Die mit dem roten Schal

Philosophie Chantal Mouffe kam nicht nur zum Mittagessen mit Katja Kipping nach Berlin. Eine Diskussion mit der linken Theoretikerin
| Ausgabe 07/2015 4

Dass die Geschichte ihr ein wenig Recht gibt, dass sie vieles kommen sah, das würde sie wohl so nicht sagen. Dafür wirkt die zierliche, elegante Dame mit dem roten Schal auf dem Podium zu bescheiden. Doch was Chantal Mouffe seit 30 Jahren vermutet, scheint sich nun gerade in Athen zu bewahrheiten: Wenn sich „progressive Kräfte“ zusammentun – Arbeiter, Gewerkschaftler, soziale Bewegungen –, ist es tatsächlich möglich, dem Neoliberalismus etwas entgegenzusetzen. Nun spricht sie just einen Tag nach der Griechenlandwahl, und viele sind in die Berliner Humboldt-Universität gekommen, um der einflussreichen Theoretikerin der Linken zuzuhören.

Stichwort Agonismus

Als das Buch, das später zu ihrem Standardwerk werden sollte, Hegemony and Socialist Strategy, 1985 erscheint, wird sie zusammen mit ihrem Koautor und Ehemann Ernesto Laclau in der linken Szene angefeindet. „Wir wurden von orthodoxen Marxisten heftig kritisiert“, blickt sie im Gespräch mit dem Freitag lächelnd zurück. Das Konzept des Klassenkampfs ist zu eng für die engagierte Feministin, die in Belgien aufgewachsen ist, in Paris als Studentin bei den Seminaren von Louis Althusser mithören durfte und heute in London lebt. Von Antonio Gramsci übernimmt sie die Kritik am Reduktionismus, wonach Herrschaft lediglich ökonomisch zu verstehen sei. Auch von Ludwig Wittgenstein und Jacques Derrida, Michel Foucault, der Linguistik und der Psychoanalyse lassen sich Mouffe und Laclau inspirieren. Sie entwerfen die Idee einer radikalen Demokratie, wo Identitäten und Machtverhältnisse immer wieder in Frage gestellt werden müssen. Soziale Ordnung ist ein Produkt von Diskursen, die sich ändern, unter Korrekturvorbehalt stehen.

„Dass nicht nur die Wirtschaft zählt, räumt heute jeder ein“, sagt Chantal Mouffe über die Entwicklung der linken politischen Philosophie seit 1985. Der österreichische Passagen Verlag bringt Hegemonie und radikale Demokratie 1991 auf Deutsch heraus. Andere Schriften sind bei Suhrkamp erschienen, wie 2014 Agonistik. Die Welt politisch denken. Schon früh wird Mouffes Theorie kommentiert und rezipiert. Um sie und Laclau bildet sich eine Gruppe von Doktoranden und Denkern – die sogenannte Essex School of Discourse Analysis. Mouffe selbst zieht eine durchwachsene Bilanz: „Wir sind in der unangenehmen Situation angelangt, wo wir Konzepte verteidigen müssen, die wir damals als zu wenig radikal kritisierten. Der Wohlfahrtsstaat, die Sozialrechte werden stark angegriffen. Freiheit ist in aller Munde, während die Idee der Gleichheit stark an Boden verloren hat.“

Liest man das Werk von Chantal Mouffe seit der Veröffentlichung von Hegemonie und radikale Demokratie und hört man die 71-Jährige über Gott (eher weniger) und die Welt reden, fällt eine eigenartige Mischung aus politischem Idealismus und Pragmatismus auf. Die Professorin an der Universität Westminster, deren Ehemann und Begleiter im vergangenen Jahr verstorben ist, wirkt mal radikal, mal wieder gemäßigt und verbindet beides so, dass die ersehnte, wahre Demokratie mal als Utopie, mal als greifbares Projekt erscheint. Ob Chantal Mouffe eher auf Revolution oder Reform setzt, ist schwer zu sagen.

Der Begriff „radikal“, den sie für sich in Anspruch nimmt, passt durchaus zu ihrer scharfen Kritik am Neoliberalismus. Wir leben in einer Postdemokratie, sagt die Philosophin in Anlehnung an ihren britischen Kollegen Colin Crouch. Damit ist ein politisches System gemeint, das Konflikte gleichsam verdampfen lässt und Gleichheitsforderungen im Namen des Konsenses ignoriert. „Wir müssen die Entdemokratisierung abwehren“, fordert Mouffe, die sie durch die Ideologie des Freihandels vorangetrieben sieht.

Keine Politik sei verhängnisvoller gewesen als die der Neuen Mitte, wie sie von der britischen Labour-Partei betrieben wurde. „Nach der Ära Thatcher war Tony Blair eine riesige Enttäuschung“, erinnert sie sich. Die SPD und die französische Parti socialiste kommen nicht besser weg: „Sie haben die unteren Schichten im Stich gelassen.“ Sogar die Finanzkrise von 2008 hätte die Sozialdemokraten nicht rehabilitiert. „Sie konnten das Feuer nicht löschen, das sie selbst entfacht hatten.“

Chantal Mouffes Haltung liegt ein demokratietheoretischer Ansatz zugrunde, den sie Agonismus nennt. Sie hält es für falsch, den Konsens zum Ziel zu erklären und so zu tun, als ob sich alle Bürger immer rational über die Regeln ihres Zusammenlebens einigen könnten. Wenn Parteien von links und rechts eine falsche Eintracht beteuern oder dieselbe Politik der Mitte verfolgen, bleiben bestimmte Sorgen ungehört – und werden schließlich von extremen Parteien aufgefangen. Auf deutsche Verhältnisse übertragen heißt das: Die Große Koalition hat die Pediga-Bewegung erst hervorgebracht. Das Politische sei per se konflikthaft, dem müsste man Rechnung tragen, sagt Mouffe, damit sich Antagonismen, Freund-Feind-Unterscheidungen, in einen Agonismus verwandeln könnten. Erstrebenswert sei eine Art konflikthafter Konsens, in dem verschiedene Auffassungen des Gemeinwohls friedlich konkurrierten. Mit Carl Schmitt und gegen Theoretiker wie John Rawls, Jürgen Habermas oder Ulrich Beck glaubt sie nicht an eine politische Gemeinschaft, in der alle sich auf universell geltende Prinzipien festlegen können.

Gefährliche Zeiten

Vermutlich ist es genau dieser Ansatz, der Mouffes Denken einen ausgesprochen pragmatischen Anstrich verleiht. Ihr Demokratiemodell erscheint weniger weltfremd als der liberale Universalismus, den sie als Symptom eines postpolitischen Zeitgeistes abqualifiziert. Außerdem plädiert sie nicht, wie andere linke Theoretiker, für einen Rückzug aus der Politik – einen „Exodus“, wie ihn die Globalisierungskritiker Michael Hardt und Toni Negri gefordert haben. Aussichtslos sind ihrer Meinung nach Proteste, die keine institutionelle Form annehmen wollen und die – wie manche soziale Bewegungen und Occupy-Anhänger – jegliche Form von Parteinähe meiden wollen.

Mouffes Denken ist auch hier weniger radikal als manch linker Traum von direkter Demokratie. Der „kollektive Wille“ – Antonio Gramscis Vokabular – könne sich nur im Rahmen der repräsentativen Demokratie ausdrücken. Und auch wenn die sich in der Krise befindet: Außerhalb von Parlamenten kann man sich nicht durchsetzen. „Wir brauchen Synergien“, sagt sie, spricht von einem positiven linken Populismus und weist auf Experimente in Lateinamerika hin. Sie hegt auch Sympathie für die deutschen Linken. Dem Institut Solidarische Moderne – einer Denkfabrik, an deren Gründung 2010 Politiker, Wissenschaftler und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen beteiligt waren – steht sie nahe, und mit Katja Kipping hält sie regen Kontakt: „Wir sind zum Essen verabredet und werden über die Situation in Deutschland reden.“

Die Nachrichtenlage gibt in der Tat zu kommentieren an diesem Montag. Während Alexis Tsipras in Athen seine Koalition schmiedet, demonstrieren noch ein paar Pegida-Anhänger in deutschen Städten. „Wir leben in gefährlichen Zeiten“, sagt Chantal Mouffe. Dass sie zur Debatte beitragen kann, wissen die vielen Studenten, die sich im Hörsaal der Humboldt-Universität versammelt haben. Sie hören aufmerksam zu, wenn die Dame mit dem roten Schal über Grenzen des Rationalismus oder Äquivalenzketten im Diskurs referiert.

Um Chantal Mouffe jedoch wirklich zu verstehen, muss man die anschließende Diskussionsrunde verfolgen. „Sind Sie radikal?“, fragt eine junge Frau. Etwas irritiert spricht die Philosophin über den Unterschied zwischen der Beschreibung existierender Verhältnisse und der Formulierung politischer Projekte. „Ich vertrete eine Art radikalen Reformismus, wenn Sie so wollen“, sagt Mouffe. „Und die globale Gerechtigkeit?“, hakt eine andere Studentin nach. „Normative Theorien interessieren mich nicht. Wir sollten uns vielmehr pragmatisch die Handelsabkommen der EU ansehen“, antwortet sie. Eine radikale Reformerin. Eine pragmatische Denkerin. Chantal Mouffe eben.

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