Die nächsten 10 Gebote, bitte

Moses reloaded Woran wir heute glauben sollten: Antworten von Eugen Drewermann, Sarah Diehl, Christopher Hitchens, ChristianBerlin und anderen

Die Zehn Gebote, heißt es immer, seien in Stein gemeißelt. Aber warum eigentlich? Wir haben Autoren gebeten, den Dekalog (in der reformierten Einteilung) zu überprüfen. Welche Gebote sind überholt? Welche müssen unbedingt bleiben? Und: brauchen wir neue?

1 Du sollst keine anderen Götter neben mir haben

Von Eugen Drewermann

Du_sollst_keine_Götter_neben_mir_haben.jpgDie Vorstellung, dass die Zehn Gebote ethische Grundregeln sind, ist weit verbreitet, aber falsch. Sie scheitert an den ersten drei Geboten – die sind nicht Ethik, die sind Religion. Und damit erscheinen sie im Rahmen einer modernen, liberalen staatsbürgerlichen Ordnung als überflüssig. Glauben mag jeder, was und woran er will, doch verpflichtend für jeden sind die Gesetze des Staates. Warum also brauchen wir dieses erste Gebot, diese Präambel, bevor es mit den Geboten so richtig losgeht?

Das erste Gebot spricht in absoluter Weise aus, dass Gott eine Person ist – also keine Naturmacht und kein Gesetz. Und es verlangt vom Menschen, dass er sich selber als Person in absoluter Weise auf Gott bezieht.

Wäre Gott nur Natur, genügte es, die paar Jahrzehnte hier auf Erden irgendwie herumzubringen. Einkommen, Auskommen und ein möglichst langes Leben – mehr stünde eigentlich nicht auf dem Spiel. Gott als Person zu denken, heißt, dass mit dem, was wir sind, als Einzelne, etwas gemeint ist, das sich weder ersetzen noch vertreten lässt.

Wäre Gott ein Gesetz – in der Natur, in der Moral –, genügte es, zu tun, was alle tun. „Ich habe nur meine Pflicht getan.“ Aber was, wenn das nur eine Ausrede ist? Was, wenn es nicht reicht, nur ein guter Bürger zu sein? Was, wenn es darauf ankommt, lieber das Gesetz zu brechen als das Herz eines Menschen? Gott als Person zu denken heißt, mit seiner eigenen Existenz gefordert und gefragt zu sein.

Gott sei Dank ist Gott nicht Staat, Politik, Wirtschaft. Denn nur Gott als Person ermöglicht, dass wir als Personen uns selbst identisch werden. Nur eine andere Person vermag uns zu versichern, dass sie uns mag und möchte; Gott als Person sagt uns das. Erst wenn in seinem Gegenüber wir mit uns zusammenwachsen, vermögen wir gegenüber anderen Menschen so zu sein, wie es sich „ethisch“ dann in den weiteren Geboten formulieren lässt. Das erste Gebot besagt, was Petrus einmal dem Hohen Priester frei heraus entgegnete: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Das 1. Gebot ist wichtiger denn je.

Eugen Drewermann, Theologe und Psychoanalytiker, kann sich ein Leben ohne Gott nicht vorstellen

2 Du sollst dir kein Bildnis machen

Von ChristianBerlin

Du_sollst_Dir_kein_Bildnis_machen.jpgDie Zehn Gebote wollen der Herrschaft des Menschen über den Menschen Grenzen setzen. Das zweite verbietet ihm sein gefährlichstes Instrument: Religion. In einem Wechselspiel aus Rausch und Askese versuchen Menschen seit je, dem Endlichen zu entfliehen und sich dem Göttlichen zu nähern. Das hat seinen Preis. Der Rausch benebelt, macht abhängig. Askese beinhaltet Gewalt. Gegen sich selbst, wenn man verzichtet oder entsagt, und gegen andere, die man vom religiösen Rausch befreien will.

Jesu Anschlag auf den Tempel, der Bildersturm der Reformation oder die Zerstörung der Buddha-Statuen durch die Taliban zeigen, wie intolerant Asketen sein können. Umgekehrt zeigen das Goldene Kalb, der Bau des Petersdoms und die Ablasspredigten zu seiner Finanzierung, wie leicht Massen für den Rausch zu begeistern sind.

Die Masse macht selbst aus Asketen wieder Idole und aus deren Visionen Ideologien. In Christi Namen wurden Menschen verbrannt und Kriege geführt. Es gibt aber kaum eine Idee, auch keine säkulare, in deren Namen nicht dasselbe passiert wäre. Die einzige Alternative dazu ist die Idee, die den Zehn Geboten zugrunde liegt: Die Reduktion des Zwangs auf das, was notwendig ist, um von Herrschaft und Zwang frei zu sein. In einem menschenwürdigen Dasein, das sich selbst genügt, erwächst der Freiraum, die Not anderer zu sehen und sich ihrer anzunehmen.

Aber auch wer diesen Weg zur Mitmenschlichkeit entdeckt hat, bleibt versuchbar. Kulte und Ideologien behaupten, eine Abkürzung ins Paradies zu kennen. Theologie auf der Grundlage der Gebote ist deshalb Kulturkritik und Sozialkritik. Lange vor Marx beginnt beides bei den Propheten Israels und setzt sich fort in den Gleichnissen Jesu. Im bekanntesten übersehen zwei Religionsdiener einen unter die Räuber Gefallenen und erst ein aus deren Sicht Ungläubiger bemerkt ihn und handelt. Selbst die Religion eines Gottes, der Religion eigentlich verbietet und Mitmenschlichkeit fordert, kann das Gegenteil bewirken.

Das 2. Gebot soll dringend bestehen bleiben.

Christian Johnsen, Pfarrer und freier Journalist, glaubt an Gott und bloggt auf freitag.de als ChristianBerlin

3 Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen

Von Constantin Seibt

Du_sollst_den_Namen_nicht_missbrauchen.jpgDieses Gebot eröffnet der Menschheit gleich drei Wege ins Finstere. Der erste Weg ist eine Triumphallee: Die Mächtigen rechtfertigen Pläne und Siege durch den Namen des Herrn. Der zweite Weg ist eine nächtliche Gasse. Hier lästern die Verlierer durch Flüche seinen Namen. Der dritte Weg ist der Weg der Kinder: das Gebet.

Ich war zarte sieben Jahre, als meine Mutter mich und meinen kleinen Bruder zu sich rief. „Sagt mal!“, sagte sie. „Könnt ihr eigentlich ein Gebet?“ – „Äh …“, sagten wir. – „Das ist ja eine furchtbare Bildungslücke!“, sagte sie. Und so brachte sie uns eines bei:

Ich bin klein/ Mein Herz ist rein/
Und niemand soll drin wohnen/
Als Jesus allein!

Darauf schloss ich einen Vertrag mit Gott. Ich bot zwei bis fünfzig Gebete für einen einzigen Wunsch pro Tag. Ich erinnere mich an einen Sommermorgen, als ich in die Schule ging und eine halb zertretene Schnecke sah. Mir wurde schlecht, und ich bot Gott zwei Gebete, damit ich die Schnecke wieder vergessen würde. Das tat ich auch, aber ich war dann sehr unglücklich, als es in der Turnstunde Fußball gab. Ich hätte fünfzig Gebete für ein von mir persönlich geschossenes Tor geboten. Ich spielte wie eine Gurke.

Erfüllte Gott meinen Wunsch, murmelte ich nachts zwei- bis fünfzigmal „Ichbinkleinmeinherzistreinundniemandsolldrinwohnenalsjesusallein“ in mein speichelfeuchtes Kopfkissen. Ich weiß nicht, waren meine Wünsche damals so bescheiden? Oder war Gott wirklich auf meiner Seite? Jedenfalls schaffte ich es irgendwann nicht mehr, meine Gebete abzuarbeiten. So endete mein Glauben an Gott mit schreckenerregenden 800 Gebeten Schulden. Der sicherste Weg zur Hölle ist mit erhörten Gebeten gepflastert.

Das 3. Gebot soll lauten: „Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen, ohne dabei ein wenig zu erschaudern.“

Constantin Seibt, Journalist, glaubt an die eigene Unschuld, auch wenn das immer schwerer wird

4 Du sollst den Feiertag heiligen

Von Jochen Schmidt

Feiertag.jpgIch orientiere mich ja eher an den Pioniergeboten („Wir Jungpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert“) als an denen aus der Bibel, deshalb kannte ich das dritte Gebot gar nicht.

„Du sollst den Feiertag heiligen“. Heißt das, ich darf nicht arbeiten? Das wäre ja schlimmer als Knast. Oder heißt es, dass ich nicht fluchen darf? So ein Scheiß! Dass ich keinen Alkohol trinke? Mache ich schon lange nicht mehr. Dass ich nur Fisch esse? Ist mir zu teuer.

Sonntage sind wie ein gesamtgesellschaftlicher Schienenersatzverkehr, eine Ahnung davon, wie das Leben mal sein wird, wenn man arbeitslos ist. In der Zeitung steht nichts und Bundesliga war schon gestern.

Und Feiertage? In meiner Jugend kamen am Karfreitag im Fernsehen nur Begräbnismusik, Zeichentrickfilme über die Kreuzigung und Dokumentationen über Hungersnöte, seitdem habe ich wohl eine Feiertagsphobie. Ich glaube auch, ehrlich gesagt, dass Feiertage nicht mehr zeitgemäß sind, man verbrennt doch auch keine Menschen mehr auf dem Scheiterhaufen.

Das 4. Gebot kann gestrichen werden. (Wobei ich eigentlich immer gegen jegliche Veränderung bin, aus dem Grund könnte man es dann doch wieder lassen).

Jochen Schmidt, Autor, ist Agnostiker, zum Apatheismus neigend

5 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren

Von Bruno Ziauddin

Eltern_ehren.jpgVom Pfarrer meines Vertrauens weiß ich: Das fünfte Gebot richtet sich, wie alle Gebote, nicht an Kinder, sondern an Erwachsene.

Also: Im Zug belauschte ich die Unterhaltung einer Mutter mit ihrer Tochter. Zwei distinguierte Hanseatinnen, die Tochter um die fünfzig, die Mutter über achtzig. Die alte Frau, klar im Kopf und interessiert an Neuigkeiten aus der Welt der Tochter, stellte Fragen. Harmlose, teilnahmsvolle Mutterfragen. Die Tochter antwortete kalt und unwirsch: Nein, keine Ahnung, ach komm, weißt du doch selbst, frag nicht so dumm. Sie benahm sich, als wäre sie ein Teenager, der sich über die lästigen Eltern ärgerte.

Einen Moment lang war ich versucht, ihr das mitzuteilen. Natürlich ließ ich es bleiben. Dies ist, was ich zu sagen gehabt hätte:

Eltern können unvermittelt sterben. So wie mein Vater. Am Morgen miteinander telefoniert, am Abend tot. Keine gut gemeinten Ratschläge mehr, kein irritierendes Suppengeschlürfe, kein überlautes Radiohören, keine pathetischen Bekundungen von Vaterstolz. Von einer Sekunde zur anderen: vorbei.

Eltern können krank werden. So wie meine Mutter. Gestern den Hochzeitstag gefeiert, heute die Krebsdiagnose. Aus der überfürsorglichen Mama wird innerhalb von Wochen ein abgemagerter, schmerzgepeinigter Pflegefall, dem man Tee löffelt, die Windeln wechselt und spätnachts, wenn die Verzweiflung am größten ist, die Hand hält.

Nur schon aus Eigennutz sollte man sich daher an das Gebot halten. Wer es zu Lebzeiten der Eltern versäumt, Frieden mit ihnen zu schließen, wird es später nicht nachholen können. Aber auch die Eltern selbst haben es, in den meisten Fällen, verdient. Und dieses Gebot macht es einem gar nicht so schwer. Ehren heißt nicht: blind verehren. Sich abnabeln, anders werden, als es der Masterplan vorsah, den Vater übertreffen, nicht auf die Vereinnahmungsversuche der Mutter hereinfallen: alles erlaubt.

Zu biblischen Zeiten war das Gebot eine Art private Rentenvereinbarung. Es ging darum, dass man für die Eltern sorgt, wenn sie alt und schwach sind, sie nicht aus der Sippe verstößt wie zwei lahmende Tiere, schließlich hatten sie einst selbst für ihre Kinder gesorgt.

Heute, wo es einen Wohlfahrtsstaat gibt, Altersheime, Senioren-WGs und Heimpflege, wird einem die Last des Versorgens weitgehend abgenommen. Es bleibt die Aufgabe, seinen Alten mit etwas Wärme zu begegnen, ihnen ab und zu Gesellschaft zu leisten, dankbar für Geleistetes und nachsichtig für ihre Versäumnisse zu sein, damit sie dereinst unbelastet gehen können. So viel muss möglich sein.

Das 5. Gebot bitte so lassen.

Bruno Ziauddin, Journalist und Autor, ist nach wie vor katholisch, weil man seinem Verein die Treue hält, auch wenn man länger nicht im Stadion war und der Präsident eine zwielichtige Gestalt ist

6 Du sollst nicht töten

Von Sarah Diehl

Du-sollst-nicht-töten.jpgMord setzt ein Subjekt voraus, das ermordet werden kann. Der Schwangerschaftsabbruch wird so stigmatisiert, weil sich potenzielles Leben hervorragend als Projektionsfläche anbietet: Die Biografie einer Person wird schon imaginiert, obwohl noch nicht mal ein Gehirn vorhanden ist, das sich eine Zukunft wünschen könnte.

Letztlich eignet sich die Abtreibungsdebatte vor allem dazu, die Subjektwerdung der Frau zu verhindern. Denn im Gegensatz zu Embryonen werden Frauen nicht vollends als Subjekte mit Rechten und Bedürfnissen wahrgenommen. Stattdessen wird der Fötus, der bis zur 20. Woche weder Schmerzempfinden noch Bewusstsein hat, zum Subjekt stilisiert. Dieser irrationale Vorgang führt dazu, dass viele Politiker Abtreibung kriminalisieren.

Zudem hilft die Dämonisierung der Abtreibung, patriarchale Werte zu stützen. Auch für die Kirchen ist die Dämonisierung ein Mittel, Frauen durch emotionale Erpressung zum Schweigen zu bringen. In pseudoaufklärerischer Manier werden Menschenrechte für den Embryo gefordert, bevor die Menschenrechte für die Frau verwirklicht sind. Auch in unserer Gesellschaft denken viele Menschen beim sechsten Gebot an den Embryo statt an die Frau. Das zeigt, wie unhinterfragt die Rhetorik von Abtreibungsgegnern bei uns aufgenommen wurde. Die Tatsache, dass rund 48.000 Frauen jedes Jahr an einer illegalisierten und deshalb selbst vorgenommenen Abtreibung sterben und etwa 5 Millionen Frauen schwerwiegende Gesundheitsprobleme erleiden, wird ignoriert. Eine Abtreibung ist, legal und medizinisch korrekt durchgeführt, eine der sichersten operativen Eingriffe überhaupt.

Das 6. Gebot soll lauten: „Eine Frau, die heute noch an einer Abtreibung stirbt, ist ermordet worden“.

Sarah Diehl, Autorin und Filmemacherin, hält die Macht organisierter Kirchen für demokratiefeindlich, kann aber verstehen, wenn Leute privat eine Form von Spiritualität leben wollen. Sie arbeitet an ihrem neuesten Film „Pregnant Journeys“

7 Du sollst nicht ehebrechen

Von Teresa Bücker

Ehebrechen.jpgEine Partnerschaft kann zerbrechen, wenn jedes Wort, das man spricht, zum Anlass für Streit wird. Wenn die Langeweile zum bestimmenden Gefühl geworden ist und das Gefühl der Liebe nur noch eine müde Erinnerung ist.

Durch einen einzelnen Akt kann eine Ehe oder eine Beziehung nur dann zerbrechen, wenn die Form, in der sie verstanden wird, so starr und eng ist, dass ein schräger Blick ausreicht, um sie zu verletzen.

Es gibt kein Mittel für Paare, um sich nicht voneinander zu entfernen. Und ebenso wenig gibt es ein Regelwerk, wie Menschen sich in einer Liebesbeziehung verhalten müssen, damit sie als gelungen anerkannt wird. Die ungeschriebenen Eheverträge unserer Zeit müssen vielfältig sein. Die Konstellationen, wie Menschen miteinander alt werden wollen, ebenso.

Es gibt keine guten Gründe mehr, während des Studiums Sex mit Künstlern zu haben und dann später einen Rechtsanwalt zu heiraten. Man ist nicht beziehungsunfähig, weil man Lust auf mehr als einen Menschen hat. In der Liebe zu Ideen und Produkten empfinden wir mitunter größere romantische Gefühle als zu anderen Personen.

Sex mit Fremden kann, sofern dies mit dem Partner nicht besprochen wurde, weh tun. Doch der Begriff „Ehebruch“ muss größer gefasst werden: Er geschieht dann, wenn die Prinzipien der Gleichheit, Freiheit und Fairness verletzt werden. Häusliche Gewalt, ungleiche Arbeitsverteilung, krankhafte Eifersucht – das sind auch Verbrechen, die innerhalb von Beziehungen geschehen.

Um wohltuende Beziehungen zu ermöglichen, ist der Ausbruch aus heteronormativen Paarkonzepten notwendig. Zu zweit oder zu mehreren, auf Dauer oder temporär – all diese Beziehungsformen sind ethisch, bedeutsam und gesund. Und diese Vielfalt gilt es untereinander auszuhandeln, zu akzeptieren und zu schätzen.

Das 7. Gebot soll lauten: „Nur der Bruch mit der alten Ehe kann die Liebe retten“.

Teresa Bücker ist Social Media Managerin beim SPD Vorstand. Sie wuchs in einer römisch-katholischen Familie auf und konvertierte früh über den Feminismus zum Atheismus

8 Du sollst nicht stehlen

Von Jakob Augstein

Diebstahl.jpgIn den 1970ern, als das Wünschen noch half, haben wir dieses Lied gesungen:
 
Leihst Du mir Dein Fahrrad?/ Nein, das ist meins/ Du brauchst es doch jetzt gar nicht/ Trotzdem ist es meins./ Ich weiß genau, Du brauchst es nicht./ Warum leihst Du‘s mir trotzdem nicht?/ Weil es eben meins ist, meins, meins, meins./ Weil es eben seins ist, seins, seins, seins./ Meins oder deins, was für ‘ne doofe Frage/ Meins oder deins, das hör‘n wir alle Tage./ Wäre es nicht fabelhaft, Mein und Dein wird abgeschafft/ Dann kriegt jeder immer alles wenn er‘s braucht …
 
Damit ist zur Frage des Eigentums eigentlich alles gesagt. Am besten, es gäbe keins. Denn schon seine Existenz ist eigentlich ein Verstoß gegen das achte Gebot. Jedenfalls nach dem Proudhon zugeschriebenen Wort: „Eigentum ist Diebstahl.“ Das Problem ist nur, gleich nach „Mama!“ lautet bei den meisten das zweite Wort „Haben!“. Mit der Expropriation der Expropriateure müsste man demnach schon im Kindergarten anfangen, was in den bereits erwähnten 1970er Jahren mit mäßigem Erfolg versucht wurde.
Eigentum mag Diebstahl sein, aber Diebstahl ist offenbar eine anthropologische Konstante. Um so wichtiger dieses Gebot. Allerdings ist es heute nicht mehr ganz so leicht auseinanderzuhalten, wer der Dieb ist, wer der Bestohlene und was die Beute. Das hat vielleicht am prägnantesten Bert Brecht zusammengefasst: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Der Diebstahl kann also viele Formen annehmen und wünschenswert wäre, wenn sie alle ein Ende fänden, hohe und niedere, große und kleine. Damit allerdings ist mit derselben Wahrscheinlichkeit zu rechnen, die Evangelist Lukas so beschrieb: „Es ist leichter, dass ein Kamel gehe durch ein Nadelöhr, denn dass ein Reicher in das Reich Gottes komme.“ Immerhin ist hier geklärt, wem die Sympathie Jesu gehört.

Das 8. Gebot soll bestehen bleiben.

Jakob Augstein, Verleger des Freitag, glaubt irgendwie an Gott

9 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten

Von Jana Hensel

Du_nicht_falsch_Zeugnis_reden.jpg

Soll ich ehrlich sein? Ich verstehe dieses Gebot nicht. Was bedeutet es, falsch Zeugnis zu reden? Was heißt das schon: ehrlich zu sein? Was zu lügen? Sind nicht alle Sätze, die wir bilden, von der Wahrheit und der Lüge gleich weit entfernt? Weil es beides nicht gibt, aber eigentlich geben sollte.

Das 9. Gebot kann so bleiben. Es ist ja nur ein Gebot.

Jana Hensel, stellvertretende Chef­redakteurin des Freitag, glaubt an nichts und bedauert das ab und zu

10 Du sollst nicht begehren deines Nächsten…

Von Michael Angele

Neid.jpgDas Zehnte Gebot ist halt doch das reaktionärste und dümmste aller Gebote. Es dient der Wahrung von Besitzstand, dieses aber vergeblich, es ist von der Wissenschaft, die einem psychohygienischen Nutzen das Wort redet, längst widerlegt, und es verkennt die dialektische Struktur des Neides. Wer neidisch ist, soll ruhig neidisch sein, denn er hat in der Regel allen Grund dazu. Neid macht scharfsinnig. Anders als ein Zorn, der rasch verfliegt, weil er einer Laune entsprungen ist, oder eine Verliebtheit, die sich schon am nächsten Morgen als Illusion erweist, täuscht der Neid ja nie.

Um mal in den Beispielen des Alten Testaments zu bleiben: Das Haus des Nachbarn ist ja wirklich größer, die Frau ja wirklich schöner, der Sklave ja wirklich folgsamer, Rind und Esel wirklich zäher, aber was sind das denn für Beispiele? Hat Frau Käßmann eigentlich schon eine Textvariante dieses Gebots verfasst, die ins 21. Jahrhundert passt? Das Haus könnte von mir aus ruhig bleiben, der Frau müsste der Mann zur Seite stehen, Sklave geht natürlich nicht, sagen wir: Angestellter, Mitarbeiter oder noch scheindemokratischer: Kollege, und mit dem Esel geht vielleicht in Griechenland bald wieder etwas, aber hierzulande sind es doch eher ein Auto oder ein Privatflugzeug, das Neid erzeugt.

Uns interessiert ja eher der Neid auf geistige Schöpfungen, und hier erweist sich eben sein dialektischer Charakter. Schopenhauer und der große Menschenkenner Wilhelm Busch sagen zu Recht, dass der Neid die aufrichtigste, höchste Form der Anerkennung ist. Sehr schön auch Oscar Wilde: „Die Anzahl unserer Neider bestätigt unsere Fähigkeiten.“ Jeder, der es schon mal probiert hat, weiß doch, wie schwer es ist, ein Kunstwerk richtig einzuschätzen, seinen Wert sicher zu beurteilen. Dabei wäre es so leicht, wenn man einfach den Neid, den es hervorruft, messen könnte. Dazu muss er sich aber endlich nackt ans Licht trauen, und nicht länger als großes Lob oder heftige Kritik (das kommt auf das Gleiche heraus) verkleidet daherkommen.

Das 10. Gebot soll lauten: „Du darfst begehren deines nächsten Hab und Gut, und du sollst dazu stehen.“

Michael Angele, Ressortleiter Kultur des Freitag, ist Agnostiker

NEU Die Gebote von Christopher Hitchens

11_Gebot.jpgWenige Jahre vor seinem Tod untersuchte der große britische Essayist und Atheist Christopher Hitchens noch einmal die Zehn Gebote. Er beendete seine Betrachtungen mit der Forderung nach neuen Geboten.

1. Veurteile Menschen nie aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe

2. Betrachte Menschen nie als dein Eigentum

3. Verachte jene, die in sexuellen Beziehungen Gewalt anwenden oder mit Gewalt drohen

4. Bedecke dein Gesicht und weine, wenn du es wagst, einem Kind Leid zuzufügen

5. Verurteile Menschen nicht aufgrund ihrer angeborenen Natur – warum sollte Gott so viele Homo­sexuelle erschaffen, bloß um sie anschließend leiden zu lassen?

6. Wisse, dass auch du ein Tier bist und damit abhängig von der Natur – denke und verhalte dich entsprechend

7. Glaube nicht, du könntest einem Urteil entgehen, bloß weil du Leute mit falschen Versprechen statt mit einem Messer bedrohst

8. Schalte das verdammte Mobiltelefon aus — du ahnst nicht, wie unwichtig dein Anruf für uns ist

9. Verurteile alle Fundamentalisten und Kreuzritter, denn sie sind kriminelle Psychopathen mit hässlichen Wahnvorstellungen

10. Sei bereit, jeden Gott und jede Religion zu verleugnen, dessen Gebote den obigen widersprechen

09:00 05.04.2012

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