Die Plattformen gewinnen, die Ökologie nicht

Mobilität Mechthild Schrooten analysiert Andreas Scheuers Pläne für den Taxi-Markt
Die Plattformen gewinnen, die Ökologie nicht
Das Taxigewerbe wird sich auf einen tiefgreifenden Wandel einstellen müssen. Buchstäblich von der Straße verdrängt werden die gelben Autos aber zunächst noch nicht

Foto: Imageo/Prod.DB

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat viele Baustellen. Jetzt hat der CSU-Mann Eckpunkte für eine Änderung des Personenbeförderungsgesetzes vorgelegt: Die unsichtbare Hand des Marktes soll in Zukunft viel stärker die Personenbeförderung lenken. Konkret: Taxis sollen verstärkte Konkurrenz durch andere Fahrdienstvermittlungen erfahren. Schon das Wort Fahrdienstvermittlung hat nichts von der Leichtigkeit des Taxi-Begriffs. Das Taxigewerbe, nicht für Spitzenlöhne bekannt, schreit auf.

Tatsächlich lassen sich weltweit inzwischen viele Beispiele für autoorientierte Mobilitätsformen finden, die per App buchbar und vor allem in Städten beliebt sind. Deutschland scheint in dieser Hinsicht der internationalen Entwicklung eher nachzuhinken. Mit dem Angebot von solchen Diensten über Internetplattformen verdienen viele Menschen ihr Geld. Es ist zu bezweifeln, dass sie damit richtig reich werden.

Richtig reich werden auch die wenigsten von ihrem Taxi. In der Tat, hier wird eine bestehende, oft prekäre Beschäftigung gegen noch prekärere On-Call-Beschäftigungen ausgespielt. Gewinnen werden die Internet-Plattformen, die für ihre Vermittlung Provisionen erhalten. Fixkosten entstehen diesen Plattformen so gut wie nicht. Diese werden in den bekannten Geschäftsmodellen auf die Fahrzeughalterinnen übertragen – und eben nicht von den Vermittlern übernommen. Fixkosten aber machen gerade das Taxifahren so teuer. Auch daher kommt die Musik.

Die Liberalisierung der Fahrdienstleistungsangebote aber wird die zentralen Mobilitätsprobleme des 21. Jahrhunderts nicht lösen, vor allem in den staugeplagten Städten nicht. Dazu wären ganz andere Ansätze notwendig. Die neuen Fahrdienstangebote werden oftmals als Teile der „Sharing Economy“ bezeichnet, oder neudeutsch „gelabelt“. Zwar kommt die Idee des „Sharing“, also des Teilens, zunächst sympathisch daher. Dieses ökonomischen Grundsätzen folgende Teilen ist ein ganz anderes als das altruistische. Ökologisch ist Teilen von Autofahrten insbesondere dann nicht, wenn diese Autofahrten ohne die erwarteten Zahlungen der Fahrgäste gar nicht stattgefunden hätten. Dies gilt für Taxis wie für anderes.

Wesentlich für ein zukunftsfähiges Mobilitätskonzept wäre nicht das Ersetzen der Taxifahrten durch andere Billigangebote. Wesentlich wäre es, ganz massiv umzudenken und den öffentlichen Nahverkehr so auszubauen, dass von dieser Seite eine echte Konkurrenz entsteht. Scheuer setzt stattdessen auf noch mehr Autos.

Klar, das Taxigewerbe muss protestieren. Denn es geht tatsächlich um Einnahmen und Marktmacht. Wohl auch, weil die öffentlichen Verkehrsmittel nicht überall verfügbar sind, hat das Taxigewerbe tatsächlich eine Daseinsvorsorgefunktion übernommen. Das ist keineswegs Ausdruck einer funktionierenden Marktwirtschaft, eher ein Armutszeugnis.

Das Taxigewerbe wird sich wohl darauf einstellen müssen, einen massiven Wandel zu durchlaufen. Vollständig verdrängt aber wird es kaum werden – in New York etwa fahren sie weiter, die gelben Taxis. Der autobasierte Individualverkehr dürfte mit all den neuen Apps viel eher zugenommen haben – Effizienzsteigerungen sorgen also nicht für mehr Ökologie, sondern für mehr Verbrauch. Das nennt man Reboundeffekt.

Mechthild Schrooten lehrt VWL an der Hochschule Bremen und ist Mitglied der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik

06:00 01.03.2019

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