Die Propaganda des Bildes

Zur Dynamik von sichtbaren und verborgenen Ereignisketten Was der Begriff des Erhabenen in Bezug auf Terror erhellen kann

Die Erfahrung großen Schreckens geht einher mit dem plötzlichen Verlust jeden Sicherheitsgefühls. Die bekannte Ordnung ist nicht wiederzuerkennen, altvertraute Annahmen führen ins Leere, die Orientierung geht verloren. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es auch einen ästhetischen Begriff für diesen mächtigen Schrecken: das Erhabene. Immer dann, wenn Menschen sich einer zuvor unvorstellbaren Realität ausgeliefert sehen, ist fortan das Erhabene im Spiel. Und deshalb ist es nicht erstaunlich, dass auch nach den Anschlägen vom 11. September über das Erhabene gesprochen wird.

In einer Rede zwei Wochen danach, am 29. September im Züricher Schauspielhaus hat der amerikanische Soziologe und Historiker Richard Sennett über den Schrecken in der Moderne gesprochen. Die moderne Kultur habe die Zerstörung kultiviert, so Sennett, und dabei Unterstützung durch die spätmoderne Philosophie des Erhabenen erhalten. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon, komme plötzlich die Erkenntnis: "Wir als Künstler brauchen das nicht mehr zu tun, denn andere tun es jetzt an unserer Stelle". Eine fast naive Kunstschelte, die audio-visuelle Gewaltbilder grundsätzlich als buchstäbliche Gewaltpropaganda verurteilt. Sennetts Vergleich ist deshalb sehr problematisch, weil man die metaphorische Qualität von Kunstwerken und Medienbildern nicht mit der Effektivität realer Bomben gleichsetzen kann. Überflüssig machen sich Medien und Kunst höchstens selbst, indem sie die ihnen möglichen Bilder auch schon für das Reale selbst halten. Selbst die mediale Überflutung mit immer denselben Bildern verrät mehr über die politische Dramaturgie in den medialen Anstalten als über die realen Ereignisse.

Aber Sennett trifft andererseits doch zweifach ins Schwarze, weil die perfide Symbolik der Attentate abgestimmt war auf die westliche Medienmaschinerie und die politische Matrix der westlichen Gesellschaften. Die Parallelen erinnern auf schaurige Weise an all die Geschichten von geklonten Monstern, die gewaltiger werden als ihr Lehrmeister plante.

Es gibt in den westlichen Gesellschaften eine Fixierung auf das Sichtbare, und die Mörder inszenierten ihre Aktionen als kostenlose Liveübertragung, eine "Propaganda des Bilds". Hochgerüstete Sicherheitssysteme sind auf identifizierbare Objekte spezialisiert, die Täter kamen jedoch aus dem Inneren des Landes, unauffällig, unerkannt, unsichtbar. Ebenso verborgen wirkt hier auch die Gewalt, die den westlichen Zivilgesellschaften selbst innewohnt, vor allem in ihren wirtschaftlichen und außenpolitischen Strömen - zum Beispiel im Kampf um die internationalen Ressourcen. Im gesellschaftlichen Alltag wird das oft nicht mehr zur Kenntnis genommen. Deshalb reagiert der Westen bislang bloß auf die sichtbaren Indizien, benötigt aber dringend ein Sensorium für die unsichtbaren Ereignisse, die im Hintergrund ablaufen.

Das ist die Seite der Anschläge, die Richard Sennett so beunruhigt über das Erhabene sprechen lässt. In der gleichartigen Funktionsweise der Symbolik des Anschlags und der politischen Klaviatur, auf die er trifft, liegt ihr Bezug zum Erhabenen, genauso wie im außerordentlichen Schrecken, den diese Ereignisse ausgelöst haben.

Bei Kant, Ende des 18. Jahrhunderts, steht das Erhabene für das völlige Versagen der Vernunft. Es beschreibt die Geistesstimmung, die eintritt, wenn keine Beschreibung mehr ausreicht, um das Vorgefallene in Worte zu fassen. Dabei bezieht sich Kant vor allem auf Naturkatastrophen und übernatürliche Naturereignisse. Im 20. Jahrhundert, zum Beispiel bei dem französischen Philosophen Jean-François Lyotard, wird das Erhabene auf Dinge angewendet, die der Mensch selbst produziert. Lyotard bezieht es insbesondere auf den sprachlichen und künstlerischen Produktionsprozess. Das Erhabene bezeichnet nun die Darstellung von etwas Nichtdarstellbarem. So funktioniert abstrakte moderne Kunst, die zuerst irritieren will. Erhabene Kunstwerke bringen den Betrachter in eine verzwickte Situation. Etwas ist da zu sehen, aber man weiß nicht auf Anhieb, was es ist. Eine Zwischenwelt, ein Widerstreit, ein Nichtkonsumierbares. Der Betrachter muss selbst aktiv werden und um sein Verstehen ringen, oder er bleibt übermannt und ausgeschlossen.

Nicht jedes terroristische Ereignis bedient in seiner medialen Symbolik eine erhabene Bildersprache. Doch jeder terroristische Akt aktiviert eine Reaktionsspirale, die das eigene Verhältnis zur Gewalt und damit auch zum darin enthaltenen Schrecken, zum verborgenen Erhabenen formuliert. Und hier liegt auch der Bezug zu den Ereignissen der jüngsten Zeit. Man greift zu kurz, wenn die Attentate als das Böse schlechthin verurteilt werden, für das kein herkömmlicher Begriff mehr ausreichend scheint. Was ist passiert? Die ganze Welt schaute am 11. September CNN, so als würde sie ein amerikanisches Homevideo ansehen, das sich plötzlich in Realität verwandelt und großen Schrecken verbreitet. Die Attentäter folgten in ihrer symbolischen Logik einem Logbuch bereits vorhandenen Bildmaterials aus den amerikanischen Medien selbst. In Katastrophenfilmen wurde die Turmlandschaft New Yorks zuvor schon öfter virtuell verwüstet. Und es gab Künstler, wie den 38jährigen Bildhauer Michael Richards aus dem "Black Art Movement" New Yorks, der seit Jahren Skulpturen männlicher Körper schuf, die von Flugzeugen durchbohrt sind. Richards ist bei dem Anschlag in New York im World Trade Center gestorben. Nun wirken seine Skulpturen so, als habe er eine tiefe Ahnung von den Ereignissen gehabt.

Die Ereignisse in Amerika waren also nicht unvorstellbar und sind häufig antizipiert worden, sowohl in den Medien als auch in Geheimdienstszenarien. Aber im Nachhinein wird das nun gerne verdrängt. Damit kann das Versagen der eigenen Sicherheitsstrukturen kaschiert werden, genauso wie die unangemessene Reaktion der westlichen Allianz, die sich mit Kriegsstrategien vergangener Konfrontationen rechtfertigt. Deshalb wird der schwarze Tag im September dieses Jahres zu etwas ganz Neuem stilisiert, obwohl die Reaktionen altbekannt sind. Das funktioniert, weil sich vertraute Bilder plötzlich in etwas ganz Bedrohliches verwandelt haben und der Schrecken im ersten Moment über alle Begriffe erhaben ist. An die eigene Vorgeschichte, die möglicherweise Anteil am furchtbaren Geschehen hat, erinnert man sich nun nicht mehr gerne. Im Vertrauten lauert das Unheimliche, im Furchtbaren zeigt sich Vertrautes. Das ist das Paradigma des Erhabenen.

Beim Erhabenen geht es nämlich nicht um etwas grundlegend Neues, sondern um ein Ereignis, das die gewohnten Denksysteme außer Kraft setzt. Das Erhabene kann im Umkehrschluss als verborgenes politisches Navigationssystem benutzt werden: Da, wo großer Schrecken herrscht, tut man gut daran, nicht dem Nächstliegenden zu vertrauen. Gerade wenn die bekannten Begriffe versagen, muss man damit rechnen, dass keine angemessene Reaktion mehr erfolgt, sondern ein unmittelbarer Impuls, der oftmals atavistisch funktioniert: Flucht oder Draufhauen. Das Erhabene verweist auf die unsichtbaren Ereignisketten, die in den sichtbaren Bildern nicht dargestellt werden, entweder weil sie so furchtbar sind, dass es keine Worte und Bilder dafür gibt, oder weil sie etwas zeigen würden, das der Öffentlichkeit vorenthalten werden soll. Politische Zensur und erhabener Schrecken haben etwas gemein, beide verdunkeln ungeliebte Tatsachen, doch wenn man ihren Eingriffen folgt, entdeckt man wichtige Informationen im Hintergrund des Sichtbaren.

Das Erhabene wird in der politischen Realität auch Terror genannt. Es sei daran erinnert, dass die Anarchisten des 19. Jahrhunderts den Ausdruck für ihre eigenen Ziele gebrauchten und den Terror als "Propaganda der Tat" bezeichneten. Die Nazis verfolgten Jahrzehnte später die Partisanen als Terroristen. Und schließlich wird am Beginn des 21. Jahrhunderts der gewaltsame Kampf als Terror bezeichnet, der von keinem eigenen Territorium ausgeht. In der jüngsten Logik der Attentäter sind die terroristischen Akte eine Antwort innerhalb einer Gewaltspirale, an der kein Staat unbeteiligt ist. Die westliche Allianz antwortet mit Bomben und verharrt damit in der verborgenen Logik der Attentate. Die Gewaltspirale bleibt weiterhin unsichtbar, da die Medien keine unabhängigen Bilder bekommen können. So läuft auf beiden Seiten der Spirale eine sichtbare und eine verborgene Ereigniskette ab, doch nur die Repolitisierung der Konflikte kann sich der erhabenen Eigendynamik des Terrors entziehen.

Das Erhabene, obschon ein theoretischer Begriff, ist in seinen politischen Implikationen nicht nur von theoretischem Interesse. Es kann von entscheidender Bedeutung für Politik und politische Berichterstattung in Krisenzeiten sein, wenn die gewohnten Sprachregelungen und Denkübungen versagen. Die Betroffenheitsreaktionen auf die Attentate haben nämlich auch mit einer massiven Verdrängungsleistung zu tun, die nicht mehr vollständig gelingt. Diese Verdrängung geht seit Jahren einher mit einem schwindendem Unrechtsbewusstsein innerhalb der westlichen Zivilgesellschaften und auf Seiten ihrer New Economy. Der gewaltsame Anstoß machte vorübergehend die den westlichen Zivilgesellschaften selbst innewohnende Gewalt wieder sichtbar.

Nun erinnert sich auch die jüngere Politikergeneration in den Industriestaaten plötzlich, dass ihre eigenen Wirtschaftsdaten weder im gewaltfreien noch im entpolitisierten Raum zu Stande kommen. Jetzt kommt es darauf an, welche Konsequenzen sie daraus ziehen. Offen wird gesagt, dass noch alle Menschenrechte mit Gewalt durchgesetzt worden sind. Doch die Sprache des Krieges kann weder das politische und wirtschaftliche Leben einer Gesellschaft nähren noch einen Feind treffen, der unsichtbar ist. Nur eine Repolitisierung der internationalen Konflikte kann verhindern, dass der Ausnahmezustand normal wird, und wir das Erhabene kennen lernen, weil wir übermannt sind.

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00:00 26.10.2001

Ausgabe 42/2021

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