Die Nation der Kfz-Mythologen

Wenig Schwarzfahrer, viel Vertrauen in die Politik Die deutschen Volksparteien aus der Sicht eines Migranten

Kurz nach den ersten Meldungen über die Affäre um die Kölner SPD wurde eine Meinungsumfrage zum Thema Glaubwürdigkeit der deutschen Politiker durchgeführt. Das Ergebnis schockte die Medien. Nur 15 Prozent der Wähler sollen den Politikern noch vertrauen! Gleichzeitig las ich irgendwo, dass ganze drei Prozent der Fahrgäste des Nahverkehrs in Deutschland schwarz fahren. Mich haben beide Zahlen tief verwundert. Der Anteil von Personen, die Politikern trauen, scheint mir astronomisch hoch, die Zahl der Schwarzfahrer sehr gering. Was muss denn noch geschehen, dachte ich, um an dem ehernen deutschen Stolz zu kratzen, hierzulande weltweit das am besten funktionierende politische System zu haben? Das Erdbeben in Kohls CDU führte zu nichts. Wie in einem Film, der rückwärts läuft, entstand aus den Ruinen der Christdemokratischen Partei wieder der alte Wolkenkratzer, der in der politischen Skyline Deutschlands nun sogar ein paar Prozentpunkte höher als das "SPD-Building" ist. Was bestimmt nicht an der Erkenntnis der Wähler liegt, dass auch die zweite Volkspartei korrupt sein könnte. Vielleicht hat es ja damit zu tun, dass mindestens 82 Prozent der Bevölkerung trotz ihrer Enttäuschung von der Politik immer noch brav ihre Fahrscheine kaufen. Ehrlich gesagt, als die CDU kippte, erwartete ich, dass die Deutschen wie seinerzeit die Italiener versuchen würden, das alte politische System abzuschaffen, um etwas neues auszuprobieren. (Die Frage, was aus dem italienischen Versuch letztendlich geworden ist, scheint mir zweitrangig. Sie haben es zumindest versucht.) Doch was mich als Russen am meisten wundert, ist die Tatsache, dass die Deutschen ihre Politiker ernst nehmen. Vertrauen hin - Vertrauen her: Die deutschen Wähler nehmen das ernst, all diese Programme, Versprechen, Visionen, Reformen, Gesetzentwürfe - den ganzen Kram, den Politiker ständig produzieren, um an die Macht zu kommen und sie später nicht zu verlieren.

Schickt Schröder uns zurück? Das Verhältnis der Russen zu ihren Politikern unterscheidet sich gewaltig von dem der Deutschen zu den ihren. Wie so oft bei uns, ist es von zwei Extremen geprägt. Zum einen würde bei uns keiner auf die absurde Idee kommen, etwa das Programm eines Politikers zu lesen oder seinen Wahlversprechungen zu glauben. Außerdem gilt es als Selbstverständlichkeit, dass Politiker sowieso korrupt sind. Die Kohl-Affäre wurde in der russischen Presse mit großem Staunen kommentiert. Er habe das Geld doch nicht für sich selbst, sondern für seine Partei entgegengenommen - dieser stattliche, gut aussehende Mann sei nichts als ein Romantiker, ein sich selbst aufopfernder Idealist! Die Zahl der Russen, die Politiker für glaubwürdig halten, ist gewiss viel niedriger als die Zahl der Schwarzfahrer in Deutschland. Die bitteren Enttäuschungen des vergangenen Jahrzehnts führten zu der festen Überzeugung, dass Politik nichts anderes ist, als ein gemeiner, blutiger Kampf um Macht. Zum anderen benötigen Russen immer noch eine Vaterfigur an der Spitze der Staatsmacht. Das ist das andere Extrem. Doch dabei geht es weniger um Politik als um die nationale Identität. Der Vater soll streng, aber gerecht und ehrlich sein, er ist anders als die Politiker - jene korrupte Clique um ihn herum, die ihn oft belügt und durch miese Intrigen zu falschen Entscheidungen führt. Jelzin in seinen besten Jahren, der kürzlich verstorbene General Lebed genau wie heute Putin bedienen dieses Bedürfnis der Russen. Übrigens: Kohl war für sie auf eine ähnlich familiäre Weise sympathisch. Eine alte Jüdin, die Anfang der neunziger Jahre als Emigrantin aus Moskau nach München kam, war 1998 ernsthaft besorgt: Es war doch Kohl, der den Juden aus der Sowjetunion erlaubt hat, nach Deutschland zu kommen. Was wird nun mit uns? Schickt uns Schröder zurück? - fragte sie. Die Tatsache, dass es nicht Kohl, sondern die letzte DDR-Regierung war, die die Aufenthaltserlaubnis für die sowjetischen Juden beschlossen hatte, wollte sie nicht glauben. 1998 gab es unter meinen Bekannten nur drei wahlberechtigte Russen. Alle drei stimmten für die FDP. Dem allgemeinen Bild des typischen FDP-Wählers entsprach aber nur Dmitri, der als Kind nach Deutschland gekommen war, an der Münchener Universität BWL studierte und eines Tages im BMW-Vorstand sitzen wollte. Die beiden anderen waren älter, hatten in der Sowjetunion schlimmste politische Verfolgung erlitten und Anfang der achtziger Jahre in Deutschland Asyl gefunden. Jede linke Ideologie rief bei ihnen allergische Reaktionen hervor wie sonst nur blühendes Gras bei Heuschnupfen-Kranken. Lafontaines SPD oder die Grünen waren für sie schlichtweg Gift, von der PDS ganz zu schweigen. Aber die regierende CDU von Helmut Kohl, der 16 Jahre im Amt war, also nur zwei Jahre weniger als Breshnew, schien ihnen auch abstoßend. Man muss eine kleine Partei unterstützen, erklärte mir damals einer der beiden. - Was haben wir mit den großen Volksparteien zu tun? Übrigens: alle drei sind Juden und Möllemanns FDP ist für sie heute wie eine Ohrfeige. Keiner von ihnen hat sich schon entschieden, wen er am 22. September wählen wird. Die FDP nicht, das ist klar, aber wen dann? Ich glaube, so geht es den meisten der fast drei Millionen in Deutschland lebenden Russen, deren überwiegende Mehrheit (als Spätaussiedler!) wahlberechtigt ist.

Volksparteiwähler und Volkswagenfahrer Um für eine der Volksparteien zu stimmen, müsste man vielleicht Zugehörigkeit zum Volk empfinden. Aber selbst Ossis können dieses Wort nicht mehr ernsthaft in den Mund nehmen. Russen, auch wenn sie Jahrzehnte in Deutschland sind, auch wenn sie den deutschen Pass haben, empfinden selten Zugehörigkeit zum "deutschen Volk". Ich kenne zum Beispiel keinen. Unser Dasein in Deutschland ist unlogisch, erklärte mir ein älterer Freund, als ich 1991 nach München kam. In den USA oder in Israel schon, aber was machen wir eigentlich hier? Er lebt übrigens schon 25 Jahre in Deutschland. Selbst die Wortschöpfung Volkspartei kommt mir irgendwie komisch vor. Wenn ich mir die Volksparteienwähler vorstelle, so denke ich immer an den Volkswagenfahrer. Zum Volkswagen hat mir einmal ein deutscher Freund erklärt: Wenn du einen VW fährst, selbst das älteste Modell, wirst du immer von den Leuten respektiert werden. Jeder versteht: Du stehst auf deutsche Autos und machst bei der Deutschland AG mit. Er selbst fuhr einen orangefarbenen Golf, der über 15 Jahre alt war. Die Kfz-Mythologie ist vielleicht die wichtigste Identifikations-Mythologie der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie ist sogar stärker als die "Fußball-Identifikation". Ich habe mich gewundert, was für eine Katastrophe vor ein paar Jahren der "Elch-Test" für alle meine deutschen Bekannten war. Für sie ging es nicht darum, dass ein neues Auto umkippte, weil es technisch noch nicht ausgereift war. Es kippte dabei etwas viel Wichtigeres um. Etwas, das mit dem Stolz zu tun hatte, deutsch zu sein. Zur Kfz-Mythologie der Nation gehört selbstverständlich auch, dass der Dienstwagen eines Bundeskanzlers nur ein Mercedes sein darf. Wie schmerzhaft es auch für den ehemaligen VW-Vorstand Schröder war, nach der Wahl musste er seinen Liebling Audi gegen einen Mercedes tauschen. So ist Politik eben. Die Volkswagenfahrer wählen einen Audifahrer, der nach der Wahl zum Mercedesfahrer wird. Die russische Wortschöpfung Partija Vlasti, auf deutsch Partei der Macht oder Machtpartei, scheint mir ehrlicher als die deutsche Erfindung Volkspartei. Es geht eigentlich um das Gleiche. Was sich unterscheidet, ist die Perspektive des Betrachters. Während die Deutschen mit ihrem Wort die demokratische Kulisse der Machtergreifung beschreiben, konzentrieren sich die Russen auf das eigentliche, nämlich auf das Ziel jeder politischen Partei auf der Welt. Das Erfreuliche für Deutschland ist, dass es sich zwei Machtparteien leisten kann, wie es sich für eine Demokratie gehört. Anders in Russland. Ich erinnere mich an einen alten sowjetischen Witz: Wieso gibt es bei uns nur eine Partei? Weil wir nicht schaffen würden, noch eine zweite zu ernähren.

Volkspartei oder Machtpartei Die Machtpartei im heutigen Russland ist eine Art Wanderzirkus, bestehend aus Provinzgouverneuren, Geschäftsleuten, Kriminellen, Intellektuellen und - wie in jedem Zirkus - Clowns, die sich statt mit Pappnasen mit Abgeordnetenausweisen schmücken. Ein Programm gibt es nicht. Einen Frontmann oder Parteiführer auch nicht. Die Machtpartei unterstützt immer den amtierenden Präsidenten, der als Vater aller Russen keiner Partei angehören darf. Ende 1999 bis Anfang 2000 erlebte die Machtpartei ihre schwerste Krise; sie spaltete sich im Kampf um Jelzins Erbe, und zum allgemeinen Staunen gab es plötzlich zwei Machtparteien in Russland. Erst nach Putins Wahl kam die fröhliche Entspannung und die zwei Parteien vereinigten sich wieder. Ironische und dünkelhafte Kommentare der deutschen Medien oder sogar der deutschen Politiker über Machtverhältnisse in Russland machen mir immer riesigen Spaß. Sie kommen mir ein wenig wie das Gequatsche der Zoobesucher vor dem Affenkäfig vor. Diese Affen sind so lustig und dabei so menschlich! In solches Gerede mischen sich gleichermaßen Stolz, auf einer höheren Stufe der biologischen Entwicklung zu stehen, und Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, nach der archaischen Unschuld der Nacktheit. Die junge russische Demokratie hat sich tatsächlich noch nicht mit allen notwendigen Attributen der Legitimation schmücken können. Gerade deswegen zeigt sie mit naiver Offenheit den Ur-Charakter der Politik und die archetypischen Eigenschaften des menschlichen Wesens namens Politiker. Denn ist es nicht doch der süßeste Traum jedes deutschen Politikers, immer zu einer Machtpartei zu gehören und nach jeder Wahl an der Macht zu bleiben?

Über den Wolken Wenn ich an die raffinierten, hochintelligenten, bestens erzogenen deutschen Politiker denke, so sehe ich immer das gleiche Bild: Ein Dienstflugzeug am Himmel. Das beruhigende Geräusch eines kräftigen Motors. Bequeme Sessel. Der Politiker sitzt am Fenster; seine Papiere hat er für einen Moment beiseite gelegt und nun betrachtet er die Wolken unter sich. Seine Mitarbeiter sind verstummt, um den Chef nicht zu stören. Der Politiker denkt ... Es kann Joschka Fischer sein, der in den Nahen Osten fliegt, um zwischen Sharon und Arafat zu vermitteln. Es kann auch Gerhard Schröder sein, der mit der Gattin nach Russland reist, um gemeinsam mit Putins das russische Weihnachten zu feiern und auf diese Weise die Beziehung beider Staaten zu vertiefen. Oder Edmund Stoiber, der nach Kalifornien eilt, um neue Investoren nach Bayern zu locken. Es kann auch Gregor Gysi sein, der sich während der NATO-Bombardierungen mit Milos?evic´ verabredet hat, um die Solidarität seiner Partei mit den Serben zu demonstrieren ... Woran denken sie alle, wenn sie die weißen Wolken unter sich betrachten? An ihre hohe Mission natürlich. An die Wichtigkeit der historischen Aufgabe, die sie zu erfüllen haben. Hier über den Wolken genießen sie ihre Macht. Alle Politiker auf der Welt haben so etwas wie ein Hormon, das im Dienstflugzeug aktiv wird und ein Glücksgefühl produziert. Die Politiker sind machtsüchtig, das ist das Einzige, was sie von den anderen Menschen unterscheidet. Es liegt an ihre Physiologie, vielleicht an der Genetik - entsprechende biologische Untersuchungen stehen noch aus oder sind für die Öffentlichkeit gesperrt. Als Russe bin ich fest davon überzeugt, dass die Politik nichts mit Programmen oder Visionen zu tun hat, sondern ein reiner Kampf um die Macht ist, um den Hormonspiegel dieser komischen menschlichen Wesen in Ordnung zu bringen. Übrigens, der sympathischste Politiker Deutschlands ist für mich Rudolf Scharping. Manchmal lässt der Verteidigungsminister sein Dienstflugzeug Richtung Mallorca abbiegen, um frische Liebe zu genießen, statt seine politische Wichtigkeit auf dem Balkan nochmals zu betonen. Und wenn er dann seine Gräfin heiraten will, stellt sich im Standesamt plötzlich heraus, dass er seine Geburtsurkunde schon vor Jahren irgendwo verloren hatte. Ist doch so menschlich. So unpolitisch. So russisch ... Sollen die Russen vielleicht seine SPD wählen?

00:00 28.06.2002

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