Die Narbe aufreißen

Vor 30 Jahren endete der Vietnam-Krieg Viel gelernt wurde daraus nicht

Wenn es nicht diesen Jahrestag gäbe - den Fall von Saigon am 30. April 1975 und damit das Ende eines fast 30-jährigen Welt-Krieges in diesem uns so fernen südostasiatischen Lande - würde sich derzeit kaum jemand noch für Vietnam interessieren. Und selbst dieser Jahrestag steht im Schatten der Erinnerungen an den 8. Mai 1945 und wird Mühe haben, wahrgenommen zu werden.

Aber die Anstrengung muss gemacht werden. Die deutsche Frage an den 8. Mai "Zusammenbruch oder Befreiung" stellt sich auch für den 30. April: "Fall - oder Befreiung von Saigon?" Für die weltweit nach Millionen zählenden Sympathisanten mit dem vietnamesischen Befreiungskrieg war das keine Frage. Das Ziel war erreicht - Vietnam nach 100 Jahren Kolonialherrschaft endlich frei, der Imperialismus hatte eine Schlacht verloren, der Sozialismus konnte aufgebaut werden. Was die Solidaritätsbewegung kaum zur Kenntnis nahm, war das Phänomen der "Boat People". Zehntausende flohen aus dem Land, und zwar nicht nur die Kriegsprofiteure und Kollaborateure der US-Besatzung - die hatten sich schon beizeiten abgesetzt. Das neue Regime war alles andere als eines der Freiheit und Selbstbestimmung - was als "Übergangserscheinungen" einer Diktatur noch legitimierbar schien, wurde zum Dauerzustand. Heute ist Vietnam in der Sache ein kapitalistisches Land, regiert von einer vor Korruption nicht gefeiten kommunistischen Bürokratie - und gehört noch immer zu den armen Staaten Asiens. Um dort angekommen zu sein, wo andere Länder ohne Befreiungskrieg, ohne drei Millionen Tote, ohne auf Dauer verwüstetes Land auch sind, ist die Frage erlaubt: War das den aufopferungsvollen Krieg gegen die überlegene, rücksichtslos operierende US-Kriegsmaschine wert? Wäre eine Strategie des gewaltfreien Widerstandes nicht menschlicher und vor allem weniger zerstörerisch gewesen? Einzelne buddhistische symbolische Widerstandshandlungen verweisen auf ein solches Potenzial. Wir hier in Europa haben nicht nur den "Sieg im Volkskrieg" erleichtert bejubelt, wir haben auch den Weg dahin mit Zustimmung und Solidarität unterstützt und für richtig gehalten.

Und dann ist da das Vietnam-Kapitel USA. Man muss es gewissermaßen vom Ende her lesen: Der Architekt des Krieges, Verteidigungsminister McNamara, der mehr als drei Millionen ermordete Vietnamesen und fast 60.000 gefallene US-Soldaten zu verantworten hat, erklärt heute - und das wird ihm inzwischen als "mutig" und "selbstkritisch" hoch angerechnet - das Ganze sei ein "Irrtum" gewesen, ein "Fehler" - "a mistake". Wie viel Zynismus kann die Politik noch vertragen, ohne Schaden an ihrer Seele zu nehmen (denn Politik hat, ernst genommen, eine "Seele", nicht zuletzt vom Gründungsdokument der amerikanischen Republik selbst formuliert als "Leben, Freiheit und Streben nach Glück")?

Der amerikanische Verteidigungsminister war ein Kriegsverbrecher, der noch dazu den von ihm schließlich als sinnlos erkannten reinen Zerstörungskrieg mit Bomben, Napalm und Chemie weiter betrieb, weil er "dem Präsidenten diente". "I served", ich diente, war sein Amtsethos - Hitlers Generäle hatten dasselbe Rollenverständnis. Man mag es ihm vor dem Totengericht eines Tages zugute halten, dass er die "Pentagon-Papiere" in Auftrag gab, die den bodenlosen Zynismus, die abgrundtiefe Heuchelei und Lüge der öffentlichen Kriegsdarstellung ans Licht brachten - viel gelernt wurde daraus historisch nicht: 30 Jahre später fiel die amerikanische Presse-Öffentlichkeit bei der Vorbereitung des Irak-Krieges auf dieselben Lügen wieder herein. Dem arroganten Machbarkeitswahn Kennedys und seiner Intellektuellen - "wenn die anderen Guerillakrieg machen können, dann können wir das auch" - entspricht der realitätsblinde Missionarismus der Bush-Leute heute. Es ist zum Verzweifeln mit der Demokratie - ohne Erinnerung, ohne Langzeitgedächtnis sind demokratische Gesellschaften orientierungslos dazu verurteilt, ihre Regierenden die gleichen Verbrechen wieder und wieder begehen zu sehen. Darum muss des 30. April 1975 gedacht werden. Nicht, dass es damit angefangen hätte, dass hier die "Ursünde" imperialer Kriegspolitik zu suchen sei - aber weil das Verbrechen ungesühnt ist, konnten die nächsten geschehen. Und das Ende des Mordens im Irak ist alles andere als abzusehen. Noch hat es erst gut 100.000 Tote gegeben, die "Kollateral-Opfer" sind um ein Mehrfaches größer, wie in Vietnam auch.

Das dritte Vietnam-Kapitel wäre das eigene, das europäische, das deutsche. Die zehn Jahre, in denen dieser Krieg die Schlagzeilen und nicht zuletzt die Bilderwelt beherrschte, haben Verwüstungen auch in unseren Köpfen und Herzen hinterlassen. Das über dem Dschungel versprühte Gift hat auch bei uns gewirkt. Die Gewalt wurde relegitimiert. Wie konnte man nicht solidarisch sein mit dem - so nahmen wir es wahr - geschundenen Volk von armen Reisbauern, das endlich frei sein wollte und es nicht durfte, weil das nicht ins strategische Kalkül der Aufteilung der Welt in Blöcke und Einflusszonen passte? Wie anders als mit Waffen konnte sich dieses Volk gegen die französische Herrschaft wehren, dann gegen deren Marionetten und dann gegen die Supermacht USA selbst? Solidarität mit diesem Befreiungskampf hieß darum auch Einverständnis mit seinen Methoden. Aber war das zwangsläufig? Vor allem: Es war eine einseitige Solidarität, denn was die Kämpfenden damit machten, auch was sie politisch daraus machten, darauf hatten die sich Solidarisierenden keinen Einfluss. Man gab gewissermaßen seine Unterstützung einer eigentlich weitgehend unbekannten Unternehmung. Das sollte sich später rächen - und rächt sich bis heute: Wo gibt es noch kritisches Engagement für das befreite und noch immer verarmte vietnamesische Volk? Wir sind enttäuscht über das Ergebnis - und selber mit Schuld an der Enttäuschung.

Aber zurück zum Gift der Gewalt: Indem unsere Meinungsmacher und politischen Klassen, die kritiklos-loyalen Bündnispartner der US-Regierung, den Unterdrückungskrieg in Vietnam zum Verteidigungskrieg des Freien Westens gegen eine kommunistische Diktatur erklärten (Westberlin produzierte kleine Porzellanmodelle der Freiheitsglocke für die Angehörigen gefallener US-Soldaten), identifizierten sie sich und ihre Freiheit mit einer immer deutlicher als solche sichtbaren Mord- und Zerstörungsstrategie. Damit unterminierten sie jeden Anspruch auf Moral und Humanität, die doch zur Freiheit gehören wie Menschenrechte zur Demokratie. Sie ließen die von ihnen repräsentierten "freiheitlich-demokratischen Verfassungsordnungen" als gewaltgestützte Ordnungen erkennen. Wie um den latenten Gewaltcharakter der liberalen Demokratie zu beweisen, bekämpften sie den anschwellenden Protest einer überwiegend moralisch, nicht strategisch-politisch motivierten studentischen Generation mit Polizei und Wasserwerfern. In den USA, mit dessen phantasiereicher Protestbewegung ein gut funktionierendes Netz des anti-imperialistischen Internationalismus geknüpft wurde, kam es sogar zu den vier Toten an der Kent State University.

Die Neue Linke, die sich damals formierte - und das historisch und politisch festzuhalten, ist von größter Wichtigkeit - fand die Gewalt, die angeblich von ihr ausging, auf den eigenen Straßen und in der medienwirksam sichtbaren US-Kriegführung in Vietnam vor. Die demonstrative, sich durchweg an symbolischen Objekten manifestierende Gewalttätigkeit von "68" war eine Reaktion auf die überhaupt nicht symbolische repressive Gewalt, die das tägliche Brot der Nachrichten ausmachte. Wird heute in historischer und provinzieller Verkürzung in "wissenschaftlichen Studien" behauptet, der SDS und Rudi Dutschke seien nicht nur die geistigen, sondern auch wirklichen Väter der RAF gewesen, so wird völlig ausgeblendet, dass es sich hier um ein internationales Phänomen handelte, an dessen Anfang die Ohnmachterfahrung stand, mit der eine moralisch (auch durch die NS-Erfahrung) sensibilisierte Generation verzweifelt mit ansehen musste, wie ein Volk "ins Mittelalter zurückgebombt" werden sollte. RAF und Rote Brigaden waren die Folgen des Giftes, das mit diesem zynischen, "irrtümlichen" Krieg in die Welt gekommen war und sich ausgebreitet hatte.

Aber die Hoffnung darf ausgesprochen werden, dass jenes Gift der Gewalt sein Gegengift zu finden begann: Dieselben, die vor 30 Jahren guten Glaubens und Gewissens für den Sieg im Volkskrieg auf die Straße gegangen waren, sind heute überwiegend Pazifisten - oder zumindest beginnen sie zu verstehen, dass Gewalt kein Mittel ist, die Gewalt und damit den Krieg aus der Welt zu schaffen. McNamaras "Irrtum" war auf andere Weise auch der unsere, die wir damals nicht deutlich genug erkannten, dass der gute Zweck - in diesem Falle die Befreiung Vietnams - nie das schlimme Mittel, Mord und Gewalt, rechtfertigt. Wir sind zwar noch weit davon entfernt, dass sich diese moralisch-politische Wahrheit in den Köpfen und Herzen einer Mehrheit oder wenigstens einer bewusstseinsbildenden Minderheit durchgesetzt hat - aber vielleicht doch auf dem Wege dazu. Niemand braucht sich dieses Irrtums zu schämen - er ist korrigierbar; die Millionen Toten auf dem Konto der großen Politikspieler aller damals direkt und indirekt beteiligten Staaten, die klagen bis heute an.


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00:00 29.04.2005

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