Die Maschinen schauen zu

Ich ist ein Anderer Ein Rundgang durch die schöne neue Welt der elektronischen Überwachung

An diesem regnerischen Morgen hat sich eine kleine Gruppe der Electronic Frontier Foundation (EFF) in der Innenstadt von San Francisco zu einer Feldexkursion eingefunden. Treffpunkt ist die Bahnstation Montgomery, die zu dem weitläufigen U-Bahn-System gehört, das die vier Millionen Menschen der Bay Area miteinander verbindet. Seth Schoen von der EFF weist darauf hin, dass wahrscheinlich bereits drei Videokameras auf uns gerichtet sind.

Auf dem Weg in den Eingangsbereich der U-Bahnstation findet Seths Kollege Chris eine Art Geigerzähler, der die Aufgänge nach nuklearem Material absucht. Ein Nuklearwaffendetektor mitten in der Stadt ist auch für die kleine Gruppe Experten ein erstaunlicher Fund. Unten weist Seth auf die neuen Fahrscheinautomaten hin, bei denen man nur mit Kreditkarte bezahlen kann. Man bekommt dann eine persönliche Plastikkarte, die mit einem RFID Chip ausgestattet ist. Das hat zwar den Vorteil, dass man ohne in der Schlange warten zu müssen durch die Schranken kommt, aber bei jeder Fahrt erkennt der neue Automat, wer wann, wo und wie lange die U-Bahn benutzt hat. Aus diesen Daten werden dann Bewegungsprofile erstellt, die im Datenzentrum gespeichert und eventuell auch an andere Firmen und staatliche Behörden weiter gegeben werden können.

Im kommerziellen Bereich kennt die USA nur einen kümmerlichen Datenschutz. Anders als in Europa, wo jeder Bürger - zumindest auf dem Papier - das Recht und die Kontrolle über seine Daten behält, hat man dies in den USA schon längst abgegeben. Das ist einer der Gründe dafür, dass Seth kein Handy hat, obwohl das zur Grundausstattung eines urbanen Menschen des 21. Jahrhundert gehört, wie er lachend zugibt. In den modernen Industriegesellschaften wie den USA entscheidet sich inzwischen die gesellschaftliche Teilhabe am elektronischen Gerät und der Art des Zahlungsmittels. Immer häufiger steht man vor verschlossenen Türen, die einem abverlangen, elektronisch registriert zu sein: Man versuche nur, in den USA schnell einen Wagen oder ein Hotelzimmer zu mieten ohne im Besitz einer Kreditkarte, Handynummer oder Emailadresse zu sein, viel Glück! Schleichend ist so die elektronische Beobachtung über die vielen praktischen Helfer in den US-Alltag getreten. Handys geben zum Beispiel im angeschalteten Zustand ihren Standort permanent an die Telefongesellschaften weiter. Und dass die Telefongesellschaften in den USA nicht gut mit den anvertrauten Daten umgehen, weiß die EFF nur zu gut, gerade haben sie At, den größten Telefongiganten der Welt, verklagt, weil das Unternehmen zugelassen hat, dass die US-Regierung mittels Geheimdienst NSA die Telefonleitungen anzapft, um Millionen von Telefongesprächen abzuhören, die dann per Computer analysiert werden.


Begibt man sich mit den Mitarbeitern der EFF auf einen Erkundungsstreifzug in die verborgene Welt der Elektroüberwachung, beginnt man zu begreifen, was technisch bereits möglich ist und was hinter verschlossenen Türen von privaten und staatlichen Sicherheitsinstitutionen wohl schon angewandt wird. Und in diesem legalen "Niemandsland des Datenschutzes" werden die Rechte weiter aufgeweicht. Die so genannte digitale Revolution ist weit fortgeschritten. Seit dem 11. September hat sich zudem eine starke Fraktion aus beiden Parteien gebildet, die den Datenschutz der Bürger weiter aushöhlt. Immer öfter wird wiederholt: Wer mehr Sicherheit will, muss Einschnitte in seine Privatsphäre hinnehmen.

"Wie viel muss der Staat wissen, um uns vor uns selbst zu schützen?", fragt man sich in den USA inzwischen spitzfindig. Was bedeutet es konkret, wenn man den Netzwerken der Datenfirmen schutzlos ausgeliefert ist? Die meisten Bürger haben den Überblick bereits verloren, da die allerorts gesammelten Daten von privaten Konzernen gekauft, umsortiert und ausgewertet werden. Immer wieder kommt es dabei auch zu Namensverwechslungen und Computerfehlern. Clinton Brooks arbeitete 35 Jahre lang für die National Security Agency (NSA), den geheimsten und größten der amerikanischen Geheimdienste. Er ist Mathematiker von Beruf und von daher ein Freund der exakten Wissenschaften. Verworrene Verschwörungstheorien sind ihm fremd. In einer Washingtoner Hotellobby gibt er freundlich Auskunft, natürlich nur über Dinge, über die er sprechen darf. Immer wieder fragen ihn Freunde, ob man in den USA Angst vor der staatlichen Überwachung haben soll. Meist gibt er dann eine kleine Geschichte preis: "Viele Leute in den USA sind so naiv zu glauben, wenn sie nichts angestellt haben, hätten sie auch vor dem Staat nichts zu verstecken. Aber stellen Sie sich zum Beispiel folgende Situation vor: An der Ecke stehen drei Leute, die sich unterhalten. Daneben stehen Sie und nicken oder machen eine andere zufällige Bewegung, die vielleicht missverstanden werden könnte. Wenn diese Typen nun Drogendealer sind oder unter besonderer Überwachung stehen, geraten Sie sofort unter Verdacht, weil diese Geste per Kamera aufgezeichnet wurde. Die Behörden werden Ihr Leben umkrempeln und Sie wissen nicht einmal, weshalb."

Brooks beschreibt, wie man sich als US-Bürger ganz zufällig in den immer engmaschiger ausgelegten elektronischen Netzen verfangen kann. Früher waren die technischen Möglichkeiten beschränkt. Eine Telefonüberwachung war personalaufwändig. Heute ist in den elektronischen Geräten die Datenerfassung bereits eingebaut: Handys melden den Standort an die Telefongesellschaften, Kreditkartengesellschaften speichern den Zahlungsverkehr; selbst Kleidung wird mit RFID-Chips ausgestattet, der am Geschäftseingang von Lesegeräten gescannt werden kann, ohne dass der Träger es bemerkt; Internetsuchmaschinen wie Google speichern das Suchverhalten ihrer Kunden ohne zeitliche Beschränkung. Der Hunger von privaten und öffentlichen Institutionen, zu wissen, was man liest, kauft, wie und wohin man sich bewegt, scheint nicht zu stillen zu sein.

Zu Besuch bei einem der weltgrößten Datenhändler, Lexis Nexis in Dayton, Ohio: Hier enden viele der Datenkabel, die die Welt umspannen. Folgt man dem technischen Direktor Allan D. McLaughlin durch etliche Sicherheitsschleusen, gelangt man ins Allerheiligste: das Datenzentrum. Die Automation hat die Gänge leergefegt. Wenige Mitarbeiter führen die notwendigen Instandhaltungsarbeiten aus: Steckverbindungen überprüfen, die staubfreien Flure wischen. Computer soweit das Auge reicht. Hinter dem Rechnerhorizont leuchtet ein grünliches Licht. Dort befindet sich das Kontrollzentrum - auf einem übergroßen Plasmamonitor mit Weltkarte werden die Datenströme zwischen den Kontinenten überwacht. McLaughlin bemerkt, dass die Analyse der von Menschen produzierten Daten das größte Problem darstellt. Er merkt weiter an, dass die Daten, die sie aus der ganzen Welt empfangen, erst einmal bearbeitet werden, damit sie genutzt werden können. Auch das geschieht vollautomatisch mit Maschinen. Was wir hier sehen, ist vielleicht ein Ausblick auf die Zukunft: Maschinen, die Maschinen bedienen. Automatisierte Analysewerkzeuge, die selbständig mit elektronischen Analogien und Wörterbüchern arbeiten, um die computerisierten Datenlager und Suchmaschinen mit den aufbereiteten Informationen zu versorgen. Innerhalb von fünf Sekunden sollen die Kunden Zugang zu dem enormen Datenlager haben, 1,5 Petabite stehen zur Verfügung, berichtet McLaughlin stolz. Aus dieser digitalen Weltbücherei lässt sich vieles erfahren - es ist nur eine Frage des Geldes.

Die großen Datenkonzerne wie Lexis Nexis, Axiom oder Chioce Point geraten immer wieder in die Schlagzeilen. Trotz des enormen Sicherheitsaufwandes kommt es zu Diebstahl von Millionen sensibler Privatinformationen. Um zum Beispiel Zugang zur Datenbank von Choice Point zu bekommen, muss man einfach einen Fragebogen ausfüllen und ein so genanntes legitimiertes Geschäftsinteresse nachweisen. Eine Firma des organisierten Verbrechens in Los Angeles füllte den Fragebogen aus und gab "Schuldeneintreibung" als Gewerbe an. Sie erhielt daraufhin freien Zugang zum Rechenzentrum. Mit Hilfe einer Internetverbindung konnte sie Daten von 160.000 Bürgern herunterladen; 800 wurden daraufhin Opfer von Identitätsdiebstahl. Die Sache kam eher zufällig heraus, ein Mitarbeiter bei Choice Point schöpfte Verdacht und schaltete das Los Angeles Police Department ein. Mit den gestohlenen Daten kann ein Dieb zum Beispiel Kreditkarten bestellen und im Internet einkaufen. Das Opfer merkt den Betrug oft erst zu spät, da die Abrechnungen an eine neue Adresse geschickt werden.


Identitätsdiebstahl ist das Schreckenswort mit Konjunktur in den USA: Es ist das Verbrechen mit der höchsten Wachstumsrate. Die Steigerung des Identitätsdiebstahls ist das so genannte Identitäts-Klonen: Man übernimmt komplett mit neuen Ausweispapieren die Identität einer Person und begeht unter deren Namen Verbrechen. Bronty Kelly ist so etwas passiert: Vor über zehn Jahren wurde seine Brieftasche mit Ausweispapieren gestohlen; von den desaströsen Konsequenzen ahnte er nichts. 1993 wurde er mit Ehren aus dem Militärdienst in San Diego entlassen und versuchte danach, einen Job zu finden. Es gelang ihm nicht. In den USA führen alle Arbeitgeber so genannte elektronische Backgroundchecks der Bewerber durch. Mit Hilfe der "Schlüssel-Identifikatoren" wie Name, Geburtsdatum und Sozialversicherungsnummer erstellen die Firmen per Computer ein Lebensdossier. Mit einem Mausklick und einer Internetverbindung zu einem der großen Datenhändler liegt den Arbeitgebern dann die gesamte Lebens- und Arbeitsbiografie offen. Da die Arbeitgeber nicht verpflichtet sind, den Bewerbern mitzuteilen, warum sie jemanden ablehnen, tappte Bronty Kelly im Dunkeln eines kafkaesken Schlosses umher.

Erst die Recherchen eines TV-Reporters brachten Licht in die Zusammenhänge: "Auf meinen Namen waren etliche Haftbefehle ausgestellt. Jeder Streifenwagen hätte mich sofort festnehmen müssen: Der Haftbefehl lautete auf bewaffneten Überfall, Diebstahl, Unruhestiftung, Widerstand gegen die Staatsgewalt. Ich erfuhr, dass die Person, die meine Brieftasche geklaut hatte, Verbrechen in meinem Namen begangen hatte. Jedes Mal wenn er verhaftet wurde, wies er sich mit meinem Führerschein und meiner Sozialversicherungskarte aus. Niemandem bei der Polizei fiel das auf." Aber der Alptraum ist für Bronty Kelly noch nicht zu Ende. Die Bundes-Steuerbehörden und das FBI gaben ihm eine neue Sozialversicherungsnummer und trotzdem fiel er bei jedem Backgroundcheck durch. Die Computer der Datenfirmen stolperten über den Umstand, dass ein 40jähriger keine Eintragungen über Arbeit und Kreditkartennutzung hatte, typisch für die Identität von Ex-Mafiosi, die in Mafiaprozessen ausgesagt haben und sich im Zeugenschutzprogramm befinden. Selbst das mächtige FBI war in diesem Fall nicht in der Lage, die Systeme auszutricksen.

Trotz alledem scheint die Mehrheit in den USA nicht sonderlich beunruhigt darüber, dass das Leben rund um die Uhr elektronisch aufgezeichnet wird. Die Frage bleibt, ob das Sicherheitsempfinden in hochtechnisierten Gesellschaften dadurch überhaupt größer wird. Laut Bruce Schneier, Sicherheitsexperte aus Minneapolis, schafft jedes neue System exponentiell mehr neue Probleme. Das gilt erst recht für computergestützte Sicherheitssysteme. "Um zu überleben, müssen wir abwägen: Risiko gegen Sicherheit. Diesen Tausch machen wir jeden Tag ganz nebenbei und intuitiv: Schließen wir unser Haus ab, auch wenn es Zeit kostet, gehen wir den kürzeren dunkleren Weg runter oder die hellere Straße, jeder Mensch trifft diese Sicherheitsentscheidungen."

Menschen sind meist überzeugt davon, im Abwägen von Sicherheitsentscheidungen gut zu sein. Schneier meint jedoch: "Wenn man es genau betrachtet, sind wir schlecht darin; es ist ein interessantes Paradox der modernen Industriegesellschaft." Seit dem 11. September 2001 herrscht in den USA ein allgemeines Unsicherheitsgefühl, das zusätzlich von Politikern geschürt wird, die wiedergewählt werden wollen. Die Zunahme der elektronischen Überwachungsgeräte aber macht eine Gesellschaft nicht unbedingt sicherer, sondern bringt sie vor allem schneller in die Nähe eines Überwachungsstaats, meint nicht nur Bruce Schneier.


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00:00 20.10.2006

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