Die Propaganda des „Paten“

Nicht in Berlin 5.000 Menschen hat die Mafia in Italien schon umgebracht. Gangsterkitsch wird gern gekauft, nicht nur in Palermo

In Palermo gibt es die Mafia in groß und in klein, als Flaschenöffner, Tonfigur oder Kühlschrankmagnet, als Don-Corleone-Kräuterlikör und Der-Pate-bin-ich-Küchenschürze. In den Gassen des Vucciria-Marktes wird sie als Gewürzmischung für Spaghettisoße verkauft, und die Souvenirläden des Corso Vittorio Emanuele sind voll mit Cosa-Nostra-Keramiktellern und Aschenbechern mit schnauzbärtigen Bossen – schließlich gilt es, die gut 140.000 Kreuzfahrttouristen zu versorgen, die Palermo jedes Jahr besuchen und sich meist nicht länger als einen Tag dort aufhalten. Da bleibt für Subtilitäten keine Zeit: Gott ja, rund 5.000 Opfer der Cosa Nostra sind in Italien schon zu beklagen – ach, wirklich?

Bis vor kurzem war in Palermo auch ein Treffen mit Angelo Provenzano im Angebot, mit dem ältesten Sohn des Mafiabosses Bernardo Provenzano. Der Reiseveranstalter Overseas Adventure Travel aus Boston bot seiner Reisegruppe eine „erhellende Diskussion über die sizilianische Mafia“ mit dem Sohn des Verbrechers an. Angelo Provenzano verbrachte seine ersten 16 Lebensjahre mit der Familie im Untergrund. Wobei Touristen vermutlich nicht wissen, dass „Untergrund“ in Sizilien ein gut geschütztes Leben in komfortablen Wohnungen mitten in Palermo bedeutet – manchmal, wie in Provenzanos Fall, auch in Deutschland.

Big Business mit den Bossen

Bernardo Provenzano war einer Drahtzieher der Ermordung der beiden Anti-Mafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Jahr 1992. Das Attentat war für Italien ein Trauma. Heute weiß man, dass sich dahinter letztlich ein staatsterroristischer Akt verbarg. In Palermo läuft zur Zeit ein Prozess über den unheiligen Pakt zwischen Staat und Mafia, einen Pakt, der bis heute wie eine Giftwolke über Italien schwebt. Es war der Boss Bernardo Provenzano, der nach den Attentaten dafür sorgte, dass die ertragreiche Zusammenarbeit zwischen Staat und Mafia wieder zu neuer Blüte finden konnte.

Angelo Provenzano, der Sohn, soll im Gespräch mit den US-Touristen nun die Last seines Namens beklagt haben. Schade, dass niemand die ausländischen Besucher auf den Anti-Mafia-Kämpfer Peppino Impastato aufmerksam machte. Auch er war Sohn eines Mafiosos – und kämpfte gegen die Mafia. Oder auf Massimo Ciancimino: Der Sohn von Palermos Mafiabürgermeister entschloss sich, nach dem Tod seines Vaters mit der Justiz zusammenzuarbeiten – und wurde in Palermo keine Touristenattraktion, sondern eine Persona non grata.

Sein Treffen mit den US-Urlaubern sei ein Beitrag für den örtlichen Tourismus gewesen, einen Wirtschaftssektor, an den er immer geglaubt habe, ließ Angelo Provenzano verlauten. Aus seiner Sicht waren es bloß ein paar leidige Anti-Mafia-Aktivisten, die dagegen Sturm liefen: Angehörige von Mafiaopfern oder solche, die sich weigern, Schutzgeld zu bezahlen und deshalb ein Leben unter falschem Namen mit Leibwächtern führen müssen. Die üblichen Spielverderber also.

Zu den „Spielverderbern“ zählte auch Danilo Sulis, Gründer der Rete 100 passi, einer Organisation, die beharrlich und unerschrocken gegen den Terror des organisierten Verbrechens kämpft. Sulis startete im September eine europaweite Petition mit dem Titel „Ich bin kein Mafioso“. Das Ziel: Es soll verboten werden, das Wort „Mafia“ als quasi-spielerischen Markennamen zu benutzen, wie bei den Touri-Angeboten auf Sizilien der Fall. Aber nicht nur dort.

Ein „Don Falcone“ zum Lunch

Auslöser für die Petition war ein Auftritt des römischen Mafiaclans Casamonica in der Talkshow Porta a Porta von RAI uno: Dort hatten die Bosse unlängst die Gelegenheit, sich großspurig für ihre pompöse Mafiabeerdigung im Stil des Paten zu rechtfertigen. Die „Ich bin kein Mafioso“-Petition richtet sich aber auch gegen die spanische Restaurantkette Mafia, die in ihren über 30 Lokalen mit Sprüchen wirbt wie: „Familienzusammenhalt wie in Corleone“. Auch Separées für geschlossene Gesellschaften sind in den Restaurants zu buchen, ausgestattet mit „allem Nützlichen für eine authentische Mafia-Versammlung“. Man könnte hier natürlich fragen, warum in Spanien noch niemand auf die Idee gekommen ist, „ETA“-Restaurants zu gründen, als Werbespruch würde sich etwas wie „Unsere Steaks sind unser Sprengstoff“ anbieten.

Im polnischen Danzig wurde vor zwei Jahren das Restaurant „Sizilien: Haus der Mafia“ eröffnet. In Wien bot das „Don Panino“ Pizza, Pasta und belegte Brote mit Mafiosi-Namen an – oder mit den Namen von Mafia-Opfern. Zum Beispiel „Don Falcone“, ein mit gegrillter Wurst belegtes Panino, benannt nach dem ermordeten Staatsanwalt. Nach internationalem Protest wurde das Wiener Lokal 2012 geschlossen.

In Deutschland wird die Mafiafolklore seit dem Jahr 2000 als Mafiamusik vertrieben, mit Il Canto Di Malavita – La Musica Della Mafia (PIAS) feiern die Verbrecher sich selbst. Auf der CD findet sich unter anderem ein Loblied auf die Ermordung des Polizeipräfekten Dalla Chiesa aus Palermo: „Getötet ist der Präfekt von Palermo / Die Mafia lässt dich in Ruhe, wenn sie es will / Aber wenn du hier herumstocherst / Dann beginnt sie zu agieren“.

Ja, die Mafia ist auf einem großen Propagandafeldzug – an dessen Ende das harmlose Bild einer etwas schrägen Truppe steht, die singt, tanzt und hin und wieder jemanden umbringt, fast wie in der TV-Serie Die Sopranos. Dass solche Mafiafolklore letztlich Mafiapropaganda ist, müsste in Deutschland eigentlich besonders einleuchten. In Berlin wäre man vermutlich nicht begeistert, wenn Tassen mit SS-Runen oder CDs mit dem Horst-Wessel-Lied an Touristen verkauft würden. Andererseits: Inzwischen findet man Hitler in Deutschland ja auch (wieder) witzig.

Petra Reski lebt in Venedig und beschäftigt sich in ihren Romanen oft mit der Mafia. Mit ihrem neuesten Buch Die Gesichter der Toten ist sie auf Lesetour: Berlin (22.11.), Wiesbaden (25.11.), Karlsruhe (26.11.), Erfurt (28.11.)

06:00 22.11.2015
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