Die milde Ader im Urgestein

Laudatio Erhard Eppler zum 80. Geburtstag

Am 9. Dezember geboren, in Ulm, setzt Eppler einen Punkt hinter die lange Reihe öffentlich gefeierter 80. Geburtstage von Autoren, Wissenschaftlern, Politikern des Jahrgangs 1926. Er war immer mitten drin auf den Stationen seiner Laufbahn, doch etwas an ihm gehörte nie ganz zu den Anderen, mit denen er zu tun bekam. Er hat sehr vieles richtig gemacht unter dem, was er anrichtete, aber die Wortführer seiner jeweiligen Spezies fanden es immer wieder falsch.

Als er ein junger Mann war, in der Gründerzeit der Bundesrepublik, gab es noch das politische Urgestein. Obendrein hatte er von Geburt an seinen schwäbischen Dickkopf mitbekommen, selbst Herbert Wehner konnte den nicht knacken. Kein Wunder, dass sich an ihm die Geister schieden und sich das auch mit dem wachsenden Alter der Beteiligten nicht gewandelt hat. Eppler kam weit herum in der Welt, und er lebt heute wieder dort, wo er aufgewachsen ist: in Schwäbisch-Hall.

Er hat Englisch, Deutsch und Geschichte studiert, in Frankfurt am Main, Bern und Tübingen, wurde promoviert und Studienrat, in Schwenningen. Epplers politische Geburtsstunde kam, als Konrad Adenauer hinter dem Rücken seiner Regierung und verborgen vor der Öffentlichkeit der US-Besatzungsmacht die viel zu frühe Wiederaufrüstung Westdeutschlands anbot. Die Amerikaner wollten in einem möglichen Russlandkrieg erfahrene deutsche Soldaten an ihrer Seite haben, und Adenauer wollte die alternativlose Westbindung des neuen Staates.

Nachdem Gustav Heinemann das entdeckt hatte, trat er aus Protest gegen die Eigenmächtigkeit des greisen Kanzlers als Bundesinnenminister zurück. Erhard Eppler und Johannes Rau nahmen sich Heinemann zum Vorbild und gründeten mit ihm und Helene Wessel in einer gleich denkenden Gruppe die Gesamtdeutsche Volkspartei (GVP). Mit ihr traten sie 1953 zur zweiten Bundestagswahl an. Es war ein aussichtsloser Kampf um die Politik für den deutschen Zusammenhalt; für Eppler und seine Freunde wurde es die erste bittere Lehre aus der Erfahrung einer Minderheit, die mit 1,2 Prozent tief unter die Fünfprozentklausel fiel.

Ich wohnte mit der Familie damals in Stuttgart. Wir haben Heinemann und seine Mitstreiter in diesem mir unvergesslichen Wahlkampf erlebt. Doch die Mehrheit wählte das mit dem Dollarstrom und der eigenen Tüchtigkeit anhebende Wachstum, und alles lief auf die Verfestigung der deutschen Teilung hinaus. Bald danach, 1956, nahm die SPD Heinemann und seine Gruppe mit offenen Armen auf. Erhard Eppler, gerade 30, wird nicht geahnt haben, wie nachhaltig sich damit seine politische Zukunft entschied. Es war die Zeit der unerwarteten Möglichkeiten für die Kriegsgeneration. Jeder Backstein gab dem Leben einen Sinn. Plötzlich war es, als gehörten wir zu den westlichen Siegern.

Als ich den Politiker Eppler persönlich kennen lernte, war ich Vorsitzender des Schriftstellerverbands (VS) in der IG Druck und Papier und als Abgeordneter für das Allgäu in den Bonner Bundestag gewählt worden. Er war Bundesminister für Wirtschaftliche Zusammenarbeit. In der Fraktion erlebten wir teilweise mit, wie er die Aufgabe der Entwicklungshilfe beim Wort nahm und sie im Dauerstreit mit Bundeskanzler Helmut Schmidt zu erfüllen suchte. Die Wirtschaft wachte darüber, dass der Etat des Ministeriums durch Auslandsaufträge vor allem ihr zugute kam. Eppler veränderte diese Priorität, für ihn war die niemals hinreichend zu bewältigende Not der Entwicklungsländer der Auftrag, der ihn schlaflos machte.

Das Festhalten an seiner Überzeugung brachte ihn in innenpolitische Konflikte, und er schied eigenständig aus dem Amt. An seinem Beispiel lernte ich: Es ist unmöglich, auf die Dauer im Widerspruch zur regierenden Mehrheit mit ihren eingefahrenen Bahnen politische Ziele durchzusetzen und ohne Schuldvorwurf aus der Auseinandersetzung hervorzugehen. Die Demokratie verwirklicht nicht den Auftrag des Grundgesetzes, sie bleibt gefangen durch die Vormacht ökonomischer Gebote, die zu Zwangslagen erklärt werden.

Ich habe Erhard Eppler im vorigen Jahr bei der Gedenkfeier zum Todestag des unverwechselbar schwäbischen Schriftstellers Thaddäus Troll in Stuttgart wieder getroffen. Er war dort erschienen, weil er teilnehmen und zuhören wollte. Im Vorraum fanden wir Zeit zu einem Gespräch, und ich sehe ihn, während ich dies schreibe, vor mir: Eppler ist ruhig, er schaut mich genau an und wägt beim Sprechen die Worte, als gälte es, sie noch eine Weile bei sich zu behalten, um sie zu prüfen. In seinem Gesicht spiegelt sich durch die Augengläser, umrahmt von seinem Bart, die unaufhaltsame Nachdenklichkeit seiner Jahre. Ich finde nichts Bitteres in diesem Ausdruck, zwar lese ich auch, von Falten nachgezeichnet, die Inschrift seiner Enttäuschungen, vor allem aber die Spuren seiner Identität mit dem eigenen Handeln, einer Treue zu sich selbst. Und ich stelle fest, wie sehr für mich die bestimmende Erfahrung mit diesem Politiker und Schriftsteller von meinem kritischen Respekt bestimmt ist. Wir sprechen über unser gemeinsames Alter und spüren, wie sehr sich unsere Wege unterscheiden. Ich schätze seine Freundlichkeit und seine soziale Geduld.

Zugleich staune ich, wie viele Figuren in ihm zu einer Gestalt geworden sind. Da ist das Mitglied des SPD-Präsidiums (1973 bis 1989) sowie der Vorsitzende der sozialdemokratischen Grundwertekommission (1974 bis 1991) - daneben arbeitete er über zwei Jahrzehnte als Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags, dessen Präsident er zwischen 1981 und 1983 und später noch einmal von1989 bis 1991 war. Die Jahreszahlen beweisen seine Fähigkeit zur Kontinuität. Er hat die politische wie die kirchliche Wirklichkeit unserer Zeit mitgestaltet.

In den achtziger Jahren ist Eppler einer der Sprecher der Friedensbewegung und spätestens seit den Grenzen des Wachstums,wie sie der Club of Rome aufzeigte, eine nie verstummende Stimme für wirklichkeitsnahe Ökologie. Und schließlich sehe ich den Laudator Eppler vor mir, der als mein Vorgänger der Auszeichnung "Sozialistenhut", die an die Sozialistengesetze Bismarcks erinnert, in meinem früheren Wahlkreis in Lindenberg im Westallgäu, der Stadt der Hutfabriken, im Oktober 1989 die Rede hielt.

Aber gerade darum frage ich mich auch immer neu, wie die Parteiführung der Sozialdemokraten ihr Verhältnis zu den Sozialisten eigentlich definiert. Zu bestimmten Zeiten - wie nach der Gründung ihrer Partei - schienen Sozialdemokraten mit Sozialisten das Gleiche zu wollen. Bald aber bewiesen ihre Kämpfe untereinander das Gegenteil. Die Spaltung der Linken war immer die Stärke der Reaktion und der Konservativen.

Mein Eindruck ist: das Ziel, die Gestaltungsfähigkeit der Politik nicht zu verlieren, also die Fähigkeit zur Bildung einer Mehrheit nach Wahlen nicht aufs Spiel zu setzen, prägt Epplers Grundüberzeugung. Es geschah selten, dass sie ihn einmal verließ. Etwa wenn er in der Süddeutschen Zeitung vom 6. Oktober 2005 wetterte: "Niemand kann Parlamentarier zwingen, gegen ihre Überzeugung einen Kanzler oder eine Kanzlerin zu wählen." Zwischen dem Wahlkampfziel "Mehr Demokratie wagen" und der Forderung einer Minderheit, die allumfassende Marktmacht nicht triumphieren zu lassen, dehnt sich für ihn wie für andere Mehrheitssozialdemokraten eine unüberbrückbare Kluft. Seine Gründe dafür kann ich verstehen, ohne sie zu teilen.

Erhard Eppler war ein Reformer, als das Wort noch einen glaubwürdigen Sinn verhieß. Er war nie ein Revolutionär. Und in der Hauptsache bleibt er der unvergleichbare Schriftsteller unter den Politikern. Das Alter schenkte ihm die Fragezeichen hinter seinen Buchtiteln: Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt? (2002) und Auslaufmodell Staat? (2005). Im deutschen P.E.N.-Autorenlexikon 2006 sind elf Bücher von ihm verzeichnet.

Mir ist seine Wachstumsanalyse, zugleich sein Friedensbuch Wege aus der Gefahr von 1981, dem Jahr der ersten Großdemonstration der Friedensbewegung im Bonner Hofgarten, das wichtigste. Und mit diesem Zitat daraus schließe ich: "Politische Normen, Grundwerte, Parteiprogramme, Ziele, erst recht Gesinnungen können allenfalls die Funktion haben, die Bürger zu unterhalten und von der Tatsache abzulenken, dass Demokratie zur Farce geworden ist, denn nicht der Demos, das Volk, herrscht, sondern der Sachzwang der wissenschaftlich-technischen Zivilisation."

Erhard Epplers eingreifende Sorge angesichts unserer Gefährdungen durch alle Umweltzerstörung wird weiter dringend gebraucht.

Dieter Lattmann, Jahrgang 1926, ist Mitbegründer und war Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schriftsteller. Er war von 1972 bis 1980 Mitglied des Deutschen Bundestages und engagiert sich in der Friedensbewegung. Zuletzt erschien von ihm Einigkeit der Einzelgänger: mein Leben mit Literatur und Politik (2006).


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00:00 08.12.2006

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