Die magischen acht Prozent

China und die Weltrezession Die Wirtschaft im Reich der Mitte muss stabil bleiben, soll die globale Ökonomie nicht weiter destabilisiert werden. Doch die Wachstumsraten sinken

Firmenchef Li Xiaogang stürzt in sein Büro, zwei Mitarbeiter, die leicht gelangweilt vor den Computern sitzen, zucken zusammen - in den Räumen der Firma Newart Sunshine, die ein Büro-Tower im Nordwesten Pekings beherbergt, herrscht unverkennbar gedrückte Stimmung. Die Finanz- und Absatzkrise belastet die Auftragslage, so dass die Fabrikation von Kartonagen und anderem Verpackungsmaterial augenblicklich allein das Warenlager und nicht die Verkaufsstatistik füllt. Im Zimmer von Li Xiaogang wartet seit einer halben Stunde der Firmengründer Zhang Quanyi. Schon längst wollte ihm Li den Schachtelentwurf für neue medizinische Wärmekissen liefern. Leider sei eine Maschine ausgefallen und deshalb die kupferfarben leuchtende Verpackung nur ein provisorisches Muster ohne Wert, entschuldigt sich Li und beugt mit einem Lob einem möglichen Streit vor. "Wissen Sie, es beeindruckt mich sehr, dass Sie in diesen Zeiten ein Geschäft aufbauen wollen. Offenbar scheuen Sie kein Risiko." Er selbst wage es derzeit nicht, in seinem Unternehmen an neue Investitionen zu denken.

Unsicherheit erfasst die Mittelschicht

Auf China richten westlichen Industrienationen in Zeiten der globalen Rezession hoffnungsvolle Blicke. Sollte der Gigant in einem Augenblick straucheln, da er mehr denn je als Global Player gefragt ist - mit den seit Jahrzehnten zweistelligen Wachstumsraten? Die zu Wohlstand gelangten Chinesen in den urbanen Boom-Zentren der Küstenzone von Shenyang über Shanghai bis Guangzhou bilden den potentiell größten Absatzmarkt der Welt. China hatte bis zum Herbst der Zusammenbrüche etwa 1,9 Billionen Dollar Devisenreserven größtenteils in US-Staatspapieren angelegt und in den Vereinigten Staaten den inzwischen gründlich zerronnenen Konsumauftrieb mitfinanziert. Schon aus diesem Engagement lässt sich ersehen: Chinas Wirtschaft muss stabil bleiben, wenn die globale Ökonomie wieder stabil werden soll.

Derzeit jedoch, sagen Pekinger Analysten, schwächelt nicht nur die Bauwirtschaft, die Nachfrage nach Stahl und Elektrizität ging bis zum Jahreswechsel ebenso zurück wie die nach Kraftfahrzeugen und Werkzeugmaschinen. Die Industrieproduktion ist im letzten Quartal des Jahres 2008 nur halb so schnell gewachsen wie im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor. Die Immobilienpreise fielen teilweise um sagenhafte 50 Prozent. Auch wenn sich die Börsen in Peking und Shanghai wieder beruhigt haben - bis November sorgte der Aktienmarkt für manchen Tag des Grauens.

Die wirtschaftliche Unsicherheit erreicht längst die Mittelschicht: Bei den drei staatlichen Finanzinstituten Construction Bank, Agricultural Bank und Industrial and Commercial Bank sollen bis Ende Dezember mehrere zehntausend Mitarbeiter entlassen worden sein. Muss die chinesische Regierung mit deutlich schrumpfenden Wachstumsraten vorlieb nehmen, ist die Formel der gegenseitigen Legitimation zwischen dem Staat und seinen Bürgern - für Eure Loyalität und Unterstützung liefern wir uch Wohlstand - nur noch eine Erinnerung wert.

Man kann Premier Wen Jiabao nicht vorwerfen, einem ungezügelten Galopp der chinesischen Ökonomie, der Überhitzung und Spekulation tatenlos zugesehen zu haben. Mit einer restriktiven Geldpolitik im ersten Halbjahr 2008 sollte der Immobilien- und Bauboom wegen akuter Inflationsgefahr gedeckelt werden, was nur bedingt gelang. Inzwischen prophezeien die Analysten von Morgan Stanley im laufenden Jahr - trotz eines Konjunkturpaketes der Zentralregierung von 400 Milliarden Dollar - nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 7,8 bis 7,9 Prozent (nach den 11,3 Prozent plus von 2007 und den 8,8 Prozent im Vorjahr). Die Weltbank veranschlagt für 2009 gar nur 7,5 Prozent. Die Volksrepublik braucht jedoch die magischen acht Prozent Zuwachs. Die Pekinger Wirtschaftsweisen sind überzeugt, unter diesem Limit zu bleiben, das würde bedeuten, in den Sog einer Massenarbeitslosigkeit mit all ihren sozialen Verwundungen zu geraten.

Die Rezession treffe besonders die im Export stark engagierten Unternehmen in Süd- und Nordostchina, erzählt Firmenchef Xiaogang in seinem Büro. Kollegen würden berichten, dass in diesen Regionen seit Oktober Hunderte Fabriken geschlossen oder ihre Produktionen gedrosselt worden seien - die Hälfte der chinesischen Spielzeughersteller und ein Drittel der Schuhfirmen seien von der Bildfläche verschwunden. "Bei uns hier in Peking ist die Krise im Moment eher psychologischer Natur", glaubt Li, "aber das hemmt eben auch die von der Regierung beschworene Binnennachfrage." Zhang Quanyi stimmt ihm zu und meint, Arztkosten wie auch die Bildung seien zu teuer und noch zu wenig staatlich abgesichert. Dass die Regierung mit dem 400-Milliarden-Dollar-Konjunkturpaket vorzugsweise in die ländliche Infrastruktur und die sozialen Sicherungssysteme investiert, sei notwendig, doch sollten auch private Unternehmen nicht vergessen werden.

Kann China die Welt retten?

An diesem Tag besucht Zhang abends noch eine Debatte zum Thema China und die Finanzkrise - kann die Volksrepublik die Welt retten? Die Veranstaltung findet in einem Bürogebäude am Rande von Pekings Glamour-Mall Platz des Ostens statt. Zhang läuft an den Läden von Gucci, Versace und Dior vorbei zum Fahrstuhl. Im Tagungsraum der Cheung Kong Graduate School of Business sitzen chinesische und ausländische Geschäftsleute, dazu Journalisten und einige Studenten. Michael Pettis, Ökonom an der renommierten Peking-Universität, und Liu Jin, Wirtschaftswissenschaftler der Business School, diskutieren auf Englisch über Sinn und Erfolgsaussichten der für Chinas Ökonomie eingeleiteten Rettungsmaßnahmen.

Pettis ist skeptisch, die Regierung habe schon aus psychologischen Gründen kaum eine andere Wahl, eine Ankurbelung der Binnennachfrage dauere wegen des Sparverhaltens der chinesischen Mittelschicht aber viel zu lange. Zudem würden die enormen Überkapazitäten vieler Hersteller leider nicht als Teil des Problems erkannt. Die chinesische Exekutive hänge dem gleichen Irrglauben an wie die US-amerikanische 1929/30: Das Weiße Haus hätte damals genauso geglaubt, die Krise ließe sich heraus exportieren, man müsse keine aktive Fiskalpolitik betreiben.

Im Unterschied dazu gibt sich der Ökonom Liu verhalten optimistisch. Chinas Regierung könne, ohne mit politischem Widerstand rechnen zu müssen, noch weitere Konjunkturpakete schnüren. Außerdem hätten die Chinesen Vertrauen in den Staat und würden das Ihre tun, die Krise zu bewältigen. Die Idee aus einigen westlichen Staaten, China möge doch mit seinen enormen Währungsreserven kränkelnden US-Firmen unter die Arme greifen, findet Liu schwierig. Zunächst einmal habe die US-Regierung schon einige Kaufversuche abgeblockt, überdies brauche sein Land die Dollardepots, um die eigene Währung zu sichern.

Der aufstrebende Unternehmer Zhang kann das nur bestätigen, aber er versteht auch die Kritik aus dem Westen. "China sollte aus eigenem Interesse irgendwann seine Währung frei konvertierbar machen und eine fatale Exportabhängigkeit reduzieren. Aber das braucht Zeit."

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00:00 16.01.2009

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