Die Nestbeschmutzer

Debatte Die eigene Meinung vertreten, auch wenn das andere triggern könnte – sechs Beispiele, wie Menschen dem sozialen Druck trotzen
Die Nestbeschmutzer

Illustration: Christoph Kleinstück für der Freitag

Braune Wäsche

„Entweder du verletzt die Wahrheit oder die Angehörigen“, beschrieb eine Freundin mein Dilemma treffend. Ich beschloss, die Schuld meines Nazi-Großvaters zu benennen, und zwar öffentlich. Es enstand das Buch Schweigen tut weh: Eine deutsche Familiengeschichte. Seither werde ich oft gefragt: Warum wäschst du die dreckige Wäsche in der Öffentlichkeit statt hinter verschlossenen Türen? Doch wo Schutzbehauptungen an die Stelle der Wahrheit treten, setzt sich das Verschweigen von Schuld und Mitschuld fort. Das oktroyierte Narrativ dominiert, nicht nur im privaten Kreis, sondern auch in der Gesellschaft. Denn die Wahrheit tut oft weh und könnte gar juristische Folgen haben. Sich der Gemeinschaft nicht anzupassen, könnte einem ferner zum Schaden gereichen. So entsteht Gruppenzwang, die Legende wird zum Kitt des Zusammenhalts. Nicht anders war es in der Nazi-Zeit: Nur wenige haben sich dem Faschismus verweigert, die Mehrheit hat weggesehen, geschwiegen, passiv oder aktiv mitgemacht und davon profitiert.

Es ist die Norm, Vater und Mutter zu ehren und alles Negative zu verheimlichen, insbesondere Täter- oder Mittäterschaft. Kinder schulden ihren Altvorderen angeblich unbedingte Loyalität, gleichgültig, was diese ihnen oder anderen angetan haben. Schweigen ist eine Form der Komplizenschaft. Wer darüber hinwegsieht, dass sein Nächster Kinder missbraucht oder Gewalt verübt, wird zum Mittäter. Die Omertà ist ein ungeschriebenes Gesetz, Blut dicker als Wasser. Wehe dem, der das Schweigen bricht, die Familienehre bedroht. Wer auf den Schmutz zeigt, gilt als Verräter. Oder wie in meinem Fall auch mal als „Rotzlöffel“. Verwandte nannten mich geltungssüchtig, selbstgerecht, psychisch labil; ich sei eine, die sich dem Markt anbiedere, denn Nazi-Themen verkauften sich doch prima. Bekannte unterstellten, ich arbeitete mich an meinem Großvater ab, und öffentlich hieß es, es ginge mir nur um mich selbst und eine Selbsttherapie.

Abwertung auf allen Ebenen ... Die Scham und Ängste vor den Abgründen in den eigenen Familien werden aggressiv auf jene projiziert, die das Unrecht aufdecken. Nicht mehr die Täter sind schuld, beschuldigt werden jene, die die Schuld offenlegen – die klassische Täter-Opfer-Umkehrung. Je stärker das Monopol der Schweigenden durch eine differenzierte, faktenbasierte Aufklärung ins Wanken kommt und diese die Kontrolle über ihre sinnstiftende Erzählung verlieren, umso heftiger die Gegenreaktionen. Jemand bemerkte einmal, ich solle froh sein, kein Mitglied eines Mafia-Clans zu sein.

Das Beschweigen entscheidet über Zugehörigkeit oder Ausgrenzung aus der Gemeinschaft – sei es die Familie, die Gruppe oder, unter spezifischen politischen Vorzeichen, die Mehrheit eines Landes. Wer die Vergehen und Verbrechen anspricht, reinigt das Nest und ermutigt andere Betroffene, ebenfalls aufzuklären. Dabei bilden sich neue Gemeinschaften, vor allem aber werden endlich die Perspektiven der Opfer wahrgenommen. Aktuell wäre hier an die Verschickungskinder zu denken.

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Von Alexandra Senfft erschien auch Der lange Schatten der Täter: Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte

Gegen Uni-Fürsten

So wenig wie über Entscheidungsprozeduren an Universitäten und in Forschungsförderungsinstitutionen wissen wir in Bezug auf kaum einen anderen Bereich der Gesellschaft. Die Vorgänge in Berufungskommissionen – die mit der Besetzung von Professuren wichtige, oft jahrzehntelange Weichenstellungen für Mitarbeiter und Studierende vornehmen – sind ebenso intransparent wie die Praktiken der Mittelvergabe in der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Nicht ohne Grund hatte sogar ein DFG-Präsident überlegt, einen Teil des nach wie vor immensen Budgets einfach zu verlosen, so dass Außenseiter oder Bewerber ohne großen Namen eine Chance hätten.

In diesen Verhältnissen haben sich die verbeamteten Professoren an deutschen Universitäten gut eingerichtet und fühlen sich als Generatoren kreativer Milieus – auch wenn sie in erster Linie an eigene Freisemester und Leistungszulagen denken.

Eben weil diese Praktiken der Wissenschaft im Betriebsmodus unsichtbar sind, kommt Nestbeschmutzern eine wichtige und zugleich riskante Aufgabe zu: Im Biotop der informellen Nah-Kommunikation von Experten, die bei Drittmittelvergabe und Stellenbesetzungen zunächst kalkulieren, was sich aus jeweiligen Entscheidungen für ihre Position ergibt (denn man sieht sich im Wissenschaftler-Leben stets mehrmals), sorgen sie für klare Worte. Selbst bei erhöhten Risiken für das eigene Fortkommen.

Wie folgenreich das Aussprechen unbequemer Wahrheiten ist, zeigt der Fall des Juniorprofessors Remigius Bunia. Der Literaturwissenschaftler von der Freien Universität Berlin hatte in Artikeln und in Konfrontationen mit der Hochschulrektorenkonferenz deutlich gemacht, wie prekär es um den Nachwuchs in den Geisteswissenschaften bestellt ist. In einem aufsehenerregenden Merkur-Beitrag von 2015 unter dem Titel „Von Häuptlingen und den übrigen Forschern“ wies er darauf hin, dass die Quote der wissenschaftlichen Mitarbeiter mit befristeten Beschäftigungsverhältnissen dank der vielen Drittmittelprojekte und der Exzellenzinitiative auf 80 Prozent gestiegen ist. Und er stellte die Frage, warum es trotz der programmierten biografischen Katastrophen still blieb und die Beschäftigten nicht Sturm liefen.

Irgendwann, so seine utopische Hoffnung, werde es einen Forschungsverbund geben, um zu erforschen, „wie es alle Akteure trotz bester Absichten geschafft haben, nicht nur an autoritären Strukturen festzuhalten, sondern die kleinen deutschen professoralen Fürstentümer zu der Sowjetunion der Lehrstühle umzubauen, die wir heute bewundern dürfen“. Der Verfasser dieser bitteren Zeilen wird dabei wohl nicht mitmachen. Remigius Bunia ist aus dem universitären Betrieb ausgeschieden.

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Ralf Klausnitzer lehrt am Institut für deutsche Literatur der HU Berlin

Du Hund der Zionisten!

Du bist ein Agent, ein Verräter. Was ist deine wirkliche Absicht? Du sprichst mit der Zunge des Deutschen, des Feindes! Du bist ein Haustürke und bückst dich vor deinen neuen Herren! Oder: Du hast verdorbenes Blut! Du bist der angeleinte Hund der Zionisten!

Das sind so Zuschriften, die man als Muslim aus der türkisch-muslimischen Community bekommt, wenn man öffentlich auf problematische Einstellungen und Strukturen in der muslimischen Community hinweist. Denn als Muslim soll man nicht auf antisemitische, kurden- und armenier- und ezidenfeindliche Einstellungen und Aussagen in der Community hinweisen. Man soll die aggressive nationalistisch-identitäre Ideologie unter den Türkeistämmigen in Deutschland beschweigen. Man soll die Auswirkungen der Entwicklungen in der Türkei, die über die Diasporaarbeit und die staatlich gelenkten türkischen Medien und Institutionen in die Community in Deutschland hineinwirken, gefälligst nicht sichtbar machen. Was man soll: Den Rassismus und die antimuslimischen Ressentiments „der“ Deutschen anprangern.

Illustration: Christoph Kleinstück für der Freitag

Auch ich habe lange Zeit aus Naivität, aus einer falschen Hoffnung und aus einer falsch verstandenen Solidarität heraus gedacht, dass man Probleme aus Rücksicht auf die immer weiter zunehmenden antimuslimischen Ressentiments nur im innermuslimischen Kontext thematisieren sollte. Bis ich realisiert habe, dass die Strukturen und die Denkverbote in der Community im innermuslimischen Kontext gar keinen Raum für einen selbstkritischen Diskurs lassen. Weite Teile der Community reagieren rabiat auf Selbstkritik. Auch in Teilen der linken Antirassismus-Bubble ist wenig Verständnis für diese Themen spürbar. Wer sie anspricht, muss mit dem Vorwurf rechnen, man bediene damit einen rechtspopulistischen und rassistischen Diskurs. Und ja, es gibt muslimische Akteure, die sich zwar im deutschen Kontext als antirassistische Aktivisten inszenieren, aber schweigen, wenn es um türkische Rassisten der Grauen Wölfe in Deutschland geht, oder die ironischerweise auch kein Problem haben, mit der AKP-Schickeria bestens vernetzt zu sein.

Genauso wie es wichtig ist, sich von der AfD und anderen rechten Kreisen nicht einschüchtern zu lassen, wenn es um die offene Thematisierung von Rassismus, Diskriminierung, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und antimuslimischen Ressentiments geht, so ist es auch wichtig, nicht zu schweigen, wenn es um islamistische Haltungen, einen muslimischen Antisemitismus und nationalistisch-identitäre Ideologien unter Türkeistämmigen in Deutschland geht. Die Aufrichtigkeit bleibt auf der Strecke, wenn man sich bewusst oder unbewusst zensieren lässt.

Die Markierung von kritischen muslimischen Stimmen als Nestbeschmutzer verfolgt zwei Ziele. Einerseits sollen diese Stimmen communityintern zur Persona non grata erklärt werden. Die Kontaktschuldtheorie, über die sich die muslimischen Verbände oft beklagen, wenn der Vorwurf kommt, sie hätten eine Nähe zur Muslimbruderschaft oder zum AKP-Regime, wenden sie selbst innerhalb der eigenen Community an. Jeder aus dem eigenen Verband, der die kritischen Wortbeiträge der ‚Nestbeschmutzer‘ in den sozialen Medien teilt oder liked; jeder, der die Kritik aufgreift und die Funktionäre dieser Verbände damit konfrontiert, wird unter Druck gesetzt und zur Räson gerufen.

Der mündige Bürger mit eigenen Gedanken, Haltungen und Visionen ist hier nicht gefragt. Alles ist dem Zweck der Kontrolle unterworfen. Die muslimischen Verbandsstrukturen mögen nach außen zwar semi-professionell und dilettantisch anmuten, aber wenn etwas funktioniert, dann ist es der Machtinstinkt und die Machtsicherung. Jede noch so kleine Kritik wird im Keim erstickt. Wer sich dem nicht fügt, wird als illoyal beschuldigt. Daraus spricht ein schwaches Demokratieverständnis: Kritik und Widerspruch wird immer als Dienst für den Gegner wahrgenommen. Eine kontroverse Haltung aus eigener Überzeugung, aus eigener Reflexion wird gar nicht für möglich gehalten. Der Gegner ist übermächtig: Die Gesellschaft, die Politik, die Medien, die Juden. Wegen dieses Gegners darf nie ein Fehler öffentlich diskutiert werden, denn es könnte ihm dienen. Das ist der andere Grund der Markierung als Nestbeschmutzer. Solange die Kritik nur von der gegnerischen Seite kommt, ist ja alles in Ordnung. Man fühlt sich gar nicht getroffen, denn sie bestätigen die eigene identitäre Haltung und Wagenburg-Mentalität.

Aber es gibt Hoffnung. Dieser Mangel an innermuslimischer Kontroverse, dieser Mangel an inhaltlichen Diskursen auf Augenhöhe und der Mangel an einer Auseinandersetzung mit anderen Meinungen führt besonders jungen Muslimen immer klarer vor Augen, dass es ein Umdenken in der deutsch-muslimischen Community braucht.

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Mehr von Eren Güvercin gibt es im Podcast Die Dauernörgler

Im Visier der Kiezpolizei

Im Jahr 1988 ist mir der Name Wiglaf Droste zum ersten Mal bei der Lektüre der taz aufgefallen, jedenfalls las ich das schöne Wort „Klassenkampfstreber“ und wurde neugierig auf mehr. „Scheußlich, ja, moralzerrüttend ist der ekle Sommer: die Kreuzberger Kämpfenden Truppen, die Alt-Einundachtziger und Klassenkampfstreber, sie schmurgeln im Prinzenbad, als wäre die Resolution schon erledigt; Kerle, die ihr Schuldenkonto ohnehin schon mit den drei Todsünden Goldkettchen, Vollbart und Stinkepfeife über Gebühr belastet haben, fügen jetzt noch Schiesser-Feinripp, Kurzbehostheit und Lochsandalette hinzu, riechen unter den Achselhöhlen wie das Tote Meer, und überhaupt ist der Sommer ein nur zu willkommener Vorwand, die letzten Rudimente von Selbstrespekt freudig über Bord zu werfen.“

Diese mir aus dem Herzen sprechende Suada gegen den Kreuzberger Mief gefiel mir, weil der Stadtteil 36 zu Hausbesetzerzeiten von einer autonomen Kiezpolizei beherrscht wurde, die nicht immer zimperlich in der Wahl der Waffen war, wenn jemand gegen ihre ungeschriebenen Gesetze verstieß.

Wiglaf kannte diese Szene genau, denn er war selbst Teil davon. 1988 erlangte er eine gewisse Berühmtheit, weil er bei den 1.-Mai-Unruhen festgenommen wurde und elf Tage in Untersuchungshaft saß. Freunde stellten mit der Forderung seiner Freilassung ein Heft mit einigen seiner Artikel zusammen, auf dem er als Coverboy abgebildet war: im Strampelanzug. Das Heft belegte, dass seine Mittel im Kampf gegen Polizeiwillkür keinesfalls Steine, sondern ausschließlich Worte seien, was allerdings eine Schutzbehauptung gewesen sein dürfte, die ihm immerhin Haftverschonung einbrachte. Im gleichen Jahr kam die amerikanische Journalistin Jane Kramer nach Berlin, um im New Yorker über die Kreuzberger Autonomenszene zu berichten:

„In Kreuzberg gibt es so etwas wie eine Etikette der Vergeltung. Wiglaf Droste, der Kunstkritiker der taz, sagt, wenn man Besuch von Autonomen bekomme, (dann) trommle man seine Freunde zusammen und statte einen Gegenbesuch ab. In Kreuzberg heißt das: eine Diskussion führen. Droste hat selbst Erfahrungen mit dem Besuchtwerden. Eines Tages kam er nach Hause und stellte fest, dass seine Tür mit Blut beschmiert war (die Inschrift lautete ‚666‘ und ‚Heil Satan‘). Zehn Kilo tote Fische und verfaultes Fleisch lagen auf der Fußmatte. Die Täter gaben sich in der Szene als Autonome aus, aber Droste wusste, dass sie bloß frustrierte Rockmusiker waren, denen seine Artikel nicht gefallen hatten, und deshalb stattete er ihnen auch keinen ‚Gegenbesuch‘ ab. Droste ist einer der maßvollsten und scharfsinnigsten Kritiker der Kreuzberger Szene (wenngleich Fremde Schwierigkeiten haben, ihn von dieser Szene zu unterscheiden – in der ausgebeulten, gestreiften Zirkushose, der schwarzen Smokingjacke mit dem löchrigen T-Shirt).“

In dieser Szene, in der Schlägereien mit den „Bullen“ eine beliebte Freizeitgestaltung junger Menschen waren, war der Ton rau, das Verhalten roh. Wiglafs originelle Polemiken, die nicht gerade maßvoll waren, ließen ihn schnell verdächtig werden, zu einer Persona non grata. Auch in der taz eckte er ständig an und löste mit einer von ihm mitgestalteten Frauenseite zum Weltfrauentag einen Frauenstreik in der Redaktion aus. Er wechselte für ein Jahr zur Titanic nach Frankfurt, wo sein Auftreten beim damaligen Chefredakteur Hans Zippert „eine leichte bis mittelschwere Panik“ hervorrief, weil er die Redaktion „durch regelmäßige Alkoholinfusionen außer Gefecht“ setzte. Er hatte sich einen Ruf als Rabauke in der linken Szene erworben. Nur wenige Jahre später, 1994, sorgte sein ebenso lustiger wie harmloser Text Der Schokoladenonkel bei der Arbeit dafür, ihn als Kinderschänder zu brandmarken und seine Lesungen mit Buttersäure zu verhindern. Er war endgültig zu einem Nestbeschmutzer avanciert.

Illustration: Christoph Kleinstück für der Freitag

Heute würde ein mit derartigen Mitteln bekämpfter Dichter ein Trauma kriegen, Wiglaf hingegen schlug zurück, und zwar mit Fäusten, wie später in einem Bericht von Spiegel TV zu sehen war. Und er wich keinen Millimeter zurück. Veranstalter, die weiche Knie bekommen hatten, erinnerte er an die vertragliche Vereinbarung, und er organisierte sogar einige weibliche Türsteherinnen, die ihm die Antifa vom Hals hielten.

Wiglaf, der am 15. Mai 2019 starb, war der Hunter S. Thompson Deutschlands. Er war maßlos, weil er alles genießen wollte, und das sofort. Er hatte die verantwortungslose Fröhlichkeit, mit der er die Bügelfaltenschriftsteller und Journalisten gegen sich aufbrachte, er spottete und lästerte wie Francois Villon gegen „Ölfilmjournalisten“ und „Dauerjauler“, und er nahm dabei keine Rücksichten darauf, aus welchem Lager jemand kam, ob er Gremliza hieß, Zaimoglu oder Möllemann. Aber das war nur eine Seite von ihm.

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Klaus Bittermann ist Verleger. Von Wiglaf Droste neu bei Edition Tiamat: Chaos, Glück und Höllenfahrten. Eine autobiographische Schnitzeljagd

Unter Feministinnen

Kuschelig könnte es sein im Feminismus-Nest. Schmiegt man sich an, genießt man Schutz und Wärme. Wehe der aber, die den Schnabel öffnet und ein anderes Liedchen zwitschert! Dann entpuppt sich die viel beschworene weibliche Solidarität flugs als hohle Phrase. Man fristet sein Leben geteert und gefedert oder zieht als Paradiesvogel durch die Lande und sucht sich seine eigene Schar.

Ich habe mich für die zweite Option entschieden. Meine Spezies lässt sich besonders schwer klassifizieren. Wer, wie ich in dem Buch Satans Spielfeld, erlittenen Missbrauch in all seiner Ambivalenz aufzeigt, wird schnell zur Verräterin gestempelt. So tönen vor allem die intersektionalen Feministinnen, denen ich entweder zu weiß, zu wenig sensibel oder zu liberal bin. Ich kann ihnen darin nur zustimmen, denn wer gelernt hat, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, zeigt dem Leben geschuldet wenig Verständnis für #metoo-Profiteusen und Hypersensibilität à la mode. Das Menschliche ist mir im Zweifel näher als das Weibliche.

Meine Skepsis gegenüber Obrigkeiten ist unausrottbar; Beleidigungsklagen sind für mich ein Ausdruck von Schwäche. Konflikte trage ich aus, persönlich und scharf. Dazu aber sind viele meiner Kritikerinnen nicht in der Lage. Ihre Strategie kulminiert in Ignoranz. Anstatt sich nach allen Regeln der Kunst zu streiten, verdünnisieren sie sich. Bestenfalls gibt’s ein Ich-blockier-dich, vor allem, wenn ich Interviews mit Lisa Eckhart oder Thomas Fischer führe.

Jeglicher anarchische Impetus ist flöten gegangen, Law and Order herrschen im Reich des Intersektionalen. Der Gipfel aber ist, dass sich die Edition F- und Missy-Feministinnen als Gralshüterinnen des Kapitalismus erweisen. Beispiel #ageism: Fünfundzwanzig- bis vierzigjährige Frauen gelten als Sprachrohr der Weiblichkeit und fühlen sich ganz wohl mit diesem Monopol. Das ewig Weibliche wird abgelöst durch „Jung & Geschmeidig“, ein Label, das wie der letzte Trumpf des Patriarchats wirkt. Apropos Patriarchat und Kapitalismus: Selbstverständlich sollte jede ihren Körper gestalten, wie es ihr beliebt. Wenn aber Brustoperationen unter dem feministischen Motto „My body, my choice“ verkauft werden, ist der Gipfel der Heuchelei erreicht. Scheinheiligkeit ist die Signatur unserer Zeit.

Vor lauter neuen Normen klafft der Spalt zwischen Begehren und geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen immer weiter auf. Frauen, die sich einen Mann schnappen, um die Karriereleiter zu erklimmen, fühlen sich genötigt, zu behaupten: „Ups, er hat mich geleckt, aber ich habe das doch gar nicht gewollt!“

Dabei sind wir Frauen doch nicht alle aus einem Guss. Es gibt auch unter uns Jägerinnen und Sammlerinnen. Höchste Zeit also, Diversität auch im Weiblichen zu erkennen und sich nicht bei jedem falschen Blick angepisst zu fühlen und in seinen Safe Space zu flüchten.

Das dringlichste Bedürfnis aber erkenn’ ich im Humor: Wenn ich mich als Mann verkleide und meinen Roman Poor Dogs ankündige mit dem Slogan „ein Abgesang auf den Feminismus und ein Hohelied der Liebe“, stampfe ich gewiss nicht den Feminismus in Grund und Boden.

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Ute Cohens Romane Satans Spielfeld und Poor Dogs erschienen im Septime Verlag

Die Kirche der Angst

Trotz der vordergründig schlichten, volkstümlichen Anmutung ist „Nestbeschmutzer“ ein Kampfbegriff von erstaunlicher suggestiver Raffinesse. Zunächst setzt er Gruppenbindung mit einem „Nest“ gleich, also einem unverzichtbaren intimen Rückzugsort. Kritik an diesem heiligen Ort erklärt er zur schmutzigen Tat, Kritiker zu Verrätern.

So primitiv solches Denken wirkt: Dahinter steckt ein komplexer Krimi des Selbstwertgefühls. Denn die Aufregung gilt ja nicht der beschmutzten Sauberkeit, sondern dem beschmutzten Ansehen, also dem Anschein von Sauberkeit. Der Anschein wird mit größerer Leidenschaft verteidigt als die Sauberkeit selbst.

Dieses Ringen um Anschein enthält mindestens die halbe Palette der conditio humana: Sehnsucht nach Wert (im Sinne unserer Metapher: Sauberkeit), aber auch Sehnsucht nach Geltung, was sich nicht immer verträgt. Hohe moralische Ansprüche einerseits, andererseits übliche Schwächen wie Machthunger, Lüge, Feigheit, Gier. Die Neigung, eigene Defizite hinter offensiver Selbstdarstellung zu verbergen. Die Bereitschaft, den Verrat an der laut proklamierten Moral zu vertuschen, indem man selbst die Urteile spricht.

Solches Denken findet sich auch in Gruppen, insbesondere dort, wo Macht ungenügend kontrolliert wird und das Portfolio zu Selbstüberhöhung einlädt. Trauriges Paradox: Je höher das Ansehen einer Institution, desto mehr verführt es ihre Amtsträger zu Selbstherrlichkeit.

Die katholische Kirche ist hier keine Ausnahme, sie hat nur weniger formelle Gegenmaßnahmen entwickelt als weltliche Vereine. So konnten Bischöfe mit Luxusimmobilien zocken, sich mit der Mafia verbinden oder ein exzessives Pädosex-Regime etablieren. Die dezenteren Priester fühlten sich zu Solidarität mit ihren entgleisten Brüdern gezwungen. Geistliche, die offen protestierten, wurden bedrängt und bestraft.

Das alles gehört, wie gesagt, eigentlich zur Norm. Ähnliches kommt auch in Behörden, Akademien und Universitäten vor. Verblüffend ist nicht, dass es passiert, sondern dass fast alle Beteiligten so tun, als passierte es nicht. Die große Ausnahme ist, dass die Vertuschungen ausgerechnet der Kirche derzeit nicht hingenommen werden. Diese gewaltige Aufklärungswelle begann bei uns 2010, als der Berliner Jesuitenpater Klaus Mertes den Knabenmissbrauch durch Priester am Canisius-Kolleg öffentlich machte.

Mertes wurde als Nestbeschmutzer beschimpft. Doch diesmal verfehlte das Wörtchen seine manipulative Wirkung und offenbarte eine andere Qualität: als Indikator für reaktionäre Ideologie ebenso wie für reale Missstände. Es fortan so aufzunehmen, könnte lehrreich werden.

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Petra Morsbach veröffentlichte zuletzt Der Elefant im Zimmer: Über Machtmissbrauch und Widerstand – Essay

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06:00 22.06.2021
Geschrieben von

Ausgabe 24/2021

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