Die Plagegeister, die uns die Ruhe rauben

Neurose und Moderne Unsere alte Seele versucht, mit neuen Problemen zurecht zu kommen. Die Psychologie muss sich dieser Herausforderung stellen

In der psychotherapeutischen Praxis stellt sich mir eine junge Dame vor, Frau A., eine Medizinstudentin, geplagt von Konzentrationsschwierigkeiten und Prüfungsängsten. Als sie über ihre Kindheit und Jugend erzählt, berichtet sie, mit den Tränen kämpfend, sie habe erst mit 18 Jahren erfahren, dass sie nicht das leibliche Kind des Mannes sei, der mit ihrer Mutter zusammenlebt und den sie zuvor stets als ihren Vater betrachtet habe. Sie sei zwar Tochter dieser Frau, aber durch eine anonyme Samenspende gezeugt worden. Seit sie das wisse, leide sie unter einem quälenden Zwangssymptom: sie müsse alle Männer, denen sie neu begegne, danach taxieren, ob sie als jener Samenspender in Frage kommen könnten. Falls ja, was natürlich recht oft der Fall sei, leide sie unter dem Nichtwissen, ob oder ob nicht, werde häufig gepeinigt von der Vorstellung, auch dieser Unsympath dort drüben könne ja ihr Vater sein ...

Eine andere Patientin, Frau B., die Zahnarzthelferin ist, trauert, wie viele Gegenwartsmenschen, einem Stück "ungelebten Lebens" nach, das freilich erst durch den medizinisch-technischen "Fortschritt" sein besonderes Gepräge erhält. Ihr Partner ist vor kurzem an einer sehr rasch verlaufenen Krebserkrankung verstorben. Kurz vor seinem Tod hatten beide daran gedacht, ob Frau B. nicht einige Zeit später mit seinem zunächst eingefrorenen Samen ein gemeinsames Kind austragen könne, hatten diesen Plan dann aber verworfen. Heute leidet die Patientin unter dieser, wie sie meint, leichtfertig verpassten und jetzt unwiederbringlichen Gelegenheit.

Durch die Vielfalt an wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten - hier diskutiert an verschiedenen Formen der Insemination - ruft die Gegenwartsgesellschaft seelisches Leid hervor, das es in dieser Form und Gestalt vor 100 Jahren, zu Lebezeiten Sigmund Freuds, nicht gegeben hat. Die Daseinsgestaltung, die dem Menschen von heute vorgegeben ist, führt unter anderem dazu, dass immer mehr Verhaltensoptionen in immer kürzere Zeiteinheiten hineingepresst werden müssen - der Soziologe Peter Gross hat einprägsam von der Multioptionsgesellschaft gesprochen. Durch die Fülle der Optionen werde ich aber nicht nur in einem viel höheren Maße von den Entscheidungen Anderer abhängig; ich stehe auch selbst unter immer höherem Druck. Dabei handelt es sich oft um Entscheidungen mit weitreichenden, weit in die Zukunft ausgreifenden Folgen. Und jede mögliche Entscheidung für etwas ist zugleich eine Entscheidung gegen etwas anderes.

Gerade wegen seiner größeren Autonomie, wegen seiner gewachsenen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung schleppt das Individuum auch eine immer umfänglichere Menge an ungelebtem Leben mit sich herum. Der Soziologe Norbert Elias hat es so ausgedrückt: "Der Weg, den der Einzelne in hoch differenzierten Gesellschaften zu gehen hat ... ist außerordentlich reich verästelt, wenn auch gewiss nicht in gleichem Maße für Individuen verschiedener sozialer Schichten; er führt an einer großen Anzahl von Weggabelungen und Kreuzwegen vorbei, an denen man sich zu entscheiden hat, ob man hierhin oder dorthin geht. Falls man zurückblickt, kann man leicht in Zweifel geraten: Hätte ich nicht damals den anderen Weg einschlagen sollen? Habe ich nicht damals alle die Möglichkeiten, die ich hatte, vernachlässigt? Nun habe ich dies erreicht, habe dies und das anderen gegeben, bin für dies und das Spezialist geworden. Habe ich nicht viele andere Gaben, die ich hatte, verdorren lassen? Und vieles beiseite gestellt, was ich zu tun vermocht hätte?"

Es ist also immer schwieriger geworden, sich eine stabile Identität zu verschaffen. Der Frankfurter Psychoanalytiker und Narzissmus-Forscher Martin Altmeyer hat das 2006, in Auseinandersetzung mit der überkommenen Lehre Sigmund Freuds, folgendermaßen ausgedrückt: "Nicht die Sexualität, die Identität ist das Hauptproblem des Gegenwartsmenschen."

Bei der Betrachtung dieses Problems gilt es, sich darüber klar zu sein, dass Identität allem Anschein nach kein Zustand ist, nach dessen Herbeiführung wir zufrieden die Hände in den Schoß legen könnten. Weit eher handelt es sich um ein unser beständiges Bemühen regulierendes Ziel, und dem Prozess unseres Strebens nach solcher Identität wohnt stets ein bestimmtes Maß an Instabilität inne, das Gelingen dieses Prozesses ist stets mehr oder weniger gefährdet. In der modernen Industriegesellschaft lauern meines Erachtens immer größere Gefahren, die unser Streben nach Identität durchkreuzen.

Erstens schaltet der Mensch in immer vielfältigerer Art und Weise die Kunstwelt der Technik (und die von dieser erzeugte "virtuelle Realität") als "sekundäres System" zwischen sich und die Natur. Der Gestaltwandel der Uhren - das Zeiterleben ist eine der wesentlichen Dimensionen des Identitätsstrebens - ist ein Beispiel dafür. Die Sanduhr lieferte eine unmittelbare Abschauung für das "Verrinnen" der Zeit; die Sonnenuhr machte schon dem bloßen Augenschein deutlich, inwiefern sie "nur die heit´ren Stunden" zählt; die kreisförmige Bewegung auf dem Ziffernblatt der mechanischen Uhr wiederum ist ein genaues Abbild jener zyklischen Abläufe, die es repräsentieren sollte. Die moderne Digitaluhr konfrontiert uns dagegen nur noch mit einem Stakkato, mit einem "Trommelfeuer" einzelner Zeitquanten, die jeden Bezug zu ihrer Umwelt verloren haben - ein passendes Gerät für Menschen, die einen großen Teil des Tages unter Kunstlicht arbeiten, Bedingungen also, die sommers wie winters, Tag und Nacht gleichförmig sind - jedenfalls, so lange die Klimaanlage funktioniert. Je stärker unsere Bindung an die Technik ist, desto geringer werden die zwischenmenschlichen Kontakte.

Der exponentiellen Zunahme an Wissen, Überlieferungen und Weltbildern steht, zweitens, die Aneignungskapazität unseres begrenzten Lebensspielraumes gegenüber. Wie eifrig wir auch lesen, wie viele Fortbildungsveranstaltungen oder Internetforen wir auch besuchen mögen - die sich immer weiter beschleunigende und vermehrende Kulturproduktion enteilt unserer Fähigkeit, sich Wissen und Kenntnisse anzueignen. Niemand kann alles gelesen haben, was jemals und irgendwo, sagen wir, über den Begriff "Neurose" geschrieben worden ist. Selektive Aneignung, also immer stärkere Spezialisierung, ist in der Gegenwart eine Überlebensnotwendigkeit - niemand ist heute mehr "auf der Höhe der Zeit".

Mit dem für uns immer enger werdenden Ausschnitt an generell verfügbarem Wissen, an Werten und Meinungen geht die Verbindlichkeit der überkommenen Bindungsträger verloren. Die vielbeschworene "Renaissance des Glaubens" wirkt angesichts der Wucht der Fakten eher wie ein hilfloser Versuch, sich wieder auf den Boden fester Sinngebung stellen zu wollen. Weltanschauungen lösen sich in einer Biographie heute rasch ab, die frühere fraglose Gewissheit weicht moderner Beliebigkeit. Es gibt in der pluralistischen Gegenwartsgesellschaft, so ein berühmtes Bonmot, "nur noch einen Konsens, nämlich den, dass es keinen Konsens mehr gibt". Hier dürfte ein gesellschaftliches Entwicklungsstadium erreicht sein, hinter das das menschliche Zusammenleben - man mag dies begrüßen oder bedauern - nie mehr zurückfallen kann. Prosaisch ausgedrückt: Ist die Zahnpasta erst einmal aus der Tube herausgedrückt, lässt sie sich nicht mehr nach innen befördern.

In den beiden großen Leitwissenschaften vom Menschen, die das 20. Jahrhundert geschaffen hat - in der an Freud orientierten, freilich heute vielfältig ausdifferenzierten Tiefenpsychologie wie in der Evolutionären Erkenntnistheorie, zu der Konrad Lorenz den entscheidenden Anstoß gegeben hat -, wird vom "psychischen Apparat" beziehungsweise vom "Weltbildapparat" gesprochen. Das kann man beibehalten, wenn man die damals an der Physik orientierten Leitbilder (Freuds "seelische Energie" ebenso wie das "psychohydraulische Modell" von Lorenz) ad acta legt. Auf jeden Fall ist deutlich, dass dieser "Apparat" mit seinen Bewältigungsstrategien - die die eine Schule "Ich-Leistungen", die andere lieber "Coping-Mechanismen" nennt - in einer Zeit entstanden ist, in der das prähumane und humane soziale Leben sich von dem der Gegenwart deutlich unterscheidet. Die sozialen Gruppen waren klein und überschaubar, das soziale Veränderungstempo langsam, Dimensionen wie Lichtjahre, Nanometer und Kilotonnen spielten keine Rolle. Heute sind wir zwar von der Plackerei muskulärer Arbeit weitgehend befreit, denn selbst das Garagentor lässt sich elektrisch öffnen. Aber wir werden zu einer Fülle permanenter Synchronisationsleistungen genötigt, mit der wir die Vielfalt von Rollenerwartungen und Funktionsbereiche koordinieren müssen, um in der "neuen Unübersichtlichkeit" der Gesellschaft, von der Jürgen Habermas spricht, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Die Soziologen haben diese Synchronisationsleistungen ausführlich beschrieben, die Psychologie indes hat ihnen bislang noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit gezollt. Ohne diese Erweiterung der Perspektive wird diese jedoch den "neuen Leiden der Seele" (Julia Kristeva) kaum je gerecht werden. Pointiert gesagt: Für Sigmund Freud stand der nachgerade klassische Konflikt zwischen dem sozial verpönten Triebimpuls und der als Über-Ich verinnerlichten Norm im Zentrum des Interesses, der Widerstreit von Begehren und Gewissen. Er führt zur Verdrängung, aber "das Verdrängte kehrt unerledigt wieder" (Freud), nämlich als jene neurotischen Erkrankungen, die im Wien der Jahrhundertwende in Freuds Patienten in Erscheinung traten.

Die seelische Realität von heute wird unter anderem davon geprägt, dass jenes Über-Ich nicht die einheitliche Instanz oder Provinz ist, die Freud zunächst in ihm erblickt hatte. Die Tiefenpsychologie hat in den Jahren nach Freud deutlich machen können, dass es sich dabei eher um eine Art Gremium handelt, in dem verschiedene Interessen vorgetragen werden und das auch mit sich selber im Streit liegen kann. Denn wir haben ja nicht nur Gebote und Normen als "Stimme des Gewissens" internalisiert, sondern auch das "Selbst-Ideal", also die Vorstellung, wie wir sein sollen oder gar wollen. Beides kann miteinander in Konflikt geraten, etwa dann, wenn der Wunsch, dem Ideal "Nobelpreisträger" näher zu kommen, die Durchführung eines ethisch verwerflichen Experiments geraten erscheinen lässt.

All diese Friktionen und Konflikte spiegeln sich in der schier hoffnungslosen Suche des Gegenwartsmenschen nach einer halbwegs stabilen eigenen Identität wider, bei der das Bemühen, "ungehörige" Triebimpulse der Realität anzupassen, nicht mehr dominiert. Man vergleiche nur jene Epoche, in der der junge Freud zutiefst erschrak, während einer Fahrt im Schlafwagen die (halb)nackte Mutter, matrem nudam, zu sehen (noch als Erwachsener musste er das in lateinischen Worten niederschreiben), mit unserer gegenwärtigen und ihrem Fernsehprogramm, das ja auch Kindern im Alter des kleinen Sigmund mühelos zur Verfügung steht. In einer Zeit, in der Jugendliche durchaus in der Lage sind, sich auf dem Schulhof während der Pause zum Zeitvertreib via Handy überreichlich Sex- und Gewaltdarstellungen zu betrachten, leben wir offenkundig unter völlig anderen Bedingungen als einst in der viktorianischen oder in der wilhelminischen Ära.

Unsere (oft äußerst problematischen) Selbst-Entwürfe, unsere (oft äußerst zwiespältige) Haltung zur eigenen Geschichte, unsere (oft äußerst quälenden) Wünsche und Ängste angesichts der Möglichkeiten, die uns die Gegenwart eröffnet, aber auch in Anbetracht der von uns abgeforderten Entscheidungen - all das sind die Plagegeister der Moderne, die uns den letzten Rest an innerer Ruhe rauben, die uns in Depressionen und das Gefühl des Ausgebrannt-Seins treiben können. Um ihnen entgegenzutreten, ist nicht nur eine individuelle, sondern auch eine soziale Diagnostik vonnöten.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 30.05.2008

Ausgabe 43/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare