Die Normalität des Bösen

Distanz Mihail Sebastians Tagebücher von 1935 bis 1944 dokumentieren die Ausbreitung der Judophobie in Rumänien

Wenn, wie Heiner Müller einmal sagte, die Verwandlung der Figur zum Wesen des Dramas gehört, so hat man in Mihail Sebastians Tagebüchern die Gelegenheit, dem millionenfachen Drama des letzten Jahrhunderts aus rumänischer Perspektive beizuwohnen: der allmählichen Umformung unzähliger Menschen, wie sie ihr Denken, Urteilen und Fühlen einer umfassenden antisemitischen Projektion überantworten, bei der so gut wie alles, im allgemeinen wie persönlichen, den Juden angelastet wird.

Sebastian beginnt sein Tagebuch 1935, zu diesem Zeitpunkt ist er 27 Jahre alt und ein bereits bekannter Autor. Der Tagebuchroman scheint ihm, wie vielen seiner Zeitgenossen, die adäquate Form eines "möglichst ungekünstelten Darstellungsmittels", wie der Herausgeber Edward Kanterian im Vorwort schreibt. André Gide, der Verfechter für die frei entsprungene Handlung im Roman, ist eines seiner Vorbilder. Eine glückliche Entscheidung, muss man im Nachhinein sagen. Denn in diesem Buch, das zu Recht als rumänisches Gegenstück zu Victor Klemperers Zeugenschaft gepriesen wird, tritt bei Sebastian sozusagen die Zeit selbst auf. Schritt für Schritt, im gemächlichen Tempo, wie die Zeit sie benötigt, greifen politische Weichenstellungen mit kleinen opportunistischen Handlungen einzelner ineinander, bis sich eine Normalität aus Bestialität und Unmenschlichkeit formiert hat.

Mihail Sebastian gehört zur intellektuellen Elite eines in den zwanziger Jahren nach Westen, vor allem nach Paris hin orientierten Rumäniens. Er ist Autor, Dramatiker, Literatur- Musik- und Kunstkritiker, Übersetzer und Rechtsanwalt. Im Laufe weniger Jahre werden ihm seine gesamten Arbeits- und Lebensgrundlagen entzogen. Er verliert das Arbeitsrecht als Rechtsanwalt und Journalist, die Anstellung als Redakteur bei einer rumänischen Literaturzeitung, er verliert die Wohnung, das Telefon, den Radioapparat. Seine Theaterstücke, die noch in den vierziger Jahren erfolgreich aufgeführt werden, schreibt er unter falschem Namen. Als ein Kritiker zur Uraufführung seines Werks Stern ohne Namen schreibt: "Nur Mihail Sebastian konnte ein solches Theaterstück schreiben", wird eine offizielle Untersuchung eröffnet und Sebastian von der Staatssicherheit vernommen.

Zu diesem Zeitpunkt ist dies nur eine kleine weitere Episode in der unendlich langen Reihe an Demütigungen, die ihm, seinem Bruder und allen inzwischen im Bukarester Ghetto lebenden Juden täglich zuteil werden. Dass sie, worüber Sebastian sich selbst wundert, noch nicht alle endgültig vernichtet sind, hat schlicht mit der Tatsache zu tun, dass der rumänische Diktator Antonescu die Deportation aller Juden zurückhält, als sich die Lage für die Deutschen und ihre Verbündeten verschlechtert, um sich damit eine günstigere Verhandlungsbasis mit den Alliierten einzuräumen.

Mehr noch als die amtlich verordnete Isolation treffen Sebastian der Verrat und der auch in seiner Gegenwart immer unbefangener geäußerte Judenhass seiner vielen Freunde und Bekannten. Einen ersten schmerzlichen Schlag versetzt ihm Nae Ionesco, sein ehemaliger Lehrer, als er auf Sebastians Bitte hin das Vorwort für dessen Roman schreibt und dabei Sebastian als ewigen Juden verleugnet, der das Leiden manisch suche: Sebastian war assimilierter Jude und verstand sich als Rumäne. Mit der Zunahme der Pogrome bekennt er sich als Jude und begründet dies mit den Worten: "Auf einer sonnigen, sicheren und friedlichen Insel irgendwo im Ozean wäre es mir gleichgültig, ob ich Jude bin oder nicht. Aber hier und jetzt kann ich nichts anderes sein. Und ich will auch nichts anderes sein."

Die meisten seiner Freunde treten der nationalistisch antisemitischen "Eisernen Garde" bei, die bald die ersten Massaker an den Juden verüben wird. Selten ist blanke Ideologie der Grund, sondern ein variationsreiches Gemisch aus Vorteilen, Heimzahlung, Neid, Gier und schlichter Verblendung. Einige von ihnen hegen noch Kontakt zu Sebastian, ohne deshalb ihre antisemitische Gesinnung in seiner Gegenwart zurückzunehmen. Im Gegenteil, nicht selten erwarten sie sich von ihm, dem "Außenstehendem", einen Ratschlag, das eine oder andere tröstende Wort. So beklagt sich Camil Petrescu, ein naher Freund, bei Sebastian darüber, dass ihm keine der den Juden abgenommenen Immobilien gegeben wird. "Mir gibt man nie etwas", sagte er entmutigt. Und Sebastian: "Nun, ich bin überzeugt, dass du diesmal nichts annehmen würdest, selbst wenn man dir was gäbe!" Darauf Camil Petrescu: "Nichts annehmen? Warum soll ich nichts annehmen?"

Für einige seiner Freunde setzt sich die Karriere fort, als gäbe es keine Pogrome, keinen Krieg, keine Vernichtung. "Musik, Arbeit, Karriere, Erfolge - das alles geht weiter. Während wir an Erinnerungen kleben."

Sebastian registriert mit wachem Verstand den Wahn, der sich der rumänischen Bevölkerung bemächtigt. Doch bei aller Verletztheit, Niedergeschlagenheit und mancher Aussichtslosigkeit schreibt er in einem vergleichsweise warmen Ton. Anstelle der Verwerfung sucht er dem Gebaren seiner Freunde Humor abzugewinnen. Es ist erstaunlich, wie er als persönlich Betroffener die Distanz aufrechtzuerhalten imstande ist. Eine Distanz, die bei Sebastian eine ebenso scharfe wie hintersinnige Beobachtung meint, mit der das Tagebuch auch ein feingeschliffenes Psychogramm einer verdrehten Gesellschaft wird. Akribisch verfolgt er die politischen Veränderungen, sucht und kombiniert, was ihm aus nationaler und internationaler Presse noch zugänglich ist und vor allem: er hält sich durch Lektüre, durch Musik, durch die ständige Arbeit an seiner Literatur aufrecht. Noch während diverser Arbeitseinsätze schreibt er an Theaterstücken, entwirft Szenarien, übersetzt Romane von Jane Austen oder Sonette von Sheakespeare. Fast unglaublich, dass er trotz der unerträglichen Umstände dazu imstande ist. Sebastian entgeht, wenn auch sehr knapp, den Pogromen, Deportationen und Arbeitseinsätzen. Er erlebt die Befreiung, wenn auch nur kurz. Im Mai 1945 wird er von einem LKW erfasst und stirbt noch an der Unfallstelle.

Die Tagebücher gingen 1961 zuerst nach Israel, dann nach Frankreich und wurden 1996 in Rumänien veröffentlicht, wo sie einen Skandal auslösten und zu einer ersten kritischen Auseinandersetzung mit dem rumänischen Faschismus führten, dem sich Mircea Eliade, Emil Cioran und sämtliche bis dahin unbestrittene Intellektuelle stellen mussten. In den vergangenen Jahren wurde sie im angelsächsischen Raum mit großer Aufmerksamkeit gelesen.

Als "verlegerische Großtat" bezeichnet Sigrid Löffler die seit einiger Zeit auch in Deutschland erschienenen Tagebücher. Sie sind ein Glücksfall, was Zusammenspiel und Leistung von Übersetzer, Herausgeber und Verleger angeht. Sie alle haben der Nachwelt ein umfassendes und tiefgehendes Zeitzeugnis eines Menschen in einer unmenschlichen Zeit zugänglich gemacht.

Mihail Sebastian: Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt. Tagebücher 1935 bis 1944. Herausgegeben von Edward Kanterian. Claasen, Berlin 2005, 800 S., 26 EUR


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00:00 27.01.2006

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