Die Macht der Minderheit

Sozialpsychologie Der Rebell als Stütze der Gesellschaft: Früher dachte man, Menschen sind Herdentiere. Doch um Neues zu erschaffen, braucht es Außenseiter

Sie sagen nicht, was alle sagen und sie tun nicht, was alle tun: Nonkonformisten. „Ex centro“ stehen sie, außerhalb der Mitte. Von dort wehren sie sich gegen das, was der Philosoph Alexis de Tocqueville einst die „Tyrannei der Mehrheit“ nannte. „Ohne Menschen, die Minderheitenpositionen vertreten, kann sich eine Gesellschaft schwerlich verändern. Sie bleibt statisch, träge, immobil‘‘, sagt der Sozial- und Wirtschaftspsychologe Klaus Jonas von der Universität Zürich.

Die Mitglieder der Charta 77, die für mehr Demokratie in Osteuropa eintraten, waren Nonkonformisten. Ebenso wie die Montagsdemonstranten in Leipzig oder wie die US-Amerikanerin Rosa Parks, die am 1. Dezember 1955 in einen Bus einstieg und ihren Sitzplatz nicht für einen Weißen freimachte. Ihre Weigerung war der Anfang vom Ende der Rassentrennung.

Abweichler und Querdenkern müssen ihre Positionen oft wiederholen und beharrlich daran festhalten. Nur so können sie etwas bewirken. „Minderheiten müssen geschlossen auftreten und den Eindruck vermitteln, dass sie von ihrer Sache überzeugt sind‘‘, sagt Jonas. Gleichzeitig dürften sie jedoch nicht rigide erscheinen. „Das ist das Kunststück, das Menschen mit Minderheitenansichten vollbringen müssen, wenn sie denn erfolgreich sein wollen.“

Ein Blick in die Geschichte zeigt: Manch einer stand zunächst am Rand der Gesellschaft – und eroberte mit seinen Ideen doch irgendwann die Mitte für sich. Da ist der Jesuit Friedrich Spee von Langenfeld, der sich 1631 gegen die Mehrheit stemmt und die Hexenverbrennung verurteilt; da ist der Quäker William Lloyd Garrison, der sich 1831 dem Zeitgeist widersetzt und die Sklaverei als größte Verhöhnung des Menschen geißelt.

Müssen nur wollen

Und da ist der Jurist Karl Heinrich Ulrichs, der sich 1867 öffentlich als „Urning“ bezeichnet. Das seien Menschen, die gleichgeschlechtliche Liebe praktizierten, so Ulrichs. Er forderte etwas ein, was erst im Jahr 2000 gesetzlich verankert wurde – rechtlichen Schutz für eheähnliche Gemeinschaften von Homosexuellen. So lange hat es gedauert, bis Ulrichs mutige Äußerungen mehrheitsfähig waren.

Lange Zeit interessierten sich Psychologen nicht für Menschen wie Ulrichs. Abweichler, Außenseiter und Neinsager hielten sie für Übergangswesen, deren Nonkonformismus sich früher oder später in Konformismus verwandelt. Aus Angst vor sozialen Sanktionen, so mutmaßten Forscher, geben Menschen jene Meinungen irgendwann auf, die sich als nicht konsensfähig erweisen. „Konformität“ und Gruppendruck waren die dominierenden ­Themen der Forschung‘‘, sagt der Sozialpsychologe Hans-Peter Erb von der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg. Das habe sich geändert. Die Frage werde nun anders herum gestellt: Warum beugen sich manche Menschen nicht der Mehrheit und was macht Minderheitenmeinungen irgendwann salonfähig?

„Die Wissenschaft überschätzte die Macht der Mehrheit und hielt die Menschen für konformistischer als sie sind‘‘, sagt Jonas. „Dieses Konformitätsparadigma spiegelte den Zeitgeist wider. Damals wollten sich Psychologen den Erfolg von kommunistischen und faschistischen Diktaturen erklären. Wären aber alle Menschen Konformisten, dann gäbe es keinen politischen, künstlerischen und sozialen Wandel.“

Alles Bemühen der psychologischen Wissenschaft war auf die Frage gerichtet, warum sich Menschen der Mehrheit anpassen und sich opportunistisch verhalten. Dass Menschen aufbegehren, den Advocatus Diaboli spielen oder sich gegen die Mehrheit profilieren wollen, tauchte in den gedanklichen Planspielen der Psychologie nicht auf.

Ein Hauptgrund für diese Sicht: Das Wahrnehmungsexperiment des Psychologen Salomon Asch aus dem Jahr 1951, das seither etliche Male bestätigt werden konnte. Ash forderte seine Probanden auf, den längsten von drei Stäben zu identifizieren. Eigentlich eine denkbar einfach Aufgabe. Doch es zeigte sich: Wenn viele Menschen geschlossen den falschen Stab wählen, dann passt sich ein Einzelner diesem Urteil an. Welchen Stab wir für lang oder kurz halten, richtet sich danach, was andere sagen. Wir nehmen die Dinge buchstäblich so wahr wie es das Gros der Menschen von uns erwartet.

„Dieses Experiment bildete eine der Grundlagen für die psychologische Annahme, wonach Gruppen sozialen Druck auf Einzelne ausüben und damit in der Regel erfolgreich sind‘‘, sagt Jonas. „Dennoch darf man es nicht überinterpretieren.“ Es sagt nichts darüber aus, wie Menschen in echten sozialen Netzen diskutieren und wie sich Mehrheit und Minderheit wechselseitig beeinflussen, wenn es um ein politisches, soziales oder alltägliches Thema geht.

„Auch bei Asch gab es immer eine paar wenige Personen, die sich nicht der Mehrheitsmeinung anschlossen“, sagt der Sozialpsychologe Andreas Mojzisch von der Universität Göttingen. „Möglicherweise ist es diese numerisch kleine Zahl an Nonkonformisten, die ausreicht, um gesellschaftliche Änderungen anzustoßen.“

Nonkonformisten tun gut daran, sich erst einmal einen Kredit zu verdienen, etwa indem sie sich als verlässlicher Partner der Mehrheit beweisen. Menschen mit Minderheitenpositionen entfalten am ehesten Macht und Einfluss, wenn sie aus der Mehrheit hervor gehen. Wer sich von Anfang an am Rand aufhält, der hat es sehr schwer‘‘, sagt Jonas. Am einflussreichsten sind jene Menschen, die zwar fester Bestandteil einer Gruppe sind, sich dann aber von dieser Gruppe inhaltlich absetzen – so wie beispielsweise Oskar Lafontaine. Der Weg von der Mitte an den Rand ist zwar einfacher als der Weg vom Rand in die Mitte. Nachhaltiger ist er nicht unbedingt. So standen die Mitglieder der Grünen früher am Rand – ehe sie von der Mitte vereinnahmt wurden. Ihre Ideen sind mehrheitsfähig geworden und entfalten Kraft und Wirkung.

Nach den Erkenntnissen des Sozialpsychologen William D. Crano von der Claremont Graduate University begegnet die Mehrheit einer Minderheit milde und nachsichtig – zumindest in liberalen Gesellschaftssystemen. Solange sich die große Masse nicht bedroht fühlt, setzt sie sich stressfrei mit den Meinungen von Minderheitengruppierungen auseinander. Wiederholen die Meinungsabweichler ihre Ansichten beharrlich, dann beginnt die Mehrheit, sich damit zu beschäftigen, spielerisch, ohne Gewähr.

Zwischen Mehrheit und Minderheit gibt es eine unausgesprochene Übereinkunft, so Crano: Die Mehrheit erlaubt der Minderheit, ihre Meinungen überall kundzutun. Im Gegenzug verzichtet die Minderheit auf direkten Einfluss. Sie gleicht damit einem Politiker, der in Sonntagsreden alles erzählen darf, was er will – so er denn vor jeder Rede versichert, nichts davon umsetzen zu wollen.

Gekommen um zu bleiben

„Der Einfluss der Minderheit ist subtiler als jener der Mehrheit. Er entfaltet sich erst auf lange Sicht und ist deshalb schwerer messbar‘‘, sagt Jonas. Wirbt eine Minderheit etwa dafür, die Qualität des Trinkwassers stärker zu kontrollieren, weil schlechtes Wasser die Gesundheit von Kindern gefährdet, bedeutet das noch lange nicht, dass die Mehrheit diese Position übernimmt. Womöglich bleibt deren generelle Einstellung zum Thema Wasserqualität gleich. Dennoch lässt sich nachweisen, dass viele Menschen aufgrund solcher Meinungsäußerungen in der Folge bei verwandten Themen ihre Ansichten ändern, zum Beispiel, wenn es um Luftverschmutzung geht. Die Mehrheit kopiert also nicht den Inhalt als solchen („Schmutzwasser schadet unseren Kindern“), sondern die Essenz einer konkreten Forderung („verdreckte Umwelt macht krank“). Die Minderheit ist einflussreich, wenn auch nicht genau auf dem Gebiet, auf dem sie einflussreich sein möchte.

„Unsere experimentellen Befunde belegen, dass sich die Vertreter der Mehrheitsmeinung eher auf die Argumente von Minderheiten einlassen als umgekehrt“, sagt der Sozialpsychologe Andreas Mojzisch von der Universität Göttingen. Das deckt sich zum Teil mit Befunden der Sozialpsychologin Charlan Jeanne Nemeth von der University of California in Berkeley. Sie fand heraus, dass Menschen kreativer denken, wenn man sie mit Positionen konfrontiert, die sie erst einmal nicht teilen. „Die Mehrheit profitiert von der Minderheit“, sagt Mojzisch. Meinungskonforme Gruppen seien weniger erfolgreich als heterogene Gruppen. Zwar lässt sich Heterogenität künstlich herbeiführen, etwa indem man einen Advocatus Diaboli benennt, der den Gruppenfrieden stört. Doch das trägt nicht unbedingt zu einer besseren Entscheidungsqualität in der Gruppe bei, so Mojzisch. Echter Dissens ist besser als gespielter.

Mojzisch und seine Kollegen arbeiten mit so genannten Hidden Profiles. Dabei handelt es sich um wirklichkeitsnahe Problemstellungen, die im Team gelöst werden müssen. Beispielsweise haben drei Gruppenmitglieder zu entscheiden, welcher von vier Piloten eingestellt werden soll. Sie werden ganz unterschiedlich „gebrieft“, so dass jeder einen anderen Piloten für den Fähigsten halten muss. Obwohl Dissens herrscht, findet die Gruppe überraschend häufig die perfekte Lösung. „Weit häufiger zumindest als bei jene Gruppen, die von Anfang in ihrer Pilotenpräferenz übereinstimmten.“

Die mögliche Ursache: Eine Gruppe, die aus lauter Konformisten besteht, denkt: Wenn wir alle einer Meinung sind, dann wird unsere Entscheidung schon richtig sein. „Außerdem diskutieren sie weniger und tauschen nur jene Informationen aus, über die ohnehin alle Mitglieder der Gruppe verfügen“, so Mojzisch. Gäbe es nur Konformisten auf dieser Welt, dann würde lediglich jenes Wissen geteilt, das gar nicht geteilt werden muss, weil es bereits allen gehört.

Endlich ein Grund zur Panik

Doch zum Glück sind nicht alle Menschen Konformisten – manch einer segelt sogar gerne mal gegen den Wind. Psychologen sind mittlerweile überzeugt, dass Menschen ein natürliches Bedürfnis nach Einzigartigkeit haben und sich von anderen unterscheiden wollen. Mit der so genannten Uniqueness Scale messen sie, wie stark Menschen dazu tendieren, sich von anderen abheben zu wollen. In dem Test tauchen Fragen auf wie „Verteidigen Sie ihre eigene Meinung entschieden?“ oder „Scheren sie sich manchmal nicht darum, was andere über Sie denken?“. Befragungen mit diese „Einzigartigkeitsskala“ zeigen: Es gibt Menschen, die besonders stark danach streben, anders sein zu wollen. Für diese Andersdenkenden sind Meinung und Lebensstil von Minderheiten per se attraktiv.

„Risikofreudige Menschen sind eher bereit, Minderheitenpositionen zu vertreten‘‘, sagt Erb. Sie würden die Argumente der Minderheit instinktiv bevorzugen, selbst dann, wenn die Minderheit nichts anderes sagt als die Mehrheit. „Niemand möchte als graue Maus angesehen werden, deren Ansichten vollkommen massen- und mehrheitskompatibel sind‘‘, so Erb. Lässt man Probanden etwa einen Pseudo-Persönlichkeitsfragebogen ausfüllen und sagt ihnen danach: „Eure Werte sind alle im Normalbereich, durchschnittlich eben“, dann fühlen sich diese Versuchspersonen als Individuen herabgewürdigt und setzen in nachfolgenden Gesprächsrunden alles daran, das Image des Otto Normalverbrauchers loszuwerden.

Die meisten von uns wollen paradoxerweise beides sein – Abweichler und Mitläufer. Sie wollen sich absetzen von anderen, ohne ausgegrenzt zu sein. Das ist das Ideal der meisten Menschen. Die Psychologin Marilynn Brewer von der Ohio State University vermutete bereits vor einigen Jahren: Menschen, die in der Masse unterzugehen drohen, stellen sich als extravagant oder nonkonform dar; Menschen hingegen, die bereits aus der Masse herausstechen, verhalten sich eher angepasst und bieder. Brewers Annahme ließ sich beispielsweise durch ein Experiment untermauern, in dem Probanden gebeten wurden, sich entweder grau und uniform anzuziehen oder bunt und ausgeflippt. Als dann beide Seiten miteinander diskutierten, kamen die extremen Ansichten eher von den unauffällig Gekleideten als von den Paradiesvögeln.

Solche Studien legen tatsächlich den Schluss nahe: Menschen suchen den Mittelweg. Vollkommene Konformität ist ihnen ebenso unangenehm wie totale Opposition.

05:00 12.11.2009

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