Die öffentliche Frau

Zerrissen Susan Sontag erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Kennen Sie den schon?: Was haben Osama bin Laden, Saddam Hussein und Susan Sontag gemeinsam? Antwort: Sie alle sehnen sich nach dem Untergang Amerikas. Ist das witzig? Wohl kaum. Eher ein Bonmot unterster Güte. Nachzulesen ist es in einer Ausgabe der New Republic, erschienen kurz nach dem 11. September 2001. Nachdem Susan Sontag auf die Terroranschlägen von New York und Washington im New Yorker vor der Gefahr gewarnt hatte, "gemeinsam zu verblöden", wurden solche Schnellschüsse auf die National-Book-Award-Trägerin in den USA zu Running Gags. Über das Phänomen Susan Sontag indes verraten sie ebenso wenig, wie etwa ein Ostfriesenwitz über den Gezeitenwechsel.

Wer das Wesen von Amerikas letzter Super-Intellektuellen beschreiben will, der muss andere Schnittmengen finden. Etwa die zwischen Sontag, Madonna und David Bowie. Was dieser Troika nun wieder gemein ist, liegt auf der Hand. Denn alle drei haben ein Faible dafür entwickelt, sich immer wieder neu zu erfinden. Ein Phänomen, welches man in der Pop-Branche als "Remodeling" beschreiben würde. Unter Publizisten ist es bis dato weniger in Erscheinung getreten. Doch die am 16. Januar 1933 in New York geborene Schriftstellerin Susan Sontag versteht sich darauf vortrefflich.

Susan Sontag hat viele Gesichter. Welche Berufsbezeichnung sie etwa in ihre Steuererklärung hineinschreibt, hat sie nie verraten. Ist sie nun Essayistin, Filmemacherin, Schriftstellerin, Dramaturgin oder Medienwissenschaftlerin? Bei all ihren verschiedenen Interessen ist ihre wahre Profession nicht zu greifen. Da sie sich in öffentlichen Debatten jedoch seit jeher sperrig zu positionieren wusste, gehört die Bezeichnung "Intellektuelle" für eine wie Sontag längst zum guten Ton.

Ihr Hang zur Verwandlung und zum Rollenspiel geht über Berufsbilder jedoch weit hinaus. Die studierte Literaturwissenschaftlerin und Philosophin, die 1964 mit ihrem Aufsatz Notes on Camp schlagartig Berühmtheit erlangte, war immer auch ein Stück von dem, was sie in ihren großen Essays beschrieben hat. "Camp in Personen oder Sachen wahrnehmen", so schrieb sie am Anfang ihrer publizistischen Karriere, "heißt die Existenz als das Spielen von Rollen zu begreifen". Und "campy" war somit immer auch Susan Sontag selbst.

Sie lediglich als eine kritische Begleiterin der Kultur der sechziger und siebziger Jahre zu begreifen, hieße, den Stellenwert zu missachten, den Susan Sontag im Klima der Neo-Avantgarde selbst genossen hat. Nie hat sie nur über Happenings, Fotografie oder Pop-Kultur geschrieben. Immer war sie auch Teil des künstlerischen Aufbruchs selbst. "Camp", jener Ästhetizismus des Trivialen, der den Stil stets über den Inhalt setzt, und der in den Sixties erstmals an die Türen der Hochkultur klopfte, wurde in jeglicher Hinsicht das Sprungbrett für die belesene und weltgewandte Tochter aus gutbürgerlichem Hause.

Denn für Susan Sontag bedeutete Camp die "konsequente ästhetische Erfahrung der Welt". Eine Zeitanalyse, die für einen klassischen homme de lettre, als den sich Sontag zunächst verstand, zutiefst erschüttern musste. Als aufstrebende Kritikerin, die mit 15 Jahren die Zulassung zur Universität erlangt hatte, mehrere Abschlüsse an den Universitäten von Berkeley, Harvard und Oxford erreichte und mit 17 den Soziologen Philip Rieff heiratete, ließ eine solche Feststellung nur noch wenige Möglichkeiten offen. Das pure Hantieren mit Worten jedenfalls erschien im Angesicht der kulturellen Veränderungen Anfang der sechziger Jahre wie eine hoffnungslose Don-Quichotterie. Und so entschloss sich Susan Sontag dazu, stets selbst "konsequent ästhetisch erfahrbar" zu sein.

Genau dieses intime Verhältnis zur "Kultur der Oberfläche" ist es, von dem noch heute ihr Ansehen zehrt. Pop, Semiotik oder Postmoderne waren für sie nie nur akademische Schlagworte einer neuen Epoche, sondern immer auch Fahrkarten für den eigenen Ruhm. So scharfsichtig, wie sie stets neue Kunstformen und Stile erkannt hat, so hat sie auch stets gewusst, diese für die eigene Sache nutzbar zu machen. Durch ihre vielseitige Präsenz hat sie sich von einer Kritikerin zu einer unverzichtbaren Institution gemausert.

Die neue Kultur, so schrieb sie einst, zeichne sich weniger durch eine Erkenntnisweise als durch eine Erlebnis- und Sehweise aus. Wer das Phänomen Susan Sontag begreifen will, muss sich von daher nicht erst durch ihre Dutzende von Publikationen lesen. Ebenso aufschlussreich kann es sein, die zahlreichen Fotografien von ihr zu betrachten. Denn als eine Art Intellectual Model hat sie in der Vergangenheit für nahezu alle namhaften Fotografen posiert. Ob Richard Avedon oder Anni Leibovitz, Gérard Rondeau oder Mikhail Lemkhin. Die Schriftstellerin, die sich in zwei hochgelobten Büchern pointierte Gedanken über das Verhältnis von Kultur und Fotografie gemacht hat, hat Theorie und Praxis stets in einem ausgeklügelten Crossover verbunden.

"Menschen", so schreibt sie etwa in ihrem Essay Die Bilderwelt, "legen Wert darauf fotografiert zu werden, weil sie fühlen, dass sie Bilder sind und durch das Foto wirklich gemacht werden." Für Susan Sontag ging diese mediale Fleischwerdung so weit, dass sie sich von einigen Kritikern gar als "literarisches Pin-Up" verspötteln ließ. Was diese damit meinten, zeigt am ehesten eine frühe Fotografie der Österreicherin Marion Kalter. In Lederjacke und Jeans posiert Sontag dort an irgend einer abgeranzten Pariser Straßenecke. Die Bluse leger aufgeknöpft, die Haare zottelig wild gestylt. Ähnlichkeiten mit Patti Smith scheinen auf dieser Fotografie aus dem Jahr 1979 nicht zufällig, sondern kalkuliert.

Subtil waren diese Inszenierungen nie. Unbefangen hat sie sie öffentlich gemacht. Zwei Jahre bevor das Pariser Foto entstand, schrieb sie in ihrem Buch On Photography die lapidare Erkenntnis nieder: "Mit Hilfe von Bildproduktions- und Bildvervielfältigungsmaschinen eignen wir uns etwas als Information an." Und Kalters Bild ist voll dieser Informationen. Mit verlebtem Gesicht und verranztem Dress präsentiert sich hier eine Intellektuelle, die über nichts zu schreiben scheint, was sie nicht selbst schon erlebt hätte. Es ist der abgezehrte Nimbus des Trendscouts, der durch dieses Bild hindurch scheint. Die Illusion von Underground, zu einer Zeit, als Susan Sontag längst Hochkultur war.

An anderer Stelle bringt sie es weitaus prägnanter auf den Punkt: "Fotografie wird verstanden als Mittel, mit dessen Hilfe man einen Platz findet in der Welt." Dabei ging es Susan Sontag nie bloß um pure Selbstvergewisserung, sondern immer um die gezielte Erzeugung von Images. Gerade in den letzten Jahren hat sie mit jedem neuen Buch immer auch ein neues Rollenbild von sich mitgeliefert. Mal war sie die ewig Jugendliche mit ergrautem Strähnchen, mal eine Mixtur aus Grand Dame und Mater Dolorosa.

Als sie im Jahr 2000 den National-Book-Award für ihren Roman In Amerika erhielt, ließ sie sich von der renommierten Pop- und Celebrity-Fotografin Anni Leibovitz ablichten; bis dato der Endpunkt in der Selbstvermarktung Susan Sontags als Kopf und Gewissen Amerikas. Mit aufgewelltem Haar, Leopardenkragen und Rüschenbluse blickt sie streng-distanziert in die Kamera. Wie die mysteriöse Frontfrau in einer Teenie-Band der New Romantics: Verkitscht gebrochen, doch endlich klassisch.

Die Schriftstellerin, die sich seit den Sechzigern unentwegt mit den mannigfachen Erscheinungsweisen des Massengeschmacks beschäftigt hat, ist so längst selbst zu einer Figur der Popkultur geworden. Als sie 1964 in ihrem legendären Aufsatz Against Interpretation eine "Erotik der Kunst" einforderte, da mochte sie noch nicht geahnt haben, wo das alles einmal hinführen würde. Heute jedoch ist diese Forderung wahr geworden. Die Schriftstellerin Susan Sontag ist eher ein haptisches und visuelles Erlebnis, denn eine verstiegene Frau der Worte. "Susan Sontag", das ist längst ein feuilletonistisches Label geworden, unter dem man linke Kritik und moralische Sentenzen vermarktet.

Denn, seien wir ehrlich: Außer Johannes Willms und Jochen Hieber, die sich ihre großen Romane von Berufswegen durchlesen mussten ("unerträgliche Mühen des Lesens"), hat zumindest in Deutschland kaum einer einen Satz aus Sontags literarischen Werken zur Kenntnis genommen. Der Liebhaber des Vulkans oder Death Kit sind hierzulande ebenso wenig honoriert worden wie ihre Filme Duet for Cannibals oder Zwillinge. Allenfalls stehen sie in gut sortierten Regalen herum und schieben Eindruck, wie einst das Weiße Album von den Beatles.

Wie bei jedem Pop-Star aus Amerika kennt man auch von Susan Sontag hierzulande nur die größten Hits. Die aber werden durch die Kulturseiten gejamt, bis es kracht. Selbst als Sontag 1993 in die belagerte bosnische Hauptstadt Sarajevo reiste, um im dortigen "Theater der Jugend" Becketts Warten auf Godot zu inszenieren, wurde diese Leistung vom Feuilleton goutiert, als wäre es ein U2-Benefizkonzert, auf dem Bono mit Luciano Pavarotti ein gütiges Miss Sarajevo anstimmt. Nicht Sontags Botschaft stand mehr im Mittelpunkt, sondern einzig die Performance und Erlebnisweise. Ganz so, wie sie es einst in Notes on Camp prognostiziert hatte: "Es versteht sich von selbst", so schrieb sie damals, "dass die Erlebnisweise des Camp entpolitisiert ist."

Vielleicht liegt in diesem Zwiespalt die ganze Tragik der Susan Sontag verborgen. Zwar hat die engagierte Autorin bis in ihren letzten Essay, Das Leiden anderer betrachten, hinein keine Gelegenheit ausgespart, um pointiert gegen die mediale Verflachung der Wahrnehmung zu polemisieren, sie selbst aber ist in all den Jahren mehr und mehr zu einem zweidimensionalen Abziehbildchen geworden, zu einem medialen Symbol im transnationalen Diskursgefüge. In der Gesellschaft des Spektakels, so meinte sie noch jüngst etwas doppelzüngig, mangele es an einem Ambiente der Andacht.

Die Frau, die einst angetreten war, um die Kultur des Erlebens zu predigen, hat zuletzt weiche Knie bekommen. Noch 1965 schrieb sie in Die Einheit der Kultur voller Überschwang: "Der neuen Erlebnisweise ist die Schönheit einer Maschine oder die Lösung eines mathematischen Problems, eines Bildes von Jasper Johns, eines Films von Godard und der Persönlichkeit wie der Musik der Beatles gleichermaßen zugänglich." 40 Jahre später aber bemäkelt sie den "Megastore" als Grundmetapher unserer Wahrnehmung.

Susan Sontags Verteidigung der Wirklichkeit war immer eine halbherzige Sache. Nach dem Motto "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass" war sie immer gleichermaßen fasziniert wie abgestoßen. Vermutlich liegt darin der Grund, dass ihre kulturkritischen Aufsätze oft wie zahnlose Tiger erscheinen. In der Analyse brillant, doch in den Schlussfolgerungen unentschlossen. Weitsichtig hat sie stets auf die Mechanismen und Techniken der Medien hingewiesen, ohne deutlich zu sagen, was davon zu halten sei.

Es war ihr größter Kritiker, der Philosoph Jean Baudrillard, der vor einigen Jahren den Finger in die Wunde legte. In einer scharfen Polemik gegen ihre Sarajevo-Reise warf er Sontag "Realitätsverlust" vor. Was dem Westen am meisten fehle, so Baudrillard, sei die Wirklichkeit. Und die hätte sich die Sontag damals im blutigen Realitätspark Bosnien geholt. Klar, dass sie so etwas nicht auf sich sitzen lassen konnte. Doch Baudrillard hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Susan Sontag ist die perfekte Verkörperung der Simulation. Mal Diskurs-Diva, mal Menschenrechtlerin, mal Literatin, mal intellektuelle Ikone. Um Baudrillards Kritik zu verstehen, hätte Susan Sontag nur einmal im eigenen Werk blättern müssen: "Je öfter man mit Bildern konfrontiert wird, desto weniger real erscheint das betreffende Ereignis."

Am kommenden Sonntag wird Susan Sontag in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennehmen. Unbestritten wird damit eine der bedeutendsten Stimmen Amerikas geehrt. Doch der Preis, er gilt uns irgendwie allen. Denn in ihren Werken und Wirken hat Sontag stets nur die westliche Zerrissenheit verkörpert. Mediengesellschaft und Erlebniskultur haben uns schizophren werden lassen. Die Kritik an der eigenen Begeisterung gehört da nicht nur bei Susan Sontag längst mit zum guten Ton.

00:00 10.10.2003

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