Die Musteramerikanerin

Porträt Nikki Haley hat als US-Botschafterin bei der UNO auch die Karriere nach Donald Trump im Blick
Die Musteramerikanerin
Vor dem Einstieg in die Politik konvertierte Nikki Haley als Tochter indischer Einwanderer zum Christentum

Foto: Jim Watson/AFP/Getty Images

Man sollte Nikki Haley im Auge behalten. Nicht nur, weil die ungelernte Diplomatin harte Sprüche von sich gibt im Dienste von Donald Trump. Sie werde eine Liste der Nationen führen, die den USA nicht beistehen, drohte Haley gleich nach ihrem Amtsantritt als US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen Anfang 2017. Israel habe sich in Gaza „zurückgehalten“, sagte sie vor Tagen, trotz der 60 getöteten Palästinenser. In Syrien gibt es „keine politische Lösung mit Assad“, ist Haley überzeugt. Vor Trumps unerwarteter Annäherung an Nordkoreas Herrscher Kim Jong-un meinte sie, niemand wolle Krieg, doch Krieg sei eine Option. Kim sei nicht rational.

Haley hat wohl Zukunft. Wohlwollende Kommentare loben sie als eine Art Rockstar unter teigigen Krawattenmännern. Sollten die Republikaner nach Trump – und die Zeit wird kommen – ein neues Image suchen, steht Haley in den Startlöchern. Sie macht eine gute Figur auf dem Bildschirm, hat eine attraktive Familiengeschichte und ist konservativ genug. Die 46-Jährige hat bereits zwei große Karriereposten abgehakt: Gouverneurin von South Carolina, 2010 mit 51 Prozent der Stimmen und 2014 mit 56 Prozent. Und nun Botschafterin, obwohl sie über Trump vor dessen Wahl äußerte, dieser sei nicht jemand, den man als Präsidenten haben wolle. Haley war für den Bewerber Marco Rubio.

In South Carolina bewegte sich Haley im Tea-Party-Spektrum. Wahlhilfe kam von Alaskas Gouverneurin Sarah Palin. Haley kämpfte für restriktive Wahlgesetze, die Minderheiten und Einkommensschwache diskriminieren. Doch gelegentlich hat die mit Michael Haley, einem Offizier der Nationalgarde, verheiratete Mutter von zwei Kindern Zeichen gesetzt, dass die Partei loskommen müsse vom Ewiggestrigen. South Carolina will modern sein mit einem guten Klima für ausländische Konzerne, darunter BMW und Siemens.

Die Ortszeitung The State in Columbia, der Hauptstadt des Bundesstaates, berichtete im April über eine nationale Umfrage, der zufolge Haley als einziges Kabinettsmitglied Beifall finde bei einer Mehrheit der Republikaner und Demokraten. Nach dem Mord an neun afroamerikanischen Kirchenmitgliedern durch einen weißen Rassisten 2015 in ihrem Staat trat Haley für das Abhängen der Flagge der Konföderierten im Regierungsviertel ein. Einem Symbol für Rassismus, das mancher Weiße bis heute als Ausdruck „südlicher Ehre“ betrachtet, um die im Bürgerkrieg gegen den Norden zwischen 1861 und 1865 gekämpft wurde.

Angefangen hat alles in Bamberg oder – geht man noch weiter zurück– im Punjab. Nimrata Nikki Randhawa, die spätere Nikki Haley, ist in dem 2.500 Einwohner zählenden Bamberg in South Carolina aufgewachsen. Ihre Eltern Ajit Singh und Raj Kaur Randhawa waren aus Indien eingewandert. Für die Bamberger seien ihre Eltern exotisch gewesen, schrieb Haley in ihrer Autobiografie. Mutter mit Sari, Vater als Sikh mit Turban. Beinahe jedermann im Dorf habe ihre Eltern zum Christentum bekehren wollen. Raj betrieb in ihrem Wohnzimmer ein Bekleidungsgeschäft, Ajit war Universitätsprofessor.

Für Nikki war es offenbar nicht immer leicht. In der Grundschule hätten weiße und schwarze Kinder – so beginnt eine Geschichte, die Haley gern erzählt – zwei Teams formiert zum Kickballspiel. Sie sollte sich für ein Team entscheiden, schwarz oder weiß, habe aber den Ball weggenommen und gerufen: „Ich bin weder noch. Ich bin braun.“ Letztendlich hätten alle gespielt. Sie habe von klein auf gelernt, sich selber darum kümmern zu müssen, akzeptiert zu werden. Ihre Devise: Nach Ähnlichkeiten suchen und Trennendes vermeiden.

Vor ihrem Einstieg in die Politik konvertierte Haley zum Christentum. „Ich bin die stolze Tochter indischer Eltern, die uns jeden Tag daran erinnern, wie gesegnet wir sind, in diesem Land zu leben“, sagt sie. Haleys Lebenslauf kommt gut an bei Wählerinnen und Wählern. Bevor sie Gouverneurin wurde, war der Posten in South Carolina der Job für einen weißen Mann. Haley spricht über diesen Umstand mit patriotischem Dreh: Ihre Wahl wäre nicht möglich gewesen, so Haley einmal im Presseclub in Washington, wäre die Republikanische Partei keine „tolerante Partei“. Dass sie es geschafft habe, zeige zudem, wie veränderungsfähig das Land doch sei. Das klingt ein bisschen nach Barack Obama, der häufig ähnlich über seinen Werdegang sprach. Mit einem bedeutenden Unterschied allerdings: Obama betont, er verdanke seinen Aufstieg den vielen Menschen, die vor ihm gekommen seien und gegen Diskriminierung gekämpft hätten. Haley würdigt ihre Eltern, die sie „stark und entschlossen“ gemacht hätten und „amerikanischer waren als die anderen Menschen, die ich kannte“.

Doch ist ihr Aufstieg eine persönliche Leistung. Der Titel ihrer Autobiografie lautet: Can’t Is Not an Option: My American Story (Kann nicht, ist keine Option: Meine amerikanische Geschichte). In einem CBS-Interview wurde Haley kürzlich nach ihrer Zusammenarbeit mit Donald Trump gefragt. Sie sei nicht im Amt, um Trumps „Kommunikationsstil“ zu verteidigen, so die Antwort. Bei Unstimmigkeiten rufe sie den Präsidenten an. Inhaltlich sei man sich einig, sie sei nun einmal „leidenschaftlich“ in ihrem Einsatz für Amerika. Nach Trumps Ausstieg aus dem Klimaabkommen redete Haley genau so wie ihr Chef, die Regierung sorge doch nicht für die internationale Gemeinschaft, sondern tue, „was den amerikanischen Bürgern hilft“. Und Nikki Haley tut, was Nikki Haley hilft. Nichts Ungewöhnliches für Politiker. Gegenwärtig dürfte ihr klar sein, dass sie Trump und seine Leute braucht zum künftigen Karrieremachen.

06:00 26.05.2018

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