Die Macht der Musik

Gratwanderung Solomon Wolkow beschreibt am Beispiel des Komponisten Dmitri Schostakowitsch die Beziehung von Macht und Kunst im Stalinismus

Am 26. Januar 1936 besucht ein prominenter Musikliebhaber in Moskau eine Aufführung der Oper Lady Macbeth von Mzensk des jungen Komponisten Dmitri Schostakowitsch, der mit diesem Musikdrama über Liebe, Eifersucht und Mord seit einiger Zeit bei Kritik und Publikum Erfolge feiert. Die Musiker geben ihr Bestes, doch aus der Regierungsloge erklingt kein Applaus. Nach der Vorstellung ist Schostakowitsch bedrückt. Seine Oper hatte dem mächtigsten Mann im Staate nicht gefallen.

Zwei Tage später diffamiert ein Artikel in der Parteizeitung Prawda Schostakowitschs Oper als "Chaos statt Musik". Der nicht signierte Artikel steht für die neue Parteilinie im Kampf gegen Formalismus und Naturalismus in der Kunst. Er endet mit der unverhohlenen Drohung an den Komponisten: "Dies ist ein Spiel mit Überspanntheiten, das übel ausgehen kann." Da seit Lenins Tod nur einer die Parteilinie vorgab, war allen klar, wer für den Artikel, der traurige Berühmtheit erlangte, verantwortlich zeichnete: Der "geniale Führer und Lehrer" des Sowjetvolkes, Jossif Stalin. Ebenso klar war die Gefährlichkeit der Situation für Schostakowitsch nach der offenen Warnung an ihn.

Der Große Terror des stalinistischen Regimes steuerte in jener Zeit auf seinen Höhepunkt zu. Nach der Ermordung des Leningrader Parteichefs Sergej Kirow im Dezember 1934 war die Parteiführung von einer Säuberungswelle erfasst worden. Im Sommer 1936 wird der erste der berüchtigten Moskauer Schauprozesse die Weltöffentlichkeit erschüttern lassen. Die seit dem Ende der zwanziger Jahre erbarmungslos geführte Kulturrevolution hat bereits zahlreiche prominente Opfer gefordert. Am 14. März 1930 hatte der führende Vertreter der Avantgarde der kommunistischen Kultur, Wladimir Majakowski, seinem Leben ein Ende gesetzt.

Im April 1932 wurden nach einem Erlaß des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei alle künstlerischen Gruppierungen aufgelöst. Zwei Jahre später wurde auf der "historischen" Versammlung des Schriftstellerverbandes der Sozialistische Realismus zur einzigen Methode der sowjetischen Kunst erklärt, dessen wichtigstes Prinzip die Aufklärung der Massen im Sinne des Kommunismus und der Verständlichkeit der Kunst ist. Die Kunst in der Sowjetunion ist fortan gleichgeschaltet. Bald wird man von einer Generation der "vergeudeten Dichter" sprechen, die, von den Machthabern nicht mehr "benötigt", in äußere und innere Emigration oder gar in den Tod getrieben wurde. Erschossen, von eigener oder fremder Hand, erbärmlich verhungert, elendig verreckt. Schostakowitsch jedoch hatte Glück. Es gefiel Stalin, ihn zu verschonen.

Der Musikwissenschaftler Solomon Wolkow erzählt in seinem Buch Stalin und Schostakowitsch. Der Diktator und der Künstler von Leben und künstlerischem Werdegang Schostakowitschs, der wie kaum ein anderer zeitgenössischer Komponist bis heute polarisiert. Den einen gilt der mehrfach mit dem Stalinpreis ausgezeichnete Komponist als "Sowjetrußlands vielleicht loyalster musikalischer Sohn", die anderen sehen in ihm, der zwei Mal, 1936 und 1948, Opfer staatlicher Hetzkampagnen wurde, einen lebenslangen Feind des Regimes, der in seinen Werken so etwas wie eine antikommunistische Programmmusik geschaffen habe. Die Wahrheit liegt, wie so oft, vermutlich in der Mitte.

Wolkow gilt als einer der besten Kenner der Biographie des Komponisten. 1979 fand er nach seiner Emigration aus der Sowjetunion als Herausgeber der Memoiren des 1975 verstorbenen Dmitri Schostakowitsch international Beachtung. In der Sowjetunion als Fälschung denunziert, wurde die von Wolkow aufgezeichnete Autobiographie des Tondichters zum Welterfolg, und die Authentizität der "Zeugenaussage" Schostakowitschs gilt mittlerweile allgemein als gesichert. Allein Irina Schostakowitsch, die dritte Ehefrau des Komponisten, wirft Wolkow bis heute vor, er habe das von Schostakowitsch "nicht autorisierte Material" in "betrügerischer Absicht" publiziert.

Wolkow hat mit seinem Buch keine Biographie im eigentlichen Sinne vorgelegt, sondern ein Gleichnis über die Beziehung von Macht und Kunst. Am künstlerischen Werdegang Schostakowitschs schildert er exemplarisch die Situation der künstlerischen Intelligenzija während der stalinistischen Unzeit. In zahlreichen Exkursen illustriert er die Schicksale von Schostakowitschs Kollegen in Kunst und Literatur und zeichnet so ein eindrucksvolles Bild der Lebensumstände Kulturschaffender in jenen erbarmungslosen Jahren.

Die politische und kulturelle Wirklichkeit der Stalinära stellt Wolkow in eine lange russische Tradition von Versuchen der Vereinnahmung der Kunst durch eine repressive Staatsmacht. Am Modell der schicksalhaften Verbindung Alexander Puschkins, des genialen Dichters mit dem Nimbus des Rebellen, und seinem persönlichen Zensor, Zar Nikolaus I., entwickelt der Autor seine Interpretation des Verhältnisses von Autokrat und Künstler der Stalinzeit. Ein überzeugender Ansatz, bisweilen jedoch wirkt er etwas überstrapaziert. Eine bewußte Orientierung von Stalins Verhalten an jenem von Nikolaus I., wie sie der Autor nahelegt, mutet doch eher fragwürdig an.

Wie schon in den von ihm publizierten Memoiren des Komponisten stellt Wolkow auch hier, nun allerdings modifiziert am Modell aus Puschkins und Mussorgskis Boris Godunow, Schostakowitschs Haltung gegenüber dem Despoten anhand des Rollenmodells des Gottesnarren dar (russisch: Jurodiwy), dar. Der Jurodiwy gilt in der geistigen Tradition Rußlands als personifiziertes Volksgewissen, der es wagen kann, dem Despoten gefährliche Wahrheiten zu sagen, aufgrund seiner Stellung und Geisteshaltung aber von Bestrafung verschont bleibt. Dieses Rollenmodell, in dem Stalin den Part des Zaren mit "Shakespear´schen oder Puschkin´ schen Vergnügen" spielte, und wie "der Poet und der Zar der neuen Epoche in ihre Rollen hineinwuchsen und sie dann zu leben begannen" macht Wolkow zum Thema des Buches. Doch auch für diese Interpretation des Autors gilt: Ein interessanter Ansatz, der jedoch etwas zu sehr bemüht wird. Daß Schostakowitsch die Rolle des Jurodiwy als Lebensmodell bewußt wählte, dafür führt Wolkow keine Belege an.

Überhaupt wirkt die Darstellung Wolkows mitunter recht eindimensional. So waren bei weitem nicht alle Vertreter der liberalen russischen Intelligenzija Anhänger der sozialkritischen Bewegung in Kunst und Literatur. Auch im Rußland der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelte sich im europäischen Kontext des Fin de siècle eine russische Moderne im Geiste der Décadence und des Ästhetizismus à la Oscar Wilde. Die meisten Anhänger dieser Gruppierung belächelten die Werke eines Maxim Gorki, was aber nicht zugleich ihre politische Rückständigkeit bedeutete. Die Februarrevolution des Jahres 1917 und die Einsetzung einer bürgerlichen Regierung wurden von der fortschrittlichen russischen Intelligenzija durchaus begrüßt, verstand man doch, daß der Zarismus abgewirtschaftet hatte. Der Oktobercoup mit dem Sturz der Provisorischen Regierung durch die Bolschewiki hingegen wurde von vielen hellsichtig als der Untergang Rußlands verstanden, in den die selbst ernannten neuen Machthaber das Land führen sollten. Auf diese Auseinandersetzung zwischen bürgerlichem und vermeintlich revolutionärem Lager geht Wolkow kaum ein, obwohl nur so das Bild der russischen Intelligenzija jener Zeit vollständig ist.

Trotz allem hat Wolkow einen spannend erzählten Lebensroman des Dmitri Schostakowitsch und seiner Zeit vorgelegt, der facettenreich das politische und kulturelle Leben jener Jahre beleuchtet. Die Übersetzung liest sich insgesamt trotz einiger sprachlicher Schnitzer gefällig. Zuweilen war das Lektorat offensichtlich bei der Übersetzung und Transkription der zitierten russischsprachigen Titel etwas überfordert, wie es leider allzu oft bei Büchern zu russischen Themen der Fall ist, die aus anderen Sprachen als dem Russischen übersetzt werden. Auch für einen einheitlichen Plural für "Bolschewiki" neben dem eher abfälligen "Bolschewiken" konnte man sich nicht entscheiden.

Bei aller Kritik liest man das Buch gleichwohl mit Gewinn. Am Lebensweg Schostakowitschs wird deutlich, wie schmal der Grat war, auf dem die Künstlergeneration der Stalinzeit in ihren Werken zwischen Aufbegehren und erzwungener Huldigung ging. Dem Komponisten gelang dieser Balanceakt. Eine Strategie für das Überleben jedoch gab es nicht, wie die Schicksale zahlreicher Künstlerkollegen zeigen. Zu unberechenbar waren die Methoden der staatlichen Unterdrückung. Ein weiteres Mal wird bei der Lektüre klar, daß eine eindeutige Auslegung der Lebensschicksale einer Künstlergeneration in Zeiten der Diktatur - Verteufelung zum Mitläufer oder Stilisierung zum Regimegegner - meist zu kurz greift.

Solomon Wolkow: Stalin und Schostakowitsch. Der Diktator und der Künstler. Aus dem Amerikanischen von Klaus-Dieter Schmidt. Propyläen, Berlin 2004, 461 S., 29 EUR


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 26.11.2004

Ausgabe 39/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 1