Die neueste Liebesunordnung

Sozio@mour Jean-Claude Kaufmann hat eine aktuelle Fährte verfolgt: Wie das Internet das Paarungsverhalten – insbesondere der Frauen – verändert

Die Fans des französischen Meistersoziologen Jean-Claude Kaufmann hätten erwartet, dass er sich mit seiner erzählerisch reichen Soziologie, die der Konstanzer Universitätsverlag unverdrossen auf Deutsch publiziert, mal an einen härteren Stoff heranmacht wie das Gefängnis oder den Produktionsbetrieb.

Aber Kaufmann setzt seine Studien auf jenem Gebiet fort, welches in den siebziger Jahren spöttisch-schmerzlich „Beziehungskisten“ hieß. Die Verhältnisse zwischen den Geschlechtern, die prägnanter als alle anderen erzeugen, was wir Glück respektive Unglück nennen.

1994 begann das mit Schmutzige Wäsche, was ihm in Deutschland die ersten Fans verschaffte, diese literarisch dichte Erörterung, wie Paare, die sich frisch zusammentun, mit der buchstäblichen schmutzigen Wäsche verfahren, die im Zusammenleben anfällt. 2002 beschäftigte sich Kaufmann mit dem Morgen danach, nach der ersten Liebesnacht, und man wagt sich kaum die Interviewkunst vorzustellen, über die der Sozialforscher verfügen muss, um zu einem so delikaten Thema Informanten zu finden. Es gab von Kaufmann Studien über Frauen zu lesen, die sich am Strand oder Pool oben ohne sonnen, was man auf Anhieb gar nicht für ein soziologisch relevantes Thema halten möchte – bis man Kaufmann gelesen hat. Eine weitere Studie widmete Kaufmann den alleinlebenden Frauen. Die also die traditionelle Paarbildung verschmähen.

Und jetzt also Sex@amour. Wie das Internet unser ­Liebesleben verändert. Wobei es die Leichtigkeit der Kontaktaufnahme ist, die Kaufmann für konstitutiv hält. Sie schafft einen üppigen Vorrat an Fantasien bei den interessierten Partnern; der andere erscheint zunächst als Traumfigur, und man kann sich selbst ausgiebig als Traumfigur inszenieren – was die Tradition noch nicht sprengt. Seit die Liebe (statt familiärer oder politischer Interessen) für die Paarbildung konstitutiv ist, spielen romantische Erfindungen eine zentrale Rolle. „Ich habe einen Roman gelesen“, lautet ein berühmtes Zitat aus dem 17. Jahrhundert, „und halte mich für verliebt.“ Was hier das Internet bewirkt, ist eine nie da gewesene Massenhaftigkeit und Flüchtigkeit der ad hoc erzeugten Erfindungen. Zu denen der Soziologe mithilfe entsprechender Adressen leicht Zugang findet; keine aufwendige Interviewkunst.

Erotisches Raubrittertum

Aus dem Roman herauszutreten und einen Kontakt in der Wirklichkeit zu finden: Kaufmann erfreut mit vielen frappierenden Beobachtungen zu diesem kategorialen Wechsel. Soll man, erst einmal auf einen Drink verabredet, noch ein zweites Glas trinken? Was sagt man damit dem anderen? Soll man sich schon beim ersten Treffen küssen? Wer ist das, der jetzt gleich zum Geschlechtsverkehr übergehen will?

Jean-Claude Kaufmann verfolgt eine starke These. Das Netz erlaubt, Sex als einfache Freizeitbeschäftigung zu organisieren. Das Triebleben verliert die Elemente des Hochdramatischen, womöglich Tragischen, wovon gerade die Literatur ausging; dass die Sexualität den Alltag, das Gewohnte überschreitet, eine immanente Transzendenz bildet.

Die vom Netz als Freizeitvergnügen zubereitete Sexualität zieht diese Dimension ein. Kaufmann spricht von Banalisierung. Was er keineswegs kulturkritisch meint. Das zeichnete seine Untersuchungen von vornherein aus: dass sie sich der Kulturkritik enthalten. Es geht nie darum, auf Fehlentwicklungen hinzuweisen und dadurch – womöglich – zu bremsen. Wenn hier zuweilen vom Unglück die Rede sein muss, das Sex als Freizeitvergnügen den Mitspielern bringt, dann ist ihnen das selbst zuzurechnen und keiner anonymen gesellschaftlichen Macht. Nie geht es um eine gesellschaftskritische Diagnose der Sexualität im Ganzen.

Erotisches Raubrittertum

Eine spezielle Diagnose der Veränderungen, die das Internet an unserem Liebesleben vollbringt, würde Kaufmann gern formulieren: dass sich jetzt das Sexualverhalten der Frauen grundlegend ändert.

Ein gleichsam sportliches Verhältnis zum Geschlechtsverkehr wäre bei Männern nichts Neues. Für das Jugendalter gilt es geradezu als typisch, womöglich erwünscht; die Hörner abstoßen, hieß das früher. Manche Männer behalten diese Abenteuerlust ihr Leben lang bei. Das Netz, wie Kaufmann wiederum mit vielen schönen Belegen zeigt, vermehrt hier die Chancen des erotischen Raubrittertums. Erschafft es aber keineswegs neu.

Anders bei den Frauen. Sie scheinen erst jetzt richtig einzusteigen, wo der Sex in eine Freizeitbeschäftigung unter anderen sich verwandelt. Die Schmerzen und das Unglück, die daraus zuweilen entstehen, dürfen wiederum nicht als Indiz einer Fehlentwicklung gelesen werden. Was sich hier abzeichnet, das ist die Aufhebung der alten Arbeitsteilung, derzufolge die Frauen die Paarbildung verantworten. Dass die Männer im Liebesleben den Sex wollen, die Frauen dagegen die Kommunikation, dies Schema hätte sich aufgelöst. Was der Paarbildung selbst neue Möglichkeiten eröffnet.

Sex@amour. Wie das Internet unser Liebesleben verändert Jean-Claude Kaufmann Konstanz UVK 2011, 196 S., 19,90

13:30 24.01.2012

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