Die Oma, der Hauptfeind

Brandenburg Ex-General Jörg Schönbohm (CDU) ist eine ehrliche Haut und will das auch bleiben, wenn er sich jetzt vom Posten des brandenburgischen Innenministers zurückzieht

Der Minister sorgt für einen feurigen Rückzug. Der Kulturkampf um die Bewertung der DDR ist mit Jörg Schönbom (CDU) in Brandenburg in eine neue Runde gegangen. Dass er nicht ewig aus seinem Herzen eine Mördergrube machen kann, zeigte sich vor einigen Tagen, als aus seinem Mund die Forderung nach einer „Wiederbelebung des Christentums“ in Ostdeutschland kam. Außerdem müsse mit Blick auf die Situation in diesem ländlich strukturierten Brandenburg nach 40 Jahren DDR-Indoktrination darüber gesprochen werden, wie Verwahrlosung und Entbürgerlichung verhindert werden können. Exakt vor vier Jahren hatte Schönbohm Babymorde mit der „Proletarisierung“ der Landbevölkerung zu DDR-Zeiten in Verbindung gebracht.

Ex-Ministerpräsident Stolpe (SPD) nahm nun die jüngsten Äußerungen zum Anlass für eine Entgegnung. In der Sächsischen Zeitung wandte er sich gegen den fortgesetzten Versuch, die DDR „total zu verteufeln“. Angesichts der unverhohlenen Einseitigkeit, mit der seit Jahren die DDR und ihre Geschichte betrachtet würden, schrieb Stolpe von der gewachsenen Neigung, die DDR „als Hölle darzustellen“.

„Mutter“ des Dorfes

Otto von Bismarck sagte einmal von sich selbst, er habe „viel von der Natur der Ente, die ihr ganzes Leben im Wasser verbringt und doch niemals nass wird.“ Eine ähnliche Unempfänglichkeit offenbart auch Jörg Schönbohm. Er, der seit fast 20 Jahren in Ostdeutschland lebt, hat sich geistig offenbar keinen Schritt auf diese Region zubewegt. In seinem Denken ist er sozusagen arretiert. Dabei steht er keineswegs allein. Zwar überwiegt noch die Ablehnung seiner Gedanken, doch eher aus taktischen Erwägungen. Schon RBB-Redakteure sind der Auffassung, man sollte darüber unbedingt nachdenken.

Die vielfach geschmähte Kollektivierung der DDR-Landwirtschaft, eine Entwicklung, die Schönbohm als „Entbürgerlichung“ und „Proletarisierung“ auffasst, weil aus ihr menschliche „Verwahrlosung“ entsprungen sei, hatte zweifellos tiefgreifende soziale Folgen. Doch gibt es gerade auf diesem Feld wenige Gründe, sie im Nachhinein anzufechten oder zu betrauern. Das traditionelle Herr-Gesinde-Verhältnis wurde auf dem ostdeutschen Dorf durch neue soziale Beziehungen ersetzt, die natürlich niemals konfliktfrei waren, aber auf Klassenabstände verzichten konnten. Die LPG entwickelte sich zur „Mutter“ des Dorfes. Sie organisierte und leitete nicht nur die Arbeit, sie betrieb daneben Kindergärten, Gaststätten, Verkaufseinrichtungen, Sportanlagen, Kinderferienlager, Ferienheime, medizinische Versorgung. Geregelte Arbeitszeiten traten an die Stelle der früher und heute wieder selbstverständlichen Selbstausbeutung der Bauern. Beachtlich ausgestattete wissenschaftliche Gremien waren unmittelbar neben den LPG-Bauern tätig und waren eine Bereicherung für beide Seiten. Sogar ein Sommerurlaub – in früheren Jahren unvorstellbar – lag jetzt im Bereich des Möglichen. Die LPG stimulierte und finanzierte das kulturelle Leben auf dem Dorf. Auf dem Lande hat der Sozialismus im Großen und Ganzen funktioniert.

Dem Zusammenbruch dieser Struktur folgte vielerorts eine bis heute nicht beendete Tristesse, und wenn Karl Marx im Manifest der Kommunistischen Partei vom „Idiotismus des Landlebens“ sprach, ist das vielleicht sogar eine adäquate Beschreibung für die heutige Lage. Die Zahl der Arbeitsplätze in der Landwirtschaft sank ersatzlos auf 20 Prozent. Und was die von Schönbohm beklagte Verwahrlosung der ostdeutschen Landbevölkerung betrifft, so ist ihm ausdrücklich zuzustimmen. Aber im Unterschied zu dem, was der Minister glaubt, ist das eine Verwahrlosung, die nicht mit der DDR entstand. Sie begann, als die Schönbohms dieser Welt in das ostdeutsche Geschehen eingriffen.

Reich des Bösen

Grotesker Weise hat Schönbohm selbst das sogar mindestens einmal indirekt zugegeben, als er vor einigen Jahren Menschen davor warnte, angesichts des nachlassenden Versorgungsniveaus in die brandenburgischen Weiten zu ziehen. Mit Blick auf das zusammenbrechende zivile Leben dort müsse jeder wissen, was er tue. Das Potsdamer Bildungsministerium verschickt seit Januar Woche für Woche einen identischen Aufruf mit der Überschrift Auseinandersetzung mit DDR-Unrecht bleibt gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Einer Liturgie gleich wird immer der gleiche Text präsentiert – nur der Ort, an dem Bildungsminister Holger Rupprecht als Apostel der Wahrheit auftritt, der variiert. Gern sitzt Rupprecht als Vertreter der Beamtenschicht, für die das Brot sehr gut belegt ist, vor den Kindern derer, die vielfach Opfer der nach 1990 einsetzenden Entwicklung waren, und klärt über die DDR als „Reich des Bösen“ auf. Auf den Beistand durch das öffentlich-rechtliche Fernsehen kann er sich verlassen. Kein Aufwand ist hier zu hoch. Denn die DDR sitzt in Gestalt der Oma bei vielen Kindern mit am Abendbrottisch. Sieben Mal in der Woche. Sie beeinflusst ihre Enkel pausenlos und im falschen Sinne. Die Oma ist als Hauptfeind ermittelt. Sie muss die Schuld daran tragen, dass diese Kinder nach Einschätzung der Landesregierung vielfach eine falsche Auffassung von der DDR haben. So sieht es aus, wenn die Wassersuppe der Agitation gegen Wirklichkeit zu Felde zieht.

Der sozialdemokratische Historiker Franz Mehring beschrieb einmal den Fluch und die Tragik, die jedweder tendenziösen Geschichtsschreibung innewohnen: Am Ende schade sie immer jener Sache oder jenen Personen, denen sie doch eigentlich nützen wollte. Wie es aussieht, wird die hysterische Einseitigkeit, mit der derzeit auf die DDR eingeschlagen wird, nur dazu führen, dass diesem verblichenen Staat ein Glanz verpasst wird, den er nun wirklich nicht verdient.

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15:00 12.09.2009

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