Die neuen Genossen

Langsamer Optimismus Schwul-lesbisches Leben in Peking

Traditionelle chinesische Klänge. Eine weiße Fee schwebt über die Bühne. Auf Spitzen. Pirouetten, Sprünge - Leichtigkeit. Bruch. Schrilles Gezeter, Ehestreit im Stil der chinesischen Oper. Dazwischen zaghaftes Klatschen beim Publikum. Trotz der gekonnten Theaterinszenierung der vier Tänzer bleiben die Zuschauer distanziert. Fast verschreckt. Als die vier Darsteller sich dann auch noch ins Publikum begeben, Körperkontakt aufnehmen, fliehen einige junge Männer zur Bar, um bloß keine der "Damen" auf ihrem Schoß wiederzufinden.

Solches Verhalten zeigt, dass Offenes Geschlechterverwirrspiel "Mann in Frauenkleidern" in China noch nichts Alltägliches ist. Dabei hat es in der chinesischen Oper, in der früher alle Frauenrollen von Männern gespielt wurden, Tradition. Eine Drag-Queen-Show der Extraklasse allerdings ist etwas anderes, sie erfordert von allen Beteiligten gleichermaßen Mut. So mancher Gast scheint der derzeitigen Duldung homosexuellen Lebens durch die Regierung nicht so recht zu trauen. Das ist, ob der vergangenen aber auch der gegenwärtigen Unberechenbarkeit der Politik, nur allzu verständlich. Was heute erlaubt ist, kann morgen schon Arbeitslager bedeuten. Und die Zeiten der Massendenunziationen in der sogenannten Kulturrevolution sind weder verarbeitet, noch vergessen. Die Schwulen und Lesben wollen die langsam wachsenden Freiräume nicht wieder verlieren, daher scheint es vielen ratsam, den Toleranzbogen nicht zu überspannen.

Die Bars der Homoszene Pekings stehen den Treffpunkten in westlichen Großstädten in nichts nach. Es dröhnt englischsprachige Housemusik, auf Fernsehbildschirmen laufen Musik-Videos und an den Internetplätzen wird gechattet. Eine Handvoll homosexueller Treffpunkte gibt es in Peking. Zum schnellen Sex trifft man sich im Dongdan Stadtpark. Nur über Mundpropaganda ist zu erfahren, wer wann und wo unterwegs sein wird. Selbst in den englischsprachigen Eventkalendern Pekings tauchen die Begriffe homosexuell, lesbisch, schwul nicht auf, nur die Anmerkung "alternativ" kann von Eingeweihten als Hinweis auf schwul-lesbisches Publikum verstanden werden.

Bis vor kurzem hat die kommunistische Regierung erklärt, es gebe in China keine Schwulen und Lesben. Homosexualität sei eine Krankheit des dekadenten Kapitalismus. Per Gesetz wurden Homosexuelle jedoch nie explizit kriminalisiert, es galt die Devise: was nicht existiert, muss auch nicht verfolgt werden. Unter Berufung auf den Artikel "Hooligantum" wurden jedoch noch bis 1997 Schwule verfolgt, verhaftet und angeklagt.

Solche Intoleranz ist verwunderlich, wenn man bedenkt, dass noch bis in die späte Kaiserzeit westliche Besucher die Nase rümpften, ob der Selbstverständlichkeit schwulen Lebens in China. Literatur und Kunst offenbaren ein reiches Zeugnis davon. Dokumente belegen die Existenz von gleichgeschlechtlichen Hochzeiten (siehe dazu: Brett Hinsch, Passions of the Cut Sleeve. The male homosexuell Tradition in China). Auch in dem berühmten chinesischen Roman Der Traum der roten Kammer aus der Mandschu-Zeit (1644-1820) entdeckt ein geübtes Auge lesbisches Leben. Selbst in der Verbotenen Stadt in Peking soll es einen prominenten homosexuellen Vertreter gegeben haben, den letzten Kaiser Puyi. Sicher ist jedenfalls, dass Tabuisierung verschiedenster Formen von Sexualität in China - ganz im Gegensatz zu Europa - erst sehr spät, mit dem Ende der Kaiserzeit einsetzte.

Heute wird die Existenz von Homosexualität in China von offiziellen Seite nicht mehr komplett negiert. Der Anlass dafür ist traurig: Aids. 30 bis 40 Millionen Schwule, das sind sechs Prozent der männlichen Bevölkerung, soll es laut Ministerium für öffentliche Gesundheit geben. Lesben finden keine Erwähnung. Aids wird in China erst langsam als Gefahr erkannt, erst Anfang diesen Jahres eröffnete man in Peking das erste Zentrum für Aidsprävention. Wenn China, wie bisher, wenig Aufklärung betreibt, läuft das Land Gefahr, den traurigen Beispielen anderer ehemaliger Ostblockstaaten zu folgen. Von offizieller Seite spricht man heute von 600.000 Aids-Infizierten im Reich der Mitte, andere Quellen halten 1,5 Millionen für realistischer.

Die meisten der Schwulen und Lesben verschweigen ihre Homosexualität, nur die engsten Freunde sind eingeweiht. Zu groß ist die Angst, die Arbeit zu verlieren, von der Familie verstoßen zu werden. Denn keine Nachkommen in die Welt zu setzen, gilt als schlimmste Sünde gegen die Familie - das wichtigste gesellschaftliche Glied in China. Der ideelle Vermehrungszwang hat sich durch die Einkindpolitik sogar noch weiter verstärkt, und bei durchschnittlich acht Quadratmetern Wohnfläche pro Person in Peking ist Privatsphäre rar. Aus dem Schatten der gesellschaftlichen Verachtung und Ignoranz herauszutreten wagen wenige.

Doch seit Anfang der neunziger Jahre organisieren sich vermehrt Homosexuelle, inoffiziell natürlich. Ende 1992 wurde die schwule Gruppe Männerwelt gegründet. 1998 gab es in Peking die erste lesbische Konferenz, 50 bis 60 Frauen aus ganz China nahmen daran teil. Damals gründete sich in Peking eine kleine Lesbenorganisation, die aus rund zehn Frauen bestand. Sie richteten eine telefonische Hotline ein, veranstalteten Diskussionsrunden und gaben die Zeitung Tian Kong (Himmel) heraus, die man auch im Internet lesen konnte. Inzwischen hat sich die Gruppe wieder aufgelöst, erzählt Shi*, eine der Macherinnen. Alle Frauen hatten rein ehrenamtlich daran gearbeitet und das Projekt wuchs ihnen über den Kopf.

Ein gewachsenes Selbstbewusstsein zeigt die homosexuelle Gemeinde auch in ihrer provokanten Selbstbezeichnung als "Tong Zhi". Wörtlich übersetzt bezeichnet Tong Zhi eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam in einem Boot sitzen. Gemeinhin wurde in China unter Tong Zhi jedoch "Genosse" verstanden, sozialistischer Genosse. Die homosexuelle Umdeutung des Begriffs ist der breiten chinesischen Öffentlichkeit noch nicht bekannt. Bisher hat nur ein Zeitungsartikel in der Pekinger Jugendzeitung offiziell erklärt, wer die neuen Genossen sind.

Eine der aktivsten Lesben in Peking ist die Künstlerin Shi. Sie wohnt in einer Plattenbauwohnanlage weit draußen in einem Randbezirk Pekings. In die aus dem Boden gestampften Schlafstädte wurden viele verfrachtet, deren alte städtische Wohngebiete dem Modernisierungswahn zum Opfer gefallen sind. Obwohl Shi sich ohne Zögern zum Interview bereit erklärt hat, bleiben ihre Antworten oft unpräsize, vor allem wenn es um ihre eigenen Schwierigkeiten geht. Ihre bunten riesigen Ölgemäde, im Stil neuer Sachlichkeit gemalt, zeigen Shis sexuelle Vorliebe hingegen sehr deutlich. Zwei Frauen mit nacktem Oberkörper, die sich an den Händen halten. Fast schon naiv wirken sie vor dem blauem Himmel. Ein schwarz-weiß Foto zeigt eine nackte Frau in einer Badewanne - und das in einem Land, in dem FKK unverstellbar ist.

Shi hat Glück. In den toleranteren Künstlerkreisen muss sie keinen Hehl aus ihrer Liebe zu Frauen machen. Ihre Familie, die weit entfernt in Südchina lebt, weiß nichts. "Ich ahnte schon ganz früh, dass ich Frauen mag. Das Konzept Lesbisch-Sein war mir damals noch unbekannt. Aber ich habe meiner Familie immer gesagt, dass ich nicht heiraten will", sagt Shi. Trotzdem fragt die Familie immer wieder nach. Shi kennt viele Schwule und Lesben, die verheiratet sind; teilweise sogar miteinander, um von ihren Familien nicht mehr länger unter Druck gesetzt zu werden. Der Sinn und Zweck von öffentlichem "Outen" ist Shi nicht verständlich. Warum sollte der Vermieter über ihre Privatangelegenheiten Bescheid wissen? Vieles lässt man lieber unausgesprochen.

Die Partnersuche ist schwierig. Shi hat sich nach inzwischen ihr persönliches Netzwerk aufgebaut. Durch das Internet ist es leichter geworden, Kontakte zu knüpfen und Informationen zu erhalten, es gibt zahllose chinesische Websites, die leicht als homosexuell zu erkennen sind. Doch wirkliche Pressefreiheit gibt es nicht, und unbeliebte Internetseiten werden von der Regierung auch immer wieder geschlossen. "Viele meiner Freundinnen haben ihre Partnerinnen über das Internet kennen gelernt", sagt Shi, "jedoch halten meiner Erfahrung nach die Beziehung von Lesben und Schwulen oft nur ziemlich kurz, wahrscheinlich aufgrund der negativen Rahmenbedingung."

Neben einer handvoll homosexueller Bars, existieren in Peking auch einige Orte, die als homofreundlich gelten. So auch die riesige Disko Blue*. Es ist Freitag Nacht und drinnen drängen sich die Massen. Der DJ und seine vier weiblichen Tänzerinnen heizen so richtig ein. Derzeit scheint eine Art Headbanging, wie bei Heavy-Metal-Fans, als besonders sexy zu gelten. Die langen Haare der glitzernden Tänzerinnen klatschen von einer Seite zur anderen. Einige der Frauen tragen überdimensionierte Kleidung, kurze Haare und Turnschuhe. Auch bei den jungen Männern mit den besonders engen Oberteilen und den geschminkten Augen möchte man vermuten, dass sie Interesse am gleichen Geschlecht haben. Doch klare Zeichen, die erkennen lassen, wer schwul oder lesbisch ist, gibt es nicht. Männer tanzen mit Männern, Frauen mit Frauen, voreinander, man hält Abstand. Berührungen sind selten. "Tendeziell ist es schon so", sagt Shi, "dass viele Lesben kurze Haare tragen und sich weniger weiblich anziehen." Wirklich ausgelassen ist die Atmosphäre nicht, was nicht zuletzt an dutzenden ganz in schwarz gekleideten Männern vom Sicherheitspersonal liegt. Große silberne Taschenlampen tragen sie in den Händen, die sich sicher auch gut als Schlagstöcke eignen.

"Lesben werden in China eher toleriert, als Schwule", erzählt Shi. Gewalt gegen Lesben komme selten vor. Shi kennt nur ein lesbisches Paar in ihrem Bekanntenkreis, das auf der Straße von Männern verprügelt wurde. Dass Lesben eher unbehelligt bleiben, liegt auch daran, dass öffentliches Händchenhalten und Berührungen unter Frauen in China alltäglich sind. Bis vor wenigen Jahren galt das auch für Männer. Aber mit dem zunehmenden Einfluss des Westens werden Berührungen unter Männern als schwules Verhalten interpretiert. Und offen schwul möchte fast niemand sein.

Besonders schwierig ist die Situation für Homosexuelle, die auf dem Land leben. Sie können nicht einfach in die toleranteren Großstädte, Peking, Shanghai oder Kanton umziehen, denn für einen Umzug bedarf es eines "Hukou", einer Erlaubnis der Regierung. Ohne Hukou lebt man, wie die etlichen Millionen Wanderarbeiter in China, im rechtsfreien Raum.

Shi ist optimistisch, was die Zukunft der Homosexuellen in China betrifft. Seit April 2001 gilt Homosexualität endlich offiziell nicht mehr als psychische Krankheit. "Man zou, man zou", sagen die Chinesen: langsam, langsam geht es voran. Immer das Ziel vor den Augen; die neuen Genossen sollen eines Tages Normalität sein, so wie die alten Genossen es früher waren.

*Alle Namen und Orte wurden anonymisiert.

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00:00 08.02.2002

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