Jakob Augstein
24.09.2009 | 05:00 50

Die Mystik der Macht

Angela Merkel Noch nie gab es einen deutschen Politiker, dem es so wie Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wahlkampf einzig und allein um den Erhalt politischer Macht ging

"Omnis determinatio est negatio" hat Spinoza gesagt, jede Bestimmtheit ist eine Verneinung. Spinoza war ein sonderbares Genie und im Ernst kann man es den Rabbinern der Amsterdamer Gemeinde nicht verübeln, dass sie ihn aus der Gemeinschaft der Rechtgläubigen verbannten und jeden Kontakt mit ihm untersagten. Spinoza ging nämlich als Philosoph more geometrico vor, streng geometrisch. Er gab sich der gnadenlosen Logik seiner Gedanken hin und rechnete und deduzierte so lange, bis er feststellte, dass das ens realissimum, das höchste Sein, alle Attribute in sich vereinen müsse, dass es reine Substanz sein müsse, ohne irgendein Prädikat. Mit anderen Worten: Spinoza erfand den Gott ohne Eigenschaften. Das war aus religiöser Sicht eine Katastrophe. Wenn man es sich recht überlegt, muss man Angela Merkel, diese Frau ohne Eigenschaften, als die erste Spinozistin der deutschen Politik bezeichnen. Und das ist aus politischer Sicht ebenfalls eine Katastrophe.

Jede Bestimmtheit ist Verneinung, jede Eigenschaft bedeutet die Abwesenheit einer anderen Eigenschaft. Nur wer ohne Eigenschaft ist, kann alle haben. Nach diesem Prinzip hat die Kanzlerin regiert und danach führt sie ihren Wahlkampf. Niemand weiß, wofür sie steht. Niemand weiß, was sie will. Außer, an der Macht zu bleiben. Gab es neben Angela Merkel bisher irgendeinen einigermaßen wichtigen deutschen Politiker, bei dem der Erhalt der Macht im Ernst der einzige Seinszweck war?

Strauß, Kohl, Brandt, Schmidt, Schröder, Fischer: Sie hatten ja alle Projekte, Visionen, Feinde, Hoffnungen. Sie erstrebten irgendetwas oder sie bekämpften irgendetwas. Angela Merkel – ist. Mehr nicht. Gäbe es sie nicht, würde man sie nicht für möglich halten. Sie ist die reine Substanz der Macht. Eine beinahe surreale Erscheinung. Ihr eigenes Gespenst. Ohne Attribute, ohne Prädikate. Das ens realissimum der deutschen Politik. Sie bekämpft niemanden, weil man sich damit nur noch mehr Feinde schafft. Sie will nichts, weil jedes Wollen auch Verzicht bedeutet. Sie hat keine Visionen, weil Visionen verlangen, den Blick zu verengen.

„Ich habe noch keinen Politiker getroffen, der so weit gekommen ist wie sie und der keinen Gesellschaftsentwurf hat“, hat SPD-Chef Franz Müntefering über sie gesagt. Münte ist ein Politiker der alten Schule. Merkel muss ihn fassungslos machen: Wie soll man jemanden bekämpfen, der gar nicht da ist? Wie führt man Wahlkampf gegen jemanden, den es nicht gibt? Die SPD lernt gerade, dass das nicht geht. Die CDU personalisiert ihren Wahlkampf? Die SPD hätte das gleiche tun sollen – in einer negativen Personalisierung. Sie hätte den Deutschen die Augen öffnen sollen über diese Mogelkanzlerin, die gelernt hat, sich in Luft aufzulösen und nur ihr spöttisches Grinsen zurückzulassen wie die Cheshire Katze aus Alice im Wunderland. Aber jetzt ist es zu spät. Nächsten Sonntag ist Wahl. Und die Deutschen werden, so sieht es aus, nicht so klug sein wie die Amsterdamer Rabbis und diese Meisterin der negativen Theologie der Macht ins Brandenburger Landhaus verbannen, von dem aus sie vor zwanzig Jahren ihren unwahrscheinlichen Siegeszug angetreten hatte.

Negative Theologie, so nennt man die Leugnung jeder Bestimmtheit. Ihre Anhänger in der Religionsgeschichte gingen den Weg der Mystik. Sie versenkten sich in das All und in das Nichts, und es kam aufs Gleiche hinaus. Spinoza verdiente sein Geld mit dem Bau von Mikroskopen und Ferngläsern. Er schliff die Linsen, mit denen man ins Kleinste und ins Größte schauen konnte. Wer weiß, vielleicht brennt so ein kaltes Feuer der Inbrunst auch im Busen der Pastorentochter. Man wünscht sich, dass sie ein Geheimnis haben möge. Weil man nicht für möglich halten will, dass sie so ist, wie sie scheint. Die jüngste Videobotschaft, die ihr Stab ins Netz gestellt hat, vor dem Gipfel der Industriestaaten in Pittsburgh, ist in Form und Inhalt wirklich niederschmetternd. Die Bundeskanzlerin spricht zu ihrer Nation mit Gestus, Stimme und Wortwahl der Diensthabenden in einem Heim für betreutes Wohnen. Es fällt schwer, sich etwas weniger Inspirierendes als die Frau vorzustellen, und es ist darum fast unmöglich, sich zu merken, was sie gesagt hat.

Als Angela Merkel eben Kanzlerin geworden war, wollte Edmund Stoiber ihr die Richtlinienkompetenz beschneiden: „Natürlich trägt die Kanzlerin eine besondere Verantwortung, aber man muss das als gemeinsame Aufgabe sehen“, sagte der damalige CSU-Chef im Oktober 2005. Merkels Biograf Dirk Kurbjuweit schreibt: „Das war damals eine Unverschämtheit, aber gegen Ende der Legislaturperiode wirkte das fast seherisch. Merkel hat die Richtlinienkompetenz für das Überleben im Amt preisgegeben.“ Keine große Kanzlerin!

Es ist denkbar, dass Angela Merkel schnell in Vergessenheit geraten wird. Die erste Frau in diesem Amt. Mehr nicht. Einmal zurück in Mecklenburg, wird sie in der deutschen Geschichte keinen Eindruck hinterlassen. Aber sie wird keineswegs spurlos an Deutschland vorübergegangen sein. Da täusche man sich nicht. Denn auch das Nicht-Handeln hinterlässt Spuren. Und in der Politik mündet das Fehlen jeder Bestimmtheit eben nicht im mystischen Nichts sondern im Ausbau der herrschenden Verhältnisse.

Kommentare (50)

mh 24.09.2009 | 15:46

man hätte auch die hälfte schreiben können und hätte die gleiche bestimmtheit der aussage erzielt. :P

"Denn auch das Nicht-Handeln hinterlässt Spuren."

schön wärs gewesen, wenn sie denn nichts getan hätte. es war nur nicht der fall. das ergebnis einer merkel ist, dass viele faule und unnüte kompromisse getroffen wurden die im nachinein auch gar keiner der beteiligten haben will.

und das erwähne ich explizit deswegen, weil staaten die nicht aktiv geführt werden, in denen sich also auch nichts ändert, besser durch krisen hindurch kommen als aktiv gemanagte staaten.

mfg
mh

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gerhardhm 24.09.2009 | 22:18

Also aus Hamburg nach Templin, aus der FDJ in die CDU und ins Kanzleramt. Das hat doch was.

Vielleicht sollte die Frage gestellt werden, welche Kräfte im Land das sind, die eine solche Kanzlerin wünschen? Ohne diese Kräfte wäre sie es nicht!
(Edmund Stoiber scheint mir nicht eben ein geeigneter Zeuge zu sein. Ich meine, das Rückfahrtticket nach Bayern wird er auch Merkels "Hilfe" zu verdanken haben. Immerhin durfte er dann noch die Vorzüge des Transrapid erklären. ;-))

Helmut Schmidt im Zeitmagazin-Interview:
"Die ökonomische Rettungsaktion nach dem Bankenkrach in New York, der die Welt mit der Gefahr einer Weltdepression konfrontiert hatte, durch das Team Merkel und Steinbrück war hervorragend. Diese beiden Personen haben ihre Sache so erstklassig und glaubwürdig gemacht, dass die Deutschen erstmals nicht mit ansteckender Angst reagiert haben. Es ist ein Fehler der Journalisten, das nicht zu konstatieren."
Nun habe ich ja immer mal wieder Schwierigkeiten mit der Ironie. Diese Bemerkung scheint mir aber ernst gemeint zu sein. Oder etwa doch nicht?

www.zeit.de/2009/40/Fragen-an-Helmut-Schmidt?page=3

Was wäre denn eine große Kanzlerin/ein großer Kanzler?

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Ehemaliger Nutzer 24.09.2009 | 23:41

Es ist tatsächlich so. Was man als Heidelinde Normal bei Frau Merkel wirklich erkennen kann ist, sie will auf jeden Fall Kanzlerin bleiben. Ja sie liebt ihren Job und falls sie auch die Macht liebt, dann verkörpert sie diese jedenfalls anders als ihre männlichen Vorgänger. Über alles Weitere kann man, so wie Sie, Herr Augstein, nur wild spekulieren, gelungen und unterhaltsam, aber rein hypothetisch. Natürlich wird Frau Merkel Eigenschaften und Standpunkte haben, wie jeder andere auch. Sie ist, m.E. nur extrem kontrolliert in ihrer Außendarstellung und öffentlich womöglich nur teilweise sie selbst, die beste Projektionsfläche, die man sich nur vorstellen kann.

Sie ist ein neues Phänomen, dass man in der bis dato lauten und profilneurotisch anmutenden Landschaft der Alpha - Männchen- Weltenlenker so wahrscheinlich noch nicht vorgefunden hat.

Man müsste bei Frau Merkel vielleicht einfach mal anders hinschauen, intuitiver, mehr Gesten und Mimik deuten.

Im übrigen ist Frau Merkel ja keine Monarchin und Oligarchin. Hinter ihr herrscht immer noch eine chauvinistisch konservative Partei und ein nicht unerheblich mächtiger Wirtschaftsclan. Sich dagegen durchzusetzen wäre sogar für ausgemachte “Flintenweiber” eine echte Herausforderung.

Jedenfalls werde ich Frau Merkels selbstverfasste Biographie lesen, sollte sie jemals ihr Leben reflektieren und eine schreiben.

Magda 25.09.2009 | 00:39

Ich finde es eigenartig, dass jemand auf eine Politikerin eine solche - wenn auch mit Bildungsgut kultivierte – Tirade der Ablehnung publiziert.

Ich bin keine Parteigängerin von Angela Merkel. Aber ich kenne sie aus den Wendezeiten. Sie ist ohnehin nicht so, wie Sie sich das vorstellen.
Sie ist durchaus ehrgeizig, sehr klug und sicherlich hat sie einen Machtinstinkt.

So, wie Sie mit ihr umgehen muss man denken, sie herrscht mutterseelenallein, um sie herum keine Partei und keine Entourage. Und dazu kommt noch, dass Sie sich – auch hier nicht – politisch mit ihr auseinandersetzen. Sie war die Kanzlerin einer „Großen Koalition“, nicht die Landeswaisenmutter der Politik. Sie putzen da sorgfältig ein individuelles Feindbild.

Wozu das alles? Was soll ich daraus entnehmen. Sehr wenig über Angela Merkel, viel über eine Idiosynkrasie, mit der ich als Leserin wenig anfangen kann und die mich auch nicht so rasend interessiert.

Sie machen sie allein verantwortlich für einen Stillstand, der auch mit Wahlergebnissen und Kompromissen zu tun hat.
Wäre das ein politischer Beitrag ,könnte er nachfragen: Was sind das für politische Zeiten, in denen jemand wie Angela Merkel zur Macht kommt.

Ich frage mich außerdem noch: Welches Hintergrundgespräch gab es oder welche Infos sind im Schwange, wenn Journalisten schon anfangen, derartig das Messer zu wetzen. Ich habe das Gefühl, dass Angela Merkels Macht wankt, wenn es nicht zur Koalition mit der FDP langt. Dann hat sie „ausgedient“.

Zwei Anmerkungen noch:
Sie fragen: „Gab es neben Angela Merkel bisher irgendeinen einigermaßen wichtigen deutschen Politiker, bei dem der Erhalt der Macht im Ernst der einzige Seinszweck war?“

Mal abgesehen , dass man nicht wissen kann, ob der Machterhalt der einzige Seinszweck von Angela Merkel ist, könnte man auch den von Ihnen so geschätzten Franz Müntefering in ähnlicher Weise charakterisieren. Ein Buchautor sagte mal von ihm, nie sei ihm der Zynismus des Machterhalts so deutlich geworden wie bei dessen Aussagen. Tja, was nun...Jeder hat seine eigenen gehegten Feindbilder.

Sie meinen:
"Sie hat keine Visionen, weil Visionen verlangen, den Blick zu verengen."

War es nicht ein gewisser Helmut Schmidt, der vorschlug, dass Leute mit Visionen zum Arzt gehen sollten? Der gilt allenthalben als recht weise und vernünftig. Ihr Blick auf Angela Merkel ist auch reichlich verengt.

Wie gesagt, ich bin politisch inzwischen völlig anders positioniert, aber eine solche glühende Ablehnung - wozu das und dazu noch völlig ohne Analyse, nur reine mystische Ablehnung.

schlesinger 25.09.2009 | 00:42

Wundervolles Essay!

Die bürgerlichen Parteien wurden seit den achtziger Jahren vollends Honoratiorenzünfte. Gelegentlich zwar mußten die Parteien zu Reklamezwecken außerparteiliche Intelligenzen heranziehen, um sagen zu können "diese und jene Namen haben wir". Möglichst vermieden sie es, dieselben in die Wahl hineinkommen zu lassen. Im Parlament der gleiche Geist.
(Zitat Max Weber, "Politik als Beruf", 1926)

Die Beschreibung Webers galt ja nur für eine gewisse Zeit, und es gibt eben auch Zeiten wie die der Brandts und Schmidts, aber heute gilt halt wieder: Honoratioren-Ära Merkel.

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magnus-goeller 25.09.2009 | 00:49

Die Grundidee des Artikels ist stringent. Merkel versucht als Nichts das deutsche Etwas zu sein. Weshalb allerdings die Amsterdamer Rabbis für ihre Verfehmung Spinozas zu loben seien, verstehe ich nicht. Welche "Rabbis" bräuchten wir denn jetzt gegen die Merkel?
Da dürfte die Analogie dann wohl fehlgeschlagen sein.
Oder, wenn ich mich täusche, bitte, welche?

mh 25.09.2009 | 00:52

JA versucht doch nur die positionierung des freitags etwas gen links zu schärfen und da ist angie-bashing en vogue. besonders vor einer wahl.

merkel hatte aber auch noch nie eine meinung, politisch gesehen. von daher triffts da kaum die falsche.

JA sein problem ist aber auch hier wieder... eigentlich will er ja, aber so richtig zuschlagen traut er sich dann doch nicht und flüchtigt sich in oberflächlichkeiten. könnte auch dem geschuldet sein, dass er nicht zu ideologisch angehaucht dahertraben möchte. da kann ich aber nur spekulieren, wobei JA das bestimmt ohnehin alles ganz anders sieht. ;)

mfg
mh

Jakob Augstein 25.09.2009 | 10:05

Liebe Magda,
ich halte die Gestaltlosigkeit dieser Kanzlerin für ein Problem an sich. Es ist ein inhaltliches Problem, wenn die Kanzlerin nicht mehr mit Inhalten assoziiert werden kann. Welche "Wahl" haben wir am Sonntag? Was will Merkel? Welches Deutschland schwebt ihr vor? Warum wurde sie Kanzler? Weil ihr der Job so gefällt? Oder weil sie dieses Land in eine bessere Zukunft führen will? Verzeihen Sie, ich bin immer noch so naiv, von unseren Politikern Vorbild und Gesellschaftsbild zu erwarten. Es geht in der Politik um mehr als um die Frage Rente mit 67 oder 64.
Eine Politikerin wie Merkel zerstört das demokratische Gewebe. Sie entpolitisiert. Sie bestärkt bei den Menschen das Gefühl, Politik sei die Summe technischer Fragen von denen sie wenig verstehen, die so komplex sind, dass man sie Fachleuten überlassen sollte. Das ist aber nicht wahr. Das ist, was man uns glauben machen will, damit Herrschaft um so ungestörter ausgeübt werden kann.
Die Aufgabe der Politik wäre es, die grundsätzlichen Wertentscheidungen klarzumachen, die am Grund der technischen Fragen liegen, sie herauszuschälen und den Menschen zur Abstimmung zu präsentieren. Das geschieht aber nicht. Es geschieht im Gegenteil eine Verschleierung der Wertfragen, eine Überdeckung der Konflikte, eine Verschiebung ins Nebelige (Afghanistan, Finanzkollaps, Klima - alles soll auf internationaler Ebene geklärt werden ...) Warum dann in Deutschland wählen gehen? Wenn über Krieg und Frieden in Washington und über Reich und Arm an der Stock Exchange entschieden wird? Politik zertört sich damit selbst. Das ist gefährlich.
Ihr JA

mh 25.09.2009 | 11:00

es ist aber nicht so, dass merkel die einzige ist die da antritt. also es gibt noch andere, wirklich. sogar die büso hat ne eigene kandidatin, mit patentrezept. ;o)

ihr klammert euch da alle an umfrageergebnisse und meint anhand dessen keine wahl zu haben. so kann demokratie dann aber auch nicht funktionieren.

funktioniert aber vielleicht so, weil selbst der freitag anhand der umfragen umgehend seine ängste reflektiert und sie damit bestätigt?

und die fragen gehen doch auch tiefer. merkel muss man vor ner wahl bashen, damit sie keiner wählt, ok. ist angeblich auch ein personen wahlkampf, also ran da.
aber sie ist schlussendlich auch nur ein ausdruck der gesellschaftichen entwicklung und die ändert sich nicht durch merkelbashing.

wobei eine merkel das alles ganz gut moderiert hat. für eine große koalition ist die merkel toll. für die führung von schwarz/gelb aber nicht, da sie sich dann nur ggü. diesen drei parteien verbiegen muss.

"Es geschieht im Gegenteil eine Verschleierung der Wertfragen, eine Überdeckung der Konflikte, eine Verschiebung ins Nebelige (Afghanistan, Finanzkollaps, Klima - alles soll auf internationaler Ebene geklärt werden ...)"

die beispiele sind extrem schlecht gewählt, da ich merkel hier leider gute arbeit attestieren muss. sie macht etwas, was die linken in deutschland einfach nicht kapieren wollen. sie hält deutschland innerhalb des systems von dem es profitiert und regelt es deswegen auch international. das ist erstaunlich weitsichtig .. aber selbst wenn es nur die flucht vor uns hier sein sollte, dann ist das ein positiver effekt.

finanzmarkt- und umweltpolitik ist schlichtweg nur international machbar, da nur international veränderbar.

afghanistan hatten wir ja bereits. da wurde aber auch nicht tiefer gegangen, sondern recht oberflächlich agiert. es ist auftrag der presse / der gesellschaft diese wertediskussionen zu führen. aber nicht anhand der schwarz-weiss-sicht sondern anhand aller dazugehörenden themen und da find ich den freitag bisher auch recht schwach. das geht nicht sonderlich tief.

"ihr lasst es mit euch machen", fällt mir da nur ein.

mfg
mh

Magda 25.09.2009 | 11:22

Lieber Herr Augstein,
Ihre Antwort macht mir nur noch deutlicher, dass Sie alles, aber auch alles,was in der Gegenwart ein generelles Problem der Politik ist - eingeschränkte politische Handlungsspielräume, der Bedeutungsverlust und die Gestaltungsarmut von Politik, die zunehmende Entpolitisierung, nicht zuletzt die Verlagerung von Problemen auf eine internationale Ebene - auf Angela Merkels Person schichten wie auf einen Sündenbock (oder hier Sündenzicke).

Und das ist - es tut mir Leid - unpolitisch oder auch ein merkwürdig personalisierter und männlich-eingeengter Blick. Man könnte beinahe feststellen, es ist das Negativ der Sehnsucht nach einem starken Mann, was mich da ansieht.

Meine These ist, dass Angela Merkel eine Person ist, die es den starken Männern ganz besonders Recht machen will, wie ein Kind seinem Vater. Und das macht sie so merkwürdig profillos, als handle sie nicht ganz autonom. Und diese Verhaltensweise passt genau in die politischen Gegebenheiten,

Magda

Totte 25.09.2009 | 11:32

Zweifellos versucht Merkel, ihre Meinung so darzustellen, als habe sie keine, gleichsam als schwebe sie über allen. Und genauso fraglos ist diese Haltung bereits schlimm genug. Das größere Problem sehe ich aber in Folgendem: Merkel lässt ihre Umgebung an sich totlaufen. Das Meinungsmeer der Öffentlichkeit brandet zwar permanent an ihr, hinterlässt aber keine Spuren, außer dass die fremden Meinungen nach und nach versiegen. Schließlich entscheidet sie sich für ein kalt gekochtes Potpourri (von manchen Kompromiss genannt), das hauptsächlich mit einem Neoliberalismus gewürzt ist, den die Pastorentochter augenscheinlich bis heute nicht begriffen hat.
Kurz: Wenn sie keine Meinung hätte, würde sie auch keine Politik machen. Sie macht aber die falsche Politik.

Dass sie keine Gegner hat(te), stimmt übrigens nicht, sie hat es aber bisher verstanden, die Gegner schneller und effektiver auszuschalten, als Kohl es damals tat (man frage nur mal Friedrich Merz). Darüber hinaus hilft es ihr selbstverständlich, dass die Union ähnlich wie die SPD weitgehend aus farblosen Berufspolitikern besteht, denen der Posten wichtiger ist als die eigene Meinung.

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magnus-goeller 25.09.2009 | 13:05

Lieber JA,

dass Spinoza von der "Heiligen Inquisition" vielleicht gleich ganz platt gemacht worden wäre, nimmt mich trotzdem nicht für Rabbiner ein, die "gleich einpacken" könnten, wofern sie so einen machen ließen.
Sollen solche Theologen doch einpacken, nichts sinnvoller und humaner als das, wenn sie eine andere Gottesvorstellung als die eigene nicht ertragen können.
Ihre Darstellung Merkels halte ich trotzdem für weit überwiegend gelungen und verdienstvoll.
Mfg
Ihr
MG

Ingo Arend 25.09.2009 | 22:49

für "bräsig" halte ich angela merkel überhaupt nicht. das adjektiv passt wahrscheinlich bis heute am besten auf helmut kohl. der wahrscheinlich der prototyp des politikers ist, der die macht um ihrer selbst willen geliebt hat. von der selbstgerechtigkeit, dem demonstrativen antiintellektualismus und der naiven emotionalität ihres vorgängers hat merkel nichts. wenn man schon die essenz ihrer politik in bildern fassen will, kommt mir eher das einer physikerin, chemikerin oder biologin ins bild und nicht das bild der mystikerin: politik als naturwissenschaftliches modell: hochkonzentriert beugt sie sich über das politische geschehen wie ein naturwissenschaftler in einem labor über ein experiment, eine petrischale. angetan mit aseptischen handschuhen, haarschutz und einer pinzette verfolgt sie die reaktionen. ich gebe zu: das ist nicht besonders sexy, schon garnicht mitreißend - wie in den besten zeiten willy brandts. aber ganz unabhängig von den inhalten ihrer politik (die es ja tatsächlich gibt): gegen die charismatische verführungskraft der großen leitfiguren (wie man sie bei obama bewundern kann) hat die distanzierte rationalität dieser machtpraxis ihre unbestreitbaren vorteile. sie ist nicht auf überwältigung aus, sie lässt dem betrachter die möglichkeit des rückzugs. selten war bei einem(r) politiker(in) "das amt" oder "die macht" so wenig libidinös besetzt wie bei ihr. wie wenig sie beides ineinssetzt lässt sich an ihrem unprätentiösen auftreten studieren. überspitzt könnte man formulieren: machtferne, machtskrupel, machtdistanz sind der inhalt ihrer symbolpolitischen agenda.

weinsztein 26.09.2009 | 06:47

Lieber Ingo Arend,
Angela Merkel als Kanzlerin sehe ich ähnlich wie Sie. Mir erscheint sie weder als "bräsig" noch als "Frau ohne Eigenschaften".
Frau Merkel analysiert Verhältnisse, Bedingungen, leitet daraus Taktiken, Strategien ab. So setzte sie sich im "Haifischbecken" (wie es immer gern genannt wird) CDU durch, und sie moderierte die so genannte große Koaltion mit enormem Erfolg (sagen die letzten Umfragen).
"Wir Linken" begeben uns immer wieder in die Falle, politische Gegner als "doof" darzustellen (u.a. per sehr verkürzter Darstellung von deren Positionen, per Birne-Witzchen und eben solcher Karikaturen). Das verführt dann leicht zum Verzicht auf Präzision bei inhaltlichen Auseinandersetzungen mit eben jenem Gegner. Aber leider sind die Anderen kein bisschen doof. Und, zu dumm, die Wähler ahnen das.

Vor der Wahl 2013 sollte ernsthafter über linke Wahlkampfmethoden und -strategien nachgedacht werden, damit Merkel-Politik endlich überwunden werden kann.
Beste Grüße
weinsztein

Magda 26.09.2009 | 11:23

Lieber Ingo Arendt,

ich finde Ihre Zuschreibungen sehr interessant und treffend.

Sie schreiben:
"selten war bei einem(r) politiker(in) "das amt" oder "die macht" so wenig libidinös besetzt wie bei ihr. wie wenig sie beides ineinssetzt lässt sich an ihrem unprätentiösen auftreten studieren. überspitzt könnte man formulieren: machtferne, machtskrupel, machtdistanz sind der inhalt ihrer symbolpolitischen agenda."

Mir scheint wirklich, dass dieses Libidinöse schmerzlich vermisst wird. Ich glaube auch, dass Angela Merkel die Grenzen dieser politischen Macht wie keine andere erkannt und auch erlebt hat. Während viele Politiker auf diese Erkenntnis mit vestärktem Repräsentations- und Machtgebaren regieren, wirkt sie eher zurückgenommen. Das ist ja das Merkwürdige an ihr. Sie wirkt farblos, aber sie ist es nicht. War mein erster Eindruck.

Ich wüsste dennoch gern, warum sie sich für diese CDU damals entschieden hat. Da ist sie der Sehnsucht nach Identifikation, die es in der CDU und darüberhinaus wohl gibt, etwas schuldig geblieben.

Ich bin sehr gespannt, wie es nach dieser Wahl mit ihr weitergeht.

@ weinsztein - ich denke auch, mit Angela Merkel muss man "rechnen" und nicht sie als unendliche Null betrachten.

Beste Grüße
Magda

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steinmain 26.09.2009 | 13:35

Also ich sehe Merkel einfach als eine Art Anti-Hitler, Sachwalterin und Elevin eines seltsamen Völkchens im Herzchen von Mitteleuropa, das eine Angst vor dem bösen Sozialismus hat, vor dem bösen Atom, dem bösen Krieg (naja, solange man wegguckt), dem schändlichen Erwärmismus des Klimas, ertrinkenden Eisbären und hilfeschreienden Pinguinen an den "Polarkäppchen" und winselnden Korallen im Südsee-Yachting-Paradies ihrer Leistungsträger, die sofort auswandern und das Weite suchen würden, falls man versuchen würde, sie an den Kosten der Volkswirtschaft zu beteiligen. Vertreterin der kleinen, verschreckten Leute, das rosa Leibchen korrekt geknöpft, etwas sächselnde Aussprache, daher für die einen eine von uns, für die anderen belächelnswert ungefährlich, andererseits Schlichtungsstelle für gefährliche Polit-Kriminelle in ihrer Partei, halbbraune wie Koch, Schäuble und wie heisst der andere Schwabe von uns Mäuschen abwendend, einfach entzückend für jemanden, dessen grösste intelektuelle Leistung im Leben die Führerscheinprüfung ist.
Merkel gehört einfach ins Kinderfernsehen, so als Lila-Launebärle, alles andere ist doch verbrämter Konformismus und einfach die Angst, die zweite Demokratie im Land könnte Überzeugungsmenschen und wirklich politische Denker an der demokratisch gewählten Macht nicht wegstecken.

marsborn 26.09.2009 | 15:43

Auch wenn ich defintiv kein Fan der CDU bin, hier kann ich nur sagen: So ein Schwachsinn. Wozu bräuchte denn Frau Merkel diese Macht um ihrer selbst Willen? Um Rolls Royce zu fahren, die Weltherrschaft anzustreben oder was? Die paar Schneiderjacken, Frisuren und Opernkarten wären diesen Aufwand ja wohl nicht wert, oder? Nüchternheit und Zurückhaltung als Indiz dafür zu nehmen, dass jemand keine politischen Ziele hätte, dass klingt schwer nach - 'tschuldigung - journalistischer Wessidenke der simpelsten Sorte, a la: Wer nicht ständig wilde Parolen vor sich herposaunt, der hat kein Profil. Merkel hat poltisch nicht nur die CDU sondern auch das Land verändert. Sie hat es geschafft, mit der desolaten SPD zusammen ohne viel Getöse (a la Schröder und anderer Profilneurotiker) die Wirtschaftskrise ohne großen Schaden für das Land zu meistern (bislang zumindest) und ihr entschlossener, unaufgeregter Pragmatismus hat uns allen am Ende mehr gebracht, als all die hehren Progammverkünder und Verbalhelden. Ich finde, es macht nichts, wenn jemand die alten poltischen Rollenmuster nicht bedient. Vielleicht ist Frau Merkel ja auch deshalb so "unerklärlich" beliebt, weil sie nicht so viel quatscht sondern einfach macht - und auch vor unbequemen Kompromissen nicht zurückscheut. Ich halte Augsteins Einschätzung jedenfalls für klischeehaft und ungenau. kein Wunder, dass man sich mit dieser "Brille" fragen muss, wieso Merkel auch ohne here Manifeste etc. überhaupt Erfolg hat... Kurze Frage an J.A.: Welche Bedeutung hat das Jahr 1989 eigentlich in Ihrem politischen Denken?

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steinmain 26.09.2009 | 16:06

Och @marsborn, mit Verlaub gesagt, nicht sehr durchdacht. Worum es geht, ist doch, das die Weltherrschaft (sic!) von Leuten angestrebt wird, die sich öffentlich nicht so zeigen und etwa auf die liebe Ost-Suse machen würden, sondern die solche Pimpelchen wie Merkel oder auch Schröder oder Fischer oder Merkels Schwester nach vorne schieben, um ihre Interessen zu vertreten, öffentlichkeitswirksam, die wirkliche Machtpolitik wird ein bis zwei Ebenen darunter gemacht.
Und wenn jetzt, marsborn, ein armer Bildzeitungsleser wie du unbedingt ein spiessiges Auto wie einen Rolls-Royce fahren will, kann er das in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ohne weiteres tun, falls er lange genug spart.
Und das mit dem politischen Denken lassen wir lieber mal, ne ?

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magnus-goeller 26.09.2009 | 16:17

Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe nach den letzten Kommentaren doch den Eindruck, dass hier einiges durcheinandergeworfen wird.
Soweit ich Jakob Augstein verstanden habe, sprach er Merkel weder Verstand noch Machertum ab; er warf der Kanzlerin im Grunde lediglich Opportunismus um jeden Preis vor (damit nicht als erster), eben dass ihr eigentlich keine politische Position kernwichtig sei.
Wer will dem widersprechen?
Der sage mir bitte, wofür diese Frau steht, außer für den Augenblick.

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steinmain 26.09.2009 | 16:41

Wer will denn Merkel etwas absprechen ? Sie hat doch eine dämliche Kohl-Nachkriegsrepublik übernommen, mit allen Tricks, die ihr der Pfälzer hinterlassen konnte: "Isch gann misch nisch mehr erinnern" oder "Isch habe da main ähremword gägäben, dass isch die Bardeispender nisch kennne" lass doch die Sozis machen, Schröder als bester CDU-Kanzler, ich werfe dem ganzen Politik-Mist Opportunismus in jeder Form nach.
Leute, da steht Oskar und sagt: Wählt mich ! Und bitte über 40 Prozent, dann können wir in diesem Schlumpfhausen wieder mal über Veränderungen reden.

Jakob Augstein 26.09.2009 | 21:03

Lieber marsborn
lesen Sie mal den Leitartikel von Berthold Kohler heute in der der FAZ. Sehr gut geschrieben und klug argumentiert - und genau das Phänomen beschreibend, das mich so beunruhigt: Depolitisierung als Zeichen der Zeit; die Ära der großen Auseinandersetzungen vorbei; ersetzt durch eine neue Zeit der technischen Lösungen; alle großen Fragen entschieden ... Das ist genau die Argumentation, mit der die Kosnervativen "uns alle" einlullen wollen - weil es den Interessen der Eliten dient. Und die meisten Leuten machen das mit. Lassen es geschehen. Dabei ist es in Wahrheit alles Lüge. Die gesellschaftlichen Konflikte sind eben nicht gekölärt. Der Interessengegensatz zwischen dem Bankvorstand und dem Schalterangestellen ist und bleibt real. Politiker wie Merkel und Journalisten wie Kohler wollen darüber hinwegtäuschen. Die Aufgabe der Politik ist es, aus der vielschichtigen Realität Destillate zu erzeugen, Konturen herzustellen, Fragen zu klären - anstatt sie zu vernebeln.

Was hat 1989 damit zu tun?
Noch einmal: Der Grundkonflikt zwischen den Gewinnern der Globalisierung und den Verlierern, zwischen denen, die herrschen und wissen und denen, die beherrscht werden und nicht wissen, bleibt bestehen. 1989 hat daran nichts geändert.

Das Gerede von der Alternativlosigkeit, vom Eintritt der Politik in eine "reife" Phase, in der Streit und Kampf nicht mehr notwendig seien - das ist wirklich gefährlich.

Erinnern Sie sich an den Film "Die üblichen Verdächtigen" - The greatest trick the Devil ever pulled was convincing the world he didn't exist. ...
Ihr JA

Ingo Arend 26.09.2009 | 21:31

hier noch ein kleiner hinweis: die von mir besonders geschätzte taz-kollegin ines kappert hat heute dort ein sehr aufschlußreiches interview mit der berliner professorin margreth lünenborg veröffentlicht, in dem es um angela merkel, frauen, geschlechterrollen und inszenierte macht geht. passt ausgezeichnet zu unserer diskussion hier: www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=me=2009%2F09%2F26%2Fa0219=9ff0e4e4df.

h.yuren 26.09.2009 | 23:23

"Noch nie gab es einen deutschen Politiker, dem es so wie Bundeskanzlerin Angela Merkel im Wahlkampf einzig und allein um den Erhalt politischer Macht ging."
das möchte ich bestreiten. im gegenteil, allen ging es genau wie dieser kandidatin um gar nichts anderes als machtgewinn und machterhalt.
die schwierigkeit für uns liegt nur in der perspektive. was wissen wir denn wirklich über das treiben der gewählten da in berlin? was in der zeitung oder der tagesschau zu erfahren ist, unterscheidet sich gewaltig von dem, was tatsächlich beschlossen und auf den weg gebracht wird. wir müssen mit der bühnenfassung vorliebnehmen.
wer mir das verraten hat?
a) jacob burckhardt: "Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe. Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier und eo ipso unerfüllbar, daher in sich unglücklich und muß also andere unglücklich machen."(Weltgeschichtl. Betrachtungen)
b) walter lippmann in seinem hauptwerk "Public Opinion". lippmann legt dar, dass die meinungbildung in der modernen massengesellschaft von der veröffentlichten meinung abhängig ist, die medien von großenteils unüberprüfbaren mitteilungen dritter abhängen, etwa den verlautbarungen der pressesprecher von regierenden. die abhängigkeit der medien von pressionen durch inserenten usw.

was derart an die öffentlichkeit gelangt, ist etwas anderes als die wahrheit über die pläne der regierenden und anderer machthaber.

wenn jemand anders als ein mensch mit übermäßigem machtinstinkt ins kanzleramt sich verirren könnte, wäre sie oder er nicht eine woche dort.

die verschleierung der wahren absichten ist teil der pr-arbeit.

goch 27.09.2009 | 00:14

Merkel schafft es mit ihrer Art Politik zu machen, ihre Politik als Alternativlos erscheinen zu lassen. Nicht der Zweifel sondern die sachlogische unaufgeregte kompromiss-harmoniebetonte Darstellung von politischen Entscheidungen sagt dem Wähler: alles ist gut, mach dir bloß keine Gedanken. Bei mir/uns bist du in guten Händen.Damit wird tatsächlich Entpolitisierung betrieben. Politik ist eine nüchterne Sachentscheidung. Emotionen und Interessen spielen keine Rolle.
Sie hat die Politik Kohls und Schröders reibungslos fortgesetzt, ohne als kalt und brutal erkannt zu werden. Eine taktisch-strategische Meisterleistung!!!

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steinmain 27.09.2009 | 02:15

Stimmt, langsam kapiere sogar ich das, eine Frauen-Quoten-Darstellerin, nicht mehr so ein stinkender Grossraumhosen-Gasprom-Diktator Schröder etwa, sondern die liebe kleine, körperlich behinderte Zonen-Gabi (Name geändert), muss als Öffentlichkeits-Schauspielerin nach vorn gebracht werden.
Da reibt sich das intelektuelle Fussvolk an deren bräsigkeit auf, während es politisch weiterhin und wie immer um die Wiedereinführung des Fürstentums geht, um die schrittweise versandung der Demokratie, um die Umverteilung des Geldes von unten nach oben, die versklavung und abwicklung von armen Leuten, .....
Ich schliesse mich da an, einfach genial eingefädelt, kriminell bis zum Anschlag, Hut ab zum Gebet !!!!!!

misterl 27.09.2009 | 10:59

Ich kann mich da an eine Rede (fast zu Beginn ihrer Kanzlerschaft damals übertragen von Phönix) erinnern, wo sie einem der Arbeitgeberverbände Sinn gemäß zurief: "sagen Sie was sie brauchen, wir kümmmern uns um die Vermittlung im Volk, aber eine Bitte: sprechen Sie mit einer Stimme.".

Eine Frage hätte ich also schon noch gerne geklärt.

Handelt sie (im Sinne von agieren) wirklich nicht oder handelt sie (im Sinne von Auftragsreagieren) schon?

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gerhardhm 27.09.2009 | 12:31

"wenn jemand anders als ein mensch mit übermäßigem machtinstinkt ins kanzleramt sich verirren könnte, wäre sie oder er nicht eine woche dort."
Stimmt!
Jemand, der ehrlichen Herzens (Was für ein geradezu lächerliches Wort in diesem Zusammenhang.) in dieses Amt käme, würde Klartext reden. Klima, Universalität der Menschenrechte, Reichtumsverteilung und -erlangung, Zinssystem, Umwelt, Energie, Rohstoffe,... Dieser Klartext würde ihn/sie umstandslos aus dem Amt befördern. Eventuell aus dem Leben.

Wollen Menschen andererseits die Wahrheit hören? Ich habe da erhebliche Zweifel. Der Selbstbetrug, so ist meine Beobachtung, ist das Normale. Dieser wird also von den (gewählten und nichtgewählten) Regierenden mal mehr, mal weniger "bedient". Wachstum ist die Lösung, heißt das dann u.a.

Nur am Rande:Daß Herr Augstein den Hinweis auf 89 nicht versteht, ist schon bemerkenswert in diesem Zusammenhang.

corvinplutarco 27.09.2009 | 15:54

Ich frage mich ganz abseits der Detailfragen was Politik, politisches Auftreten, Staatsführung und so weiter angeht; Wer wählt eigentliche diese Frau?

Ich habe in meinem Umfeld bisher EINEN CDU-Wähler ausgemacht, und der wählt nach seiner Aussage auch nicht wegen der Person (bzgl. Personenwahlkamp etc.). Also wie sehen diese Leute aus?

Könnte nicht eine Staffelung der Wahl des Parlamentes eingeführt werden? 1/3 wird von 18-30-Jährigen, 1/3 von 31-45 Jährigen und ein Drittel von den 46+ gewählt? Dann gäbe es auch einen höheren Anreiz für die einzelnen Teile der Altersgruppen, wählen zu gehen.
Wenn nämlich die CDU und Frau Merkel von vornehmlich älteren Leuten gewählt werden sollte, dann sind es doch die Jüngeren, die auf den Folgen dieser Politik sitzen bleiben müssen.

alpe 30.09.2009 | 09:38

Lieber Herr Augstein,

Wenn ich Ihren Artikel richtig verstehe, ist Ihr eigentlicher Hauptkritikpunkt an Angela Merkel ihre politische Nichtgreifbarkeit, eine Verschwommenheit, die sich in Ihrer Auseinandersetzung mit "allem und nichts" ohne klare Konturen oder Richtung ausdrückt.

Sie werfen Ihr vor, die Probleme der Zeit nicht in einen politischen Plan oder ein Programm mit deutlich erkennbarer Linie zu destillieren, sondern auf der Ebene des pragmatischen Ad-hoc quasi in Reaktion zu aktuellen Problemen kleinteilig mit technischen Antworten zu agieren.

Mal abgesehen davon, dass, wie in anderen Kommentaren bereits ausgeführt, Angela Merkel nicht im Vakuum agiert, sondern in eine politische Partei und als Kanzlerin in das politische Gestaltungssystem Deutschlands mit all seinen restringierenden Strukturen eingebunden ist, frage ich Sie, welche großen Leitbilder Sie in der heutigen Zeit von einem Spitzenpolitiker erwarten? Nun mögen Sie antworten, dass beispielsweise der totale Verzicht auf Kernenergie bei gleichzeitigem Ausbau der erneuerbaren Energien in gleicher Höhe innerhalb der nächsten 25 Jahre eine solche Vision darstellte.

Das mag auf einem solch abstrakten Niveau ja durchaus stimmen (und ich habe mir mit der Kernenergie den politischen Bereich ausgesucht, der sich noch am ehesten für "visionäre" Zuspitzung eignet), aber wenn man diese Frage in seine Einzelteile herunterbricht, landet man doch ganz schnell wieder in den technischen Untiefen der Laufzeitverlängerungs-, Schwankungslücken-, CO2-Freiheits-, Stromimport und Endlagerebene.

Dies gilt um so stärker für die bereits von Natur aus noch weitaus stärker "technisch" angelegten Probleme beispielsweise im Gesundheitssystem, im Bildungssystem oder im Steuersystem.

Wo bitte sehen Sie da die Visionen? Oder, anders formuliert, laufen Sie als Visionär nicht das Risiko, sich (zu recht) dem Vorwurf der Abgehobenheit, der Beliebigkeit, der Realitätsferne auszusetzen?

Wir leben nun einmal nicht mehr in Zeiten des Ost-West-Konflikts, der Mauer und der Bipolarität der Weltordnung. Unsere Umwelt ist eine kompliziertere geworden, eine vernetztere, die bedingt, dass viele (auch entscheidende) Fragen in ein Netz von Abhängigkeiten und wechselseitigen Beeinflussungen eingebunden sind, die einfache, klare, "visionäre" Lösungen leider unmöglich machen, oder mindestens deutlich erschweren. Wir leben in einer Welt, in der das Gebaren amerikanischer Bankangestellter in Ohio Auswirkungen auf das Bildungssystem in Neustadt haben kann. Der politische "Butterfly Effect" ist Realität.

Da haben es groß angelegte Visionen nun einmal nicht ganz leicht.

Herzlichst,
alpe

P.S. apropos langsam und bräsig: Wollten Sie "Mecklenburg" nicht schon längst geändert haben? SCNR

Oddo Wolf 08.04.2013 | 00:56

Wie führt man Wahlkampf gegen jemanden, den es nicht gibt? Eine ihrer Stärken ist, wie ein Tarnkappenbomber durch feindliches Gebiet zu navigieren, so glatt, daß sogar das Radar nur abrutscht, aber keine Signale reflektiert. Spinoza: "Jeder hat so viel Recht, wie er Gewalt hat" Der Steinbrück? Naa. Der hat nicht nur seinen eigenen "A" an die Chefs von Signore Draghi, Generalgoverneur und VizeKönig von Europa, für eine Datscha auf den Seychellen verkauft. Von politischen Parteien halt ich insgesamt sehr wenig. In Österreich werden die jetzt abgeschafft. Dazu die sehenswerte ZIB 2 von vorgestern, glaub ich. "Das Stronach-Team ist gespalten, Frank aus eigenem Haus ausgesperrt". Die Moderatorin ist emotional auf ein hick-hack eingestellt. Das Interview mit dem Tiroler Frischling Hans-Peter Mayr verläuft dann aber ganz anders, als wir den Auftritt von Berufspolitikern im ORF gewohnt sind, die mehr oder weniger talentiert ihre Rolle darstellen, ein paar Spritzer Schlangengift in Richtung der "feindlichen Lager" die eigenen Taten gelobt, und sich auch auf heftige Wortgefechte mit dem Moderator einlassen, wenn dieser zu penetrant nachfragt. Die Moderatoren haben sich diesem agressiven Redestil, der in der Politik normal geworden ist, angepaßt. Die Moderatorin startet entsprechend. Da sagt der Mayr ganz entspannt: "Stronach ist so ein guter Mensch, ich vertraue ihm aus tiefstem Herzen". Sie glaubt, nicht richtig gehört zu haben, hakt nach: Und wenn Stronach ihnen jetzt die Verwendung seines Namens verbieten würde? Er: "Ich steh absolut loyal hinter ihm". Das war irgendwie berührend und dann ist mir ein Licht aufgegangen: Team-Stronach ist keine Partei, sondern ein neues System: Federal-Public-Government-Franchise-System Ein "Parteiprogramm" gibts noch nicht. Wenn ich richtig liege, dürfte das nur aus einem schlanken Gerüst von Grundwerten bestehen. Die "Bunten" kennen sich gar nicht aus, ahnen vielleicht noch gar nicht, daß sie bald überflüssig werden. Die Abgeordneten werden direkt über die föderale Schiene gewählt. Ein Spinoza-Symtom wie bei der Merkel, da ist auch nichts angreifbares vorhanden, weil nicht einmal sowas wie eine "anständige" Partei da ist. Haha, die österreichischen Parteien müssen ihren Wahlkampf wohl gegen ihr eigenes Volk führen. Vielleicht ist es ja mehr als ein Traum, dann bekommen wir Politiker zum Liebhaben. Und was geht bei euch in Berlin? Danke fürs lesen. Servus Freitag, wir sehen uns dann im TV.