Johannes von Müller
Ausgabe 3116 | 03.08.2016 | 15:00 2

Die Ökonomie der Bilder

Medien Was erhoffen wir uns von Fotografien, die Attentäter oder Amokläufer zeigen: Aufklärung, oder Erklärungen gar?

Die Ökonomie der Bilder

An der U-Bahnhaltestelle am OEZ in München sieht man Zeichen der Trauer und des Unverständnisses

Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Die neue Art der Bedrohung durch den Terror besteht nicht zuletzt in den Reaktionen, die er provoziert. Nicht oft genug wiederholt werden kann die Forderung nach Besonnenheit – aufseiten der Politik, der Bürger und der Medien. Letzteres ist umso wichtiger, als die Komplexität, in der die Gewalttaten wirken, noch gesteigert wird durch die Vielschichtigkeit einer Ökonomie der Information. Sie ist auch eine Ökonomie der Bilder und spielt vor allem als solche dem neuen Terror nicht selten in die Hände.

Le Monde, die vielleicht wichtigste Tageszeitung Frankreichs, hat aus diesem Grund angekündigt, sie werde in Zukunft keine Bilder mehr abdrucken von Attentätern oder Gräueltaten des selbsternannten IS. Die Zeit hat sich dem nun angeschlossen, indem sie Bilder der jüngsten Ereignisse in Bayern unkenntlich macht und unter der Zeile „Was wir nicht mehr sehen wollen“ dieses Vorgehen begründet.

Die demonstrative Auslöschung der Bilder bei gleichzeitig fortgesetztem Gebrauch wirft eine wichtige Frage auf: Welche Funktion kommt ihnen eigentlich zu, wenn sie derart verfremdet werden können, welche Informationen bieten sie? Scheinbar haben sie zu keinem Zeitpunkt einen Informationswert besessen, weshalb sie jetzt auch keinen einbüßen können. Tatsächlich gehorcht ihre Präsenz in den Tages- und Wochenzeitungen einer anderen Logik, dem Druck der Konkurrenz, in der diese stehen mit den Kanälen, in denen die Bilder im Internet zirkulieren. Dort, fern einer der Presse bislang noch anhaftenden Vorstellung von Ethos, geben sie ihr Wesen zu erkennen. Erst in den Kontext der etablierten Medien überführt, werden die Zeichen des Terrors, die sie sind, zu Pressebildern und als solche autorisiert. Die nachgängige Verschleierung ist nur mehr ein symbolischer Akt. Auch er folgt den Bedürfnissen der Zeitungen, dient der Abgrenzung zu besagter Konkurrenz und der Rechtfertigung der eigenen Position.

Wie nun aber mit diesen Bildern umgehen? Einmal existent, lassen sie sich nicht verdrängen. Sie müssen dekonstruiert werden. Und dies erfordert Distanz. Die Verfremdung der Bilder ist eine bildinterne Operation, die zudem ihren Gebrauch rechtfertigt. Sie schafft keine Distanz. Um sie zu gewährleisten, bedarf es eines Bewusstseins für die Kontexte, in denen die Bilder erscheinen, begonnen mit den Oberflächen, in deren wortwörtlichen Rahmen sie uns begegnen. Diese „Seiten“, ob in Zeitungen oder im Internet, geben Auskunft über das Wesen der Bilder und dürfen ihrerseits als solche betrachtet werden.

Auf derselben Seite, auf der Die Zeit ihre neue Bildpolitik erläutert, druckt sie ein unkenntlich gemachtes Bild des rechtsgesinnten Amokläufers von München, umgeben von Porträts des Reutlinger Beziehungstäters und der islamistischen Attentäter von Würzburg und Ansbach – alle in der Retusche nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Auch noch von jenseits des über sie gebreiteten Schleiers zeigen die Bilder ein willkürliches Moment des Terrors auf. Ein wichtiger Punkt. Der Zusammenhang von Taten aus verschiedenen politischen Lagern wird aber nur gezeigt, er wird nicht erklärt, zumindest nicht in den Bildern. Offensichtlich eignen sie sich dazu nicht. Es braucht den Diskurs, der jetzt beginnt und zu klären sucht, was wir uns von den Bildern erhoffen.

Johannes von Müller ist Kunsthistoriker und Koordinator des internationalen Forschungsprojekts Bilderfahrzeuge am Warburg Institute in London

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 31/16.

Kommentare (2)

Reinhardt Gutsche 03.08.2016 | 22:34

Schluß mit dem medialen Tamtam

Die FAZ ist neulich er naheliegenden Frage nach dem sozialen und massenpsychologischen Kontext solcher Massenmordtaten wie der in Nizza, München usw. nachgegangen: "Heute, da keine Tat zu wahnsinnig und unmenschlich sein könnte, als dass sich nicht am Ende der IS dazu bekennte, fürchten wir, dass es die Taten selbst sind, die neue Taten inspirieren. Man weiß schon seit der Rezeptionsgeschichte des "Jungen Werthers", dass der Selbstmord ansteckend ist. Warum sollte es bei denen, die so viele andere mit in ihren Selbstmord reißen, anders sein?"

Der Werther-Vergleich impliziert die evidente Tatsache, daß es für derartige Taten nicht eines dezidiert ideologisch-missionarischen Motivs bedarf, den Werther und seine Epigonen bekanntlich auch nicht hatten. Die FAZ sieht zu Recht im Nachahmeffekt einen womöglich wichtigeren Impulsgeber und Tatauslöser als irgendeine nebulöse "Indoktrinierung" oder "Radikalisierung": "Schon früher, wenn Leute (meistens junge Männer), die den Tod suchten und möglichst viele Menschen dahin mitnehmen wollten, sich dafür nach den Vorbildern des Kinos oder der Videospiele maskierten, stellte sich die Frage, was zuerst da war."

Daher sollte man alles unterlassen, was die Popularität solcher Massenmörder noch erhöht und sie nicht auch noch permanent in den medialen Lichtkegel stellen. Vielmehr sind in solchen Fällen totale Nachrichtensperre bis zum gerichtsfesten Abschlußbericht der Untersuchungsbehörden, Geheimhaltung der Identität der Täter und ihres Umfeldes als "Secret Défense" usw. geboten, d. h. alles, was einer Heroisierung solcher Atrozitäten und ihrer politischen Sublimierung und damit einer Nachahmung entgegenwirken könnte. Das mediale Tamtam erreicht nur das Gegenteil und produziert Trittbrettfahrer, wie jüngst wieder geschehen. Hier geht das Recht auf Sicherheit vor dem Recht auf Information. Der NSU-Komplex beweist, daß es machbar ist, wenn man nur will. Und
man komme nicht damit, die Öffentlichkeit habe ein Recht auf Information. Sie hat vor allem das Recht, in Sicherheit vor solchen Gefahren zu leben und darf vom Staat erwarten, daß er seiner Schutzpflicht gegenüber seinen Bürgern nachkommt und nicht mit der Duldung derartiger Medienspektakel und mit aktionistischen Gestikulationen von seinen Defiziten in dieser Frage ablenkt.

Dies führt auch zur Frage der allseits suggerierten zwingenden Monokausalität von "Ideologie" und "Terrorismus". Der Berliner Historiker Prof. J. Baberowski verneint dies, denn "die Gewalt ist kein bloßer Reflex der Verhältnisse, in denen Menschen leben. Sie ist eine kulturelle Ressource für jedermann, eine menschliche Möglichkeit, für jeden, überall und zu jeder Zeit." ("Zivilisation der Gewalt. Die kulturellen Ursprünge des Stalinismus", Antrittsvorlesung, Berlin 2003). Auch für Umberto Eco bedarf es keines radikal ideologischen Impulses für eine terroristische Mordtat, wenn er über die im Dienste der italienischen Einheit operierenden Terroristen im 19. Jh. schreibt, "daß diese weinseligen Schwärmer nur ein begrenztes Interesse an der Einheit Italiens hatten und es ihnen vielmehr darum ging, schöne Bomben explodieren zu lassen." ("Der Friedhof in Prag")

balsamico 04.08.2016 | 12:31

Was erhoffen wir uns von Fotografien, die Attentäter oder Amokläufer zeigen: Aufklärung, oder Erklärungen gar?

Schon die Frage ist Selbstbetrug. Was wir erhoffen sind: 1. Sensationen, 2. Sensationen und 3. Sensationen. Viertens sind wir glücklich, wenn die Medien unser Sensationsbedürfnis befriedigen und die Medienschaffenden sind glücklich, dass sie es bedienen dürfen, zumal in den Sommerlöchern, wo man jeder Sensation hinterherlaufen muss. Bei dem Münchener Amoklauf wurde auf allen Kanälen stundenlang darüber berichtet, dass es nichts Neues zu berichten gab.

Ich wage die Behauptung, dass sich weniger Wichtigtuer den finalen Kick geben würden, wenn sie befürchten müssten, sang- und klanglos kremiert zu werden. Denn sie kosten das zu erwartende Entsetzen über ihre Taten ja noch zu ihren Lebzeiten wie einen Vorschuss auf den ihnen angeblich zustehenden Logenplatz im Paradies aus. Wenn sie in ihrer Vorstellung das ordinäre Nichts zu gewärtigen hätten, würden sie ihre Wahnsinnstaten vor der Ausführung vielleicht überdenken. Diese Taten sind jedenfalls zum Teil die Folge der Berichterstattung über sie.