Die Ökonomie des Familienglücks

Demografie Warum kriegen Menschen in Industrieländern überhaupt Kinder? Die Antwort darauf ist ernüchternd – und kann Hoffnung machen

Konrad Adenauer sagte: „Kinder kriegen die Leute immer.“ Posthum erntete er dafür Unverständnis. Scheint doch heute klar, dass die Geburtenraten ins Bodenlose stürzen und die junge Generation kaum noch gewillt ist, überhaupt Babys in die Welt zu setzen. Gleichzeitig werden die Pioniere der künstlichen Befruchtung mit dem Nobelpreis geadelt. Es scheint, als sei die Geburt von Kindern vom Normalfall zur Ausnahme geworden. Dabei ist, in den richtigen Kontext gesetzt, nichts so normal wie die momentane Entwicklung der Fertilität. Nur war das Thema in der öffentlichen Debatte schon immer von Mythen und Missverständnissen geprägt.

Das geht bei den Daten los. So kann keine Rede davon sein, dass die Geburtenrate in Deutschland immer weiter sinkt. Im Westen ist sie seit 40 Jahren nahezu konstant, bei durchschnittlich etwas weniger als 1,4 Kindern pro Frau. Im Osten stürzte die Ziffer nach der Wende zwar ab auf ein historisches Tief von 0,77 Geburten. Seitdem steigt sie aber wieder und hat dieses Jahr den West-Wert überholt.

Ohnehin sind solche Geburtenraten nur aktuelle Näherungswerte, mathematisch verzerrt, weil Frauen seit Jahrzehnten immer später gebären. Wie viele Kinder eine Frau im Laufe ihres Lebens wirklich bekommen hat, lässt sich erst sagen, wenn sie etwa 45 Jahre alt ist. Der 1965er Jahrgang brachte im Westen im Schnitt 1,52 und im Osten 1,60 Kinder zur Welt. Diese endgültige Rate lag bisher für jeden Jahrgang im Osten höher als im Westen.

Zu Kassandrarufen hätten aber sicher auch diese moderateren Zahlen geführt. Und zur Verbreitung der Vorstellung, Frauen in Deutschland würden unnormal wenig gebären. Auch ein Wert von 1,52 oder 1,60 liegt schließlich noch unter dem so genannten Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau, mit denen jede Generation die ihrer Eltern zahlenmäßig ersetzen würde. Viele ewig-gestrige Politiker suchen darum in der Vergangenheit nach einem Normalwert bei der Geburtenneigung.

Was Nachwuchs verhindert

Das aber ist nicht nur gefährlich, es ist auch unsinnig. Die Geburtenrate sank in Deutschland mit kurzen Unterbrechungen seit 1880. Fast 100 Jahre lang war also ein Immer-weniger die Norm. Und während kaum jemand die 4,8 Geburten pro Frau, die noch zur Reichsgründung 1871 Durchschnitt waren, heute als normal bezeichnen würde, waren sie es doch.

Weil damals mehr Kinder und Jugendliche starben, lag das Bestandserhaltungsniveau noch bei 3,5. Die Geburtenziffer überragte die Reproduktionsmarke somit um etwa ein Drittel. Heute liegt sie knapp ein Drittel darunter. Demografen, unaufgeregt von nur wenige Jahrzehnte währenden Trends, würden beides nicht für ungewöhnlich halten. Normal ist für sie vor allem, dass Bevölkerungen dynamische Gebilde sind, die sich ständig verändern. Einfach weil sie leben. Den Rahmenbedingungen dieses Lebens passen sie sich in ihrer Entwicklung laufend an. Die Reproduktion ist so gesehen immer rational, oder anders gesagt: immer normal.

Eine solch differenzierte Sicht macht natürlich keine Schlagzeilen. Dabei öffnet erst sie den Blick für die Antworten auf eine Forschungsfrage, an der sich Demografen weltweit abarbeiten: Warum kriegen wir überhaupt Kinder?

Die Antwort der Wissenschaft scheint nur auf den ersten Blick mit der von Adenauer identisch. Sie lautet: Kinder kriegen die Leute immer. Das dominante Modell unter den Fertilitäts-Theorien – die „New Home Economics“ – versteht Nachwuchs als mögliche Investition in einem Kosten-Nutzen-Kalkül der potenziellen Eltern. Dass Kinder Nutzen alias Lebensglück bringen, wird dabei postuliert.

Zu einfach, um wahr zu sein? Dafür erklären die Theorien zu sehr erfolgreich, woran in modernen Gesellschaften die Erfüllung von Kinderwünschen scheitert: An empfundenen Einschränkungen, an Kosten, die so hoch sind, dass sie das erhoffte Glück durch Kinder übertreffen. Das können direkte Ausgaben sein, etwa für Kinderbetreuung, oder durch Mutterschaft entgangenes Geld, das die Frau jetzt oder später während ihrer Karriere verdienen könnte, wenn sie kinderlos bliebe.

Fazit: Kinder lohnen sich in Industriegesellschaften oft glücksökonomisch nicht. Das scheint sogar ein weltweiter Trend zu sein, wie eine Fülle von Daten zeigt: Je reicher ein Land, desto niedriger seine Geburtenraten. Das passt zur ökonomischen Theorie. Je mehr verdient wird, desto kleiner ist der Anreiz, Lebensenergie in Kinder statt in Verdienst zu investieren. Das klingt zwar realistisch. Aber deshalb muss es trotzdem nicht immer so bleiben.

Talsohle durchschritten

Tatsächlich scheint sich der Trend gerade umzukehren. Das stellten unlängst Bevölkerungsforscher fest, als sie die Geburtenraten verschiedener Nationen mit deren Human Development Index (HDI) verglichen, einem Maß für Wohlstand und Entwicklung: In Ländern wie Deutschland, Schweden oder den USA, die ein bestimmtes Wohlstandsniveau überschritten haben, steigt die Nachwuchsziffer mit wachsendem HDI inzwischen wieder an. Das Gleiche zeigt sich im Zeitverlauf: Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit ziehen die Geburtenraten in Europa seit einigen Jahren wieder an. Die Talsohle ist durchschritten.

Was passiert da gerade? Der Nutzen der Kinder bricht sich Bahn, hat an Kraft gewonnen gegenüber den mächtigen Kosten. Dass er ihnen lange so unterlegen war, ist kein Wunder. Schließlich hat der Wert von Nachwuchs historisch gesehen stetig abgenommen, während Eltern ihre Kinder immer weniger als lebende Rentenversicherung nutzten, die sie im Alter mit Essen und einem Dach über dem Kopf versorgte. Irgendwann war der direkte wirtschaftliche Nutzen weg – so entstand ein Orientierungs-Vakuum. Welchen psychologischen Wert Kinder haben, müssen Gesellschaften offenbar erst langsam lernen.

Familiensoziologen glauben inzwischen, dass kaum etwas in einer Gesellschaft mit weitgehend institutionalisierten Verhaltensmustern solches Glück bescheren kann, wie die Beziehung zum eigenen Kind. Ob unter Kollegen oder Freunden, meistens spielen wir bloß von anderen erwartete Rollen. Gegenüber dem eigenen Kind funktioniert das aber nicht dauerhaft. Da es viele Rollenmuster noch nicht kennt, reagiert es in einer Weise, die sich „authentisch“ nennen lässt – und dadurch auch unsere Identität jenseits von Rollenverhalten spiegelt. Es spricht einiges dafür, dass dies vielen Menschen ein Bedürfnis ist.

Wollen die Leute also immer Kinder kriegen? Absolut. Auch wenn der Wunsch durch allerlei Widrigkeiten, also Kosten, oft beeinträchtigt wird. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn sie endlich sänken. Wenn genug Kitas geschaffen und den ganzen Tag geöffnet blieben, wenn Arbeitszeiten und -formen Vätern und Müttern mehr und gleichen Freiraum für Kinder gäben, und wenn die Männer endlich begriffen, was es bedeutet, moderne Frauen wirklich gleichberechtigt zu unterstützen. Womöglich würden die Folgen dann nicht nur auf den Datenblättern von Demografen sichtbar.

Björn Schwentker arbeitet für das Max-Planck-Institut für demografische Forschung Rostock

11:15 11.11.2010

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 6