Die Macht des Bestehenden

Pay Gap Eine Studie zeigt, dass viele Menschen eine schlechtere Bezahlung für Frauen akzeptieren
Die Macht des Bestehenden
Diese Frau protestierte bereits in den 1970ern in Cincinnati, Ohio, für gleiche Entlohnung
Foto: AFP/Getty Images

Ab dem 18. März werden auch Frauen in Deutschland bezahlt. Zumindest wenn man die Einkommenskluft zwischen den Geschlechtern in Arbeitstage umrechnet, gehen Frauen bis zu diesem Datum mit ihrer Arbeit in diesem Jahr leer aus – deswegen haben Aktivistinnen und Aktivisten es als Equal Pay Day rot im Kalender markiert.

Rund ein Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen Frauen und es gibt viele Gründe, die den Rückstand erklären – in den Augen mancher sogar rechtfertigen. Frauen entscheiden sich für andere Ausbildungsberufe und Studiengänge als Männer, arbeiten in schlechter bezahlten Jobs und Branchen, nehmen seltener Führungspositionen ein und setzen häufiger für die Familie aus. Eine neue Studie lenkt nun den Blick auf einen Grund für den Einkommensrückstand der Frauen, der bislang eher selten genannt wird: Könnte es sein, dass wir die Lohnkluft sogar als gerecht empfinden?

Es ist ein provozierender Befund, den die Münchner Soziologin Katrin Auspurg und ihre Kollegen Thomas Hinz und Carsten Sauer kürzlich im renommierten American Sociological Review publizierten: Muss man nicht bei den Strukturen ansetzen, sondern bei den Gedanken? Sind wir uns gar nicht so einig bei dem Übel, wie wir meinten? Ist Diskriminierung womöglich erwünscht?

In der Öffentlichkeit verpönt

Auf den ersten Blick scheint wenig dafür zu sprechen. Eine ZDF-Reporterin erntete viel Sympathie, als sie kürzlich ihren Arbeitgeber verklagte, weil der ihr weniger zahlte als den männlichen Kollegen. Und ein rechter Hinterbänkler im Europaparlament sorgte für große Empörung, als er sich im Plenum zu der These verstieg, Frauen verdienten deswegen weniger, weil sie dümmer seien. Es gibt ihn daher noch, den platten Sexismus. Aber irgendwie scheint die Gesellschaft doch zu aufgeklärt, um sich mit voller Selbstverständlichkeit zur Frauendiskriminierung zu bekennen.

Das legt auf den ersten Blick auch die Studie von Auspurg und ihren Kollegen nahe: 94,5 Prozent der Befragten sind demnach der Auffassung, dass das Geschlecht für die Bezahlung keine Rolle spielen sollte. Misogynie auf dem Arbeitsmarkt hat nicht viele Fürsprecher, zumindest wenige bekennende. Um den subtilen Einstellungen auf die Spur zu kommen, nutzen die Forscher daher einen Trick. Sie legten den Probanden Fallschilderungen vor und baten sie um eine Bewertung. Zum Beispiel: Eine 50-jährige Frau, zwei Kinder, ohne Ausbildungsabschluss, aber mit viel Berufserfahrung, arbeitet seit vielen Jahren in einem Betrieb als Büroangestellte. Dafür bekommt sie 1.200 Euro brutto im Monat. Ist dieses Einkommen eher gerecht oder eher ungerecht?

240 Beispiele dieser Art entwarfen die Forscher. Mal konnten die fiktiven Beschäftigten viel, mal wenig Berufserfahrung vorweisen. Mal hatten sie einen hohen Ausbildungsabschluss, mal gar keinen. Mal waren sie älter, mal jünger. Mal leisteten sie viel, mal wenig im Beruf. Und vor allem: Mal waren es Männer, mal Frauen. Am Ende hatten rund 1.600 Befragte mehr als 26.000 Bewertungen abgegeben – eine riesige Datenmenge, aus der die Forscher statistisch herausdestillieren konnten, ob Frauen und Männer in den Augen der Befragten wirklich gleich verdienen sollten.

Und siehe: Das Ergebnis wich deutlich von den vollmundigen Bekundungen ab, wonach das Geschlecht keine Rolle spielen sollte. Die Gehälter, die für Frauen als gerecht angesehen wurden, lagen acht Prozent unter den Männerlöhnen.

Wie kommt es, dass fast alle sich zur Geschlechtergleichheit bekennen und dennoch Frauen schlechter bezahlen würden? Vielleicht versucht mancher, seine wahre Haltung zu verbergen, wenn man ihn direkt fragt. Für einen großen Teil der Befragten dürfte aber gelten, dass sie ihren Zwiespalt gar nicht erahnen. Sie sind aufrichtig davon überzeugt, dass Männer und Frauen für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommen sollten. Manchmal lässt die Soziologin Auspurg Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Seminare ähnliche Fallbeispiele bewerten wie in der Studie – und beobachtet hinterher oft, wie überrascht sie auf die Ergebnisse reagieren. „Wir vermuten, dass sich viele Menschen gar nicht bewusst sind, dass sie zu ungleichen Bewertungen neigen.“ Oder anders gesagt: In Gerechtigkeitsfragen denken wir oft nicht so, wie wir denken, dass wir denken.

Aber woran liegt es, dass ein gerechtes Gehalt für Frauen so deutlich von einem für Männer abweicht? Eine mögliche Erklärung: Es liegt an den Vergleichsgruppen, in denen sich die Geschlechter bewegen und die ihre Vorstellung einer angemessenen Bezahlung prägen. Wenn Frauen häufig in Niedriglohnbranchen arbeiten und dort vor allem mit schlecht verdienenden Kolleginnen zu tun haben, verschiebt sich ihr Maßstab, mit dem sie Gehälter beurteilen. Männer in Hochlohnberufen, die vor allem mit männlichen Kollegen zu tun haben, halten aus ihren Erfahrungen heraus womöglich eher höhere Löhne für gerecht.

Allerdings stellten Auspurg und ihre Kollegen fest, dass diese Erklärung nicht so recht taugt. Wäre dem so, müssten die schlechter verdienenden Frauen auch für männliche Kollegen niedrige Gehälter als gerecht empfinden.

Statistische Diskriminierung

Eine andere Erklärung lautet: Mit dem Frausein assoziieren die Befragten unbewusst eine geringere Leistungsfähigkeit im Job. Frauen nehmen häufiger Familienauszeiten, bleiben öfter als ihre männlichen Kollegen zu Hause, wenn das Kind krank ist – aus der Sicht eines Chefs mag es daher rational wirken, wenn er sie deswegen schlechter bezahlt. In der kühlen Sprache der Ökonomen wird diese Überlegung als statistische Diskriminierung bezeichnet.

Aber auch sie kann nicht erklären, warum geringere Löhne für Frauen von vielen als gerecht empfunden werden. Die Befragten unterstützten selbst dann noch einen Lohnabschlag fürs Geschlecht, wenn die Forscher ihnen mehr Informationen über die Arbeitsleistung der fiktiven Beispielpersonen vorlegten. Beim Alter war das übrigens anders: Je mehr Informationen die Befragten bekamen, desto unwichtiger wurde ihnen das Alter als Richtwert.

Offenbar knüpfen sich an das Merkmal Geschlecht selbst Vorstellungen, die eine niedrige Bezahlung rechtfertigen, die sich nicht so einfach auflösen lassen und die weithin geteilt werden. Aber warum?

Wahrscheinlich, vermutet Auspurg, spiegeln die Gerechtigkeitsvorstellungen die Ungleichheit wider, die in der Gesellschaft herrscht: Wir wissen, dass Frauen oft schlechter bezahlt werden. Wir sehen, dass die Toppositionen in der Wirtschaft von Männern eingenommen werden. Aus all diesen Eindrücken fügt sich ein Bild, wonach Frauen auf dem Arbeitsmarkt wohl tatsächlich weniger wert sein müssen. Aus dem was ist, wird so auch das, was sein soll.

„Wir schließen nicht nur von der Kompetenz und Leistung auf die Bezahlung, die wir für angemessen halten“, sagt Auspurg. „Oft ist es umgekehrt: Aus der Bezahlung schließen wir auf die Kompetenz.“ Sie verdeutlicht es an einem Beispiel: Angenommen, ein Arzt verdient mit seiner Praxis doppelt so viel wie der andere. Zu welchem würde man gehen? Ähnliche Beobachtungen machen Sozialforscher immer wieder.

Natürlich ist die Henne-Ei-Frage nicht abschließend zu klären: Wie weit prägt die Wirklichkeit die Vorstellung davon, was wir für gerecht halten? Wie weit orientieren sich die Verhältnisse an dem, was eine Gesellschaft fair findet? Und welches Rezept hilft, um der Ungleichheit zu begegnen?

Einem Mittel kann Forscherin Auspurg allerdings wenig abgewinnen: der Idee, durch mehr Transparenz den Geschlechterunterschied einzudämmen. Das versucht Familienministerin Manuela Schwesig: Beschäftigte in Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern sollen künftig Auskunft darüber erhalten können, wo ihr Gehalt im Vergleich zu Kollegen liegt. Kritiker bemängeln, dass das Gesetz ohnehin nicht viel bringt, weil es für einen Großteil der Arbeitnehmer von vornherein nicht gilt. Aus Auspurgs Sicht könnte es sogar kontraproduktiv sein: Wird ein großer Lohnunterschied offenkundig, könnte das eine ungünstige Vorlage für Fairnessideen liefern.

Stattdessen schlagen die Autoren der Studie vor, Frauen in Vorbildfunktionen zu fördern – als Signal, dass Spitzenverdiener nicht nur Männer sein müssen. Frauenquote statt Auskunftsanspruch: Aus Sicht der Studie wäre dies das bessere Rezept.

Vielleicht deutet sich aber langsam auch eine Wende an. Legt man Studierenden die Fallbeispiele vor, finden sich kaum Unterschiede in den Bewertungen für Männer und Frauen. Die Jüngeren haben die Geschlechtergleichheit, die Ältere gern nur behaupten, längst verinnerlicht – das wäre die optimistische Lesart. Die pessimistische: Sie hatten einfach noch nicht genug Gelegenheit, ihre Ideale an der rauen Arbeitswelt zu erproben.

06:00 18.03.2017

Kommentare 52

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community