Die neue Mitte

Erfolgswelle Der deutsche Film steht wirtschaftlich und künstlerisch so gut da wie lange nicht. Der Markt ist vielfältiger, aber nicht kritischer geworden

Jürgen Vogel trägt jetzt volles blondes Haar bis zu den Schultern, zeigt beim Lachen makellos geschlossene Zahnreihen und macht es sich auf einem Satz Poimplantaten Made in USA gemütlich. In Keinohrhasen, mit 4,7 Millionen Zuschauern wohl der erfolgreichste deutsche Film des Jahres, entpuppt sich das als Marketing-Gag, um einen schmierigen Gossenreporter hineinzulegen.

In Sachen Glanz und Gloria hat das deutsche Kino aufgeholt: Knapp 34 Prozent Marktanteil erreichte es im ersten Halbjahr 2008, so viel wie seit 15 Jahren nicht mehr. Auch wenn die heimischen Produktionen im dritten Quartal etwas schwächer besucht waren und nur die Teenie-Komödie Freche Mädchen bei den Besucherzahlen die Millionengrenze überschritt, so ist das im ganzen Jahr zehn Filmen gelungen, zuletzt Der Baader-Meinhof-Komplex und Krabat. 2007 waren es gerade mal vier.

Regisseure und Autoren im wirtschaftlichen Aufwind wagen sich an ein Kino, das lautere Töne bevorzugt. Nicht lärmend wohlgemerkt, nicht polternd, sondern direkter, bunter, und ja: konsumfreundlicher. "Anspruchsvolle Geschichten werden gut erzählt", sagt Frank Völkert von der Filmförderungsanstalt (FFA). Jüngst bekam seine Institution, die auf Bundesebene für die finanzielle Unterstützung deutscher Produktionen zuständig ist, durch die Novelle des Filmfördergesetzes eine neue Feinjustierung. Ab 1. Januar wird mehr Geld für die Projektfilmförderung ausgegeben, das mit kleinen Zugeständnissen an die Fernsehsender erkauft wurde. Die Fernsehausstrahlung rückt ein halbes Jahr näher an den Kinostart - Filme können nach einer Frist von einem Jahr im Pay-TV und nach anderthalb Jahren im frei empfangbaren Fernsehen laufen -, dafür liefern die Sender nach wie vor ihren freiwilligen finanziellen Beitrag und wollen gar mehr Werbezeit für das deutsche Kino bereitstellen.

Unter anspruchsvollen Geschichten versteht Völkert die von Uli Edels Der Baader-Meinhof-Komplex, Dennis Gansels Die Welle oder Doris Dörries Kirschblüten - Hanami. Dass es gelungen scheint, den Graben zwischen Anspruch und Kommerz zuzuschütten, den in Deutschland nicht nur Filmemacher lange selbst und mit einigem Eifer offen gehalten haben, mag auf den ersten Blick erfreulich wirken. Andererseits ließe sich aber fragen, wer noch die Ränder des ästhethischen und erzählerischen Spektrums bedient, wenn vieles zur Mitte hin kippt. "Alle Filme von Christian Petzold zusammengenommen haben zum Beispiel soviel wie ein Krabat gekostet", bemerkte der Regisseur Christoph Hochhäusler vor einiger Zeit in seinem Blog. "Auch wenn der Film erfolgreich ist und Geld zurück bringt, hat er die Möglichkeiten der anderen extrem verengt. Was mich daran stört ist vor allem, dass es stillschweigend passiert und nicht eingebettet ist in eine Debatte darüber, welche Filme wir brauchen, sehen wollen, öffentlich fördern sollten." Gedanken über die Kunstform Film werden von erfreulichen Geschäftszahlen naturgemäß zugunsten der Wirtschaftsform Film niedergewalzt.

Hochhäuslers Beschwerde will Frank Völkert von der FFA dennoch so nicht stehen lassen. Zum einen habe man auch alle Filme von Christian Petzold gefördert. Außerdem, so Völkert, "arbeiten wir nicht in einem Elfenbeinturm. Unsere Kommissionen sind mit Branchenvertretern besetzt, und wir halten regelmäßige Feedback-Sitzungen ab - gerade auch mit Filmemachern, deren Anträge abgelehnt wurden." Ob in einer Image-Studie der FFA oder auf einer unerträglich langweiligen Podiumsdiskussion bei den Münchner Medientagen Ende Oktober: Der deutsche Film, so meinen die meisten, stehe und falle mit seinen Stoffen. In der Drehbuchförderung wird 2009 daher ebenfalls kräftig aufgestockt, mit 900.000 Euro stehen 50 Prozent mehr als bisher zur Ausschüttung bereit. Nur wofür? Von 217 Anträgen in der Drehbuchförderung wurden im vergangenen Jahr gerade 30 bewilligt. Der häufigste Grund für eine Ablehnung war mangelndes Format für die große Leinwand.

So schwankt das deutsche Kino zwischen seiner finanziellen Abhängigkeit vom Fernsehen und dem Bedürfnis nach ästhetischer Distinktion. Freilich ist da, wo es raucht, knallt und dröhnt, im Spektakel des Genre-Films, die Standardausrede "zu teuer" manchmal zu schnell zur Hand. Die Studenten von Franziska Buch schreiben gerne und viel Science Fiction und Fantasy - was die Drehbuch-Professorin an der Filmakademie Ludwigsburg für eine Flucht vor der Wirklichkeit hält. "Viele haben einen schwierigen Bezug zur Realität", sagt Buch. "Sie sind sehr lernbereit und wissbegierig, aber auch pessimistisch. Und sie hegen häufig ein tiefes Misstrauen gegenüber intimen Beziehungen." Nach "Wohlfühl-Kino" klingt das nicht, eher nach Konflikten, die jede Menge künstlerischen Treibstoff bereitstellen.

Der deutsche Film lässt sich offensichtlich nicht mehr festlegen. Nicht auf die Beziehungskomödie, die in den neunziger Jahren sein Image ramponiert hat. Aber auch nicht mehr auf den Autorenfilm, der nach dem Tod von Rainer Werner Fassbinder trotz einiger Arbeiten und Regisseure eher wie ein Zombie erschien. "Es gibt zu wenige Filme in Deutschland, die aus dem Impetus entstehen, etwas ändern zu wollen. Ich vermisse ein Kino, das seinen Fokus auf gesellschaftspolitischen Themen hat, ohne gleich wie ein Pamphlet daherzukommen", sagt Torsten Schulz. Er ist an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam für die Ausbildung des Autoren-Nachwuchses zuständig.

Der wirtschaftliche Höhenflug und das, was Politiker gerne "breite gesellschaftliche Akzeptanz" nennen, muss dem deutschen Kino die Kraft geben, diese Lücken zu schließen. Fatih Akin, der Gegen die Wand (2004) gedreht hat und Auf der anderen Seite (2007), ist vielleicht der einzige, der mit Mut und Rasanz zeigt, wie sich gesellschaftliche Zwänge in die Biographie des Einzelnen einschreiben. Sein Kino ist politisch, ohne Konsensfilme hervorzubringen, die zur Staatsbürgerkunde taugten. Sie sind auch Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins, das die gesamte Branche erfasst zu haben scheint. Pünktlich zu Beginn des Jahres hat die UFA ihre einst legendäre Kinosparte wieder aufleben lassen. "Kommerzielles Kino" wolle man fortan von Potsdam aus produzieren, "Bestsellerverfilmungen, aber natürlich auch klassische Familienunterhaltung."

Zu den Projekten der UFA Cinema gehören neben risikolosen Erfolgsbuchadaptionen von Der Medicus und Hanni und Nanni immerhin auch der ironische Krimi Glennkill der Münchner Autorin Leonie Swann, dessen detektivische Schafe animiert auf die Leinwand kommen sollen, und eine komödiantische Umsetzung von Schillers Die Räuber. An Literaturverfilmungen und Familienunterhaltung hat der deutsche Film freilich keinen Mangel, und es wäre ein großer Fehler, sich auf den pekuniären Lorbeeren auszuruhen.

Es ist das Glück des einheimischen Kinos, dass die enormen Fortschritte, die amerikanische Fernsehserien in den letzten Jahren in Komplexität und Einfallsreichtum gemacht haben, den deutschen Fernsehmarkt bisher nur in Einzelfällen erreichten. Der Stolz ist angemessen, der die Branche erfasst hat, nur zeigt sich wahre Stärke auch in der Bereitschaft, sich lächerlich zu machen. Das deutsche Kino braucht den Trash, es braucht die Unterhaltung für die Nische und den Anspruch fürs große Publikum, und es kann sich eine Portion Selbstironie dabei mittlerweile gut leisten. Jürgen Vogels Poimplantate sind ein erster Schritt.

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00:00 16.01.2009

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