Die Mittelschicht dreht durch

Streitgespräch Die ständige Sorge um das Bildungsniveau der Schüler hat vor allem eines bewirkt: ein völlig überzogenes Leistungsdenken. Die Folgen für die Kinder sind fatal

Der englische Autor Tom Hodgkinson hat ein Manifest für faule Eltern verfasst. Darin steht: „Wir geloben, unsere Kinder in Ruhe zu lassen“ oder „Wir bleiben so lange wie möglich im Bett liegen“. Das geht gegen den Trend. In der Mittelschicht geht die Angst vor dem sozialen Abstieg um. Mit allen Mitteln sollen die Kinder für eine ungewisse Zukunft gewappnet werden. Wenn man sich Eltern ansieht, die ihre Dreijährigen nicht zum Spielplatz begleiten, sondern zum Chinesischunterricht, will man ausrufen: Lasst sie doch einfach mal spielen! Ein Gespräch über die Frage, ob keine Erziehung nicht vielleicht die beste Erziehung ist.

Jakob Augstein:

Herr Hein, haben Ihre Kinder auch schon mit drei Jahren Geige spielen gelernt?

Jakob Hein:

Geige nicht. Aber ich habe selber ein bisschen Chinesisch am Rechner gelernt und da haben die Kinder sich tatsächlich etwas abgeguckt. Ob wir es mit der Erziehung übertreiben hängt davon ab, wer mit „wir“ gemeint ist. Die akademische Mittelschicht hat Angst um die Zukunft der Kinder, weil der Wohlstand erodiert und die sozialen Sicherungssysteme sich auflösen. Da versuchen manche Eltern, ihre Kinder für eine ungewisse Zukunft fit zu machen. Wenn wir auf der anderen Seite von der großen Zahl von Menschen reden, die keinen Anschluss an die Ge­sellschaft finden, dann ist das ein anderes „wir“ und eine andere Wirklichkeit.

Susanne Gaschke:

Ja, die Mittelschicht dreht durch. Die überforderten Eltern wollen bloß keine Fehler machen. Vor allem die Frauen sind ungeheuer unter Druck. In den Veröffentlichungen der Bertelsmann-Stiftung gibt es immer wieder den Unterton: Frauen in die Produktion, wir brauchen Fachkräfte, wir stehen vor einem demographischen Problem, und die Frauen sollen das lösen. Die hadern dann mit sich: Habe ich das im Griff? Werde ich dem Kind gerecht? Und gleich ist das An­gebot da, wie man sein schlechtes Gewissen kompensieren kann. Gleichzeitig schwindet das Wissen darum, was ein Kind braucht.

Augstein:

Trotz aller Nanny-Sendungen?

Brigitte Thies-Böttcher:

Die sind doch ein Armutszeugnis. Die Leute wissen trotzdem nicht, was sie machen sollen. Dinge, die selbstverständlich waren, sind verloren gegangen. Es gibt zwei Formen der Verwahrlosung: Die am unteren Ende der Gesellschaft erleben wir an unserer Schule eher weniger. Die andere schon. Natürlich kenne ich solche Fälle: Beide Eltern verdienen sehr gut, haben drei Kinder zu Hause – und um die kümmert sich die Kinderfrau.

Augstein:

Wo ist das Wissen um Kindererziehung geblieben?

Gaschke:

Sicher hat sein Verlust damit zu tun, dass es wenig Familie gibt und wenig Mögklichkeiten zum Abgucken.

Hein:

Es war früher so, dass die älteste Tochter ihr erstes eigenes Kind praktisch gleichzeitig mit ihrem jüngsten Geschwisterkind bekommen hat und dadurch eine Kontinuität der Generationen gewährleistet war.

Gaschke:

Es hat sich in der sogenannten antiautoritären Erziehung eine Grundannahme durchgesetzt, dass Kinder selber wissen, was für sie das beste ist. Und das stimmt einfach nicht in jedem Fall. Es gibt eine Vulgarisierung des Antiautoritären.

Augstein:

Ist es denn ein Automatismus, dass die Angst vor sozialem Abstieg in ein übersteigertes Leistungsdenken führt? Es wären auch andere Reaktionen denkbar ...

Thies-Böttcher:

Manche Eltern meinen zu wissen, was ihre Kinder später machen sollen. Aber wir bekommen auch Kinder, deren Eltern nicht nur nach Effizienz­­- kri­terien handeln. Die lassen ihr Kind Griechisch und Latein lernen und ermutigen es, Religion als Leistungskurs zu wählen. Ich finde das großartig. Das Zweckbestimmte der Bildung stört mich ungemein. Ich sage meinen Schülern: Machen Sie, was Ihnen Spaß macht. Auch im Studium. Das ist heute leider gegen den Trend.

Augstein:

Aber Ihre Schule kann sich vor Anfragen kaum retten.Wenn Sie Schüler aufnehmen, müssen Sie doch geradezu die bevorzugen, die Cello spielen und Chinesisch lernen?

Thies-Böttcher:

Wir haben keine Aufnahmetests. Wir reden mit dem Kind und auch wenn es kein ausschließliches Einserzeugnis hat, aber im Gespräch überzeugt, nehmen wir es an. Das ist uns sehr wichtig. Das unterscheidet uns von den anderen grundständigen Schulen. Es geht bei uns nicht nur um Noten. Das Kind muss zu unserer Schule passen.

Gaschke:

Es ist leider für die Schulen schwer geworden, etwas auf den ersten Blick Nutzloses wie Altgriechisch und Latein zu propagieren. Ich selber finde das ganz wunderbar, es ist ja heutzutage alles andere als reaktionär, es ist geradezu antikommerziell ...

Augstein:

... der reine Antikapitalismus ...

Gaschke:

... aber wir haben fünfzehn Jahre solide neoliberale Agitation hinter uns und endlose Appelle, dass Deutschland am Abgrund steht.

Augstein:

Sie haben geschrieben, Pädagogik richte sich immer nach den dringendsten Bedürfnissen ihrer jeweiligen Zeit – vom kulturkritischen Impetus der Reform­pädagogik des 19. Jahrhunderts über die Erziehung des Sowjetmenschen bis zur Vergesellschaftung des Teddybären im Kinder­laden. Gibt es dann die richtige Erziehung überhaupt?

Gaschke:

Wenn wir gar nichts machen, ist es nicht so, dass Erziehung nicht stattfindet. Es gibt da eine andere Seite, die Milliardenbudgets aufbringt, um den Kindern sehr wohl etwas beizubringen. Das sind die Experten bei Nintendo, bei Mattel, bei den Fernsehsendern, bei McDonalds. Die erziehen unsere Kinder wenn wir es nicht tun. Wir haben es da mit einer gewaltigen Übermacht zu tun.

Augstein:

Aber was Erziehung ist, kann doch nur in der Gegenwart definiert werden. Welche Regeln, welche Ziele wir haben, das ist doch wohl eine der zeitabhängigsten Sachen, die es überhaupt gibt.

Hein:

Die beste Erziehung ist jene, die das Kind auf die Gesellschaft vorbereitet, in der es lebt. Aber daher kommt die Verunsicherung. In den 50er Jahren hatten die Leute das Gefühl die Zukunft zu kennen, die vor ihren Kindern lag. Heute wissen wir, dass wir nicht wissen, was kommt. Das macht unsicher.

Thies-Böttcher:

Jeder muss seinen Weg für sich finden. Aber die Eltern, die ihre Kinder zu uns schicken, erwarten schon, dass wir sie erziehen. Sie erwarten Bildung. Obwohl im Pisa-Universum ja nur von Kompetenzen die Rede ist, nicht mehr von Wissen. Die Eltern, die ihre Kinder zu uns bringen, hoffen dagegen darauf, dass auch Wissen vermittelt wird. Das Problem ist nur, dass keine Einigkeit mehr darüber besteht, welches Wissen wertvoll ist.

Augstein:

Das ist doch ganz be­ruhigend. Dann können Sie mit denen ganz gemütlich die Odyssee lesen. Die ist seit 2.700 Jahren da, und wenn wir auch nicht wissen, wie weit uns das moderne Wissen trägt, auf Homer können wir uns wenigstens verlassen.

Gaschke:

Sie sind Optimist. Die Klassiker allein reichen nicht. Wir brauchen eine kritische Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart und Umwelt. Wir haben ja Riesenprobleme im Bereich der politischen Bildung, die Jugendlichen sind unpolitisch, sie haben nicht das Gefühl, dass sie Einfluss nehmen können.

Augstein:

Was ist denn mit den Schülern, wenn in Stuttgart wegen des Bahnhofs protestiert wird, oder wenn eine Menschenkette gegen Atomkraftwerke angeht?

Thies-Böttcher:

Das ist in der Regel eher weit weg. Das besprechen die vielleicht im Unterricht. Aber die gehen nicht notwendigerweise auf die Barrikaden. Obwohl sehr viele unserer Schüler in Kategorien der gesellschaftlichen Verantwortung denken. Wir sind ja ein evangelisches Gymnasium, das ist von großer Bedeutung für uns.

Hein:

Wir hatten in den 50er Jahren die Rocker, in den 60ern die Mods, in den 70ern die Hippies, in den 80ern die Punks, in den 90ern die Techno-Jugend. Aber das zu Ende gegangene Jahrzehnt ist das erste, das keine Jugendkultur mehr kennt. Es fehlt da etwas, womit die Gesellschaft immer gerechnet hat. Aber noch einmal zur Bildungs­politik: Wenn man Krebstherapie so betreiben würde, wie wir Schul­politik machen, würde man heute sagen, lass es uns mal mit Aspirin probieren. Und morgen: Johanniskraut ist noch besser – während die Leichen den Wegesrand pflastern. Ich verstehe nicht, warum wir diesen Dilettantismus so widerspruchslos akzeptieren.

Gaschke:

Dabei gewinnt man mit Bildungspolitik keine Wahlen. Eine Partei mit Überlebensinstinkt wäre gut beraten, sich zu sagen: Wir halten zu dem Thema einfach mal die Klappe.

Hein:

Das Problem ist nur, es muss etwas geschehen. Der fortdauernde Skandal liegt doch darin, dass wir – nach OECD-Erkenntnissen – immer noch das Land sind, in dem die soziale Herkunft am meisten über den Bildungserfolg entscheidet ...

Augstein:

... und in dem zweieinhalb Millionen Menschen unter 18 Jahren in Verhältnissen groß werden, die man als Armut bezeichnen muss.

Hein:

In der Tat. Das ist eben das andere „wir“. Die Gefahr, dass solche Kinder etwa in Berlin über­mäßig gefördert werden, ist eher gering. Gleichstellung bedeutet für diese Kinder, dass sie mehr brauchen als nur die gleiche Chance. Sie müssen ganz bewusst an die Dinge herangeführt werden.

Gaschke:

Die Eingangsthese „Lasst sie mehr spielen“ kann für diese Kinder sicher nicht gelten. Die Leseförderung scheint ja zu greifen, das beweist die jüngste PISA-Studie. Aber in Wahrheit liegt der Schlüssel bei den Eltern: Die größte Benachteiligung für die Kinder liegt darin, fünf Stunden am Tag fernzusehen.

Augstein:

Darum sprechen sich die Bildungspolitiker auch für Ganztagsschulen und für das längere gemeinsame Lernen aus.

Gaschke:

Na ja, längeres gemeinsames Lernen funktioniert in anderen Ländern, mit einem anderen Lehrerbild sehr gut. Ob es hier auch so gut funktioniert, da bin ich mir nicht so sicher.

Thies-Böttcher:

Empirisch lässt sich wenigstens nicht belegen, dass die Gesamtschule ihre Versprechen gehalten hat. Die Gymnasien dagegen sind ein Erfolgsmodell. Der Anteil der Gymna­siasten an den Jahrgängen ist beständig gestiegen. Ich möchte außerdem nur anmerken: Die Eliten in den anderen Ländern schicken ihre Kinder allesamt auf Privatschulen. Das schreibt nur leider niemand, wenn es um den PISA-Vergleich geht.

Hein:

Es ist sehr schwer, die unterschiedlichen Bildungskulturen in einen sinnvollen Vergleich zu bringen. Nehmen Sie das Ansehen des Lehrers, das für den Bildungserfolg eine große Rolle spielt. Meine Schwiegermutter ist Lehrerin. Sie wurde einmal mit einer Klage bedroht, weil, so schrieb der Anwalt, schon der Sitzplan ihrer Klasse zeige, dass sie die Tochter seines Mandanten benachteilige. Ich glaube, dass solche Klagen, sagen wir mal in Singapur, sehr selten sind.

Augstein:

Da würde ich gerne auf Bernhard Bueb zu sprechen kommen. Bueb, ehemals Chef des Internats Salem, hat sich einen Namen damit gemacht, dass er in der Erziehung auf Disziplin und Autorität setzt und dass er das Wort Strafe wieder in den Diskurs eingeführt hat. Was halten Sie denn von Strafen, Herr Hein?

Hein:

Das ist sehr einfach: Eine ­positive Verstärkung bringt den besten Lernerfolg. Wenn jemand etwas macht und er wird dafür gelobt, lernt er gerne und schnell. Durch eine negative Sanktion – ­jemand macht etwas, was einem missfällt und dafür tut man etwas, das dem Kind missfällt – wird am schwersten gelernt. Das beweisen alle verhaltenstherapeutischen Experimente. Die Strafe ist also die schwächste Form jemandem etwas beizubringen. Ich habe meine Kinder auch bestraft und mich dann immer über mich geärgert weil ich es unheimlich schwach von mir fand.

Thies-Böttcher:

Dem kann ich nur zustimmen. Ich empfinde Strafen auch als Schwäche. Wir strafen nicht. Aber es gibt auch bei uns erzieherische Sanktionen. Wir verdonnern schon mal jemanden zu einem sozialen Dienst, etwa, dass er dem Hausmeister hilft. Das wirkt auch. Ist das eine Strafe?

Gaschke:

Wir sollten viel lieber über das Loben reden. Das fällt vielen Eltern unheimlich schwer. Dafür sollte man eine richtige Kampagne machen.

Jakob Hein, geboren 1971, ist Arzt und Schriftsteller. Zusammen mit Kurt Krömer schrieb er das Kinderbuch Gute Nacht, Carola. Auf seiner Website sammelte er aktuelle und aus der Mode gekommene Begriffe der Jugendsprache von A wie abgefahren bis Z wie zocken


Susanne Gaschke: Die Journalistin und Autorin wurde 1993 mit einer Dissertation über Kinderliteratur promoviert und verantwortet das Ressort Junge Leser in der Zeit. Mit dem Buch Klick stellte sie Strategien gegen die digitale Verdummung unserer Gesellschaft vor


Brigitte Thies-Böttcher wurde 1949 in Ludwigsburg geboren. Nach Studium und Referendariat unterrichtete sie in München, Bonn und Hamburg. Seit 2008 ist sie Direktorin des Gymnasiums Graues Kloster in Berlin, das mit überdurchschnittlich guten Abiturienten Aufsehen erregt


Der nächste Freitag-Salon zum Thema Zeiten des Zorns. Der neue Protest und die deutsche Demokratie findet am 21. Januar im Berliner Maxim Gorki Theater statt. Zu Gast ist der Sozialphilosoph Oskar Negt. Beginn: 19:30 Uhr. Weitere Informationen unter: freitag.de/salon

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16:00 07.01.2011

Ausgabe 39/2020

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