsamen Wohnung verstellen. Und während die Gäste ad acta spielen, wird sie in Gedanken schon in Essen sein. An diesem Wochenende findet dort die Spiele-Messe "Spiel02" statt. Über 100.000 Besucher werden erwartet. Für viele Kleinverlage ist das die beste Chance, ihre Spiele zu bewerben und etliche zu verkaufen. Etliche heißt zwischen 150 und 200 Stück.

"Die Regeln hab ich langsam drauf. Inzwischen bin ich auch ganz gut im Erklären", sagt Meyer zu einem Herrn im Karo-Jackett, der neugierig den Spielplan studiert. "Das glaube ich", sagt Jochen Corts. Er ist Fach-Journalist, Mitglied der Jury "Spiel des Jahres" und Förderer "kleiner" Spiele. Corts lauscht geduldig, nickt wissend und sagt dann: "Ich habe leider zu wenig Zeit mitgebracht, um das Spiel anzuspielen." Sie: "Schade." Er: "Wieder im Eigenverlag?" Sie: "Immer Eigenverlag" Er: "Naja, das wär´ doch was als Werbegeschenk für Behörden. 50 Jahre BfA oder so." Sie: "Mal sehen." Werbegeschenk? Das klingt nicht unbedingt nach heißer Anwartschaft auf den Titel "Spiel des Jahres". Aber das ist Andrea Meyer egal. Aus ihrem Hobby ist zwar fast ein Beruf geworden, aber bitte, es ist doch nur ein Spiel.

www.s-a-z.de - Spiele-Autoren-Zunft

www.bewitched-spiele.de - Andrea Meyers Kleinverlag

Internationale Spieltage Spiel02 in der Messe Essen vom 17. bis 20. Oktober.

00:00 18.10.2002

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