Die Politik sucht ihren Autor

11. Dokumentarfilmfest Jihlava Tschechische Filmer befragen ihre Volksvertreter. Mit unterschiedlichen Ergebnissen

Eine Entwicklung zum "homo politicus" attestierte das Dokumentarfilmfestival im tschechischen Jihlava unlängst den einheimischen Filmemachern. Der nationale Wettbewerb der im elften Jahr ihres Bestehens zu einem der wichtigsten europäischen Dokumentarfilmfestivals avancierten Filmschau setzte sich vorrangig mit der Innenpolitik vor und nach der Zeitenwende auseinander. Am Ende stellte sich die Frage nach der Darstellbarkeit von Politik im Film.

Vit Janecek, Regisseur von History of Jaroslav Sabata, sprach vor der Vorführung seines Films über die Schwierigkeiten, politische Vorgänge leinwandtauglich umzusetzen. Einer seiner potenziellen Protagonisten hätte sogar ein Interview mit der Begründung abgesagt, Politik und Geschichte ließen sich besser in einem Buch abbilden als mit der Kamera. Janecek wählte für sein Portrait des populären Aktivisten, der seine Karriere 1953 als Marxismus-Leninismus-Dozent begann, später zu einer zentralen Figur des Prager Frühlings avancierte und 1971 aus politischen Gründen zu einer sechseinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, ein konventionelles Konzept, das Zeitzeugenberichte mit Archivaufnahmen kombiniert.

Anders der bisher vor allem vom Spielfilm her bekannte Robert Sedlácek, der sich in Milos Zeman - one Politician´s Obituary dem ehemaligen Ministerpräsidenten widmet, der mit seinen ambivalenten Äußerungen zu den Benes-Dekreten für außenpolitische Dispute sorgte. Sedlácek besucht den gewieften Redner auf seiner Datscha und stößt auf einen schlitzohrigen Gesprächspartner, der sich mit Ironie jeder politischen Stellungnahme verweigert und schließlich erfolgreich das Spiel zwischen Autor und Filmfigur umdreht. "Wer ist hier eigentlich der Regisseur?", fragte ein verwunderter Zuschauer, als Sedlácek auf Anweisung seines filmischen Sujets eine Maus fängt, die sich in einem Sportboot verlaufen hatte.

Vielleicht ist es aber auch Sedláceks Verdienst, die Hilflosigkeit des Chronisten gegenüber dem zynischen Altpolitiker offen einzugestehen. Schließlich verzweifelt auch sein Regiekollege Radim Procházka mit Desk-based Assassination, einer Rekonstruktion der innerparteilichen Revolte gegen den damaligen Premierminister Václav Klaus im Herbst 1997, an der kalkulierten Maulfaulheit seiner Gesprächspartner. Die ironische Inszenierung der Gesten des Schweigens, auf die Procházka stößt, können nicht über die engen Grenzen hinwegtäuschen, an denen der investigative Ehrgeiz vieler Filmemacher abprallt. So lassen sich heikle Fragen der Vergangenheit und Gegenwart, wie gehabt, am besten von der Basis her diskutieren. Der als beste tschechische Produktion ausgezeichnete Film Poustevna, das ist Paradies etwa portraitiert das ehemals sudetendeutsche Dorf Dolni Pousevna an der tschechisch-sächsischen Grenze aus der Alltagsperspektive vietnamesischer Zigarettenhändler, tschechischer Arbeitspendler und deutscher Sextouristen.

Dem Anspruch, einen Diskurs zu vermitteln, werden am ehesten fragmentarische Arbeiten gerecht wie der Beitrag Nostalgic Memories of Underground Solidarity, worin der oppositionellen Nischenkultur im Sozialismus ein schräges Denkmal gesetzt wird. Oder Rula, Ticho, Cumba Ladislav, doc. Karel Floss and other Heroes of our Demonstrations in Year 2007 gerecht. Helena Vsetecková versucht, das gegenwärtige politische Klima in ihrem von den Debatten über die geplante Errichtung des US-amerikanischen Raketenabwehrsystems gespaltenen Land einzufangen. Wie sehr diese aktuellen Diskussionen im Schatten der Geschichte stehen, zeigt der Protestslogan einer Anti-Stationierungsinitiative, die während des Festivals auf dem Marktplatz von Jihlava Halt machte. "1938 - 1968 - 2008" stand auf dem Kampagnenbus in pointierter Gleichsetzung der deutschen und sowjetischen Invasionen mit der Bush-Initiative zu lesen. Trotz des sympathischen politischen Zieles - hier verliert sich die notwendige punktgenaue Beschäftigung mit Politik und Geschichte in populistischem Eifer. Die tschechischen Dokumentarfilmer machen aus ihrer Not mit dem politischen Granit, auf den sie stoßen, eine Tugend. Ihre "brutalstmöglichen" Aufklärungsversuche verlaufen bewusst und spielerisch im Sand. Womit sich vor dem Hintergrund des medienerprobten Politgeschäfts die grundlegende Frage nach der filmischen Abbildung aktueller politischer Diskurse stellt.


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