Die Party ist vorbei

Existenzkampf In Irland und Grossbritannien wird die Arbeitslosigkeit in einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb münden, in dem sich die Jungen ganz uncool bis aufs Messer bekriegen

In Frankreich sind vor wenigen Tagen weit über eine Million Leute auf die Straßen gegangen und in einen Generalstreik getreten. Der Protest beruhigte sich rasch wieder, aber das täuscht. Nicht nur in Frankreich wachsen Angst und Empörung wegen der Weltwirtschaftskrise. Diesmal wissen diejenigen, die die Zeche zu zahlen haben, sehr genau, was auf sie zukommt. Ihre Wut ist echt, und sie kommt eben nicht nur aus dem viel geschmähten Bauch. Sie wissen, dass sie die Krise nicht zu verantworten haben – sie haben ihren Gürtel enger geschnallt, sie haben konsumiert bis zum Überdruss und sich obendrein verschuldet bis über beide Ohren.
Die Otto Normalarbeiter hätten allesamt eine Medaille für Verdienste um die deutsche, britische oder französische Volkswirtschaft verdient, wenn es so etwas gäbe. Andere, die berühmten Leistungsträger und Eliten, nicht nur in den Banken, haben die internationale Finanzkrise durch inkompetentes, unverantwortliches, extrem fahrlässiges Handeln verschuldet. Ausbaden müssen das nun andere.

Vorrang der Marktfreiheiten

In Großbritannien haben bis in die letzten Tage hinein Tausende von Arbeitern in einer Serie von Streiks zwar nicht das Land lahm gelegt, aber dafür die Regierung zu ersten deutlichen Anfällen von Chauvinismus gebracht: "Buy British!" konnte man plötzlich aus dem feinen Londoner Regierungsviertel vernehmen, britische Jobs für britische Arbeiter! Angesichts der extremen Außenhandelsabhängigkeit des Landes ein schlechter Witz. Der Anlass der Streikwelle war simpel: Eine Firma aus dem EU-Ausland hatte einen großen Bauauftrag in England bekommen und brachte nicht nur ihre eigenen Ingenieure, sondern auch gleich ihre eigenen Arbeiter mit. Die Wut der britischen Belegschaft darüber war völlig berechtigt: Nach geltendem EU-Recht– so wie die neoliberalen Zampanos es mittlerweile zugerichtet haben – ist heute jede Form von Schmutz-Konkurrenz, jedes Lohn- und Sozialdumping erlaubt. Mit der berühmten Richtlinie des Herrn Bolkestein, selbst in den Niederlanden als neoliberaler Extremist verrufen, ist das grenzenlose Dumping zum Standard auf dem EU-Binnenmarkt erhoben worden.

Den meisten der Streikenden wird nicht bewusst gewesen sein, wie berechtigt und notwendig ihre Aktion war: Der gesamten europäischen Rechtstradition Hohn sprechend, haben die Herrschaften des Europäischen Gerichtshofes vor kurzem den Vorrang der Marktfreiheiten, der Freiheiten des privaten Kapitals, vor allen traditionellen Bürger- und Menschenrechte, einschließlich der Menschenwürde, verkündet. Die englischen Arbeiter haben gezeigt, dass sie trotz aller chauvinistischen Sprüche, die in der gutbürgerlichen Hetzpresse verbreitet wurden, durchaus zur Solidarität mit ihren ausländischen Kollegen bereit sind. Sie wollen einen Kompromiss, eine bestimmte Anzahl von Jobs soll in derartigen Fällen für die Arbeiter im eigenen Land reserviert werden.
Sehr viel sinnvoller wäre es jedoch, gleichen Lohn für gleiche Arbeit für alle im gleichen EU-Land Beschäftigten zu fordern. Die Banker aus aller Herren Länder, die in die Londoner City geströmt sind, hatten sich schön bedankt, wenn sie statt englischer Gehälter und Bonus-Zahlungen etwa indische oder griechische Löhne hatten akzeptieren müssen.

Die Party ist vorbei

Als London noch eine Boomstadt mit den höchsten Wachstumsraten in der EU, mit explodierenden Immobilienpreisen und einem expandierenden Arbeitsmarkt war, strömten Gastarbeiter zu Hunderttausenden, vor allem aus Osteuropa ins Land, um sich als Dienstboten der neuen Eliten zu verdingen. Besonders Polen waren als billige Arbeitskräfte gern gesehen. Wie viele Migranten aus aller Welt waren sie als Kellner, Schuhputzer, Bauarbeiter, Taxifahrer und Boten gefragt, um den Lebensstil der neureichen Mittelschicht in London und Südengland anzureichern. Oft genug arbeiteten auch die EU-Nomaden schwarz und sammelten sich mit den Einwanderern aus aller Welt in einem gewaltigen, multikulturellen Prekariat zu Nutz und Frommen ihrer Herrschaften aus der Finanzindustrie.

Jetzt ist die Party vorbei. Die neureichen Herrschaften verlieren in Massen ihre überbezahlten Jobs oder müssen doch ohne Bonus und gekürzten Gehältern über die Runden kommen. Die Polen haben ihre Schuldigkeit getan, sie können gehen, und sie werden gegangen. Denn die irische Krise, besser der irische Staatsbankrott, wirft seine Schatten voraus und wird wieder einmal die Iren in Massen aus ihrer Heimat vertreiben. Vorzugsweise nach England. Diesmal allerdings werden die irischen Gastarbeiter jung, hoch qualifiziert und berufserfahren sein und das Heer der jungen Prekären auf dem Londoner Parkett komplettieren. Der Kampf um die Jobs, die immer weniger und immer schlechter bezahlt werden, mündet in einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb, in dem sich die Jungen ganz uncool bis aufs Messer bekriegen. Wir werden an die disziplinierten, wild und politisch bewusst streikenden Facharbeiter der englischen High-Tech-Industrie noch mit Wehmut zurückdenken.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:10 12.02.2009

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2