Die mächtigste Organisation hinter dem Mord an Hrant Dink

ein Verbrechen in Istanbul In Wirklichkeit wurden die Täter noch nicht ergriffen

Schon einen Tag nach dem Mord an dem armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink am 19. Januar in Istanbul nahm die türkische Polizei den mutmaßlichen Täter fest. Es handelte sich nach Angaben des Istanbuler Gouverneurs Muammer Güler um den 17-jährigen Ogün S., der gestanden habe. "Wer wird der nächste sein?" fragen liberale Zeitungen in der Türkei und verweisen darauf: Seit 1974 wurden im Zeichen des Nationalismus 61 Journalisten ermordet.

Dass es zu viele Worte gibt, die es auszusprechen gilt, macht einen manchmal stumm. Erstickt stehen Sie da. Die Stummheit des Rechthabens ist nicht wie andere Arten der Stummheit. Ihr Knoten lässt sich nicht ohne weiteres lösen.

An dem Tag, an dem Hrant Dink ermordet wurde, verlor ich mich in einem Abgrund. Es fand immer weniger von dem den Weg auf meine Zunge, was mir durch den Kopf ging, während ich gegenüber dem Redaktionsgebäude von Agos stand. Ich sagte zu meinen Freunden: "Unsere Jugend haben wir damit verbracht, die Leute zu beerdigen." Meine Generation erlebt das seit 30 Jahren, und es ist nicht klar, ob wir noch weitere 30 Jahre haben.

Dieser Tod, der an sich tragisch und verwundend genug war, war gleichzeitig wegen der erschreckenden Assoziationen mit der jüngsten Geschichte und durch das, was er aus dem Gedächtnis holen ließ, verheerend. Jeder neue Tod lässt die anderen Tode mit dem Schmerz des ersten Tages wiederauferstehen.

So werden Sie manchmal sprachlos, egal, wie viele Bücher Sie geschrieben haben.

Ich werde in diesem Text nicht auf die Anatomie, sozialen Ursachen und die geschichtlichen Verschachtelungen dieses Mordes tiefer eingehen, der übrigens keinesfalls nur als ein politisches Attentat gelten darf. Über dieses facettenreiche und mehrdimensionale Ereignis gibt es sicherlich viel zu sagen oder zu unterstreichen. Ein Teil davon wird sogar jetzt schon geschrieben und gesagt.

Ein anderer wichtiger Teil wird wiederum von den nicht nur wegen ihrer Sprache oder des Idioms, sondern auch ihrer Gesinnung, Moral und Fiktion wegen bereits vor Jahren vollkommen boulevardisierten großen Medien erbarmungslos geschändet, entsinnlicht und entwertet. Diese versuchen, mit Hrant Dink via "Identität eines ermordeten Journalisten" ein Sippschafts- und Verwandtschaftsverhältnis herzustellen. Die doppelgesichtige und verlogene Haltung jener berüchtigten Medien wird aufgrund ihrer Berichterstattung nach dem Mord vielleicht erstmals nicht nur von "marginalen Augen", sondern von breiteren Kreisen wahrgenommen und begriffen.

Umfassender, tiefer gehender Analysen, die in Ruhe und mit nüchterner Haltung gemacht werden, bedarf es heute mehr denn je. Sich das zu merken und wahrzunehmen, dass ein neuer Zug aufs Gleis gefahren ist, wäre sehr hilfreich.

Verfälschte Liebe ist möglich, aber verfälschter Hass niemals

Eines muss vorweg richtig gestellt werden: Hrant Dink wurde nicht ermordet, weil er ein Journalist ist, sondern weil er ein Armenier ist. Seit vielen Jahren gab es nicht viele Armenier in diesem Land, die eine derart robuste Stimme hatten wie er. Er wurde ermordet, weil er zu einer gerechten und kräftigen Stimme der zum Verstummen gebrachten, eingeschüchterten, unsichtbar gemachten armenischen Identität geworden war und den engen Rahmen gesprengt hatte, der für Armenier vorgezeichnet war und in dem sie sich bewegen sollten. Man hielt ihn sogar für gefährlicher, weil er das alles - ohne sich dabei von Chauvinismus, Fanatismus oder Rassismus verleiten zu lassen - mit einer Sprache und einer Ausdrucksweise tat, die den Frieden, die Brüderschaft und die Gleichheit nährte. Denn die "Nationalismen" - Träger welcher Nation auch immer - erkennen sich ob ihrer Finsternis. Deshalb wissen sie, wie sie miteinander fertig werden; die jeweiligen Waffen, Wunden und Spiele sind ihnen gegenseitig vertraut. Verfälschte Liebe ist möglich, aber verfälschter Hass niemals. Die Augen des Hasses sehen auch in der Dunkelheit.

Für sie war Hrant Dink zwar ein Feind, aber einer, der kaum Ähnlichkeit mit dem Feind hatte, den sie gut kannten. Dieser Zustand war es, der aus ihm noch mehr "den Anderen" machte und ihn absonderte.

Hrant Dink war "sichtbar". Es ist wichtig, sichtbar zu sein, und imstande zu sein, gesehen zu werden. Dass er vor allem als ein Armenier "sichtbar" war, machte ihn zur Zielscheibe. Die Armenier sind in diesem Land unsichtbar. Man hat sie gezwungen, so zu leben, ohne dabei aufzufallen. Ihre Namen, Nachnamen und Identitäten wurden auf die eine oder andere Weise verwischt, geschwärzt und unter die Menschenmasse gemengt. Sichtbar zu sein, bedeutet zu existieren, Assoziationen auszulösen, ins Gedächtnis zu rufen und deshalb auch "verfolgt" zu werden. Entweder mittels Paragraf 301 oder dem Gewehrlauf.

Minderheiten haben ein stärkeres Gedächtnis. Sie erinnern sich besser. Nicht nur an die ferne Geschichte, auch an solche Ereignisse wie die vom 6. und 7. September*. Daher ist ihre Stummheit tiefer. Wobei die alltäglichen Warnungen der offiziellen Sprache, die sogar Abdullah Öcalan "Armenierbrut" nannte, das Gedächtnis nicht unbedingt so herausfordern, dass es so weit zurückgreifen muss.

Hrant Dink war natürlich auch ein Journalist. Er ist auch deswegen ermordet worden, weil er ein oppositioneller Journalist war. Genau wie die anderen. Er ist ermordet worden, weil er den engen Rahmen ebenfalls gesprengt hatte, der für Journalisten vorgezeichnet ist und in dem sie sich bewegen sollen. Genau wie die vorherigen, genau wie die kurdischen Journalisten, die systematisch beseitigt werden, genau wie in einigen ähnlichen Ländern, in denen über das Schicksal von ähnlich dunklen Mächten entschieden wird.

Folglich wurden alle noch mal daran erinnert, dass der Preis dafür, dass jemand frei seine Meinung sagt und seine Gedanken äußert, in diesem Land Mord sein kann. Allen wurde es noch einmal gezeigt, dass jene mittels 7.65er Gewehr zum Schweigen gebracht werden können, die man mittels Paragraf 301 nicht ausreichend bestrafen konnte.

Indem die Täter sich auf das System stützen, vertrauen sie neben ihrer eigenen Macht auch ein paar anderen Grundfakten: Diese sind unter anderem die Vergesslichkeit der Gesellschaft, die Lethargie der Massen und die Unbeständigkeit der Opposition. Sie stützen sich auf die dicken und schmutzigen Decken der Geschichte der Militärputsche, die mittels verdunkelter Beweise für frühere Morde alles verbergen. Sie stützen sich auf die gesellschaftliche Macht des Vergessens.

In Wahrheit konnte der Mörder von Hrant Dink nicht ergriffen werden. Ergriffen wurde nur der, der den Abzug betätigte. Den Abzug betätigte ein 17-jähriger Junge im Namen all derjenigen, die wünschten, dass Hrant Dink getötet wird. Am Abzug befinden sich Finger von Händen vieler. Der Junge war vielleicht allein am Tatort. Er war aber doch nicht allein. Er vernahm hinter sich das Geraune der Massen, die viele Jahre systematisch mit Blut und Hass bearbeitet worden waren. Wie ein dem Geraune gesellschaftlicher Hysterie ausgelieferter Fanatiker bei einem Fußballspiel rannte er blinden Schrittes zum Tor seines Triumphs. Er rannte mit der Zuversicht des Wissens, wie er dem "Staat" entwischen kann, dessen Rechtssystem seit Jahren einer Gesinnung Strafminderung gewährt, die bei den Sittenmorden 15-jährigen Söhnen eine Waffe reicht. Schließlich kam der Wolfszahn mit Blut in Berührung.

Mörder werden in erster Linie von einem Klima hervorgebracht und nicht von Organisationen. Dieser Mord trägt die sabbernde Signatur der aggressiven Diktion, wie sie seit Jahren vorherrscht: in den Hass und Feindschaft gegenüber Nichttürken einimpfenden Schulbüchern, in der Fernsehwerbung, bei den Soldatenverabschiedungen in den Stadien, in Fernsehserien wie Tal der Wölfe, die Machismus und Faschismus propagieren, auf den Titelseiten der Zeitungen. Dies ist die natürliche und unvermeidliche Konsequenz des kulturellen Privilegs, das der keinen Eingriff duldenden, ungehobelsten, rassistischsten, chauvinistischsten und "lightesten" Art des Nationalismus zuerkannt wird, die unter dem Schutz der liberalen Politik modernisiert werden soll. Für dieses kulturelle Klima und die Atmosphäre, die von solchen leibhaftigen oder fiktiven Figuren wie Abdullah Catli, Mehmet Ali Agca und Polat Alemdar erschaffen wurden, ist es ein Leichtes, die Seele jemandes zu ergreifen, der fern von Istanbul, in irgendeiner Provinz in einem dämmrigen Internetcafé sitzend für sich einen Platz, Namen und eine Identität in dieser Welt sucht.

Insofern ist es für sich gesehen völlig bedeutungslos, ob hinter dem Mord an Hrant Dink eine bestimmte Organisation steckt oder nicht. Es ist unbegreiflich, weshalb es die Verantwortlichen so erleichterte, keine Organisation ausfindig zu machen. Hinter diesem Mord steckt im Grunde die zügellose "Sprache" des Nationalismus, der sich jahrelang organisiert hat, indem er sich mit Blut, Groll, Hass, Verwünschungen und Feindschaft ernährte und denjenigen kein Recht auf Leben gewährt, die nicht auf seiner Seite sind. Es ist die Sprache des Systems, die offizielle Sprache, die Sprache der großen Medien. Das ist die mächtigste Organisation. Die Gesellschaft, die dieser Sprache ausgeliefert ist, hat auf alle Fälle keine Schwierigkeit damit, ihren Mörder hervorzubringen. Dessen Anstifter überzeugt schon den Dritten, wenn es ihm nicht gelingen sollte, den Ersten oder Zweiten zu überzeugen.

Was glauben Sie, warum in solchen Gesellschaften wie der unsrigen zumeist die mittellosen Kreise die Opfer und die Mörder hervorbringen? Weil die Mittellosen ihre Mitteilungsform suchen. So oder so.

Was für mich am meisten zählt, ist, dass Hrant Dink von hier - und nicht, dass er Armenier war. Von hier zu sein, bedeutet, sich auf die gemeinsame Geschichte des kulturellen Klimas zu stützen. Es basiert auf der Grundlage des Bewahrens aller Unterschiede zwischen uns wie der Sprache, der Religion, des Geschlechts einerseits und der Verschmelzung dieser Unterschiede andererseits. Ich bin der Auffassung, dass dies ein Vermächtnis des Osmanischen Reiches ist, das man zu beseitigen trachtet. Wir sind als Brüder der gemeinsamen Erde miteinander verbunden. Wir alle sind von hier. Allein das zählt. Das ist es, was wir lernen müssen.

Leider sind wir eine Gesellschaft, die nie etwas lernt, ohne Opfer darzubringen. Ich bin mir sicher, dass dieser Tod uns ebenfalls etwas Neues lehrt. Zumal die Massen, die an der Beerdigung für Hrant Dink teilnahmen, in mir eine neue Hoffnung aufkeimen ließen, wie ich sie seit langem nicht spürte. Jene stille, würdevolle wie auch entschlossene Masse regte mich zu der Überlegung an, dass doch nicht alles ohne weiteres verloren gegangen war. Sie ließ mich wissen, dass ich Brüder habe, die ich nicht kenne. Sie wies mich auf die Existenz einer wichtigen verborgenen Kraft hin, die in der Zurückgezogenheit darauf wartet, sich in eine politische Kraft zu verwandeln. Sie regte mich ferner zu der Überlegung an, dass eine politische Bewegung eine neue Möglichkeit schaffen könnte, sollte es ihr gelingen, diese sich enttäuscht zurückziehende Masse zu berühren und anzufassen.

Warum können wir in diesem Land nicht im Recht sein, bevor wir sterben?

Ich wünschte mir, dass jene Masse sich überwunden hätte, vor dem Gerichtsgebäude zu stehen, als Hrant Dink nach Paragraf 301 angeklagt worden war. Warum können wir in diesem Land nicht im Recht sein, bevor wir sterben? Warum sind wir erst dann im Recht, nachdem wir gestorben sind?

Die Empathie, die man mit dem Slogan Wir sind alle Hrant, wir sind alle Armenier herzustellen, wie auch die Botschaft, die man damit zu senden versucht, verstehe ich. Innerlich widerspreche ich jedoch diesem Slogan, genauso wie ich seinerzeit gegen den Slogan Mach meinen Kumpel nicht an Einwände hatte. Bekanntlich steckt hinter jedem "Schlagwort" eine "Ideologie". Wir können nicht das Recht des Anderen verteidigen, indem wir mit ihm identisch werden. Wir sollten das Recht der Anderen auf Leben, auf eine Existenz anerkennen, die sich nicht zu schade ist, unsere Unterschiede zu bewahren. Lass sie nicht unsere Kumpel werden! Das ist der einzige Weg des Zusammenlebens. Voraussetzung dafür ist, dass wir lernen, einzeln, aber gleichzeitig nebeneinander zusammen zu stehen. Mit der Sprache einer neuen Welt ...

Hrant Dink, der uns viel mehr beibrachte mit seinem Tod als zu seinen Lebzeiten, ruhe in Frieden.

Übersetzung aus dem Türkischen: Gülcin Wilhelm

(*) Diese Angabe bezieht sich auf die Nacht vom 6. zum 7. September 1955, als es in Städten wie Istanbul und Izmir zu staatlich gelenkter Massengewalt gegen nicht-türkische, nicht-muslimische Minderheiten kam.


Der türkische Schriftsteller Murathan Mungan (Jahrgang 1955) ist Poet, Dramatiker, Romanautor und Essayist. Er erreicht mit seinen Büchern sechsstellige Verkaufszahlen. Seine Gedichte kursieren in der Türkei als Handy-Mitteilungen, bevor der entsprechende Gedichtband überhaupt im Buchhandel ist. Auf Deutsch erschien von Murathan Mungan zuletzt im vergangenen Jahr der Erzählband Palast des Ostens (im Unionsverlag, Zürich).

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 02.02.2007

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare