Die Magie des Duells

Medientagebuch In Wahlkampfzeiten fiebern alle dem entscheidenden Zweikampf entgegen

Mit den Fernseh-Duellen, so ist vielfach zu hören, werde unser Wahlkampf endgültig "amerikanisch", was bedeuten soll: er werde seiner Inhalte beraubt und mutiere zu einer Show, es gehe nur noch um Krawatten, Frisuren und die Brillanz einer zum Selbstzweck gewordenen Rhetorik. Nun ist diese Entwicklung auch in unserem Land nicht gerade neu. Die Eröffnung des "Angie"-Parteitags der CDU am letzten Sonntag, glitzerndes Multimedia-Spektakel und umfassender Angriff auf den Schunkel-Instinkt, führte nur stilsicher weiter, was die SPD 1998 mit der Inthronisation Gerhard Schröders als Kanzlerkandidat in Leipzig begonnen hatte.

In der Tat entstammen die Blaupausen für Personalisierungs-Orgien dieser Art einer politischen Ästhetik, die das US-amerikanische Fernsehen der Welt geschenkt hat. Auch das Sendeformat "Duell", für das sich zur Zeit unsere Fernsehwahlkampf-Maschinisten so begeistern, weil sie der Meinung sind, es werde auch das Publikum aus dem Häuschen bringen, gäbe es nicht, hätten sich nicht schon etliche amerikanische Präsidentschaftskandidaten höchst telegen und quotenwirksam vor der mehr oder weniger ergriffenen Nation "duelliert".

Die Frage ist jedoch nicht, warum wir so amerikanisch geworden sind, sondern wie es kommt, dass hochindustrialisierte Gesellschaften sich noch immer von einem Ritual faszinieren lassen, das in seinen archaischen und feudalgesellschaftlichen, jedenfalls vordemokratischen Formen in der Regel ein Zweikampf mit tödlichem Ausgang war. Offenbar genügt es uns nicht, auf demokratisch verträgliche Weise die Kultur des Duells im sportlichen Wettbewerb aufbewahrt und seine barbarischen Aspekte gezähmt zu haben. Auch die Unterhaltungsindustrie, zahlreiche Filmgenres und TV-Formate leben von Dramaturgien, an deren Ende einer der Stärkere und der andere auf der Strecke geblieben ist. Und noch im Regelwerk der parlamentarischen Demokratie ist mit dem Dualismus von Sieg und Niederlage die Magie des Duells als anthropologische Konstante versteckt.

In jedem Wahlkampf sind somit uralte Antriebskräfte wirksam. Das Fernsehen ist stärker als andere Medien geeignet, sie sichtbar zu machen und ihren Unterhaltungswert auszubeuten. Im gegenwärtigen Wahlkampf kommt hinzu, dass die Kapitulation der Politik vor der Wirtschaft und die selbstverordnete Ohnmacht der politischen Matadore angesichts der Eigendynamik des globalen Marktgeschehens klarer als je zuvor zutage liegen. Ein großer Teil der Bevölkerung erwartet in diesem Punkt weder von denen, die noch die Macht innehaben, noch von jenen, die sie erlangen wollen, eine andere als die bekannte neoliberale Strategie.

"Personalisierung" des Politischen muss somit zwei unterschiedliche Ziele verfolgen. Zum einen erfüllt sie das, was schon die "persona" des antiken Theaters, die Maske, leistete: Sie soll das "wahre Gesicht" ihres Trägers, politisch gesprochen: die Wirklichkeit seiner Taten oder seiner Untätigkeit verhüllen. Zum andern gilt es, im Sinne Ciceros, den Akteur mit einer "persona", das heißt mit Ansehen und Ausstrahlung auszustatten: Wer ein öffentliches Amt ausüben will, muss einfach Eindruck schinden - zumal dann, wenn er nicht viel auszurichten vermag. Das Duell als Medienprodukt verstärkt diese Strategie, schafft aber auch ein Risiko. Wenn sich zwei Politiker, die beide das Ende des politischen Gestaltungswillens verkörpern, duellieren, entsteht eine groteske Situation, die nur mit erheblichem Aufwand zu einer bedeutenden hochgejubelt werden kann.

Wie im altrömischen Circus Maximus oder bei den Ritterspielen des feudalen Mittelalters ging dem "großen Duell", das uns am nächsten Sonntag erwartet, allerlei duell-ähnliches Geplänkel voraus. Das ist noch ein relativ gemäßigter Ausdruck für das Duell-Fieber, das die Republik befallen hat. Am Duell hängt, zum Duell drängt im Augenblick ja alles. Das ist auch auf die Symmetrie der politischen Anordnung und der medienpolitischen Landschaft zurückzuführen: zwei "große Volksparteien"; ein Kanzler und eine, die Kanzlerin werden will; zwei öffentlich-rechtliche Systeme, die den Circus Maximus bereit stellen, und das "duale System", das in Gestalt der Privatsender RTL und Sat 1 bei der Ausrichtung des Showdowns auch noch dabei sein will.

Unvermeidlich wandern Schröder und Merkel schön der Reihe nach und jeweils zeitversetzt durch die Talkshows von Maybrit Illner (ZDF) und Sabine Christiansen (ARD), von den vielen Nebenbühnen einmal abgesehen: Einstimmung und Sparring fürs große Duell. Um die Spannung zu schüren, wird kurz vor dem Endspurt noch ein Gladiatoren-Gemetzel veranstaltet, bestritten von Merkel, Stoiber, Westerwelle, Fischer und Clement im ZDF: mit dem Ergebnis, dass sich die Kontrahenten - allesamt Vertreter des neoliberalen Kartells, mit der nicht anwesenden Gefahr von links im Nacken - bis zur Erschöpfung mit Haarspaltereien zu den Themen Steuergerechtigkeit, Wirtschaftswachstum, Lohnnebenkosten und Staatsverschuldung zu überbieten suchen. Schnellsprecher Wolfgang Clement, für seinen erkrankten Parteichef Müntefering eingesprungen, behielt irgendwie die Oberhand und konnte, ohne die Krawatte zu wechseln, auch noch die anschließende Schießerei mit Roland Koch bei Maybrit Illner überstehen.

Wichtig ist, dass darüber hinaus Duelle stattfinden, die eben nicht stattfinden, weil sie wieder abgesagt werden und im Status des sensationellen Gerüchts Furore machen, um schließlich, wie die Begegnung zwischen Stoiber und Lafontaine, als Spiegel-Streitgespräch zu verkümmern. Was bleibt unter dem Strich? Oskar der Triumphator. Er hat Stoiber mit dem Hinweis auf seinen Vorsprung an Dienstjahren fast zum Verstummen gebracht, seinen Auftritt auf dem Parteitag der Linken selbst als Wende in der Geschichte der Arbeiterbewegung gefeiert und durfte sich schließlich, am Sonntag bei Christiansen, mit Friedrich Merz duellieren. Doch das war kein richtiges Duell. Zwar hat Merz unverwandt Lafontaine angesehen, der aber hat immer nur die Kamera gesucht und sich auf direktem Weg an die "Millionen Fernsehzuschauer draußen im Land" gewandt. Und so wird Oskar der wirkliche und echte Arbeiterführer des 21. Jahrhunderts sein.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare