Die Ohren im Wind

Kehrseite Mein Vater hatte den Hund sehr gemocht. Nach seinem Tod habe er ihn noch zwei Tage im Wohnzimmer liegen lassen und ihn angesehen. Nur gestreichelt ...

Mein Vater hatte den Hund sehr gemocht. Nach seinem Tod habe er ihn noch zwei Tage im Wohnzimmer liegen lassen und ihn angesehen. Nur gestreichelt habe er ihn nicht mehr, nachdem er erst befremdlich kühl und schließlich kalt geworden war. Seine Ohren haben noch ein paar Mal gezuckt, aber das sei sicher Einbildung gewesen, gestand er mir, oder einfach der Wind. Ich dachte, dass der Wind die kleinen Ohren des Hundes sicher nicht bewegt haben konnte. Der Vater hatte also sicher eine Einbildung gehabt, sagte ich mir, und das war sicher normal, sagte ich mir weiterhin. Ich stellte mir den Vater auf dem braunen Sofa in der Stube vor, den Blick auf den Hund gerichtet, der tot in der anderen Ecke des Raumes lag. Die Augen habe der Hund geschlossen, bevor er gestorben sei, erzählte der Vater, dabei hatte er sich schon Tage vorher darauf eingerichtet, ihm die Augen zuzustreichen, er hatte dabei an die Filme gedacht, in denen den toten Frauen immer die Augen zugestrichen werden, während die Helden die Augen immer selbst schließen, bevor sie erschossen oder erstochen auf den Boden fallen. Der Fernsehempfang war immer schlecht, auch nach dem Tod des Hundes dauerte es noch mehrere Jahre, bis der Empfang sich endlich verbesserte. Auf die Augen hatte der Vater trotzdem geachtet, immer auf die Augen.

Mein Vater hatte den Hund sehr viel mehr als meine Mutter gemocht. Das heißt sowohl, dass meine Mutter den Hund nicht besonders gemocht hatte, als auch, dass der Vater meine Mutter nicht besonders gern gehabt hatte. Die Mutter war ja auch schon längst gestorben. Der Vater war in den letzten Jahren des Hundes ständig mit ihm spazieren gegangen. Er hatte dem Hund eine besonders lange Leine gekauft, weil der Hund in den Feldern zwischen dem Wald einmal verloren gegangen war. Damals lebte allerdings die Mutter noch. Der Hund hatte sich damals, als die Mutter noch lebte und der Vater noch keine Leine besessen hatte, in ein Erdloch hineingeschoben und war darin stecken geblieben. Der Vater hatte die Mutter gezwungen, gemeinsam mit ihm die ganze Nacht auf den Feldern und im Wald herumzulaufen und laut nach dem Hund zu rufen, obwohl die Mutter den Hund ja gar nicht besonders gemocht hatte. Schließlich hatte der Vater den Hund in einem Feldloch quietschen hören. Der Vater markierte die Stelle mit seiner blauen Jacke, die er mit bloßen Händen tief in die Erde eingrub und von der er nur einen Ärmel herauslugen ließ, weil er der Mutter und ihrem Körper als Markierung nicht traute. Er lief nach Hause und holte einen Spaten. Tief in der Nacht grub er so lange das Feld um, bis er auf den zitternden Hund stieß. Er befreite den Hund, badete ihn noch in dieser Nacht in der Badewanne und verbrauchte dabei die Hälfte des Shampoos der Mutter. Außerdem wischte er das Bad nicht sorgfältig genug, es waren auch am Morgen noch die kleinen braunen Pfotenabdrücke zu sehen. Nach dem Tod der Mutter ging der Vater mit dem Hund noch häufiger spazieren, immer nur an der Leine, und der Hund ging nicht mehr verloren. Am Ende musste der Vater den Hund tragen, weil der Hund sehr altersschwach wurde. Er trug den Hund stundenlang über die Felder, der Hund hing so leblos in den Armen des Vaters, als wäre er schon tot. Der Vater war mit dem Hund immer mehr spazieren gegangen als mit der Mutter, obwohl der Arzt der Mutter frische Luft dringend empfohlen hatte und die Mutter den Vater oft bat, mit ihr langsam über die Felder zu laufen. Der Vater ging nur mit dem Hund über die Felder, damals noch sehr schnell. Die Mutter ließ er im Haus sitzen. Mit dem kaputten Gelenk kam sie nicht hinterher.

Immerzu stellte ich mir den Vater vor, wie er in der Stube auf dem braunen Sofa saß und den toten Hund betrachtete. Ich stellte mir die Augen des Vaters vor, wie sie auf dem toten Körper des Hundes ruhten. Ich stellte mir die Hände des Vaters vor, wie sie auf seinen Oberschenkeln lagen und sich nicht regten, zwei Tage lang nicht. Vielleicht hatte der Vater sogar die Gardinen zugezogen, damit die Leute aus dem Dorf nicht in die Stube hineinsahen und den Vater mit dem toten Hund beobachten konnten. Wahrscheinlich hätte der Vater noch tagelang mit dem Hund in der Stube gesessen, wenn ich ihn nicht angerufen hätte, um ihm zu sagen, dass ich ihn am Wochenende besuchen würde. Ich wusste noch nichts von dem toten Hund. Ich hatte mit dem Tod des Hundes auch wenig zu tun, da der Vater ihn erst gekauft hatte, nachdem ich das Haus schon verlassen hatte. Ich half ihm ungern dabei, das Grab auszuheben, aber ich konnte den alten Vater auch nicht allein im Regen arbeiten lassen. Noch dazu begann der Hund langsam, unangenehm zu riechen.

Der Vater hatte die tote Mutter in ihrem Bett, das nicht ihr Lieblingsplatz, aber doch der einzige Platz war, an dem sie sich in den letzten Monaten ihres Lebens aufhielt, nicht zwei Tage lang liegen lassen und angesehen. Die Mutter war zwar auch kalt geworden, aber das beim Bestattungsunternehmer, nicht bei uns im Haus. Der Vater hatte den Tod der Mutter sehr schnell festgestellt, weil er gerade von einem Spaziergang mit dem Hund wieder gekommen war und der Mutter das Essen bringen wollte. Mit dem Essen in der Hand hatte der Vater schon an der Tür gesehen, dass die Mutter tot in ihrem Bett lag. Der Vater hatte dann sofort den Arzt gerufen. Mit dem kaputten Gelenk der Mutter und der schlechten Lunge, hatte der Arzt gesagt, war der Tod weder ein Wunder noch unerwartet. Der Arzt bezeichnete den Tod als Erleichterung, und der Vater selbst war erleichtert, dass er allen erzählen konnte, dass der Tod der Mutter eine Erleichterung war. Er hatte das letzte Essen der Mutter in den Müll werfen müssen, weil es ihm nicht schmeckte.

Der Vater wusste ebenso gut wie ich, dass es verboten war, Haustiere dieser Größe im Garten zu beerdigen. Wir gruben das Loch mit demselben Spaten, mit dem der Vater damals, als die Mutter noch lebte, den Hund aus dem Feldloch befreit hatte. Abwechselnd stießen wir den Spaten in die Erde, der Vater besaß nur den einen. Die meisten Spatenstöße machte der Vater. Ich wollte es ihm nicht nehmen, denn schließlich war es sein Hund, ich hatte mit dem Tod des Hundes ja eigentlich nicht viel zu tun. Der Hund lag immer noch in der Stube an seinem Lieblingsplatz. Weil der Vater den Hund nicht mehr berühren wollte, griff ich mit beiden Armen unter den toten, kalten und steifen Körper des Hundes und trug ihn hinaus hinter das Haus. So vorsichtig wie möglich legte ich den Hund in das Loch und rückte den Kopf des Hundes auf seinen Pfoten zurecht. Widerwillig strich ich noch einmal über das glanzlose Fell des Hundes. Ich erledigte diese Geste an der Stelle des Vaters. Der Vater schaufelte das Loch mit der Erde zu, ich schob mit meinen Schuhen ein wenig Erde hinterher. Obwohl der Körper des Hundes nicht klein gewesen war, blieb nicht viel Erde übrig, man sah kaum, dass hier gegraben worden war, und wir strichen und trampelten die Erde ordentlich gerade. Es war schon weit nach Mitternacht, als wir uns ins Bett legten und später von einem heftigen Regen wieder aufwachten. Am nächsten Morgen erzählte der Vater noch einmal, dass er den Hund noch zwei Tage nach seinem Tod im Wohnzimmer liegen hat lassen und ihn angesehen habe. Ich sollte ihn wohl entschuldigen, aber das tat ich nicht. Auf dem Weg zum Auto warf ich einen Blick zurück auf die Stelle hinter dem Haus, an der wir am Abend zuvor den Hund beerdigt hatten. Der Regen hatte die lockere Erde ausgewaschen und ein Stück abgetragen, müde schauten die Ohren des Hundes heraus und zuckten im Wind hin und her. Schnell lief ich hinter das Haus und schob mit dem Schuh ein wenig Erde über die weichen Ohren.

Noch Wochen nach dem Tod des Hundes sah ich den Vater den langsam abkühlenden Hund streicheln. Ich sah, wie der Vater sich einbildete, dass die Ohren des Hundes in der Stube zuckten. Langsam begann auch ich daran zu glauben, dass der tote Hund noch mit den Ohren zucken konnte. Ich griff nach einer Sofalehne und hatte plötzlich das Gefühl, dass meine Hand die Hand des Vaters war, die den kalten Hund berührte. Kalt und weich war auch die Sofalehne. Das Fell des Hundes war braun wie das Sofa des Vaters. Mein Sofa dagegen war blau wie die Jacke des Vaters, die die Stelle markierte, an der der Hund im Feld stecken geblieben war. Nur, dass das Sofa des Vaters nicht der Hund, und mein Sofa nicht die Jacke war, und meine Hand auch nicht die Hand des Vaters war, und diese Dinge auch nichts miteinander zu tun hatten. Nur, dass der Vater noch immer in der Stube saß und die zuckenden Ohren des Hundes beobachtete.

Katharina Bendixen wurde 1981 in Leipzig geboren, sie wuchs in Laos auf. Sie studierte Buchwissenschaft und Hispanistik in Leipzig und Alicante und betreibt seit 2007 eine Promotion an der Uni Leipzig. Seit 2005 ist sie freie Literaturkritikerin, 2006 erhielt sie den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 11.05.2007

Ausgabe 41/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare