Die Pause

Kehrseite II Menschen strömen durch Häuserschluchten, schaffen einen Rhythmus fiebrigen Lebens. Die Stadt schläft nicht. Schlafen ist gefährlich. In der Stadt ...

Menschen strömen durch Häuserschluchten, schaffen einen Rhythmus fiebrigen Lebens. Die Stadt schläft nicht. Schlafen ist gefährlich. In der Stadt musst du rennen, hasten, flitzen, hetzen - nur still darfst du nicht sein. Menschen laufen die Straße hoch, die Straße runter, Autos fahren hin, fahren her, Container werden verteilt, gefüllt, wieder eingesammelt, Wände werden abgeschliffen, Wege werden aufgerissen für neue Rohre, Musik dröhnt aus Cafés, eingekauft muss werden, gearbeitet muss werden, funktioniert muss werden, vor allem laut.

Von meinem Balkon aus sehe ich auf die Straßenkreuzung herab. Postautos mit Paketen fahren los, ein Sattelschlepper schiebt sich haarscharf zwischen parkenden Fahrzeugen hindurch, Laster liefern Bauplatten an, Dachdecker rufen etwas und werfen sich Ziegel zu, vor der Kneipe werden wilde Flüche ausgestoßen, die sich mit lautstarker Musik vermischen.

Eine alte Frau kommt die Nebenstraße herunter mit ihrer Einkaufstüte. Nicht besonders voll, die Tüte, kleiner Einkauf. Kleine Frau. Dünne Frau. Sie geht langsam, kommt aus einer anderen Zeit, kommt nicht mehr mit. Sieht aus wie ein erschrockenes Kaninchen von Jägern umzingelt.

Neben ihr schmeißt ein Straßenarbeiter den Bohrer an, um die Teerdecke aufzubrechen. Ein Motorrad startet. Hinter ihr schreit ein Kind, weil es nicht schnell genug mitkommt an der Hand seiner Mutter. Die Mutter schreit zurück. Die alte Frau geht immer langsamer. Dann bleibt sie stehen. Sie steht jetzt genau auf der Kreuzung, verharrt und sieht zu Boden. Lautlos knicken ihr die Beine ein. Ganz langsam und still sinkt sie auf den Asphalt. Leicht wie ein Herbstblatt.

Zuerst setzt der Bohrer aus. Der Straßenarbeiter hat ihn ausgeschaltet und läuft zu der Frau. Er schaut zu ihr nach unten.

Dann geht er in die Kneipe, um zu telefonieren. Die Musik in der Kneipe wird abgestellt.

Der quietschende Sattelschlepper ist inzwischen davongefahren.

Die Dachdecker unterbrechen ihr Rufen und ihr Zuwerfen.

Kind und Mutter sind an der Kreuzung angekommen und sehen die Frau liegen.

Sie halten inne. Die Mutter beugt sich herunter und sieht sich Hilfe suchend um. Sie vergisst zu schimpfen. Das Kind hört auf zu weinen.

An allen Seiten der Kreuzung stehen Autoschlangen. Ein Motor nach dem anderen verstummt. Manche Autofahrer steigen aus und schauen ratlos herum.

Fußgänger bleiben stehen und blicken auf die Kreuzung. Sie schweigen.

Plötzlich ist es ganz still.

Mitten in Berlin.

Ein angehaltener Atemzug.

Ausgelöschte Zeit.

Eine orange-braun gestreifte Biene fliegt die Ringelblumen auf meinem Balkon an. Ich höre sie summen. Dann von fern das Martinshorn. Immer dichter, immer lauter. Routiniert laden zwei Sanitäter die Frau ein. Die Kreuzung ist leer. Motoren werden angelassen. Vertrauter Lärm schwillt an. Der Rhythmus beginnt von Neuem.

Doris Bewernitz, 1960 in Mecklenburg geboren, schreibt Kurzgeschichten und Lyrik, die in zahlreichen Anthologien erschienen sind. Sie lebt in Berlin.


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00:00 07.10.2005

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