Die Milch macht’s nicht mehr

Bauernsterben Der Verfall der Milchpreise bedroht vor allem die Existenz der kleinen landwirtschaftlichen Betriebe. Das muss nicht sein. Es gibt alternative Konzepte

Es ist Frühjahr und wieder fallen die Preise für Milch und Milchprodukte. Was Verbraucher freuen mag, treibt die Bauern auf die Straße. Es geht nicht nur um Geld, es geht um die Existenz vieler Höfe.

„Die Situation ist dramatisch“, sagt der Chef des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber. Weil die Produktionskosten höher sind als der Preis, den die Bauern auf dem Markt erzielen können, sorgen sich viele vor dem Bankrott. „Wir stehen mit dem Rücken an der Wand“, so Schaber. Die Milchbauern wollen einen Milchpreis von 40 Cent pro Liter durchsetzen.

Dafür gehen Milchbäuerinnen vor dem Kanzleramt in den Hungerstreik, blockieren Traktoren die Siegessäule. Wieder einmal. Im November vorigen Jahres, um nur ein Beispiel zu nennen, zogen 2.000 Bauern im niederbayerischen Ruhstorf für eine Beschränkung der Milchmenge durch die Gemeinde. Die Landwirte demonstrierten vor dem Wohnsitz von Gerd Sonnleitner, dem Präsidenten des industriefreundlichen Deutschen Bauernverbandes. Der will die Quote zu Gunsten von Molkereien, Einzelhandelsketten und Großproduzenten aufheben. Kein Wunder dass ein Bauer nach dem anderen den Verband von Sonnleitner verlässt und dem BDM oder der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) beitritt. „Der Bauernverband hat bisher keine Politik für den Milchbauern betrieben, sondern Politik für die Konzerne“, sagt Schaber.

Hungernde Landwirte

Nicht nur in Deutschland stehen Landwirte mit dem Rücken zur Wand. Überall auf der Welt ähnelt sich das Szenario. Die Zukunft des gesamten Bauernstandes ist ungewiss. Etwa eine Milliarde Menschen weltweit leidet heute Hunger. „70 Prozent aller Hungrigen in der Welt sind selbst Landwirte“, erklärt Paul Nicholson, baskischer Bauer und Europasprecher der internationalen Kleinbauernbewegung La Via Campesina. In Asien, Afrika und Lateinamerika flüchten Millionen Menschen in die Slums der Großstädte, weil sie von ihrer landwirtschaftlichen Arbeit nicht mehr leben können.

Die Gründe dafür sind vielseitig: Landkonzentration, hohe Kosten für Kunstdünger, Pestizide und Saatgut sowie die Exportorientierung der Landwirtschaft. In den letzten Jahren sind auf Betreiben der Welthandelsorganisation WTO nahezu alle Agrarprodukte zu globalen Waren geworden. Auf Kosten der Umwelt wird in einigen Regionen der Welt mehr produziert, als verbraucht werden kann. Unter dieser Überproduktion leiden vor allem die Kleinbauern in den Ländern der so genannten Dritten Welt, die einer Billigkonkurrenz von industriell gefertigten, meist hochsubventionierten Agrarprodukten aus den USA, Europa und Japan ausgesetzt sind.

So wie etwa im westafrikanischen Staat Mali. Ende der neunziger Jahre hatte die dortige Regierung die Milchproduktion gezielt gefördert. Eine staatliche Kooperative wurde gegründet. „Das Land war nach kurzer Zeit in der Lage, seinen eigenen Milchbedarf komplett zu decken“, sagt Nicholson. Dann zwang die Weltbank die Regierung in Bamako, die Kooperative zu privatisieren. „Eine libanesische Firma bekam den Zuschlag. Ihre erste Entscheidung war, künftig die nur halb so teure Milch aus Europa zu kaufen. Genauer: Milchpulver.“ Mit diesem Schritt sei die ganze Milchproduktion in Mali zerstört worden. „Die Milchbauern verschwanden, nicht einmal die Verbraucher haben davon profitiert, denn die Verkaufspreise blieben so hoch wie zuvor.”

Hierzulande geht es den kleinen Landwirten deshalb nicht automatisch besser. Eine steigende Nachfrage nach Milch aus dem Ausland hatte zwar 2007 den Milchpreis vorübergehend steigen lassen. Die Bauern steigerten dann aber die Produktion und die Milchquote wurde um zwei Prozent erhöht. Ein starker Euro belastete den Export, die Milchmenge auf dem einheimischen Markt wuchs und schwächte die Position der Lieferanten. Die Macht der großen Einzelhandelsketten hat die Preiskurve seither wieder sinken lassen. Die Produktionskosten sind höher als das zu erzielende Einkommen. Das stehen nur große landwirtschaftliche Betriebe durch.

Eine bäuerliche Alternative

Das Bauernsterben nach dem Prinzip „Wachsen oder weichen“ kommt dabei sogar noch als Fortschritt daher. Je weniger Menschen mit der Produktion und dem Sammeln von Nahrungsmitteln beschäftigt sind, desto entwickelter die Gesellschaft, lautet eine Grundannahme mit verheerenden Auswirkungen. Auch in Europa, wie man an den Milchbauern sieht. Zwar leben schon jetzt nur noch zwei bis drei Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in den Industriestaaten von der Landwirtschaft. Aber auch in Europa ist das Ende dieser Entwicklung noch nicht erreicht. „Jede Minute verschwindet ein Bauernhof im Familienbesitz, vor allem in den bergigen und abgelegenen Regionen Europas – auch in Deutschland“, sagt Nicholson.

Der Ausweg heißt Ernährungssouveränität, eine Idee, die nicht nur die Situation der Konsumenten, sondern auch die der Produzenten im Blick hat. La Via Campesina (Der bäuerliche Weg) hat die Idee Mitte der neunziger Jahre ins Gespräch gebracht. Heute ist aus dem einstigen politischen Kampfbegriff längst ein Alternativkonzept geworden: Jede Region soll den Grundbedarf ihrer Bevölkerung mit eigenen Produkten sichern können– ohne Giftcocktails und Gentechnik. Ernährungssouveränität, so heißt es in einer Deklaration zahlreicher Bauernorganisationen, „stellt die Menschen, die Lebensmittel erzeugen, verteilen und konsumieren, ins Zentrum der Nahrungsmittelsysteme, nicht anonyme Märkte und die Profitinteressen transnationaler Konzerne.“ Deshalb fordern die Kleinbauern von La Via Campesina auch das Recht eines ­jeden Landes, seine landwirtschaftliche Produktion mit Zollschranken gegen die Billigkonkurrenz aus den industrialisierten Ländern zu schützen. Noch sind die Bündnispartner in den etablierten Etagen der Politik rar gesät. Aber auch in Deutschland diskutieren Bauern- und Nichtregierungsorganisationen darüber. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft ist selbst Mitglied von La Via Campesina, der Bund Deutscher Milchviehhalter hat Beobachterstatus.

Aber noch ist es ein weiter Weg: Dass die Bundesregierung nach den Protesten der vergangenen Tage Steuersenkungen beim Agrardiesel beschloss, hilft den Milchbauern in Deutschland nicht aus der Krise. Es war ohnehin vor allem ein wahltaktisches Manöver. Jetzt denken Milchbauern wieder über einen Lieferboykott nach. Man müsse die eigene Marktmacht nutzen, meint der AbL-Vorsitzende Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf. „Die verhängnisvolle Steigerung der Milchproduktion darf nicht fortgeführt werden.“ Viele kleine und mittlere Höfe könnten sonst zu den nächsten Opfern der Politik des „Wachsens oder Weichens“ gehören.

„Kommt endlich zur Vernunft und stoppt die Abwärtsspirale der Preise“, forderte unlängst auch der Chef der Nahrungsmittel-Gewerkschaft NGG, Franz-Josef Möllenberg. Doch im Gegensatz zu den Banken gelten gerade die kleinen Landwirte nicht als systemrelevant und können kaum mit vergleichbaren Staatshilfen rechnen. Und die milliardenschweren EU-Agrarsubventionen werden auch wenig helfen. Kleinproduzenten erhalten davon seit jeher nur einen Bruchteil. Der Löwenanteil fließt in die Taschen der Produzenten und Händler, die mit Exporten die Landwirtschaft in anderen Ländern zerstören.

Von Kühen und Bauern

Die Produktion von Milch gehört zu den wichtigen Zweigen der deutschen Landwirtschaft. Über 4,2 Millionen Milchkühe in knapp 100.000 bäuerlichen Betrieben erzeugten im vergangenen Jahr fast 29 Millionen Liter Milch. Dafür erhielten die Erzeuger im Jahresschnitt nach Angaben der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle knapp 34 Cent je Liter Milch.

Ob diese Marke 2009 erreicht werden kann, ist fraglich. Schon im März lag der Preisniveau von Milchprodukten rund 21 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die marktbeherrschenden Discounter haben den Preis für die Verbraucher zuletzt Anfang Mai um sieben auf 48 Cent pro Liter Vollmilch verbilligt.

Die Preissenkungsrunde im vergangenen Frühjahr kostete einen durchschnittlichen Milchbauern 7000 Euro pro Jahr. Der Verlust für die Landwirtschaft betrug insgesamt rund 650 Millionen Euro.

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05:00 28.05.2009

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