Susanne Götze
22.07.2011 | 15:00 11

Die neue Militanz der Gentech-Gegner

Gewalt Aktivisten bedrohen nun auch Wachleute, um gentechnisch veränderte Pflanzen auszureißen. Was bedeutet das für die Bewegung?

Ökos gelten als Gutmenschen und als eher harmlos. Sie demonstrieren, blockieren und richten auch schon mal einen Sachschaden an. Das alles fällt unter zivilen Ungehorsam und hat in Deutschland über 30 Jahre lang Tradition. Eine kleine Gruppe radikaler Gentechnikgegner hat nun mit bewaffneten Überfällen auf Wachleute, die Gentech-Felder bewachen sollten, diesen Pazifismus in Frage gestellt. Zu Recht?

Sympathisanten gratulieren, Grüne gehen auf Distanz und Gentechnik-Forscher sind entsetzt: Neuerdings protestieren die Aktivisten nicht mehr mit Sonnenhüten und Friedenspfeifen, sondern schreiten nachts und schwarz vermummt zur Tat.

Mit Knüppeln und Pfefferspray

Am 11. Juli drang die kleine Gruppe der „vermummten LandwirtInnen und FreundInnen“ mit Knüppeln und Pefferspray in den „Schaugarten Üplingen“ in Sachsen-Anhalt ein. Die Umweltschützer bedrohten die Wachmänner, nahmen ihnen die Handys weg und konnten so ungestört das anliegende Versuchsfeld von gentechnisch veränderten Pflanzen „befreien“. In Mecklenburg-Vorpommern schlagen die „vermummten LandwirtInnen und FreundInnen“ kurze Zeit später ein weiteres Mal zu.

Die so genannten Feldbefreiungen sind um diese Jahreszeit keine ungewöhnliche Sache. Seit Jahren ziehen Umweltschützer und Landwirte jeden Sommer auf die im Standortregister gemeldeten Flächen mit Gentechnik-Pflanzen, um – teils öffentlich und angekündigt, teils bei Nacht und Nebel – ungeliebtes Gewächs auszureißen. Drohungen, Knüppel und Pfefferspray gab es bis jetzt allerdings nur von der Polizei, nicht aber von Seiten der Aktivisten.

Die Gewalt der Anderen

Moderate Teile der Öko-Bewegung wie etwa die Grünen haben sich von der neuen „Qualität“ der Feldbefreiungen sofort distanziert, andere eingefleischte Anti-Gentechnik-Aktivisten beklatschen die Helden des nächtlichen Thrillers. „Ich gratuliere den Feldbefreiern zu ihrer Tat und bewundere ihre Professionalität“, erklärt Michael Grolm, Imker und langjähriger Feldbefreier von der Initiative Gendreck-Weg. Auch die alternative Arbeitgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) betrachtet die neue Qualität der nächtlichen Feldbefreiungen als gerechtfertigt. Die eigentliche Gewalt, so die Argumentation der Sympathisanten, gehe von der Gentechnik-Befürwortern aus, die mit den Freisetzungen unverantwortliche Risiken eingingen.

Die radikalen Feldbefreier mögen sich wohl gedacht haben: Was der Polizei erlaubt ist, um die Interessen der Konzerne zu schützen, das ist erst recht erlaubt, um kommende Generationen vor der Ausbreitung gentechnisch veränderten Saatgutes zu schützen. „Sieht man sich den unverantwortlichen Umgang mit den Sicherheitsvorschriften bei vielen Freisetzungen an, dann ist hier Gefahr im Verzug – es war also wichtig und richtig, dass hier entschieden gehandelt wurde“, meint Imker Grolm.

Kaum noch unbewachte Felder

Unterschiedliche Radikalitätsgrade sind in der Bewegung nichts Neues. Bei den traditionellen Sommertreffen der Feldbefreier wird zur Demonstration aufgerufen und vorher festgelegt, wer wirklich auf das Feld gehen will und wer am Rande stehen bleibt, wer Deckung gibt, wer sich nachher solidarisch an den Kosten der Prozesse beteiligt. Deshalb hat das Zusammenarbeiten von risikofreudigen radikaleren Kräften und den „Sympathisanten“ bisher ganz gut funktioniert.

Während Letztere hauptsächlich die Öffentlichkeit überzeugen wollen, setzen die Radikalen vor allem auf eine Strategie: so viel zu zerstören, dass es für Forscher und Unternehmen unrentabel wird, gentechnisch veränderte Organismen (GVO) freizusetzen. Beide Strategien haben dazu geführt, dass Gentechnik-Pflanzen in Deutschland kaum noch kommerziell angebaut werden. Wer das heutzutage noch macht, braucht sehr viel Fortschrittsglaube, Geld und Sicherheitspersonal – um den bürokratischen Vorschriften, dem öffentlichen Druck und den Aktivisten beizukommen. Da es deswegen kaum unbewachte Felder mehr gebe, bleibe passionierten Feldbefreiern auch fast nichts anderes übrig, als sich zu bewaffnen und Wachmänner zeitweise außer Gefecht zu setzen, meint Grolm von Gendreck-Weg. Ein kleiner Teil der Szene habe sich deshalb radikalisiert, um weiterhin die Gentechnik bekämpfen zu können.


Der Erfolg der Aktivisten kann sich sehen lassen: Der Anbau von GVO geht in Deutschland seit Jahren zurück. Noch 2007 wurden solche Pflanzen noch auf über 2.700 Hektar in fast allen Bundesländern angebaut. Heute beträgt die Anbaufläche nur noch rund neun Hektar, ein großer Teil davon liegt in Sachsen-Anhalt.

Viele Bundesländer haben sich aus dem unbeliebten Geschäft zurückgezogen. Deshalb finden sich Gentechnik-Felder auch nur noch in den traditionell konservativen und GVO-freundlichen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und dem bevölkerungsarmen Mecklenburg-Vorpommern. Dagegen haben die Regierungen von Bayern oder Nordrhein-Westfalen die Nase voll von dem ständigen Widerstand. Vor allem die traditionsbewussten bayrischen Bauern haben durch kontinuierlichen Protest in den letzten Jahren erreicht, dass die CSU nun auch zu einer GVO-skeptischen Partei geworden ist. Vor kurzem hat sogar die Europäische Union beschlossen, dass jeder Mitgliedsstaat den Anbau verbieten darf, was bisher keinesfalls als gesichert galt. Deutschland könnte nun ebenso wie Österreich einfach ein nationales GVO-Verbot verhängen.

Geldstrafe kann Aktivisten ruinieren

„Der kommerzielle Anbau geht zwar zurück, doch Freisetzungen zu Forschungszwecken werden in Deutschland immer besser organisiert“, erklärt Grolm. Während die Strafen für Feldbefreier kommerzieller Felder bei maximal 45 Tagessätzen und niedrigen Geldstrafen lagen, geht es bei den zerstörten Feldern zu Forschungszwecken zur Sache: In einem derzeit verhandelten Prozess um das Eindringen von Aktivisten in das Genforschungszentrum Gatersleben in Sachsen-Anhalt droht eine Strafe von bis zu 250.000 Euro – diese Summe kann einen Aktivisten ruinieren.

Bis jetzt haben sich Gentechnikgegner bei ihren Aktionen des zivilen Ungehorsams auf den „allgemeinen rechtfertigenden Notstand“ berufen. Die begangene Straftat sei notwendig, um eine nicht anders abwendbare „Gefahr für Leben, Leib, Freiheit, Ehre, Eigentum oder ein anderes Rechtsgut“ zu verhindern.

Während in deutschen Gentechnikprozessen dieser Paragraph noch nie erfolgreich angewendet wurde, kam es in Frankreich bereits im Jahr 2005 zu einem Freispruch für neun Feldbefreier – aufgrund des „Notstandsparagraphen“ im französischen „Code Pénal“. Dass nun in Deutschland mit Knüppel und Pfefferspray statt mit bloßen Händen GVO-Pflanzen zerstört werden, dürfte für die Anwendung des Paragraphen kaum etwas ändern, solange es keinen Personenschaden gibt. Bis jetzt blieb es bei Bedrohungen, kein Wachmann hat auch nur einen Kratzer abbekommen.

Susanne Götze ist freie Journalistin

Kommentare (11)

Nietzsche 2011 22.07.2011 | 18:16

Auch wenn ich Gentechnik nicht befürworte, so heißt dies nicht zwangsläufig, dass ich gewaltsame Aktionen gegen gentechnische Versuche unterstütze.
Für mich ein weiterer Beleg, wie gesellschaftsfähig Gewalt - sofern sie als links, fortschrittlich etc. deklariert wird - geworden ist. Auch in der Community ist dies durchaus festzustellen (vermutlich auch in den Reaktionen auf den Artikel).

Avatar
Ehemaliger Nutzer 24.07.2011 | 13:27

Ich lehne grundsätzlich Gewalt ab, auch in diesem Fall.
Ich würde es allerdings auch als Gewalt bezeichnen und zwar gegenüber allen Menschen, wenn man fanatisch diese Gentechnik weiter verfolgt.
Wir Bürger möchten keine genmanipulierten Lebensmittel, welche Art es auch sein.
Keiner hatt das Recht, in dieser Hinsicht den Menschen eventuelles Leid anzutun.
Und um angeblich den Hunger in der Welt zu lindern, dass hat sich ja nun zu einem Ammenmärchen entwickelt.
Der Hunger wird bewußt von einigen Verbrechern angestrebt, weil hier mit Lebensmitteln an der Börse Geld verdient wird.
Es würde keinen Hunger auf der Erde geben, wenn die Lebensmittel gerecht verteilt würden.

gedankenabfall 26.07.2011 | 01:23

Leute, es wurden Versuchsfelder der öffentlichen Forschung zerstört. Das ist völlig idiotisch, die Androhung von Gewalt gegenüber den Wachmännern ist überdies völlig inakzeptabel. In der Schweiz wurde ja auch schon das persönliche Umfeld von Wissenschaftlern angegriffen (www.nzz.ch/nachrichten/hintergrund/wissenschaft/angriffe_auf_forscher_1.6696997.html).

Ja, es gibt die großen Konzerne, die vor allem Interesse an Profit haben. Ja, das Patentrecht ist völlig vermurkst. Sicher gibt es auch noch andere Probleme, die im Zusammenhang mit der Gentechnik zu sehen sind.

Aber Gentechnik wird auch für die Verbesserung von Lebensmitteln eingesetzt – kostenlos, lizenzfrei, zur Wiederaussaat geeignet. Ein Beispiel ist das BioCassavaPlus Projekt, mit dem Maniok verbessert werden soll. Andere Beispiele sind etwa Golden Rice, oder auch pilzresistente Bananensorten (Bananen sind steril und können nicht ohne weiteres gezüchtet werden).

Die Gentechnik ist nicht nur in den Händen der „bösen“ Konzerne. Sie ist ein Werkzeug, mit dem man auch Gutes vollbringen kann. Genau das scheinen die verbohrten Gentech-Gegner nicht zu verstehen, wohl weil sie die Biologie dahinter nicht verstehen: Jahrzehntelange Forschung, aus öffentlichen Mitteln finanziert, zeigt, dass Gentechnik an sich kein höheres Gefahrenpotenzial hat, als etwa moderne Zuchtverfahren.

Es kommt immer darauf an, was man mit der Technik anstellt. Mir erschließt sich nicht ganz, zu was ein „ich bin gegen alles, was Gene ... äh ... Gentechnik enthält“ führen soll.

Rosa Sconto 26.07.2011 | 02:11

Dieser Beitrag ist der wohl schlechteste den ich jemals im Freitag gelesen habe. Kleinlich wird die Gewaltanwendung von denen hervor gehoben die ganz berechtigte Bedenken haben.

Eine gute Autorin hätte mehr Sachverstand und so zumindest auch die Konsequenzen einfliessen lassen die dem Einsatz von GVO logischerweise folgen werden. Es gibt in Europa schon ganze Landstriche die mit GVO Pflanzen verseucht sind.

Wenn GVO landwirtschaftlich nicht akzeptiert wird, wenn die Aussaat von GVO Saatgut untersagt ist, warum dann diese "Sondergärten" mit "Wachleuten"?

Dabei ist es schon jetzt absehbar das sich die GVO-Industrie nicht anders verhalten wird als die Atom-Industrie. Wissenschaft soll der gesamten Menschheit dienen nicht dem Profit einiger.

Marte 29.07.2011 | 20:28

Den Artikel finde ich sehr sachlich gehalten, nur dem völlig inkompetenten und von keiner Sachkenntnis getrübten Herrn Grolm hätte ich nicht soviel Aufmerksamkeit geschenkt. Und stimme dem Kommentar "Gedankenabfall" zu. ergänzen möchte ich noch, dass solche Feldzerstörungen genau das Gegenteil bewirken von dem, was diese "LandwirtInnen" (ich wette, die kommen alle aus der Stadt!!) vorgeben: sie unterstützen gerade die großen Konzerne, weil ein kleiner Züchter inzwischen die ganzen Auflagen gar nicht mehr erfüllen kann. Ich kenne kein Argument der Gentechnik Gegner, dass auch nur im Ansatz einer wissenschaftlichen Überprüfung stand hält. Da wird mit einer fett genährten deutschen Arroganz richtig wild rumromantisiert, ohne jede Fachkenntnis. Die Gegner können jedoch selber nicht wirklich an ihre eigene Argumentation der Gefährlichkeit von Transgenen glauben, sonst würden sie diese ja nicht gezielt durch die Zerstörung der Pflanzen in die Umwelt bringen und mit ihren Händen und Schuhen überall verbreiten! Es sei denn sie hätten ganz andere, als die vorgegebenen Absichten!

Marte 29.07.2011 | 20:53

Die Spekulation mit Lebensmitteln an der Börse hat aber gar nichts mit Gentechnik zu tun! Da werden doch überwiegend nicht tansgene Produkte gehandelt.
Und was das eventuelle Leid angeht: durch den Konsum einer transgenen Pflanze ist noch niemand gestorben, oder auch nur erkrankt. Durch die unkontrollierte Anwendung von Pestiziden schon. Der Anbau von transgener Baumwolle in Indien schützt nachgewiesener Maßen jedes Jahr hunderte von indischen Bauern vor weiteren Vergiftungen. Der Anbau von Bt-Mais würde auch unsere Umwelt vor mancher Tonne Pestizid schützen. Die riesigen ökologischen Chancen, die in der grünen Gentechnik stecken möchte die "Community" wohl einfach nicht sehen.

Marte 29.07.2011 | 20:53

Die Spekulation mit Lebensmitteln an der Börse hat aber gar nichts mit Gentechnik zu tun! Da werden doch überwiegend nicht tansgene Produkte gehandelt.
Und was das eventuelle Leid angeht: durch den Konsum einer transgenen Pflanze ist noch niemand gestorben, oder auch nur erkrankt. Durch die unkontrollierte Anwendung von Pestiziden schon. Der Anbau von transgener Baumwolle in Indien schützt nachgewiesener Maßen jedes Jahr hunderte von indischen Bauern vor weiteren Vergiftungen. Der Anbau von Bt-Mais würde auch unsere Umwelt vor mancher Tonne Pestizid schützen. Die riesigen ökologischen Chancen, die in der grünen Gentechnik stecken möchte die "Community" wohl einfach nicht sehen.

Lisa H. 29.07.2011 | 21:50

Der Artikel ist mit Sachverstand und alle Aspekte betrachtend geschrieben, chapeau (auch ich hätte aber dem miesen Clown Grolm weniger Raum eingeräumt). Aber das ist halt die Crux: Differenziert man, ist man schon ein gekaufter Agent der Grossidustrie, daher alle Kameraden und Genossen und dazugehärige -Innen der Gentechnikgegnerfront: Schaltet Euren Bregen mal auf IQ-Modus und denkt nach: Die industrielle Forschung zur grünen Gentechnik ist schon aus Deutschland weg (nicht aus Europa), die öffentliche ist in den Startlöchern zu verschwinden. Und: die Forschung geht weiter, nur halt nicht in der grün-rot-bajuwarischen Scheinidylle. Sie wird erfolgreich sein und die Produkte kommen dann nach Europa zurück, nur: sie werden uns teuer zu stehen kommen (wie jetzt schon viele rekombinante Arzneimittel, die zwar in den Grundlagen in Deutschland entwickelt wurden, aber nicht mehr hier produziert werden. Dann wollt Ihr es nicht gewesen sein - oder?
So, nun könnt ihr den Bregen wieder in den bequemen Ideologiemodus zurückschalten. Ruhet sanft.

PillePalle 31.07.2011 | 21:00

Ach, du liebe Augustina!
Aus Wikipedia: "Hirn oder Brägen (auch Bregen, aus dem Niederdeutschen) wird in der Küchensprache das Gehirn von Schlachttieren genannt. Es besteht aus einer weichen, grauweißen Masse, die sich überwiegend aus etwa gleich großen Teilen Fett und Eiweiß zusammensetzt."...
Ich freue mich schon auf die neuen Schnupfenmittel, gedünstet und gekocht aus Gentech-Mais mit Glyphosatauszügen. Oh je oh je oh je. Schönen Gruss auch an Papa Simpson, gell?

Econ 03.08.2011 | 20:26

Ausgewogen ist was anderes.
In dem Artikel geht es nur um die Zerstörungen von Freisetzungsfeldern und wie es dazu kam, dass die Gentechnikgegner sich radikalisiert haben und wie effektiv die Zerstörungen in Deutschland waren. "Ziviler Ungehorsam" ist eine Interpretation von "Zerstörung" und "unbefugtem Betreten" mit dem Hinweis auf 30 Jahre Tradition - also wohl Gewohnheitsrecht? Ein Schaden von 250.000 Euro kann mit Verlaub nicht nur einen Aktivisten ruinieren, sondern insbesondere und in erster Linie den von dem Schaden betroffenen Freisetzer! Dass die Strafmaße in Strafprozessen so niedrig sind, hat in der Vergangenheit sicher nicht unmaßgeblich den Eindruck einer "Ordnungswidrigkeit" bei den Aktivisten gefestigt. Bei den 250.000 Euro geht es aber um eine zivilrechtliche Klage des Feldbetreibers und keinen Strafprozess - hat also nichts mit kommerziell oder Forschung zu tun.