Die offene Flanke

Geschichte „20. Juli. Ein Zeitstück“ von Bernhard Schlink holt die Machtergreifung ins Heute. Das gibt zu denken

Dreiundzwanzigster Juli 2021. Im Thüringer Landtag hat die Höcke-AfD einen Misstrauensantrag gegen die Regierung Ramelow aus Linken, SPD, Grünen gestellt. Die CDU verweigert sich deren Nein-Votum gegen den Antrag der AfD. Grüne in Baden-Württemberg enthalten sich bei der Wahl eines AfD-Vertreters ins Landesverfassungsgericht. Was das mit Bernhard Schlinks Zeitstück zu tun hat?

Bewusst setzt Schlink den Handlungsrahmen auf unsere Zeit, auf den 20. Juli. Das Gedankenspiel: Vortags wählten 37 Prozent die „Deutsche Aktion“ mit ihrem jungen charismatischen Führer. Droht ein autoritärer oder faschistischer Staat oder kann man sich auf die demokratische Verfassung der Gesellschaft verlassen? Der Autor lässt darüber in einem Leistungskurs Geschichte eine hitzige Diskussion mit dessen Lehrer entbrennen. These: „Das Attentat auf Hitler kam am 20. Juli 1944 viel zu spät. Es hätte am 20. Juli 1931 begangen werden müssen. Was ist daraus zu lernen?“ Frei darüber zu denken oder auch andere Wege zu denken, lässt beim Lehrer Gertz Zweifel darüber entstehen, was „richtig“ ist.

Bernhard Schlink bietet in jeder Phase Möglichkeiten des Handelns an, wobei er dem Betrachter jede Denkfreiheit überlässt. Von Beginn an spielt der Autor mit Andeutungen, die das „Heute“ mit dem Historischen stofflich in einen Bezug setzen, unter der Prämisse, dass Geschichte sich nicht genauso wiederholt wie 1929 bis 1945. Jedoch gibt es Parameter, die immer noch gelten: Eine Deutsche Aktion, man könnte an Konkretes denken, wird stärkste Kraft nach einer Landtagswahl mit 37 Prozent und koaliert mit der CDU. Die in der Realität noch mit einem Tabu belegte Option, konkret, der Führung der Bundes-CDU, wird durchgespielt, wie vor dem 30. Januar 1933, nur ein paar Nummern kleiner und anders. Glaubten der damalige Reichspräsident Hindenburg, Franz Papen und Alfred Hugenberg im Januar 1933 einen Reichskanzler Adolf Hitler in einer möglichen Koalitionsregierung mit der NSDAP „zähmen“, kontrollieren zu können, gibt sich Rudolf Peters, der Führer der Deutschen Aktion, sogar damit zufrieden (zunächst), nur Juniorpartner zu spielen und der CDU, die lediglich 21 Prozent der Wähler auf sich vereinigt hatte, den Ministerpräsidentenposten zu überlassen. So weit die Annahme im Gedankenspiel.

In Stufen radikalisiert

Geschichte wiederholt sich nicht, ist daraus zu lernen! Ein diktatorisches, rassistisches oder auch „nur“ autoritäres Regime kann sich in Stufen entwickeln, sich in Stufen radikalisieren, beschrieb der Historiker Hans Mommsen den Verlauf der Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Hitler-Schergen einleuchtend. Heute stellen sich die Fragen zum Erhalt des Rechtsstaates anders: Wie lange soll in der EU die Aushöhlung des Rechtsstaates in Mitgliedsländern hingenommen werden, wie lange sollen Wirtschaftsbeziehungen trotz permanenter Menschenrechtsverletzungen fortgesetzt werden? Diese Fragen stellen sich heute im Umgang Europas mit etwa China, Russland, Ungarn, Polen. Wie lange kann der Rechtsstaat gedehnt werden bis zur Überschreitung des Kipppunktes (siehe Klima)? Das Münchner Abkommen mit Hitler 1938 erlaubte jenem die Wehrmacht in der Tschechoslowakei einmarschieren zu lassen, vor dem Überfall auf Polen am 1. September 1939.

Innenpolitisch lässt das Stück schon auf der ersten Seite die Frage aufkommen, wer tritt da in die Koalition mit dem Verfassungsfeind ein und überschreitet die Grenze? Hier rücken die historischen Fragen und Analogien in den Vordergrund: nach der Spaltung der Arbeiterbewegung vor 1933, dem Nationalismus und weitverbreiteten völkischen Denken in Parteien der Weimarer Republik. Auch deshalb mahnen uns historisch begründete Tabus, diese Trennlinie heute nicht zu überschreiten. Demokratisierung, Entnazifizierung und Entmonopolisierung Deutschlands wurden 1945 von den vier Alliierten der Anti-Hitler-Koalition zur Gesundung verlangt.

Wie ist das heutige Denken in den Parteien und bei ihren Wählern zu bewerten, wenn wir sie nach ihrem Antisemitismus, Rassismus, Nationalismus, Sexismus, ihrer Homophobie und so weiter befragen? Wie stark sind diese ausgeprägt? In Teilen der CDU-Wähler und -Mitglieder gibt es eine offene Flanke zur AfD (Werteunion, Kandidatur des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Maaßen für den Deutschen Bundestag 2021), weshalb aus Kalkül die klare Abgrenzung und Distanzierung nach rechts außen unterbleibt. Das war schon einmal ein tödlicher Irrtum!

Schlink, auch Jurist, lässt Lehrer Gertz sagen, was gegen den Tyrannenmord spreche. „Nehmen Sie an, Sie hätten gewusst, was kommen würde ...?“, fragt der 18-jährige Fabian. Gertz: „Wenn man es gewusst hätte. (…) Aber es war noch weit weg. Das Strafrecht und das Völkerrecht erlauben kein präventives Zuschlagen. Und der Mut (…) wenn das Furchtbare noch weit weg ist, wenn man es zwar schon weiß, aber noch nicht spürt (…) hat man den Mut zum Handeln nicht erst, wenn man das Furchtbare vor sich hat?“ Maria präzisiert, es gehe nicht um das „man“, sondern es gehe um Courage, was tue ich in diesen Fällen, „wehret den Anfängen“!

Michel Friedman sagt 2018 in einem Gespräch mit Sigmar Gabriel, zitiert aus der Welt: „Wer bei den heutigen Ereignissen noch von ,Wehret den Anfängen‘ redet im Zusammenhang mit dem, was wir damals erlebt haben, hat überhaupt nichts begriffen. NPD, Wehrsportgruppe Hoffmann, NSU, Beteiligung von staatlichen Stellen, jetzt die AfD, da stelle ich die Frage: Haben wir wirklich den Anfängen gewehrt? (...) Und alle sagen überrascht, jetzt sei es wieder da, aber wann, frage ich, wann war es nicht da?“

Info

20. Juli. Ein Zeitstück Bernhard Schlink Diogenes 2021, 96 S., 13,99 €

Johannes Klotz las für den Freitag (26/2021) zuletzt Ulrich Herberts Buch Wer waren die Nationalsozialisten?

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06:00 02.08.2021

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