David Oels
29.10.2011 | 10:00 4

Die Onleihe

Kulturkommentar Den deutschen Bibliotheken geht es nach einem aktuellen Bericht sehr schlecht. Der Medienwandel könnte jedoch die Rettung bringen

Wenn in Roland Emmerichs Film The Day After Tomorrow eine Flutwelle New York überschwemmt, ist die Public Library an der 5th Avenue selbstverständlicher Zufluchtsort für Obdachlose, Banker, Touristen, Studenten und einen Hund. Die Wassermassen und der folgende Temperatursturz können dem alten Gebäude nichts anhaben.

Den deutschen Bibliotheken dagegen geht es schlecht, wie man in einem jüngst vorgestellten Bericht zur Lage der Bibliotheken 2011 erfahren konnte. Seit Jahren müssen sie mit rückläufigen Einnahmen leben: In knapp einem Drittel „werden Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen realisiert“, bei weiteren 17 Prozent sind Einsparungen geplant. Stellenstreichungen, verkürzte Öffnungszeiten, ein schrumpfender Erwerbungsetat sind die Folgen.

Dabei sammeln Bibliotheken schon lange nicht mehr nur Bücher und machen sie ihren Benutzern zugänglich. Seit den siebziger Jahren verstehen sie sich als Informationsdienstleister, die Zugang ebenso zu den jeweils neuen Medien ermöglichen. Das ist löblich und verständlich, aber womöglich auch Teil des Problems.

Immer wieder belegen Untersuchungen, dass beinahe die Hälfte der Bücher in Bibliotheken nie genutzt wird. Dies mag bei einer DVD oder einem Computerspiel anders sein. Allerdings: Wer leiht heute Langspielplatten aus? Wer Telekollegs auf VHS- oder gar Betamax-Kassetten, und wer nutzt Mikrofiche-Publikationen? Was tun mit Floppy-Disks, für die es keine Hardware gibt, und was mit Software, die nicht mehr mit den aktuellen Betriebssystemen kompatibel ist? Pippi Langstrumpf im blauen Oetinger-Band lässt sich, pfleglich behandelt, auch nach einem halben Jahrhundert noch lesen, eine ungleich teurere CD-ROM ist dagegen meist schon nach wenigen Jahren nicht mehr zu gebrauchen.

Das Kerngeschäft

Hier könnte sich nun im jüngsten Medienwandel eine Lösung eröffnen. Denn erstmals lassen sich E-Books, Zeitschriften, Datenbanken oder ­Archive zentral anbieten und dezentral nutzen. Die Deutsche Digitale Bibliothek soll ab 2012 das „kulturelle Erbe“ online verfügbar machen, und im ­Frühjahr dieses Jahres hat die Wissenschaftskonferenz des Bundes und der Länder ein „Gesamtkonzept für die ­Informationsinfrastruktur in Deutschland“ verabschiedet, das auf Open ­Access setzt, also den unentgeltlichen Zugang zu relevanten wissenschaft­lichen Publikationen. Selbst die Stadt­bibliotheken forcieren die „Onleihe“. Angemeldete Bibliotheksnutzer können digitale Bücher, aber auch Filme, Musik und E-Paper großer Zeitungen unentgeltlich ausleihen.

Für die stationären Bibliotheken ergibt sich damit die Chance, das Kerngeschäft, das gedruckte Buch und dessen Vermittlung, wieder ins Zentrum zu stellen. Darauf gilt es zu bestehen, und das gilt es durchzusetzen, auch wenn findige Stadtoberhäupter auf die Idee kommen sollten, analoge Bibliotheken angesichts der digitalen Möglichkeiten gleich ganz abzuschaffen.

Die in The Day After Tomorrow Eingeschlossenen überstehen die Katastrophe übrigens, weil sie mit Büchern heizen, das Papier unter ihre Kleidung stopfen, weil sie lesen und sich Geschichten erzählen, und weil sie trotz Stromausfalls einem medizinischen Handbuch lebensrettende Informationen entnehmen.

David Oels lehrt am Institut für Buchwissenschaft in Mainz

Kommentare (4)

E H 29.10.2011 | 15:33

Schön, dass auf die vielfältigen Probleme der Bibliotheken hingewiesen wird. Das alles ist traurig genug. Allein die Unterfinanzierung ist zum Heulen.

Aber muss man deshalb diese vermaledeite ökonomisierte Sprache verwenden und vom "Kerngeschäft" reden? Mich nervt diese gedankenlose Übernahme des Jargons von Unternehmensberatern.

miauxx 30.10.2011 | 01:17

Gut hier einen Artikel über diese unschöne Situation zu lesen.
Der Kritik E H`s an einer "ökonomisierten Sprache" im Zusammenhang mit der Positionssuche der Bibliothekshäuser angesichts der Digitalisierung unserer Informations- u. wissenswelt schließe ich mich an. Auch wenn es hier nur diese eine Nennung, "Kerngeschäft", gibt, ist eine solche ökonomisierte Sprache im Diskurs der Fachwelt mittlerweile durchaus sehr präsent.
Bibliotheken haben aber keine Kunden, sie haben Nutzer. Angesichts wachsenden ökonomischen Drucks, ist es aber m.A. nach der falsche Weg, Haushaltspolitikern "kundenorientierte" Einrichtungen mit "cleverer PR" anbieten zu wollen. Damit liefert man selbst nur Vorlagen, die man nie erfüllen können wird. Muss man auch nicht.

Öffentliche Bibliotheken haben einen Bildungsauftrag, der eine Verlängerung der Primäreinrichtungen - Kindergarten, Schule, Universität, Berufsausbildung - darstellt. Sie sollen sozusagen ein Angebot für 7 bis 70 Jährige abdecken, das eine ganzheitliche Bildung sowie spezielle Informationssuche bedienen kann. Sie sollen ferner dafür nicht nur Medien bereitstellen, sondern eine Kernkompetenz in der Vermittlung und Zugangsbildung für Informationen und Wissen aufweisen. Zentral ist also v.a. der soziale Ort Bibliothek, der sich als unverzichtbarer Anlaufpunkt für das Schulkind, den Azubi, Arbeitssuchenden oder eben einfach Literaturliebhaber in Erinnerung bringt. Man kann sich der digitalen Welt freilich nicht versagen; das ist ja auch nicht der Fall. Anfänge zur "Onleihe" gibt es etwa bereits schon; z.B. in der Zentral- u. Landesbibliothek Berlin. Damit die Bibliothek aber nicht indifferent zum Internetcafé wird, muss sie umso mehr ihre Kernkompetenzen herausstellen; dazu gehört auch der Bibliothekar, der nicht nur den Weg zur richtigen Regalstelle weist.
Zu bedauern, ach was, anzuklagen, ist in diesem Zusammenhang, dass Deutschland, im Gegensatz zu vielen anderen Ländern Europas, nach wie vor kein Bibliotheksgesetz hat! Hier haben nur einzelne Bundesländer in Ansätzen nachgebessert.
Der übliche Haushaltspolitiker ist 'naturgemäß' kaum in der Lage, die eben nicht unmittelbar quantifizierbare Bedeutung einer Einrichtung wie einer Bibliothek (Ausleihzahlen sind u.a. eine betriebswirtschaftliche Kenngröße) zu erkennen. Das kennt man auch von vergleichbaren Fällen wie Musikschulen, Jugendeinrichtungen etc. Deshalb sollte man ihm hier nicht entgegenkommen und sich an privatwirtschaftlichen Maßstäben versuchen zu orientieren oder sich bereitwillig einer Subsidiarität unterwerfen. Das wird nicht funktionieren - oder es bleiben nur Prestigeobjekte in strukturstarken Gebieten (größere Innenstädte) übrig. Verödung, Verrohung und Verdummung leistet man so in Randgebieten nur weiter Vorschub.

Achtermann 30.10.2011 | 10:39

@ miauxx

Zentral ist also v.a. der soziale Ort Bibliothek, der sich als unverzichtbarer Anlaufpunkt für das Schulkind, den Azubi, Arbeitssuchenden oder eben einfach Literaturliebhaber in Erinnerung bringt.

Deinen Ausführungen stimme ich zu. Doch das Bibliothekspersonal muss sich umstellen. Dazu gehört, weil in anderen Bereichen, z.B. Museen, inzwischen üblich, auf die Menschen zuzugehen. Das versteckte Abwarten hinter den Bücherregalen, bis der Nutzer die heiligen Hallen der Bücher betritt, muss vorbei sein. Ein Bibliothekar muss Kommunikator und Organisator sein.

Nein, nicht nur die Bibliothek muss sozialer Ort sein. Schon innerhalb der Schulen muss eine echte Bibliothek Anlaufort für Schüler sein. Andere Länder machen das längst vor. Wer dort die Möglichkeiten des Ausleihverfahrens entdeckt und zu nutzen gelernt hat, wird sich eher an eine öffentliche Bibliothek binden lassen. Nur: Eine Bibliothek ohne oder mit nur sehr geringem Etat für Neuanschaffungen, wird nicht lange attraktiv bleiben.

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Ehemaliger Nutzer 30.10.2011 | 15:20

Alles was in diesem Staat versäumt wird, wird sich in der Zukunft rächen. Der Staat ist doch an keinem geistigen Konsum interssiert, sondern in erster Linie an einem wirtschaftlichen, d.h kaufen, essen und wegwerfen.
Für diese Variante braucht man keine Bildung und das ist auch so gewollt.
Für einen großen Teil der Bevölkerung reicht zur Bildung eigentlich auch die Bildzeitung.