Die neue Teilung Jerusalems

Nahost Die Verschärfung der Konfrontation zwischen Israelis und Palästinensern hat Jerusalem auf unerwartete Weise neu entzweit
Rolly Rozen | Ausgabe 45/2015
Die neue Teilung Jerusalems

Bild: Archiv/der Freitag

Am Ortseingang Jerusalems ist eine Straßensperre errichtet. Der Soldat, ein junger rothaariger Bursche mit pickligem Gesicht, sieht müde und gelangweilt aus, während er die Autos kontrolliert, die sich langsam auf ihn zu bewegen. Seine Uniform ist zerknittert, das Gewehr hängt lässig über seinen Schultern. Autos mit gelben Nummernschildern winkt er durch, die mit den blauen – die Halter sind Einwohner der besetzten Gebiete – dirigiert er an den Straßenrand. Die Fahrer müssen ihren Ausweis zeigen. Die Palästinenser warten in einer Schlange neben dem Kontrollpunkt, ruhig, ohne zu protestieren, in ihren Gesichtern ein wenig Angst. Fahrgäste eines Taxis mit einem gelben Nummernschild werfen nur für eine Sekunde einen Blick hinüber zum Straßenrand. Für Sekunden können sie die Szene noch einmal im Rückspiegel beobachten, wird der Blick frei für den wichtigsten Zufahrtsweg nach Jerusalem, ein großes Blumenbeet formt die Worte: Willkommen in Jerusalem.

Eine der Fahrgäste, eine ältere Frau, blickt zurück auf die Schlange wartender Palästinenser: „ein unerfreulicher Anblick“, seufzt sie. Er erinnert sie an Erlebnisse in ihrer eigenen Vergangenheit, an Zeiten, als sie zu den Kontrollierten gehörte. Doch der Taxifahrer, ein schwarzhaariger Mann marrokanischen Ursprungs, findet solche Bemerkungen absurd. „Das ist überhaupt nicht dasselbe“, sagt er grob. „Die Juden in Europa wollten niemandem etwas tun. Die Leute hier, die wollen uns umbringen. Man muss sie kontrollieren, man kann ihnen kein bisschen vertrauen, das sage ich Ihnen.“ Er redet so, wie viele Israelis, die sich ständig als Opfer sehen. Seit ein palästinensischer Bauarbeiter drei Menschen mit einem Messer ermordete, lässt der Taxifahrer seine Kinder nicht mehr allein. „Sie sollten einen Stacheldrahtzaun errichten. Diese Palästinenser dürfen nicht mehr reinkommen, das sage ich ihnen.“

Solche Forderungen hört man in den letzten Wochen in Jerusalem immer häufiger, vielleicht genauso häufig wie die pompösen Erklärungen über die ewige Einheit der heiligen Stadt, die immer wieder von wortgewaltigen Politikern wiederholt werden. Auf eine absurde Weise werden wohl beide Wünsche auf lange Sicht nicht in Erfüllung gehen. Wie zwei Kämpfer, die sich in einer Kampfposition befinden, aus der sich keiner lösen und in der keiner gewinnen kann, sind Israelis und Palästinenser in Jerusalem in einer unlösbaren Verklammerung verstrickt. 23 Jahre nach der Vereinigung (so nennen das die Israelis) oder Besetzung (so nennen das die Palästinenser) besteht die Stadt aus hoffnungslos miteinander verwobenen jüdischen und arabischen Vierteln, die weder vereint noch getrennt existieren können. Auch die politischen Ansichten und Wünsche beider Seiten sind hoffnungslos durcheinander. Während die Israelis offiziell von einer auf ewig vereinten Hauptstadt des jüdischen Volkes in Übereinstimmung mit der herrschenden Ideologie sprechen müssen, wünschen sich viele von ihnen nach den Ereignissen der letzten Woche eigentlich eine geteilte Stadt.

Eine Teilung der Stadt ist das politische Ziel der Palästinenser. Der Ostteil soll nach ihren Plänen die Hauptstadt ihres – wenn es je dazu kommen sollte – palästinensischen Staates werden. Aber bis es so weit ist, brauchen sie entgegen ihren politischen Grundsätzen eine vereinigte Stadt. Zehntausende von ihnen arbeiten im Westteil. 23 Jahre Besetzung und Militärregierung haben es nicht zugelassen, dass sich eine alternative und unabhängige arabische ökonomische Infrastruktur entwickelt, die Arbeitsplätze sichern könnte. „Wie in dem Lied ‚For they cannot stay together, but they cannot live apart (sie konnten nicht zusammenbleiben, aber auch nicht getrennt leben)’“, meint Professor Margalit, ein Philosophie-Dozent an der Hebräischen Universität und Aktivist in der „Frieden-Jetzt- Bewegung“. Er lebt in Baka, einem ruhigen Viertel im Süden der Stadt. Am Sonntag, dem 21. Oktober stieg der 19-jährige Sirhan. der in einem Dorf in der Nähe von Bethlehem lebt, an der Bushaltestelle in Baka aus, wo er arbeitete, und ging durch die ruhigen engen Gassen der Gegend. Es war viertel vor sieben. Um sieben Uhr hatte er drei Menschen niedergestochen. Iris Azulai, eine 18-jährige Soldatin, Eli Alterz, einen 40-jährigen Vater zweier Kinder, Besitzer eines Blumenladens, und Charlie Shlush, einen Polizisten, der angerannt kam, als er die Schreie der Opfer hörte. Er habe es getan, um die Toten auf dem Tempelberg zu rächen, sagte Sirhan im Verhör. Und er hatte es aus religiösen Gründen getan. „Jihad“, eine fundamentalistische islamische Organisation, hatte ihre Gläubigen aufgerufen, die Toten vom Tempelberg zu rächen und Juden zu töten, irgendwelche Juden.

Dieser Aufruf von „Jihad“, und die Tatsache, dass danach gehandelt wurde, ist eine Entwicklung, vor der israelische und palästinensische Aktivisten schon lange gewarnt haben: Seit drei Jahren geht die lntifada und noch immer ist keine Lösung in Sicht. Es war klar, dass die ablehnende Haltung der israelischen Regierung, sich auf irgendwelche Gespräche mit den Palästinensern einzulassen, zu solchen Verzweiflungstaten führen musste. Aber die Reaktion der Israelis auf die Morde richtete sich natürlich nicht gegen ihre eigene sture Regierung, sondern gegen die Palästinenser. In diesem fürchterlichen Teufelskreis, wo Gewalt noch mehr Gewalt gebiert, entsteht beim Mob sogleich der Wunsch, Araber, irgendwelche Araber, zu töten oder wenigstens anzugreifen. Als ein ähnlicher Mord im August passierte, stürmten tausende Israelis die Straßen, steinigten „blaue“ Autos, töteten einen Menschen und verwundeten viele andere. Damals griff die Polizei kaum ein. wofür sie kritisiert wurde. Dieses Mal, so scheint es, wurde die Lektion gelernt, Polizisten standen an jeder Straßenecke. „Es war besser als das letzte Mal, aber ich hatte immer noch Angst“, sagt Naiat, ein palästinensischer Sekretär. Ahmed, ein Bauarbeiter, der auf einer Baustelle, nicht weit vom Ort des Geschehens, arbeitet, verließ seinen Arbeitsplatz sofort, nachdem er von den Ereignissen gehört hatte. „Jemand kam und erzählte uns, dass es in der nächsten Straße passiert sei. Wir schnappten sofort unsere Sachen und versuchten, nach Hause, in den Ostteil zu gelangen. Wir blieben als Gruppe zusammen und hatten große Angst, weil sie das letzte Mal einen von uns sehr schlimm zusammengeschlagen haben.“

Dieses Mal war es Ahmed gelungen, sicher nach Hause zu kommen, und dort blieb er auch die folgenden Tage. Die israelische Regierung hatte zumindest zeitweise beschlossen, dass es für die beiden Völker besser wäre „getrennt zu bleiben“. Für vier Tage wurde die Grüne Linie, wie sie vor 1967 bestanden hatte, wieder errichtet. Es gab Kontrollpunkte an allen Zufahrten zu Jerusalem. Überlegungen kursierten, arabische Arbeiter durch neue jüdische Immigranten aus Russland zu ersetzen. Es stellte sich aber heraus, dass sie nicht bereit waren, unter denselben Bedingungen zu arbeiten wie die arabischen Arbeiter. So kehrte Ahmed zwei Wochen danach wieder auf die Baustelle zurück. „lch habe Angst. Jedes Mal, wenn du die Straße überquerst, wirst du kontrolliert, sie können dich ohne Grund festnehmen, das ist sehr unangenehm.“ Er kehrte trotzdem zurück, denn er hat keine andere Wahl. „Ich habe zwölf Kinder zu Hause, die ich ernähren muss. Ich habe Angst, aber ich kann es nicht ertragen, sie hungern zu sehen.“

Ironischerweise fürchten sich nicht nur Ahmed und seine Freunde, ihre jüdischen Vorgesetzten, die auf ihre billigen Arbeitskräfte angewiesen sind, fürchten die Palästinenser ebenfalls: „Ich stehe mit den Arbeitern auf dem Dach. Immer wieder schaue ich hinter mich, um sicher zu sein, dass nicht einer versucht, mich zu erstechen oder herunter zu werfen“, erzählt Avraham, Ahmeds Chef. Die jüdisch-arabische Koexistenz, von dem israelischen Forscher Meron Benbenisti als Koexistenz zwischen Reiter und Pferd definiert, wird für beide, Reiter und Pferd, offenkundig immer unkomfortabler. Aber keiner von ihnen ist in der Lage, auszusteigen.

Das zu verstehen, genügt ein Blick auf die Karte Jerusalems: Juden und Araber lebten über Generationen gemeinsam an diesem Ort. Erst der Krieg von 1948 beseitigte diese Art der Koexistenz. Arabische Bürger, die in Gebieten lebten, die der jüdischen Regierung zufielen, kamen in die Flüchtlingslager, Juden, die in der Altstadt lebten, flüchteten in den Westteil. Nach 1967, als Israel den bis dahin jordanisch beherrschten Ostteil eroberte (besetzte oder befreite), gab es eine eindeutige Demarkationslinie und klar definierte Gebiete, in denen Araber und/oder Juden lebten. Um einer erneuten Teilung der Stadt zuvorzukommen, haben Israelis seit 1967 eine enorme Bautätigkeit entwickelt, die gewährleistete, dass die arabischen Viertel und Dörfer von neuen jüdischen umgeben waren. In diesen zwanzig Jahren wurden die Pläne mehr oder weniger erfolgreich ausgeführt. Die Bewohner der jeweiligen Stadtteile vermischten sich nie, aber sie störten sich auch nicht. Mit dem Beginn der Intifada haben jedoch die nationalen Spannungen zugenommen und die Nähe der Viertel hat dazu geführt, dass sich die Bürger gegenseitig das Leben zur Hölle machen. In Talpiot-Ost, einem Neubauviertel mit großen fünfstöckigen Häusern, errichtet neben den kleinen Häusern des palästinensischen Dorfes Zur Bahr, wurden viele Wochen lang fast jede Nacht Autos in Brand gesetzt. „Wir machen Patrouillen, manchmal können wir einige Täter fassen, aber normalerweise machen sie es sehr spät in der Nacht, und man kann nicht jedes einzelne Auto die ganze Nacht bewachen“, sagt Dan Cohen, einer aus dem Viertel.

Die Einwohner von Zur Bahr sehen ihrerseits ihren Kampf als Teil der palästinensischen Bemühungen um Selbstbestimmung. „Ich bin dagegen, Autos in Brand zu setzen, aber wir müssen für unsere Rechte kämpfen. Zwanzig Jahre lang haben wir nichts gegen die Besetzung unternommen, und wir haben es Teddy Kollek gestattet, jedem zu erzählen, dass die Stadt vereint sei. Sie ist es nicht. Wir leben unter einer Besatzungsmacht und wir wollen unsere Rechte“, sagt Jaber, der Besitzer eines Lebensmittelladens in Zur Bahr. Vor der Intifada kamen manchmal jüdische Nachabarn aus Talpiot, um bei ihm einzukaufen, aber seit langer Zeit sind sie ausgeblieben. „Das ist schlecht für das Geschäft, aber das ist der Preis, den wir zahlen müssen“, sagt er.

Die Krise am Golf hat nicht nur den Geschäften geschadet. Alle Bemühungen, irgendeine Art von politischen Verhandlungen zustande zu bringen, die vielleicht in ferner Zukunft zu einer Lösung des Konflikts führen könnten, sind vollständig auf Eis gelegt. „Es ist klar, dass nichts passieren wird, bis die Golfkrise gelöst ist. Bis dahin wird es keinen internationalen Druck geben,und ohne ihn wird sich nichts bewegen“, meint Professor Magalit. Solange wird Jerusalem den toten Punkt nicht überwinden können. Eines der Dinge, was Araber und Juden auf seltsame Weise eint, ist die Angst vor dem Krieg. Schulen, Jugendklubs und andere öffentliche Gebäude wurden in den letzten Wochen in Zivilschutzstellen umgewandelt.

Dort werden Gasmasken an die Bevölkerung verteilt, an Juden und Araber. Eine Familie nach der nächsten strömt in die großen Hallen und erhält große Gasmasken für die Erwachsenen, kleine für die Kinder und Plastikzelte für die Babys. In dem Raum, wo über Video erklärt wird, wie die Gasmasken zu gebrauchen sind, sitzen alle still beisammen, hören und schauen zu. Obwohl die Führung der Intifada die Palästinenser dazu aufgerufen hat, sich keine Gasmasken zu holen, kamen die meisten, um sie in Empfang zu nehmen. „Bei solchen Sachen kann man nie sicher sein“, meint Bassem, ein palästinensischer Student. „Wir leben so eng zusammen. Saddam Hussein könnte versuchen, die Juden zu bombardieren, aber letztlich wird es uns auch treffen.“

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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