Die neue greisenhafte Jugendlichkeit

Filmfestival Cannes Die stärksten Filme im Wettbewerb erzählten in diesem Jahr von Übergängen, Träumen, imaginären und virtuellen Welten, die das Reale zu Boden drücken

Ein Stadtpanorama. Langsam, unausweichlich schraubt sich die Kamera hinunter auf die Straßen. Obwohl wir uns in der Gegenwart befinden, ist es eine pompöse Kutsche, auf die sich der Blick heftet. Man folgt ihr bis in ein schlossähnliches Gelände, an dem eine Hochzeitsgesellschaft sich einen Tag lang einem auschweifenden Leben hingibt. Der Titel des Film: Reality. Ein anderer Filmbeginn, aus Holy Motors: Ein Mann – Leos Carax, der Regisseur des Films – erwacht, möglicherweise nur im Traum. Er steht auf und schreitet seine mit Bäumen gemusterte Tapete entlang. Plötzlich entdeckt er eine Tür, wo vorher nie eine war, und schließt sie mit seinem zum Schlüssel mutierten Finger auf. Durch die Öffnung gelangt er auf den Balkon eines Kinos, in dem die Zuschauer stumm und bewegungslos verharren.

Die stärksten Filme im Wettbewerb des 65. Filmfestivals von Cannes erzählten von Übergängen, von Träumen, von imaginären und virtuellen Welten, die das Reale übermannen und zu Boden drücken. Um die Macht von Illusionen geht es in Matteo Garrones mit dem Großen Preis der Jury prämierten Reality. Luciano, den der im richtigen Leben wegen Mordes verurteilte, beeindruckende Aniello Arena verkörpert, ist Fischverkäufer in Neapel und quietschlebendiger Kopf einer typisch italienischen Familie. Als in einem Supermarkt ein Casting für die nächste Big Brother-Staffel abgehalten wird, probiert Luciano sein Glück.

Anstatt vom Aufstieg dieses Mannes in eine Welt des schnelllebigen Ruhms zu erzählen, dreht Garrone in seinem Film den Spieß um und entwirft, frei nach Luchino Viscontis Bellissima, ein Alternativszenario zur Truman Show. Was geschieht, wenn ein Mann seinen Alltag als einen einzigen Testlauf für eine ersehnte TV-Show erlebt? Wenn er in jedem Fremden plötzlich einen TV-Agenten vermutet, der sein Leben evaluiert? Die Antwort, die Reality auf diese Fragen gibt, ist zuerst komisch, wird dann jedoch immer beklemmender: In einem solchen Container lässt es sich nicht mehr aufrichtig leben.

Schau’ mir in die Augen

Garrones Film korrespondierte treffend mit Ulrich Seidls Paradies: Liebe, in dem es auch um die Kluft zwischen Wunsch und Erfüllung geht. Teresa, eine frustrierte 50-jährige Wienerin, erliegt der Illusion, in Afrika ihr Glück in der Liebe zu finden. Seidl ist bekanntlich kein Regisseur von Zurückhaltung, sondern jemand, der darauf vertraut, dass seine dokumentarisch geschulte Inszenierung eine zusätzliche Qualität des Realen erschließt, eine groteske Seite des Lebens, vor der man gerne die Augen verschließt. In Paradies: Liebe, dem ersten Teil einer Trilogie über Frauen, entsteht dies durch die Kombination von nackten Körpern mit Blicken und Bedürfnissen, die einander verfehlen. Nicht von ungefähr beschweren sich die Frauen an einer Stelle darüber, dass ihnen die jungen Männer nie tief in die Augen schauen. Die Szene, in der Hauptdarstellerin Margarethe Tiesel einem mechanisch an ihrem Busen reibenden Lover Nachhilfeunterricht erteilt, ist ein Höhepunkt des Films.

Der furioseste Beitrag an der Croisette kam vom Franzosen Leos Carax, der mit Holy Motors, seinem ersten Film seit Pola X (1999), einen Verkleidungs- und Identitätsreigen mit dem großartigen Denis Lavant in Gang setzt, der bei den Preisen unverständlicherweise umgangen wurde. Carax konfrontiert Vergangenheit und Zukunft des Kinos, in dem er dessen Potenzial zur Herstellung grotesker, romantischer oder nur verquerer Welten bedient. Sein Beitrag ist aber auch ein Film über den Verlust, der in jeder Veränderung liegt. Wenn der Protagonist Monsieur Oscar bei einem seiner bizarren Aufträge zur Motion-Capturing-Figur mutiert, dann geht es dem Film auch um den Wechsel ins digitale Regime. An einer anderen Stelle, an der Oscar nach Zuschauern für sein Spiel fragt, kommt gehörig Skepsis zum Ausdruck. Wer sieht überhaupt noch zu? Und hat das Kino in einer Zeit multipler Bildrealitäten seine Sonderstellung endgültig verwirkt?

Eine Frage, auf die es an der Croisette erstaunlich wenig erfindungsreiche Antworten gab, und viel zu viele, die das Gleiche ein wenig anders taten. Der fast 90-jährige Alain Resnais strahlte in Vous n‘avez encore rien vu, einem Film, der mit diversen Interpretationen der Eurydice von Jean Anouilh spitzbübisch-emphatisch spielt, mehr Jugendlichkeit aus als jeder US-Beitrag (abgesehen von Wes Andersons Moonrise Kingdom). Der Mexikaner Carlos Reygadas, als bester Regisseur prämiert, polarisierte mit seiner Vermessenheit und Kritik an der zu vordergründigen Programmatik der Filmfestspiele in Cannes. In Post Tenebras Lux bindet er einen von Mangelerscheinungen beherrschten Familienalltag oft rätselhaft an ein naturgewaltiges Außen: Hier wird das Kino immerhin noch als genuine Schöpfungsmaschine gebraucht.

Satirische Diagnosen

Mit neuer Radikalität gingen auch Abbas Kiarostami und David Cronenberg zu Werke, die ihre Filme zu weiten Teilen in Autos spielen lassen. Cosmopolis, Cronenbergs Adaption des gleichnahmigen Don-DeLillo-Romans, ist darum bemüht, für das eklatante Auseinanderdriften der sozialen Schichten eine neue filmische Sprache zu entwickeln. Robert Pattinson navigiert als Plutokrat in einer schallgedämpften Limousine durch New York, während sich draußen die Massen mobilisieren. Wenige Filme wirkten so zeitgemäß, so beunruhigend durch ihr gekonntes Changieren zwischen satirischen und diagnostischen Momenten.

Mit der Krise der Institution Kino ist letztlich auch der Anspruch von Cannes betroffen, die wichtigsten Autoren an einen Platz zu versammeln. Zu viele Interessen begegnen einander hier auf zu engem Raum, und die Merkantilisierung der Branche bedroht den Mythos der Filmkultur auf besondere Weise. Dazu passend hat ein Film die Goldene Palme gewonnen, der sich stilistisch eines modernen Klassizismus bedient, mit zwei famosen Darstellern: Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant. Die beiden spielen in Michael Hanekes Amour ein alterndes bürgerliches Paar, das sich mit dem Sterben auseinandersetzen muss. Unverstellt, kontrolliert und doch einfühlsam wie selten zuvor erzählt der österreichische Regisseur von der schleichenden Erosion ihres Alltags. Es sind die Blicke, die sich diese beiden Menschen angesichts einer unumkehrbaren Situation und einer unausweichlichen Zukunft zuwerfen. Sie erzählen die eigentliche Geschichte: Sie handelt von der Panik vor dem Ende. Amour ist ein einfacher Film über das Unausweichliche. Die Schnörkellosigkeit, mit der Haneke hier Szenen rahmt, verhilft der Arbeit zu großer Kraft. Das Kammerspiel war der einzige Film in Cannes, der Publikum und Kritik gleichermaßen begeistert hat.


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18:00 29.05.2012

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