Die produktive Seele

Transmediale Das Festival für Kunst und digitale Kultur in Berlin lenkt in diesem Jahr den Blick auf die technologische Belagerung unseres Lebens

Gefängnis des Jahres 2010 — in einem imaginären Beitrag des „philosophischen Journalismus“ hätte Michel Foucault auf diese Weise Facebook bezeichnen können als eine aktuelle Verkörperung seines Begriffs der Biomacht. Während das Time Magazine Begründer Mark Zuckerberg zur Person des Jahres erklärt, wird Facebook von einer wachsenden Bewegung von Internetnutzern als ein neues Instrument der globalen Überwachung und um sich greifenden Kolonisierung unseres täglichen Lebens angegriffen. Facebook wird zusammen mit Google und anderen Monopolen von vielen Kommentatoren als ein „Staat im Staat“ wahrgenommen, der die Neutralität des Netzes unterminiert. Wahrscheinlich verkörpern alle sozialen Netzwerke den Zeitgeist ebenso gut, denn sie zeigen, wie sich der heutige ökonomische Wert in sehr hohem Maße auf die Produktion von sozialen Beziehungen und sozialem Kapital durch eine Vielzahl von Nutzern stützt.

Die transmediale.11 beschäftigt sich mit der ambivalenten Natur des Internets: Auf der einen Seite bieten die neue Medien weiterhin ein gewaltiges Potenzial von sozialer, kultureller und künstlerischer Autonomie; auf der anderen Seite beziehen die neuen Techno-Monopole Nahrung und Wert aus all dem, was wir online tun. Was kann man also unternehmen? Unter dem Titel Response:ability will die transmediale konstruktiv auf die beiden Seiten dieses Dilemmas eingehen. Zu den Nominierungen für den transmediale-Award zählt beispielsweise das Projekt Seppukoo, dessen Mission darin besteht, jedem Facebook-Nutzer behilflich zu sein, der willens ist, „virtuellen Selbstmord“ zu begehen. In nur wenigen Schritten lässt Seppukoo die eigene Online-Identität aus dem sozialen Netzwerk verschwinden, ohne dabei irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Abgesehen von Belangen der Privatheit offenbaren Projekte wie Seppukoo den weitverbreiteten Wunsch nach einem Ausstieg aus der digitalen Übersättigung unseres Lebens. Im Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach solchen Ausstiegsstrategien betont die transmediale die Notwendigkeit einer affirmativen Politik der digitalen Lebendigkeit. Tatsächlich ist es so, wie Paolo Virno – einer der Philosophen, die die Idee des Ausstiegs auf das postfordistische Zeitalter angewendet haben – immer wieder gesagt hat: „Es gibt nichts weniger Passives als den Akt der Flucht...“

 In zwei Vorträgen mit den Philosophen Franco „Bifo“ Berardi und Maurizio Lazzarato untersucht die transmediale die neuen Dimensionen der Bio-Ökonomie, das heißt der Ökonomie des Lebens im Bereich der digitalen Netzwerke. Bereits in den neunziger Jahren definierte Bifo das Handy als das neue Montageband der kognitiven Arbeit. Sein jüngstes Buch Soul at Work: From Alienation to Autonomy (Semiotexte, 2010) zeigt, wie nicht nur einfach unser Gehirn ökonomisch produktiv wird, sondern auch unsere Wünsche und die gesamte Sphäre der Gefühlsbeziehungen. Jedoch verläuft diese Evolution des Kapitalismus nicht so linear, symmetrisch und tugendhaft wie es den Anschein hat. Wenn die „Seele“ auf dem Montageband des Digitalen eingesetzt wird, entstehen neue Formen der Ausbeutung, Entfremdung und ein ganzes neues Spektrum an Psychopathologien. Die geistige Arbeit bringt ihre Schattenseiten mit sich.

Die Komplexität der Biomacht

Wie kann eine aktuelle Definition der Arbeit auf dem neuesten Stand des Internet-Zeitalters aussehen? Gilles Deleuze stellte die Frage, weshalb die Zuschauer nicht dafür bezahlt werden, dass sie fernsehen, da sie ja einen öffentlichen Dienst leisten. Wenn wir heute Deleuze zitieren, sollten wir fragen, weshalb wir nicht dafür bezahlt werden, Youtube anzusehen oder unser gesamtes Privatleben in Facebook zu opfern. „Das Internet als Spielplatz und Fabrik“ — eine Konferenz, die kürzlich in New York abgehalten wurde, versuchte dieses Paradox in diesem Titel zu erfassen. In der politischen Ökonomie wurde diese Veränderung in den siebziger Jahren eingeführt als Übergang von dem materiellen Raum der Fabrik hin zu der erweiterten „sozialen Fabrik“ als dem neuen Ort der Wertproduktion. Maurizio Lazzarato entdeckte, dass die Philosophen des Vitalismus des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wie Gabriel Tarde und Henri Bergson bereits die „Kooperation zwischen Gehirnen“ und die Rolle der öffentlichen Meinung als produktive Kräfte betrachtet hatten. Im Unterschied zu anderen Medien-Festivals, die das Thema des „Lebens“ einfach vom Gesichtspunkt der Biotechnologien untersucht hatten, wird auf der transmediale die digitale Lebendigkeit zurückgewonnen als ein produktiver und widersprüchlicher Bereich gegen die Abstraktion des Kodes.

Nachdem die Bio-Ökonomie vorgestellt worden ist, soll auf einer zweiten Veranstaltung über Widerstand und affirmative Biopolitik mit den Philosophen Beatriz Preciado, Roberto Esposito und Judith Revel diskutiert werden. Die Bedeutung der Frage, welche Form der Widerstand in einem biopolitischen Regime annehmen sollte, war auch für Michel Foucault klar, der diesen Begriff gegen Ende der siebziger Jahre eingeführt hatte. Seit damals wird die philosophische Debatte über Biopolitik von Autoren wie Giorgio Agamben und Antonio Negri auf gegensätzliche Weise geführt. In seinem Buch Person und menschliches Leben (Diaphanes, 2010) legt Esposito seinen eigenen Weg vor: die „dritte Person“. Esposito untersucht, wie die moderne Konstruktion der Gestalt der Person und die Erfindung der Menschenrechte selbst für eine spezifische Macht entscheidend sind. Als politische Lösung schlägt er vor, sich neue Formen von Un-Persönlichkeit oder Trans-Persönlichkeit vorzustellen, die den Bereich der Kräfte, der durch diese dominante Normativität abgeschlossen wird, durchbrechen und ihnen entfliehen könnten.

Ähnlich wie Esposito, aber auf eine materialistischere Weise, hat die Queer-Aktivistin Beatriz Preciado in Kontrasexuelles Manifest (Bbooks, 2003) eine Gegen-Biopolitik für sexuelle Identitäten vorgelegt. Auf einleuchtende Weise hat Preciado ebenfalls die Pharmakologie als eine Technologie des Körpers analysiert, die die derzeitigen Gender-Unterscheidungen geformt hat. Nehmen wir beispielsweise die Einführung der Antibaby-Pille und die Veränderungen, die sie im Hormonhaushalt, in der weiblichen Identität und bei den sexuellen Verhaltensweisen in den letzten Jahrzehnten bewirkt hat. Tatsächlich ist Biomacht nicht eine Macht, die von oben aufgezwungen wird, sondern ein Komplex von sehr materiellen Praktiken, die von unten organisiert werden: in diesem Fall ist es – wie Preciado bemerkt – etwas, was man ganz buchstäblich in sich aufnimmt.

Auf der anderen Seite ist Biomacht für Judith Revel etwas, das nicht zusammen mit neuen Strategien der Subtraktion, der Verstreuung oder des Unpersönlichen, sondern vielmehr in dem sehr positiven Bereich des Projektes eines neuen „Gemeingutes“ zu hinterfragen ist. In ihren Büchern über Foucault unterstreicht Revel, wie der Widerstand gegen Biomacht niemals durch Negation definiert wird: Das Gemeingut ist nicht das, was übrigbleibt, nachdem alle Unterschiede ausgelöscht sind, sondern vielmehr das, was aus all den Unterschieden gemacht wird. Tatsächlich bemerkt Revel, dass die europäische politische Philosophie weiterhin in dem Dilemma feststeckt, wie die Macht zu bekämpfen ist, ohne dass dabei spiegelbildliche Formen der Gegen-Macht aufgebaut werden. Jedoch ist die aktuelle Debatte über den Begriff des Lebens keine Wiederholung des Vitalismus des frühen 20. Jahrhunderts und dessen schändlicher reaktionärer Tendenzen. Hier gibt es kein ursprüngliches „reines Leben“ zu verteidigen. Die „Gemeingüter des Lebens“ und der Widerstand gegen die Biomacht der Technologie werden als etwas betrachtet, das auf eine neue Art und Weise zu konzipieren und zu organisieren ist.

Matteo Pasquinelli ist Schriftsteller, Kurator und akademischer Forscher. Er ist Mitglied der inter-nationalen wissenschaftlichen und bildungspolitischen Kollektive Uninomade und Edufactory. Seine Schriften und Vorträge sind häufig am Schnittpunkt von französischer Philosophie, Medienkultur und italienischem Post-Operaismus angesiedelt.

Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Roth
15:00 31.01.2011

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