Die nächste Revolution

Spanien Die katalanischen Unabhängigkeitsfanfaren werden lauter. Gleichwohl bliebe der Ausgang eines Referendums ungewiss
Conrad Lluis Martell | Ausgabe 49/2016
Die nächste Revolution
Unabhängigkeitsgegnern ist die Liebe zu Spanien ins Gesicht geschrieben
Foto: Zuma Press/Imago

„Ganz Europa ist von konservativer Restauration beherrscht. Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Katalanen bevölkertes Land hört nicht auf, an die Revolution zu glauben“, heißt es in Barcelona. Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung sieht sich gern so wie die rebellischen Gallier bei Asterix. Entschlossen, gar störrisch hält sie am großen Ziel fest, der Unabhängigkeit von Spanien. Eine katalanische Parlamentsmehrheit für eine solche Zäsur besteht, die Regionalregierung werkelt an neuen Staatsstrukturen. In die Millionen gehende Demonstrationen treiben den Unabhängigkeitsfuror an. Nur der letzte Schritt fehlt: das Referendum. Sein Ausgang scheint ungewiss. Katalonien ist zwischen Befürwortern und Gegnern einer Souveränität gespalten. Umso mehr befürwortet eine große Mehrheit (80 Prozent) eine Volksbefragung, um Klarheit zu haben. Die konservative Zentralregierung in Madrid sperrt sich, die katalanische Frage hängt weiter in der Luft.

Wie konnte es so weit kommen? Von außen wird oft eine schlichte Erklärung bemüht: Katalonien hat die Solidarität mit Spanien satt. Die reiche Region will ihre starke Wirtschaft (19 Prozent von Spaniens BIP) mitsamt einem boomenden Tourismus (2015: 17 Millionen Besucher) ganz für sich haben, doch greift es zu kurz, den Willen zur Selbstständigkeit nur damit zu erklären. Es kommt vielmehr darauf an, das Ganze von innen her zu betrachten. Was überhaupt „das Katalanisch-Sein“ ausmacht, verwehrt sich klarer Bestimmung. Eine ethnisch homogene Nation war Katalonien noch nie. Die Sinti und Roma, seit jeher im Viertel Hostafrancs zu Hause, reden das astreine Katalanisch des 18. Jahrhunderts und sind nicht weniger katalanisch als das unabhängigkeitsaffine Bürgertum aus Barcelonas Kernvierteln. Dasselbe gilt für die Töchter und Söhne der Andalusier, die seit den 60ern einwanderten, oder Hunderttausende Südamerikaner und Nordafrikaner, die mit dem Wirtschaftsboom seit der Jahrtausendwende kamen. Jene Bevölkerungsmelange spiegelt sich denn auch in der allseits akzeptierten Definition wider: Katalane ist, wer in Katalonien lebt und arbeitet.

Es mutet paradox an, aber die weite, geradezu hybride katalanische Identität erklärt den Schwung des Unabhängigkeitsbegehrens. „Das Katalanische“ wurde in den vergangenen Jahren zum Objekt heftiger Kontroversen. Was ist die katalanische Nation, wer das Volk? In diesem Kampf um Deutungsmacht hat jedes Lager seine Zauberwörter. El procés ist seit 2012, als die Mobilisierungen für die Unabhängigkeit erstmals ins Millionenhafte gingen, zum allgegenwärtigen Kürzel für den Prozess der Separations Kataloniens von Spanien geworden, sowohl in den beliebten tertúlies (Debatten von Journalisten, Politikern und selbsternannten Experten) wie in den Erklärungen der Unabhängigkeitsregierung Carles Puigdemonts.

Fraktion der Vorsichtigen

Für dieses Lager, das einem vorsichtigen Separatismus folgt – und das mit Junts pel Sí (Gemeinsam für das Ja) über die Parlamentsmehrheit verfügt –, verdichtet sich im Kürzel procés, dass man sich der Souveränität in kleinen Schritten nähert: etwa über neue Staatsstrukturen, von einer Steuerbehörde bis zu Auslandsbüros, oft mit rhetorischer statt faktischer Radikalität. Werden heikle Gesetze des katalanischen Parlaments vom Zentralstaat annulliert, dann bleibt der Ungehorsam dagegen meist aus. Der procés erlaubt es, sich auf die Unabhängigkeit zuzubewegen, ohne allzu sehr mit spanischer Legalität zu brechen. Insofern verträgt er sich gut mit dem Wunsch der bürgerlichen Katalanen, lieber den Pakt als den Bruch zu suchen. „Wir müssen einen förderlichen Dialog mit dem Zentralstaat finden, um Situationen rechtlicher Unsicherheit zu vermeiden“, so Ex-Premier Artur Mas zur Geisteshaltung vieler vorsichtiger Separatisten.

Im Unterschied dazu ist beim Lager Ruptura! (Bruch) die linksradikale CUP (Candidatura d’Unitat Popular) zum Sprachrohr all jener avanciert, die ein Unabhängigkeitsstreben ohne Wenn und Aber wollen. „Um ein Omelett zu machen, muss man Eier zerschlagen“ – das Motto hängt vor CUP-Büros im katalanischen Parlament. Es transportiert die Botschaft: Kein seichter Kompromiss, strikte Konsequenz ist geboten. Gebraucht werden ziviler Ungehorsam und ein verbindliches Datum für das Plebiszit, wenn nötig ohne Plazet des Zentralstaates.

Dank ihrer Position als Mehrheitsbeschaffer erreichte die CUP mit ihren zehn Parlamentsmandaten bereits Beachtliches. Es reicht von der Absetzung des geschniegelten Artur Mas über erhöhte Sozialbudgets bis hin zum vorläufigen Bescheid – im September 2017 werde das Volk über den Abschied vom Zentralstaat abstimmen. Im Ernstfall dürften sich die „Rupturisten“ gegen die „Vorsichtigen“ durchsetzen. Und eine Mehrheit der Bevölkerung vom Bruch überzeugen?

Dritte Kraft

Seny, so lautet das nicht leicht übersetzbare Wort für die charakteristische Vernunft und Bedächtigkeit der Katalanen. So ist Seny auch der Name jener Whatsapp-Gruppe, in der die Regionalchefs der „Verfassungskräfte“ – der Volkspartei (PP), der Sozialisten (PSOE) und der rechtsliberalen Ciutadans – ihr Vorgehen gegen den Separatismus koordinieren, denn Unabhängigkeitsgegner sitzen nicht nur im „verhassten Madrid“. Auch in Katalonien haben viele das Trennungsgebaren satt – links wie rechts, weil davon die politische Agenda zu sehr dominiert wird. Ein Drittel der Katalanen lebt unter der Armutsgrenze, die Infrastrukturen sind marode, Korruptionsfälle häufen sich. Für all diese Malaisen lässt sich schwerlich der Sündenbock „Spanien“ bemühen. Zusammen geht es uns besser, auch dieser Diskurs hat seine Anhänger.

Bei der Regionalwahl im September 2015 wurden die Ciutadans mit ihrem offensiven Antiseparatismus zur größten Oppositionskraft (18 Prozent), was vor allem dem Industriegürtel Barcelonas zu verdanken war. Anders als in der Innenstadt hängt hier aus den Wohnungen weniger die Unabhängigkeitsflagge als die Vortagswäsche – wird Separatismus als Spleen der Mittelklasse abgelehnt.

Es gibt dritte Wege zwischen Autonomisten und Unionisten. Am aussichtsreichsten ist das Projekt eines linken Sammelbeckens. Podemos, Barcelona en Comú – die Allianz, mit der Ada Colau Barcelona regiert – wie andere Akteure möchten eine Volkspartei mit starker sozialer Agenda schaffen. So jung das Projekt ist, es hat schon seine Zauberwörter: Catalanisme popular, womit das plurale, multiethnische Katalonien gemeint ist. Procés constituient, was bedeutet: Referendum ja, aber flankiert von einer bevölkerungsweiten Diskussion über die Verfassung des neuen Staates und dessen Verhältnis zu Spanien.

06:00 21.12.2016

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