Bernd Kramer
Ausgabe 1117 | 18.03.2017 | 06:00 52

Die Macht des Bestehenden

Pay Gap Eine Studie zeigt, dass viele Menschen eine schlechtere Bezahlung für Frauen akzeptieren

Die Macht des Bestehenden

Diese Frau protestierte bereits in den 1970ern in Cincinnati, Ohio, für gleiche Entlohnung

Foto: AFP/Getty Images

Ab dem 18. März werden auch Frauen in Deutschland bezahlt. Zumindest wenn man die Einkommenskluft zwischen den Geschlechtern in Arbeitstage umrechnet, gehen Frauen bis zu diesem Datum mit ihrer Arbeit in diesem Jahr leer aus – deswegen haben Aktivistinnen und Aktivisten es als Equal Pay Day rot im Kalender markiert.

Rund ein Fünftel weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen Frauen und es gibt viele Gründe, die den Rückstand erklären – in den Augen mancher sogar rechtfertigen. Frauen entscheiden sich für andere Ausbildungsberufe und Studiengänge als Männer, arbeiten in schlechter bezahlten Jobs und Branchen, nehmen seltener Führungspositionen ein und setzen häufiger für die Familie aus. Eine neue Studie lenkt nun den Blick auf einen Grund für den Einkommensrückstand der Frauen, der bislang eher selten genannt wird: Könnte es sein, dass wir die Lohnkluft sogar als gerecht empfinden?

Es ist ein provozierender Befund, den die Münchner Soziologin Katrin Auspurg und ihre Kollegen Thomas Hinz und Carsten Sauer kürzlich im renommierten American Sociological Review publizierten: Muss man nicht bei den Strukturen ansetzen, sondern bei den Gedanken? Sind wir uns gar nicht so einig bei dem Übel, wie wir meinten? Ist Diskriminierung womöglich erwünscht?

In der Öffentlichkeit verpönt

Auf den ersten Blick scheint wenig dafür zu sprechen. Eine ZDF-Reporterin erntete viel Sympathie, als sie kürzlich ihren Arbeitgeber verklagte, weil der ihr weniger zahlte als den männlichen Kollegen. Und ein rechter Hinterbänkler im Europaparlament sorgte für große Empörung, als er sich im Plenum zu der These verstieg, Frauen verdienten deswegen weniger, weil sie dümmer seien. Es gibt ihn daher noch, den platten Sexismus. Aber irgendwie scheint die Gesellschaft doch zu aufgeklärt, um sich mit voller Selbstverständlichkeit zur Frauendiskriminierung zu bekennen.

Das legt auf den ersten Blick auch die Studie von Auspurg und ihren Kollegen nahe: 94,5 Prozent der Befragten sind demnach der Auffassung, dass das Geschlecht für die Bezahlung keine Rolle spielen sollte. Misogynie auf dem Arbeitsmarkt hat nicht viele Fürsprecher, zumindest wenige bekennende. Um den subtilen Einstellungen auf die Spur zu kommen, nutzen die Forscher daher einen Trick. Sie legten den Probanden Fallschilderungen vor und baten sie um eine Bewertung. Zum Beispiel: Eine 50-jährige Frau, zwei Kinder, ohne Ausbildungsabschluss, aber mit viel Berufserfahrung, arbeitet seit vielen Jahren in einem Betrieb als Büroangestellte. Dafür bekommt sie 1.200 Euro brutto im Monat. Ist dieses Einkommen eher gerecht oder eher ungerecht?

240 Beispiele dieser Art entwarfen die Forscher. Mal konnten die fiktiven Beschäftigten viel, mal wenig Berufserfahrung vorweisen. Mal hatten sie einen hohen Ausbildungsabschluss, mal gar keinen. Mal waren sie älter, mal jünger. Mal leisteten sie viel, mal wenig im Beruf. Und vor allem: Mal waren es Männer, mal Frauen. Am Ende hatten rund 1.600 Befragte mehr als 26.000 Bewertungen abgegeben – eine riesige Datenmenge, aus der die Forscher statistisch herausdestillieren konnten, ob Frauen und Männer in den Augen der Befragten wirklich gleich verdienen sollten.

Und siehe: Das Ergebnis wich deutlich von den vollmundigen Bekundungen ab, wonach das Geschlecht keine Rolle spielen sollte. Die Gehälter, die für Frauen als gerecht angesehen wurden, lagen acht Prozent unter den Männerlöhnen.

Wie kommt es, dass fast alle sich zur Geschlechtergleichheit bekennen und dennoch Frauen schlechter bezahlen würden? Vielleicht versucht mancher, seine wahre Haltung zu verbergen, wenn man ihn direkt fragt. Für einen großen Teil der Befragten dürfte aber gelten, dass sie ihren Zwiespalt gar nicht erahnen. Sie sind aufrichtig davon überzeugt, dass Männer und Frauen für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommen sollten. Manchmal lässt die Soziologin Auspurg Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihrer Seminare ähnliche Fallbeispiele bewerten wie in der Studie – und beobachtet hinterher oft, wie überrascht sie auf die Ergebnisse reagieren. „Wir vermuten, dass sich viele Menschen gar nicht bewusst sind, dass sie zu ungleichen Bewertungen neigen.“ Oder anders gesagt: In Gerechtigkeitsfragen denken wir oft nicht so, wie wir denken, dass wir denken.

Aber woran liegt es, dass ein gerechtes Gehalt für Frauen so deutlich von einem für Männer abweicht? Eine mögliche Erklärung: Es liegt an den Vergleichsgruppen, in denen sich die Geschlechter bewegen und die ihre Vorstellung einer angemessenen Bezahlung prägen. Wenn Frauen häufig in Niedriglohnbranchen arbeiten und dort vor allem mit schlecht verdienenden Kolleginnen zu tun haben, verschiebt sich ihr Maßstab, mit dem sie Gehälter beurteilen. Männer in Hochlohnberufen, die vor allem mit männlichen Kollegen zu tun haben, halten aus ihren Erfahrungen heraus womöglich eher höhere Löhne für gerecht.

Allerdings stellten Auspurg und ihre Kollegen fest, dass diese Erklärung nicht so recht taugt. Wäre dem so, müssten die schlechter verdienenden Frauen auch für männliche Kollegen niedrige Gehälter als gerecht empfinden.

Statistische Diskriminierung

Eine andere Erklärung lautet: Mit dem Frausein assoziieren die Befragten unbewusst eine geringere Leistungsfähigkeit im Job. Frauen nehmen häufiger Familienauszeiten, bleiben öfter als ihre männlichen Kollegen zu Hause, wenn das Kind krank ist – aus der Sicht eines Chefs mag es daher rational wirken, wenn er sie deswegen schlechter bezahlt. In der kühlen Sprache der Ökonomen wird diese Überlegung als statistische Diskriminierung bezeichnet.

Aber auch sie kann nicht erklären, warum geringere Löhne für Frauen von vielen als gerecht empfunden werden. Die Befragten unterstützten selbst dann noch einen Lohnabschlag fürs Geschlecht, wenn die Forscher ihnen mehr Informationen über die Arbeitsleistung der fiktiven Beispielpersonen vorlegten. Beim Alter war das übrigens anders: Je mehr Informationen die Befragten bekamen, desto unwichtiger wurde ihnen das Alter als Richtwert.

Offenbar knüpfen sich an das Merkmal Geschlecht selbst Vorstellungen, die eine niedrige Bezahlung rechtfertigen, die sich nicht so einfach auflösen lassen und die weithin geteilt werden. Aber warum?

Wahrscheinlich, vermutet Auspurg, spiegeln die Gerechtigkeitsvorstellungen die Ungleichheit wider, die in der Gesellschaft herrscht: Wir wissen, dass Frauen oft schlechter bezahlt werden. Wir sehen, dass die Toppositionen in der Wirtschaft von Männern eingenommen werden. Aus all diesen Eindrücken fügt sich ein Bild, wonach Frauen auf dem Arbeitsmarkt wohl tatsächlich weniger wert sein müssen. Aus dem was ist, wird so auch das, was sein soll.

„Wir schließen nicht nur von der Kompetenz und Leistung auf die Bezahlung, die wir für angemessen halten“, sagt Auspurg. „Oft ist es umgekehrt: Aus der Bezahlung schließen wir auf die Kompetenz.“ Sie verdeutlicht es an einem Beispiel: Angenommen, ein Arzt verdient mit seiner Praxis doppelt so viel wie der andere. Zu welchem würde man gehen? Ähnliche Beobachtungen machen Sozialforscher immer wieder.

Natürlich ist die Henne-Ei-Frage nicht abschließend zu klären: Wie weit prägt die Wirklichkeit die Vorstellung davon, was wir für gerecht halten? Wie weit orientieren sich die Verhältnisse an dem, was eine Gesellschaft fair findet? Und welches Rezept hilft, um der Ungleichheit zu begegnen?

Einem Mittel kann Forscherin Auspurg allerdings wenig abgewinnen: der Idee, durch mehr Transparenz den Geschlechterunterschied einzudämmen. Das versucht Familienministerin Manuela Schwesig: Beschäftigte in Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern sollen künftig Auskunft darüber erhalten können, wo ihr Gehalt im Vergleich zu Kollegen liegt. Kritiker bemängeln, dass das Gesetz ohnehin nicht viel bringt, weil es für einen Großteil der Arbeitnehmer von vornherein nicht gilt. Aus Auspurgs Sicht könnte es sogar kontraproduktiv sein: Wird ein großer Lohnunterschied offenkundig, könnte das eine ungünstige Vorlage für Fairnessideen liefern.

Stattdessen schlagen die Autoren der Studie vor, Frauen in Vorbildfunktionen zu fördern – als Signal, dass Spitzenverdiener nicht nur Männer sein müssen. Frauenquote statt Auskunftsanspruch: Aus Sicht der Studie wäre dies das bessere Rezept.

Vielleicht deutet sich aber langsam auch eine Wende an. Legt man Studierenden die Fallbeispiele vor, finden sich kaum Unterschiede in den Bewertungen für Männer und Frauen. Die Jüngeren haben die Geschlechtergleichheit, die Ältere gern nur behaupten, längst verinnerlicht – das wäre die optimistische Lesart. Die pessimistische: Sie hatten einfach noch nicht genug Gelegenheit, ihre Ideale an der rauen Arbeitswelt zu erproben.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/17.

Kommentare (52)

Grenzpunkt 0 18.03.2017 | 09:30

Herr Kramer, Sie sind ein Mann, der „Das komplizierte G-Wort“ nicht nur aussprechen, sondern auch kreativ interpretieren und in die richtigen Zusammenhänge stellen kann. Deshalb bitte ich Sie, sich auch für die beiden nachfolgend genannten Gruppen einzusetzen. Man kann hier nur von klarer Diskriminierung sprechen, die mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar ist.

1. Nicht nur Frauen sind gegenüber Männer benachteiligt, sondern auch Pflaumen gegenüber Gurken. Während letztere sich das ganze Jahr über in ihrer warmen Nährlösung suhlen dürfen, haben die Pflaumen mit allen Unbilden der Witterung zu kämpfen. Das führte in Teilen Siebenbürgens zu Missernten, die sich jetzt gefährlich auf das Angebot des beliebten Palinka auswirkt. Die Natur findet das sogar noch gerecht.

2. Der DFB hat vor kurzem die Gehälter aller Fußballspieler in Deutschland offen gelegt. Diese Statistik zeigt eine eindeutige Benachteiligung deutscher Fußballspier gegenüber ihren ausländischen Kameraden. Der durchschnittliche ausländische Spieler erhält das 20-fache. Ja, es gibt sogar viele deutsche Spieler (Amateure), die gar keinen Lohn für ihre Mühen auf dem Spielfeld erhalten. Deshalb unterstützen Sie bitte meine Forderung nach einem EqualPayDay für den Fußball. In diesem Jahr liegt er am 08. Dezember. Bis dahin sollte kein anständiger Mitbürger seinen Fuß in ein Stadion setzen. Die Spieler der „SF Lotte“ müssen endlich genauso viel verdienen, wie die Spieler von Borussia Dortmund!!!

<Ironie Ende>

Traue nur der Statistik, … die du selbst interpretieren kannst.

Ansonsten empfehle ich den sehenswerten Film „We Want Sex“, der zeigt, wie man es richtig macht, um gleichen Lohn zu erhalten. Und das ist keine Ironie.

Auch keine Ironie sind die heute in einem Artikel der Sächsischen Zeitung veröffentlichten Zahlen. In Baden-Württemberg verdienen Männer durchschnittlich 799 € mehr als Frauen. In den Bundesländern Sachsen-Anhalt, Mecklenburg und Brandenburg verdienen Frauen mehr als Männer (24 €, 28 €, 116 €). Also, liebe Frauen, auf in den Osten.

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Ehemaliger Nutzer 18.03.2017 | 10:23

...ein weiterer Schlag ins Gesicht jeder klugen Frau, die sich von der Frauenbewegung zu Recht als diffamiert betrachtet sehen muss angesichts opferbereit wirkender Zahlenwerke die mit der Geschlechterdifferenz wenig mehr am Hut haben zu haben scheinen als vulgäres Herumgepöbel.

Blödmänner werden btw auch nicht gerade gut bezahlt.

erftstadtboy 18.03.2017 | 10:44

die beiden kommentatoren über mir haben wohl angst um ihre privilegien.

um das noch mal klarzustellen: der bereinigte gender-pay-gap (ungleiche bezahlung bei gleicher tätigkeit mit gleicher qualli) beträgt im schnitt 5.5%, hat also nicht blödmännern/frauen zu tun, ist kein vulgäres herumgepöbel (das sind eher die zwei kommentare über meinem) und es bringt auch nichts andere ungerechtigkeiten dagegen auszuspielen. das nennt man relativismus, und damit lässt sich jedes privileg wunderbar verteidigen.

http://www.zeit.de/karriere/2016-03/gender-pay-gap-frauen-maenner-gehalt-unterschiede-studie

darüber hinaus besteht immer noch die frage, warum die sog. "weiblichen" berufe um soviel schlechter bezahlt werden als die sog. "männlichen". mit der nützlichkeit für die gesellschaft hat es auf jeden fall nichts zu tun, sonst müsste der pay-gap fasst umgekehrt sein. denn kindergärtnerinnen, krankenhauspersonal, putzkräfte und viele weitere "weibliche" caring-berufe sind die basis der hohen löhne anderer. darüber hinaus leisten frauen nachgewiesenermaßen mehr unbezahlte arbeit (haushalt/ehrenamt/kinderversorgung/verwandtenbetreuung/etc), die ebenfalls den sozialen zusammenhalt der gesellschaft gewährleistet.

erftstadtboy 18.03.2017 | 10:50

aha, d.h. also frauen sind blöder als männer? denn sie bekommen bei gleicher tätigkeit mit gleicher qualifikation im schnitt immer noch 5.5% weniger (siehe link in meinem kommentar darüber). dann müssten frauen also im schnitt 5.5% blöder sein...

und seltsamerweise finden die klugen (z.t. promovierten) frauen in meinem umfeld solche artikel nicht als schlag ins gesicht oder diffamierung der frauenbewegung, sondern als deckungsgleich mit ihrem erleben. und die sind weit entfernt davon das (heutzutage kaum noch existente) klischee der alice-schwarzer-emanze zu sein.

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Ehemaliger Nutzer 18.03.2017 | 11:24

Sehen Sie: ich arbeite derzeit für 2,35 netto aus sicht meines Arbeitgebers für eine weltumspannende Company.

Ich bin ein Mann.

Diese Nummer wurde gepimpert von der EU, der Bundesrepublik Deutschland, dem Bundesland in dem ich arbeitend gemeldet bin und weiteren Strukturförderungsfonds.

Kapitalismus kann auch Spass machen...

Frauen können sowas mit links oder rechts um die Ohren hauen, in dem sie "ihre" Männer um die Welt schicken - oder so

Grenzpunkt 0 18.03.2017 | 11:45

Sie dürfen mir gern Pöbeleien nachsagen, sollten sie dann aber auch belegen können.

In meinem satirefreien Teil des Beitrags habe ich auf einen ernst zunehmenden Film hingewiesen, dem belegbare Tatsachen zugrunde liegen. Streiks sind das Mittel der Wahl, wenn man höhere Löhne erzielen will. Und das haben die Frauen dort erreicht.

Mein Hinweis auf den SZ-Artikel sollte deutlich machen, dass der unbereinigte gender-pay-gap ein völlig untaugliches Mittel ist, Diskriminierung zu beweisen. Der von Ihnen angeführte bereinigte ist es übrigens auch. Die 5,5 % Unterschied ergeben sich lediglich aus den herangezogenen Untersuchungsmerkmalen. Wenn weitere hinzugezogen werden, dann verschwindet der Unterschied im statistischen Rauschen. Was nicht heißt, dass es in konkreten Einzelfällen zu Diskriminierung kommen kann. Das ist aber kein flächendeckendes Problem.

"es bringt auch nichts andere ungerechtigkeiten dagegen auszuspielen. das nennt man relativismus, und damit lässt sich jedes privileg wunderbar verteidigen."

Falls Sie das aus meinem Beitrag herausgelesen haben sollten, dann müssen Sie sich bei der Anmahnung schon selbst daran halten.

"mit der nützlichkeit für die gesellschaft hat es auf jeden fall nichts zu tun, sonst müsste der pay-gap fasst umgekehrt sein."

Löhne und Gehälter haben im Kapitalismus fast nichts mit Nützlichkeit der Arbeit zu tun, sondern fast ausschließlich mit dem Kräfteverhältnis zwischen "Arbeitgebern und Arbeitnehmern". Deshalb der Hinweis auf den Film, dessen Titel Sie wahrscheinlich falsch interpretieren.

Grenzpunkt 0 18.03.2017 | 14:12

Mein Beitrag hat nichts mit Biologie zu tun, erst recht nicht mit Gebärstreik. Unter dem angegebenen Link findet man die Erklärung des deutschen Filmtitels.

Der im deutschsprachigen Raum verwendete Titel We want Sex resultiert aus einer Szene des Films, in der die demonstrierenden Frauen ein Spruchband mit der Aufschrift „We want sex equality!“ (‚Wir wollen Geschlechtergleichheit!‘) nicht vollständig ausbreiten und nur der Teil „We want sex“ (‚Wir wollen Sex‘) zu sehen ist, was bei Passanten und vorbeikommenden Schülern für Belustigung sorgt und zudem von der Ministerin mit einem Grinsen beobachtet wird.

sch123 18.03.2017 | 23:21

Dass soziale bzw. "idealistische" Berufe unterbezahlt sind ist ein intrinsisches Problem des Kapitalismus würde ich sagen.

Was sie bei ihrer Argumentation mit der "unbezahlten" Heimarbeit etc. unterschlagen ist, dass diese in dem entsprechenden Rollenmodell damit einhergeht, dass der Mann den "Ernährer" gibt. In dieser Verteilung hat der Mann zwar das Privileg der Macht, andererseits aber auch die Verantwortung, d.h. der Mann hält genauso der Frau existentiell den Rücken frei wie andersrum und die Frau hat selbstverständlich eine Gegenleistung/"Bezahlung".

Ich weiß nicht was es an statistischen Erhebungen dazu gibt, was Männer Frauen an Unterhalt, Geschenken, gemeinsamen Aktivitäten, Haus, Auto etc... bezahlen. Ich denke es ist keine steile These zu unterstellen, dass hier die Frau statistisch stark privilegiert ist. Natürlich kann man diese Rollenverteilung kritisieren, aber die hat unsere Kultur und Gesellschaft dominiert und tut es immer noch. Die Gender-Pay-Gap Debatte halte ich daher für wenig zielführend, weil sie Privilegien/Ungerechtigkeiten konstruiert, die statistisch auf wackeligen Beinen stehen aber auch die gesellschaftlichen Realitäten selektiv ignoriert.

Lethe 19.03.2017 | 01:31

Was sollte die Arbeitswelt mit Gerechtigkeit zu tun haben? Was gegen einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin verwendet werden kann, wird gegen sie verwendet. Das Ziel ist in kaum einem Fall ein arbeitsangemessener Lohn, sondern fast immer ein soweit wie möglich minimierter Lohn. Was dabei "minimiert" heißt, wird auf jeder Hierarchiebene neu ausgehandelt. Das trifft Männer gleichermaßen wie Frauen. Die Mittel, die eingesetzt werden, um die Minimierung herbeizuführen, variieren anhand vieler Kriterien, das Geschlecht ist sicher eines davon, aber das heißt nicht, dass die Männer davon kommen. Sind alle diese Statistiken auf die tatsächliche Arbeitszeit umgerechnet? Die Zahl der unbezahlten Überstunden in Deutschland ist gigantisch, und der Löwenanteil davon wird von Männern getragen.

Alter Linker 19.03.2017 | 02:20

"Was sollte die Arbeitswelt mit Gerechtigkeit zu tun haben? Was gegen einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin verwendet werden kann, wird gegen sie verwendet. Das Ziel ist in kaum einem Fall ein arbeitsangemessener Lohn, sondern fast immer ein soweit wie möglich minimierter Lohn."

Absolut korrekt.

Es gibt jede Menge "Pay Gaps": junge Menschen, alte Menschen, Arbeitnehmer mit bestimmten Staatsbürgerschaften, Behinderte, bestimmte Qualifikationen, weniger attraktiv erscheinende Menschen, dicke Menschen, kleine Menschen - und wahrscheinlich noch ein paar Dutzend andere Gruppen. :)

Das einzig Bemerkenswerte an der ganzen "Pay Gap"-Diskussion ist eigentlich warum das so viele "Wissenschaftler" in ihren "Studien" bemerkenswert finden.

Ist eben halt aus den US gekommen - also muss es toll sein. :)

gelse 19.03.2017 | 04:43

>>Das Ziel ist in kaum einem Fall ein arbeitsangemessener Lohn, sondern fast immer ein soweit wie möglich minimierter Lohn.<<
Das Betriebsziel ist in kapitalistischen Firmen der Profit, nicht gute Einkommen der Profitgeber.* Arbeitslöhne sind betriebswirtschaftlich gesehen Kosten, und Kosten müssen minimiert werden.
* eine klare Sprache kann helfen, Verwirrung zu vermeiden:
„Arbeitgeber“ = Profitnehmer
„Arbeitnehmer“ = Profitgeber

>>Die Zahl der unbezahlten Überstunden in Deutschland ist gigantisch,…<<
In tariflich geregelten Verhältnissen ist es üblich, Überstunden einem Zeitkonto gutzuschreiben, von dem Freizeit entnommen werden kann. Ob eine Auszahlung mit tariflichem Zuschlag möglich ist, ist Sache einer Betriebsvereinbarung.
Schwieriger ist es natürlich in Arbeitsverhältnissen, in denen nichts tariflich gesichert ist. Aber auch tariflosen Betrieben können streikfähig organisierte Profitgeber einen Tarif erzwingen.
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Ein Problem sind die öfter mal falschen Stellenbeschreibungen und somit falschen Einstufungen in Gehaltsgruppen. Davon sind eher Frauen betroffen als Männer. Ein Betriebsrat kann hier Abhilfe schaffen, allerdings funktioniert das nach meiner Erfahrung besser, wenn genügend Frauen in den BR gewählt werden (Ich schrieb in anderen Diskussionen darüber.)

Ein andere Baustelle sind die per se als „minderwertig“ bezahlten Berufe. Auch hier können sich Betroffene, (nicht ausschliesslich, aber mehrheitlich Frauen) per gewerkschaftlicher Organisation wehren.

Rufus T. Firefly 19.03.2017 | 11:44

Die Unzulänglichkeiten bei der statistischen Berechnung des Gender-Pay-Gaps sind zwar schon länger bekannt, werden aber regelmäßig ignoriert.

"Für die Berechnung werden lediglich Betriebe der Privatwirtschaft mit mehr als zehn Mitarbeitern herangezogen. Der gesamte öffentliche Dienst mit nahezu gleichen Gehältern von Männern und Frauen bleibt unberücksichtigt. Ebenso kleinere Betriebe, darunter auch die Familienbetriebe, bei denen die Gewinne gleich verteilt werden. Auch landwirtschaftliche Betriebe, die oft ebenfalls Familienbetriebe sind, fallen aus der Berechnung heraus.

Außerdem geht das Einkommen aus der Teilzeitarbeit vieler Frauen in diesen Privatbetrieben absolut in die Berechnung ein und nicht relativ, was nötig wäre, um vergleichbare Zahlen zu erhalten. Dadurch verringert sich ihr Stundenlohn drastisch."

Quelle: https://www.heise.de/tp/features/Ten-Years-Gender-Pay-Gap-Mistake-Ein-Irrtum-wird-zehn-Jahre-alt-3652060.html

Lethe 19.03.2017 | 13:53

In tariflich geregelten Verhältnissen ist es üblich, Überstunden einem Zeitkonto gutzuschreiben, von dem Freizeit entnommen werden kann. Ob eine Auszahlung mit tariflichem Zuschlag möglich ist, ist Sache einer Betriebsvereinbarung.

Ich arbeite in tariflich geregelten Verhältnissen. Und diese wirklich witzigen Zeitkonten existieren. Wir dürfen iirc täglich maximal zwei Stunden aufschreiben, wöchentlich maximal 8 Stunden, im Monat maximal 20 Stunden und müssen die Stunden innerhalb von drei Monaten wieder ausgeglichen haben. Soweit die menschenfreundliche Theorie.

Was machen wir aber mit den monatlich 60 bis 80 Überstunden, die nicht aufgeschrieben und nirgends dokumentiert werden dürfen, weil die ja "das Kontingent" sprengen würden, was machen wir also mit der Praxis der Menschenfreundlichkeit? Wir verweigern uns? Oh, welche brilliante Idee. Leider sind dann unsere "Wertevorstellungen" mit denen der Firma "nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen", und wenn es auch im gehobenen Management üblich sein man, sich in solchen Fällen mit einer attraktiven Gsundungsprämie, für die weniger Göttliche 100 Jahre arbeiten müssten, von seinen Aufgaben entbinden zu lassen, halten die beinahe zwei Jahresgehälter, die in den niederen Chargen maximal üblich sind, die Familien von 40- bis 60-Jährigen Ungöttlichen genau diese beinahe zwei Jahre am Leben, ehe die Karriere dann im Logistikzenter als Lagerist an der Karre fortgeführt werden darf^^ alles mit gewerkschaftlicher Zustimmung.

Sorry, heutige Gewerkschaften sind längst der SPD gefolgt und haben die Seiten gewechselt.

Gunnar Jeschke 19.03.2017 | 18:37

nehmen seltener Führungspositionen ein und setzen häufiger für die Familie aus

Wer das aus dem "Pay gap" nicht herausrechnet, macht sich lächerlich. Die Behauptung, Frauen würden 20% weniger verdienen, ist halt Propaganda.

Wir müssen schon beim Prinzip "Gleiches Geld für gleiche Arbeit" bleiben. Wenn der Equal Pay Day an den 5.5% echter Differenz festgemacht wird, habt Ihr auch rational denkende Menschen auf Eurer Seite. Das war der 20. Januar.

Meiner Meinung nach sind etwa drei unbezahlte Arbeitswochen im Jahr schlimm genug. Ihr müsst die Wahrheit nicht verzerren, das macht Euch nur unglaubwürdig.

Grenzpunkt 0 19.03.2017 | 20:13

Die Lüge steckt nicht in den 21 % oder 5,5 %. Das sind unschuldige Zahlen, die sich berechnen lassen, wie man das für Pflaumen und Gurken auch machen kann. Frauen verdienen in Gesundheits- und Pflegeberufen nicht deshalb weniger als Männer in der Automobilfertigung weil sie Frauen sind, sondern weil die Tätigkeiten im Pflegebereich geringer bezahlt werden. Wenn man diese Tatsache nicht sieht, weil man die Scheuklappen der Identitätsideologie aufgesetzt hat, wird man viel zu leicht angreifbar bleiben und kann im Endeffekt nichts erreichen. Zur Identitätsideologie hier eine sehr gute Analyse (The Paradox of Identity Politics), die auch beim hiesigen Thema hilft. Wenn man aber der berechtigten der Meinung ist, dass Pflegetätigkeiten zu gering bezahlt werden, muss man das so deutlich sagen. „Ist Ihnen die Fertigung eines Autos mehr wert als die Wiederherstellung der Gesundheit eines nahen Angehörigen oder die Pflege Ihrer Eltern?“, sollte dann das Motto sein, und das völlig geschlechtsneutral. Damit sind alle Menschen gemeint und nicht nur eine angeblich diskriminierte Hälfte.

gelse 20.03.2017 | 03:54

Wenn sich Alle einig sind, dass sie keine unbezahlten Überstunden leisten wollen, dann können nicht alle an die Karre versetzt werden, oder? Wobei ein/e Abweichler/in nicht weiter ins Gewicht fällt, den einen oder anderen Streikbrecher gibt es immer.
Wenn aber nur Einzelne die Selbstausbeutung nicht mitmachen wollen, die Mehrheit aber doch, dann hat der Profitnehmer natürlich gewonnen. Dann bleibt nur, sich nach einer anderen Stelle umzusehen. Sodass die Selbstausbeuter irgendwann unter sich bleiben…

>>…alles mit gewerkschaftlicher Zustimmung.<<
Wenn ich die Zahlen addiere, komme ich zu dem Schluss dass der Zeitrahmen des Arbeitszeitgesetzes überschritten wird:
>Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.<
https://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/arbzg/gesamt.pdf

Das heisst: Ihr müsst gar keine Gewerkschaft von der Nichteinhaltung des Tarifvertrages überzeugen um Euch so heftig ausbeuten zu lassen, denn Firma macht sich strafbar.

Meine Erfahrungen stammen aus grösseren Betrieben mit elektronischer Zeiterfassung. Dort hat ein Betriebsrat natürlich mehr Eingreifmöglichkeiten, wenn der Zeitrahmen überschritten wird.
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>>…heutige Gewerkschaften sind längst der SPD gefolgt und haben die Seiten gewechselt.<<
Im Prinzipe stimmt das. Aber eine Gewerkschaft kann eben nie besser sein als ihre Mitglieder. Solange die Mitglieder die „S“PDdisten als „Chefs“ akzeptieren wird sich nichts ändern.
Die GDL hat gezeigt, wie eine Gewerkschaft funktionieren kann. Ausser in bestimmten Verdi-Bereichen scheint bis jetzt noch niemand davon lernen zu wollen…

Lethe 20.03.2017 | 14:24

Wenn sich Alle einig sind, dass sie keine unbezahlten Überstunden leisten wollen, dann können nicht alle an die Karre versetzt werden, oder?

Soweit die Theorie. In der Realität funkt da noch einiges dazwischen, nicht zuletzt die Angst um den Job. Insofern wäre das einleitende "Wenn" fett zu schreiben, nicht das "Alle".

Dann bleibt nur, sich nach einer anderen Stelle umzusehen. Sodass die Selbstausbeuter irgendwann unter sich bleiben…

Ezählen Sie es niemandem weiter: Außer im gehobenen Management wird die Suche nach einer neuen Stelle ab 40 zunehmend zu einem Vabanque-Spiel.

Froschlocke 20.03.2017 | 18:35

Die Analyse im finde ich schon treffend. Ich habe den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft der Gedanke noch verbreitet ist dass die Erwerbsarbeit für Frauen eher "Hobby" ist und daher nicht so viel gezahlt werden muss als an Männer die ja "eine Familie zu versorgen haben".

Dass es viel bringt mehr Frauen in Spitzenpositionen zu bringen glaube ich allerdings nicht. Die verhalten sich ja auch systemkonform. Ich glaube, stattdessen müssten sich die Gewerkschaften das Thema auf die Fahnen schreiben (nicht nur als Randaspekt) und die Betriebsräte anhand des neuen Lohngleichheitsgesetz tätig werden. Und letztendlich müssen wir vielleicht auch noch warten bis so manches Gedankengut ausgestorben ist.

gelse 21.03.2017 | 04:25

>>In der Realität funkt da noch einiges dazwischen, nicht zuletzt die Angst um den Job...<<
Wenn Einzelne sich wehren würden, dann wäre die Angst ja begründet. Bei gemeinsamem Vorgehen ist es wichtig, dass kein "Rädelsführer" ausgemacht werden kann.
Eine andere Möglichkeit wäre eine anonyme Anzeige wegen Verstoss gegen das Arbeitszeitgesetz.

>>Außer im gehobenen Management wird die Suche nach einer neuen Stelle ab 40 zunehmend zu einem Vabanque-Spiel.<<
Das weiss ich aus eigener Erfahrung. Aber suchen aus einer ungekündigten Stellung heraus kann auch nicht schaden. Natürlich ist es Zufall, wenn irgendwo jemand mit gerade den Qualifikationen und Erfahrungen gesucht wird, die man besitzt. Und das ist Voraussetzung, denn dass man sich auch in Anderes einarbeiten kann glaubt eh niemand. Aber völlig ausgeschlossen ist das nicht. Auch wenn es dauern kann, bis man fündig wird.

Was ich schreibe, stammt nicht von irgendeiner fernen Insel, sondern aus fast 40 Jahren Lohnarbeit einschliesslich Gewerkschafts(Basis)- und Betriebsratsarbeit.

Grenzpunkt 0 21.03.2017 | 08:36

Die Analyse im finde ich schon treffend. Ich habe den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft der Gedanke noch verbreitet ist dass die Erwerbsarbeit für Frauen eher "Hobby" ist und daher nicht so viel gezahlt werden muss als an Männer die ja "eine Familie zu versorgen haben".“

Haben Sie sich wirklich mit dem Thema tiefgründig beschäftigt? Haben Sie die Studie einmal zur Hand genommen?

Hat der Autor das getan oder greift er auf Sekundärlitaratur zurück? Zumindest verlinkt er nicht auf die Originalquelle und diese ist nicht ohne weiteres zugänglich. Im Text verschweigt er auch, dass die Befragung bereits 2009 stattgefunden hat. Außer einem Beispiel, wird nicht detailliert auf die Berechnung eingegangen, und auch hier bleibt es eher im Dunklen, wie die Studie auf einen Unterschied von 6 – 8 % kommt. In einem Artikel auf SPON heisst es:

„Diese Profile haben sie 1600 Umfrageteilnehmern gezeigt, zusammen mit einem Beispielgehalt, das diese Personen verdienen sollen. Dann wurde gefragt: Ist das ein faires Gehalt? Die Teilnehmer konnten abgestuft antworten: Fair, ungerecht hoch und ungerecht niedrig, jeweils mit fünf Stufen.“

Wie man daraus 6 – 8 % berechnen kann, würde ich mir gern darlegen lassen, ehe ich der Aussage vertraue. Der Autor hat auch verschwiegen, dass es beim Ergebnis keinen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Studienteilnehmern gab.

Aber vor allen diesen Dingen würde ich die Frage stellen, ob es einen Unterschied gibt zwischen der Aussage, die ich in einer Befragung mache und einer Handlung, für die ich verantwortlich gemacht werden kann. Viele soziologische Studien kranken an diesem bedeutsamen Unterschied.

Magda 21.03.2017 | 10:14

Frauen verdienen in Gesundheits- und Pflegeberufen nicht deshalb weniger als Männer in der Automobilfertigung weil sie Frauen sind, sondern weil die Tätigkeiten im Pflegebereich geringer bezahlt werden.

Mein Gott, die Pflegeberufe werden deshalb geringer bezahlt, weil sie - in der Mehrzahl - von Frauen ausgeübt werden. Sie werden es erleben, dass dort bald besser bezahlt wird und zwar, weil immer mehr Männer einsteigen.

Anderes Beispiel:
Vor einigen Jahren wurde darüber debattiert, dass zu wenig Männer in Grundschulklassen unterrichten. Dies mache es für Jungens schwer, Identifikationsfiguren zu finden usw.
Dazu sprach einst ein bekannter Hochschullehrer: Ein Hindernis müsse man überwinden. Es müsse besser bezahlt werden.

Damit sind alle Menschen gemeint und nicht nur eine angeblich diskriminierte Hälfte.

Ich frage mich: Wieso ist es so schwer, zu glauben, dass Frauen nicht aus Ressentiment, sondern aus bitterer Erfahrung sprechen und fordern.

Grenzpunkt 0 21.03.2017 | 11:46

Diese Märchenstunde (ich mache mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt) können Sie doch nur als Witz gepostet haben. Die Widersprüche sind doch derart eklatant, dass sie jedem, der sich das ohne Scheuklappen ansieht, auffallen müssten. Es wird vom bereinigten Gender Pay Gap von 5,5 % ausgegangen (übrigens ein Wert, der 2006 bei 8% lag) und dann als Ursache verschiedene Berufe und Teilzeitarbeit angeführt. Diese sind aber nur im unbereinigten Wert von derzeit 21 % enthalten und werden dort schon herausgerechnet. Wie soll man das nennen, Fake News, Lüge, Propaganda oder Dummheit?

Ich frage mich, was daran so schwierig ist, diesen einfachen Text zu verstehen. (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Bereinigter Gender Pay Gap

Man unterscheidet zwischen dem bereinigten und dem unbereinigten Gender Pay Gap. Der bereinigte Gender Pay Gap wird auf Basis der vierjährlichen Verdienst­strukturerhebung berechnet. Hier wird jener Teil des Verdienst­unterschieds heraus­gerechnet, der auf strukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechter­gruppen zurückzuführen ist, wie Unterschiede bei Berufen, Beschäftigungsumfang, Bildungsstand, Berufserfahrung oder der geringere Anteil von Frauen in Führungspositionen. Es muss berücksichtigt werden, dass der ermittelte Wert eine Obergrenze ist. Er wäre geringer ausgefallen, wenn weitere Informationen über lohnrelevante Einflussfaktoren für die Analysen zur Verfügung gestanden hätten, wie vor allem Angaben zu Erwerbs­unterbrechungen. Weitere Informationen zur Berechnung des bereinigten Gender Pay Gap finden Sie in dem Methoden­bericht Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen.

Sie dürfen sich auch den entsprechenden Artikel auf Telepolis ansehen. Auf ZON haben sich allerdings die dort zu Wort kommenden Damen mit wenig Ruhm bekleckert. Wahrscheinlich habe diese zu viel Frau TV gesehen, anstatt in die Originalliteratur.

Grenzpunkt 0 21.03.2017 | 13:00

"Mein Gott, die Pflegeberufe werden deshalb geringer bezahlt, weil sie - in der Mehrzahl - von Frauen ausgeübt werden."

Den Beweis müssen Sie natürlich schuldig bleiben. Meiner Ansicht nach ist das eine klare Verwechslung von Koinzidenz und Ursache-Wirkungsbeziehung. Damit begeben Sie sich auf das Niveau der Astrologie. Wollen Sie etwa auch Hexenverbrennungen wieder hoffähig machen?

Sie dürfen gern auch die Einstiegsgehälter von Lehrern (Grundschule, mehrheitlich weiblich, 2700 €) mit den Einstiegslöhnen von Straßenbauarbeitern (mehrheitlich männlich, 1800- 2500 €) vergleichen und "Diskriminierung" feststellen.