Die Quadratur der Kugel

Fußball Gäbe ein Coach zu, dass er nur Zeitungen liest, um die Spiele des Gegners mitzuverfolgen – er würde wohl sofort entlassen. Ohne Videoanalyse geht heute nichts mehr

Buch der Woche: Die Fußball-Matrix: Auf der Suche nach dem perfekten Spiel" target="_blank">Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel von Christoph Biermann

gebunden, 256 Seiten
16,95 €
ISBN 978-3-462-04144-6
Erschienen im August 2009
Kiepenheuer Witsch


Der Verlag zum Buch

Fußball im dritten Jahrtausend. Wo Meinung war, wird Wissen sein.

Christoph Biermann hat ein so außergewöhnliches wie verblüffendes Fußballbuch geschrieben. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel hat er mit Meistertrainer Felix Magath Fußball und Schach verglichen, ist in die Welt der Fußballdaten eingetaucht und hat das geheimnisvolle Laboratorium des AC Mailand besucht. Mit Lionel Messi hat er über Computerspiele gesprochen und einen Ökonom gefunden, der Fußball berechenbar machen will.

Fußball ist das beste Spiel, weil es so einfach ist. Zugleich aber sind seine Möglichkeiten unerschöpflich und in den letzten Jahren immer weiter erforscht worden. Fußball hat seine digitale Wende erlebt und eine Invasion der Wissenschaftler. Das Spiel ist dadurch schneller geworden, taktisch anspruchsvoller und aufregender. Dieses Buch beschreibt den Stand der Dinge und dringt zugleich in die Grenzbereiche der neuen Fußballwissenschaft vor.

Der Leser erfährt so, warum die wahre Fußballkunst in der Offensive liegt, und wie man sie am besten erlernt. Biermann erklärt, wie man einen Elfmeter schießen sollte, warum die Drei-Punkte-Regel den Fußball defensiver gemacht hat, und wie Klubs grobe Fehler bei Spielertransfers vermeiden können. Wir werden beim Lesen von überkommenen Meinungen Abschied nehmen müssen, aber in den allgegenwärtigen Diskussionen über Fußball smartere Antworten darauf geben können, wie es zu Sieg und Niederlage kommt.

Christoph Biermann gehört schon lange zu den profiliertesten Fußballjournalisten Deutschlands. In seinen Artikeln und Büchern hat er den Lesern immer wieder neue Aspekte des Fußballs erklärt. Er beschäftigte sich mit der Welt der Fans, als diese noch abschätzig betrachtet wurden, und beschrieb die Entwicklung der Fußballtaktik, als »Viererkette« in Deutschland noch ein Kampfbegriff war. Auch "Die Fußball-Matrix" betritt wieder neues Terrain. Doch was heute noch teilweise wie Science Fiction klingt, wird schon bald überall im Fußball selbstverständlich sein.

Leseprobe:

Im Frühjahr 2008 saß die nächste Generation von Fußballspionen im Hörsaal 3 der Deutschen Sporthochschule in Köln und rätselte. War die Spielszene wichtig, die sie sich gerade ansahen? Mussten sie diesen scheinbar belanglosen Querpass in der Abwehr erfassen, weil er zeigte, dass es im Aufbauspiel nicht zügig genug voranging? Oder war es eben ein belangloser Querpass, der in einer qualitativen Analyse nichts zu suchen hatte? Und hatte in der anschließenden Szene der Mittelfeldspieler den Ball so angenommen, dass sie es positiv bewerten mussten? Etliche Male liefen die nur wenige Sekunden langen Sequenzen über die Leinwand, dann waren sie so kategorisiert, wie es auch Urs Siegenthaler gefallen hätte, dem Chefscout der deutschen Nationalmannschaft.

Zur Weltmeisterschaft 2006 hatte der Schweizer das Projekt initiiert. Eine Gruppe von Studenten des Fußballdozenten Jürgen Buschmann hatte daraufhin alle WM-Teilnehmer im Rahmen eines Decodierungsprogramms analysiert, das berühmt wurde, als Jens Lehmann im WM-Viertelfinale gegen Argentinien vor dem Elfmeterschießen auf einen Zettel schaute. Er hielt zwei Schüsse, die Informationen dazu waren in Köln recherchiert worden. Nach dem Turnier war das Projekt weitergeführt worden und sollte auch bei der Europameisterschaft wieder wichtig werden.

Zum Turnier in der Schweiz und Österreich hatten Buschmanns Studenten das Spiel der anderen EM-Teilnehmer nach Siegenthalers Maßgaben erneut auseinandergenommen. Die Ergebnisse fanden sich diesmal in 15 Handbüchern, die wie Magisterarbeiten aussahen. Auf gut 80 Seiten wurde dort jede Mannschaft mit ­ihren sportlichen Stärken und Schwächen detailliert vorgestellt, entsprechende Szenen lagen auf DVD bei. Bundestrainer Joachim Löw konnte in den Dossiers darüberhinaus nachlesen, welche Verletzungen Polens Mittelstürmer gehabt hatte, ob sich ein österreichischer Verteidiger bei der EM profilieren musste, weil er auf der Suche nach einem neuen Klub war, und wie die Erwartungen an die kroatische Mannschaft im eigenen Land aussahen.

Im Sprachgebrauch der deutschen Nationalmannschaft bilden jene Studenten, die unter Leitung von Buschmann die Informationen zusammenstellten, das „Team Köln“. Immer wieder war Siegenthaler gekommen, um es so zu schulen, dass einheitliche Kategorisierungen vorgenommen wurden. Bewertet werden sollen die Gegner auf der Basis der Spielphilosophie des DFB, die für alle seine Nationalmannschaften gilt. Spielphilosophie ist dabei kein vager Begriff, sondern eine konkrete Anleitung. Noch unter Jürgen Klinsmanns Leitung war schriftlich festgelegt worden, was auf dem Platz in welcher Situation passieren soll. Das ist der Quellcode des deutschen Fußballs, und entsprechend geheim sind diese Anweisungen, denn die Fußballspione anderer Nationalteams würden sich darüber freuen, wären sie in ihrem Besitz. Dass Löws Mannschaft nach innen verteidigt, den Gegner also nicht auf die Flügel abdrängt, sondern in eine Art Trichter vor dem Tor locken will, haben sie wahrscheinlich trotzdem schon erkannt. Oder dass die Verteidiger stets einen Abstand von acht Metern voneinander haben sollen, wie es internationaler Standard in der Defensivarbeit ist. Und dieser Rahmen ist eben auch zu beachten, wenn man sich mit dem Gegner auseinandersetzt. Wenn man selber einen Plan hat, erkennt man auch, auf welche Weise die gegnerische Mannschaft ihn am meisten gefährden kann.

Es ist erstaunlich, dass gute Trainer oft ein ausgeprägtes visuelles Gedächtnis haben und sehr genau abspeichern, was auf dem Platz passiert. Einige von ihnen können noch Jahre später die genauen Umstände nacherzählen, unter denen ein Tor gefallen ist. Sie wissen noch, welcher Spieler sich wo auf dem Platz befunden und wie verhalten hat. Doch nicht jeder Trainer verfügt über dieses besondere Talent, und bei einem wichtigen Spiel, wenn draußen 50.000 Zuschauer toben, kann der spontane Eindruck leicht der falsche sein. Daraus entsteht der Wunsch, die eigene Erinnerung systematisch zu überprüfen. Das Gleiche gilt dafür, das Spiel des Gegners einer genaueren Überprüfung zu unterziehen.

Gewachsen ist dieser Wunsch auch mit den technischen Möglichkeiten. Noch bei der Weltmeisterschaft 1966 in England verzichtete Frankreich völlig darauf, andere Mannschaften des Turniers zu beobachten. Einigen Teams reichte es, die Spiele am Fernsehen anzuschauen oder darüber in den Zeitungen zu lesen. Dies ergab eine Nachfrage bei den WM-Teilnehmern, die von der FIFA damals für ihre technische Analyse gemacht wurde. Gäbe heute ein Coach zu, dass er zur Vorbereitung auf ein Spiel über den Gegner nur in der Zeitung gelesen hätte, würde er vermutlich auf der Stelle entlassen.

Der Abstand zwischen Spiel und Analyse wird immer kürzer

Die ersten Videoanalysen im Fußball kamen zu Zeiten ins Spiel, als Netzer noch aus der Tiefe des Raums kam. Nachdem die deutsche Nationalmannschaft am Abend des 29. April 1972 erstmals in England gewonnen hatte, wurde ein junger Sportwissenschaftler damit beauftragt, den historischen Sieg auszuforschen. Er sollte herausfinden, wie das Wechselspiel zwischen dem Libero Franz Beckenbauer und dem Spielmacher Günter Netzer funktioniert hatte. Er sollte eine Anatomie des Spiels entwerfen und begann zu zählen: Wer hatte den Ball wie oft zu wem gespielt? Wer hatte die meisten Zweikämpfe gewonnen? Wie viele lange Pässe und wie viele kurze waren für den Triumph in Wem­bley nötig gewesen? Die Strichlisten mit den Ergebnissen bewahrt Prof. Jürgen Buschmann von der Sporthochschule in Köln noch heute auf, als Erinnerungsstück an seine Studentenzeit. „Fertig waren wir mit der Auswertung zwei Jahre später“, sagt er und lacht. Zwei Jahre mögen im Rahmen akademischer Forschungen ein angemessenes Tempo sein, aber einen praktischen Wert hatten die Analysen nicht mehr. Was sollte Bundestrainer Helmut Schön 1974 mit den Erkenntnissen eines Spiels aus dem Jahr 1972 anfangen?

In den folgenden Jahren verringerte sich der zeitliche Abstand zwischen Spiel und Analyse deutlich, aber selbst in den neunziger Jahren war noch immer ein großer Aufwand damit verbunden. Weil die Spiele nicht digitalisiert auf DVD oder Festplatten verfügbar waren, sondern nur auf Videokassette, mussten sie hin- und hergespult werden. Auch der Zusammenschnitt von Szenen für die Mannschaft war aufwendig.

Dennoch wurden Videos bald zu einem wichtigen Hilfsmittel. Ob wirklich der Innenverteidiger oder sein Kollege im Mittelfeld nicht gemacht hatte, was ihnen aufgetragen war, klärte sich oft erst beim (zumeist nächtlichen) Videostudium. Auch der Spielweise der Gegner, ihren strategischen Konzepten und taktischen Kniffen kam man eher auf die Schliche, wenn man, statt vielleicht nur ein Spiel im Stadion zu beobachten, sich mehrere Partien am Fernseher anschaute. Ottmar Hitzfeld erkannte die Vorteile dieser Arbeitsweise schon früh. Bereits zu Beginn seiner Trainerkarriere Mitte der achtziger Jahre in der Schweiz arbeitete er mit einem Videoanalytiker zusammen. Auch sein langjähriger Assistent Michael Henke war versiert darin und gründete eine der ersten Firmen in Deutschland, die sich professionell mit der Spielanalyse beschäftigten. Das Unternehmen bot spezielle Mitschnitte an, die sich von denen der Fernsehstationen unterschieden, weil sie das Spielfeld in der Totale erfassten. Das Fernsehen bevorzugt Naheinstellungen, in denen der Trainer dann aber nicht mehr die Übersicht hat, was taktisch auf dem Platz passiert.

Auch Streitfälle im Team half die Videoaufzeichnung zu beseitigen. So musste Paul Steiner, der bei Bayer Leverkusen einer der ersten spezialisierten Videoanalytiker in der Bundesliga war, 1997 auf Bitten von Trainer Christoph Daum einer Beschwerde des Nationalstürmers Ulf Kirsten nachgehen. Dieser hatte darüber geklagt, dass er vom Brasilianer Émerson nie einen Ball bekam. Also musste Steiner einige Nächte lang die Leverkusener Spiele daraufhin auswerten, wen Émerson wie oft mit Pässen bediente. Es stellte sich heraus, dass er zwar eifrig die Bälle verteilte, aber Kirsten dabei wirklich geflissentlich übersah.

Heute würde Steiner das in Windeseile wissen. Im Hörsaal 3 in Köln hatten alle Studenten Laptops vorsich, ein Analyseprogramm war vorinstalliert, und die Spiele waren bereits auf der Festplatte abgespeichert. Im Grunde war die Spielanalyse hier zunächst nichts anderes als ein intelligentes Ablagesystem. Die Analysten kategorisieren die Szenen danach, ob man es mit einem Pass oder Schuss, einer Flanke oder einem Zweikampf zu tun hat. Oder man schaut nach den prekären Umschaltsituationen, wenn der Ballbesitz zwischen den beiden Mannschaften wechselt. Im nächsten Schritt sollen diese Szenen danach bewertet werden, ob der Spieler oder die Mannschaft sie gut oder schlecht gelöst haben. Das ist inzwischen weder technisch aufwendig noch inhaltlich kompliziert.

Hat man das Spiel solchermaßen in Häppchen zerlegt, kann man die Teile nach Wunsch neu zusammensetzen und der eigenen Mannschaft zeigen, was gut war und was nicht. Man kann auf diese Weise einzelne Spieler, Mannschaftsteile oder das ganze Team schulen, denn Wissensvermittlung über optische Informationen ist erfolgreicher als sprachliche. Bei den meisten professionellen Klubs ist es inzwischen selbstverständlich, so mit den Spielern zu arbeiten. Immer häufiger wird mittlerweile sogar das Training aufgezeichnet, um Spieler auf besondere Probleme aufmerksam machen zu können. Klubs wie Borussia Dortmund, 1899 Hoffenheim und der 1. FC Köln haben erfolgreich damit experimentiert, kurze Videosequenzen in der Halbzeitpause einzusetzen.

Der 1. FC Köln stattet seine Profis überdies mit mobilen Abspielgeräten aus, auf denen die Spieler neben ausgewählten Spielszenen zur Fehlerkorrektur auch persönliche Highlights anschauen können, die motivieren sollen. Bei der deutschen Nationalmannschaft werden die Spieler regelmäßig mit DVDs versorgt, auf denen sie sich anschauen können, was gut war und woran noch gearbeitet werden muss. Die Nachwuchsspieler des FC Chelsea können sich sogar in ein Computersystem einloggen, wo sie Zugriff auf Videosequenzen haben, die von ihrem Spiel gemacht wurden.

Die Videoanalyse ist inzwischen Standard auch bei Traditionalisten. Selbst Trainer und Manager, die sich mit modernen Gerätschaften schwertun, haben den Wert längst erkannt. Man kann sein eigenes Urteil überprüfen und hat ein hervorragendes didaktisches Hilfsmittel. So entsteht gerade ein neuer Beruf im Fußball. Die Spielanalytiker aus Köln sollen später einmal Trainern zuarbeiten können oder als Trainer selber über die Fähigkeiten verfügen, mit Computern zu arbeiten. An der John Moores University in Liverpool gibt es sogar einen Studiengang in diesem Bereich, bei dem die Studenten im Umgang mit allen üblichen Analyseprogrammen ausgebildet werden, ob sie nun Pro Zone, Amisco, Dartfish oder Match Analysis heißen.

Den Anfang machte ein afrikanischer Spieler fortgeschrittenen Alters, der angeblich sogar von seinem Staatspräsidenten ins WM-Aufgebot von Kamerun berufen wurde. Roger Milla war nicht nur erfolgreichster Torjäger seines Überraschungsteams bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien, er revolutionierte auch den Torjubel. An der Eckfahne feierte er jeden Treffer mit wiegenden Hüften und fand in den folgenden Jahren viele Nachahmer.

In der Geschichte des Torjubels spielen die Medien eine besondere Rolle, weil sie auch im Sport nicht nur etwas abbilden, sondern beeinflussen, was passiert. Mit dem Privatfernsehen veränderte sich die Regie von Fußballspielen. Es gab mehr Kameras und mehr Großeinstellungen, man wollte näher ran und emotionaler sein. Und was ist schon emotionaler im Fußball als der Moment, in dem ein Tor fällt.

Der virtuelle Messi ist der bessere Messi – wenn Messi ihn spielt

Fußballprofis haben längst ein klares Bewusstsein davon, dass die Spielfelder von Kameras umstellt sind. Das führt einerseits zu gesteigerter Selbstkontrolle, weil es nicht mehr reicht, dass der Schiedsrichter eine Tätlichkeit nicht sieht, sondern sie auch von den Kameras nicht festgehalten werden darf, wenn man einer nachträglichen Bestrafung entgehen will. Das Spielfeld als Bühne befördert Eitelkeiten bei der Auswahl der Schuhe oder bei der Frisur. Und es hat den Torjubel immer exaltierter werden lassen. „Moderne Stürmer deuten selbst nach simplen Abstaubern eitel auf ihre Rückennummern oder recken die Zeigefinger bedeutungsschwanger in Richtung Himmel. Ganz so, als habe der liebe Gott gerade partout nichts Besseres zu tun, als beim Montagsspiel der Zweiten Liga reinzuschauen“, spottet Philipp Köster im Fußballmagazin 11 Freunde.

Der Fußballprofi von heute begegnet sich aber nicht nur wieder, wenn er den Fernseher anstellt. Mediale Rückkopplungen sind durch die Videoanalyse ein selbstverständlicher Teil des Berufsalltages geworden. „Strategie und Taktik erhalten durch mediale Visualisierungsverfahren Realität“, schreibt Markus Stauff. Für den Medienwissenschaftler von der Universität in Amsterdam ergibt sich daraus die Frage: „Kann man Taktik sehen?“

Die Antwort darauf ist ein klares „Ja“. Taktik wurde schon sichtbar gemacht, als die Medien der Vermittlung noch eine Magnettafel mit aufgemaltem Fußballfeld oder eine Flipchart sowie ein paar Filzstifte waren, mit deren Hilfe die Trainer zu zeigen versuchten, wie sie beabsichtigten zu spielen. Stauff weist auf das interessante Detail hin, dass Herbert Chapman als eines der größten Genies in der Geschichte des Fußballs immer ein medial denkender Mensch war. Der legendäre Manager von Arsenal London sorgte sich nicht nur um die gute Sichtbarkeit des Spiels für die Zuschauer, indem er die braun-grauen Bälle mit weißer Farbe anstrich, den Spielern Rückennummern gab und schon in den frühen dreißiger Jahren für Flutlichtbeleuchtung plädierte. Chapman erfand auch besagte Magnettafel, um taktische Züge erklären zu können.

„Medien werden genutzt, um Situationen zu definieren und zu modellieren“, schreibt Stauff weiter. Sie zeigen den Idealfall einer Viererkette an, wie er im Spiel so nie vorkommt, weil dort niemand in irgendwelchen idealen Positionen verharrt, sondern die Dinge dynamisch und flexibel sind. Trotzdem nehmen sich die Spieler selbst inzwischen wie auf ihren Lehrvideos wahr. Videoanalyse und Videoschulung verändern den Fußball nachhaltig. Das Bewusstsein dafür, was richtiges und was falsches Verhalten auf dem Platz ist, wird den Spielern durch die Bilder deutlicher. Und es verstärkt den Stil, dass die meisten Mannschaften inzwischen defensiv gut organisiert sind und gut umschalten, was wir später in diesem Buch noch genauer untersuchen werden.

Doch es gibt noch weitere mediale Rückkopplungen, auf die als Erster Klaus Theweleit in seinem Buch Tor zur Welt hingewiesen hat. Der Kulturwissenschaftlerhat dort die These vom „digitalisierten Fußball­spie­ler“ aufgestellt. Die Spielweise von Fußballprofis sei heutzutage, so meint Theweleit, auch durch ihre Erfahrungen in virtuellen Welten beeinflusst, vor allem durch Computerspiele.

Eine überraschende Bestätigung der These bekam ich in der Präsidentenloge im Stadion Camp Nou. Der Raum ist vom Licht aus den Pokalvitrinen nur matt erleuchtet, an Spieltagen empfängt der FC Barcelona hier seine Ehrengäste, nun war es der Ort für ein Gespräch mit dem besten Fußballspieler der Welt. Lionel Messi kam in Latschen direkt vom Training, war noch ungeduscht und nahm Platz in einem der schwarzen Ledersessel. Ich fragte mich unwillkürlich, wie dieser freundlich-schüchterne junge Mann der Schrecken aller Abwehrreihen werden konnte.

Messi lächelte viel, dosierte aber seine Auskünfte homöopathisch und sprach so leise, als wolle er nahelegen, dass man um das Gesagte nicht so viel Aufhebens machen soll. Ich hatte gelesen, dass der Argentinier wie viele Fußballprofis viel Zeit an der Spielkonsole verbringt. Außerdem hieß es, dass er dort ausschließlich Fußball spielte und dabei ziemlich gut sei. „So wird zumindest behauptet“, sagte Messi zurückhaltend.

Messi ist 1987 geboren und in einer Zeit aufgewachsen, in der die Prozessoren der Computer und Spielkonsolen immer leistungsfähiger geworden waren. Er begegnet daher am Bildschirm animierten Spielern, die einen hohen Grad an optischer Ähnlichkeit mit realen Fußballstars haben. Ich fragte ihn, mit welchem Team erspielt. Messi grinste: „Mit unserem.“

Der beste Spieler der Welt spielt also in einem Videospiel seine Mannschaft, spielt er auch sich selbst? Messi grinste noch immer und nickte erneut.

Es war allerdings eine besonders verblüffende Vorstellung von Identitätsverknotung, dass er am Bildschirm mit sich selbst spielte. Ich fragte ihn, ob er von den Erfahrungen am Bildschirm eventuell sogar etwas mit ins reale Spiel nehmen könne? „Man sieht gewisse Dinge und versucht, sie auf dem Spielfeld nachzuahmen. Aber manches davon ist auf dem Platz unmöglich.“

Also ist der Messi auf dem Bildschirm, zumindest wenn er von Messi gespielt wird, besser als der reale?

Messi nickte erneut.

In Deutschland sahen sich die Fans erstmals 1992 mit dem Umstand konfrontiert, dass man Fußball auch zählen kann. Damals wurde zum Start der Bundesligasendung ran bei Sat. 1 auch die ran-Datenbank aufgebaut, die das Publikum plötzlich mit Informationen versorgte, wie es sie vorher nicht gegeben hatte. Da erfuhr man auf einmal, dass eine Mannschaft die meisten Gegentreffer nach Flanken von der linken Seite kassiert oder erstmals seit Spielen wieder nach einem Eckball ein Tor erzielt hatte. Meistens stießen diese Informationen auf Ablehnung, sie galten vielen Fans als typisches Beispiel für jene Überbewertung von Nebensächlichkeiten, die man der Fußballberichterstattung im Privatfernsehen damals sowieso unterstellte.

Die Datensammlung war beileibe kein deutsches Phänomen. 1996 begann die Firma Opta Index die Spiele der englischen Premier League statistisch so aufzubereiten, wie es der ehemalige Assistenztrainer der englischen Nationalmannschaft Don Howe vorgeschlagen hatte. Als das Unternehmen im Jahr 2000 vom Fernsehsender BSkyB gekauft wurde, wurden so auch die Spiele der ersten Ligen in Spanien, Holland und Japan erfasst. Ab 1998 kamen die Welt- und ab 2000 die Europameisterschaften hinzu. Inzwischen ist Opta unter dem Namen Opta Sport Daten auch in Deutschland vertreten und konkurriert mit der Firma Impire, die aus der ran-Datenbank hervorgegangen ist.

In England wurden die Ergebnisse der Daten erhebung in der Premier League einige Spielzeiten lang in einem Jahrbuch veröffentlicht, das vom Liga-Sponsor Barclays Bank in Zusammenarbeit mit Opta Index entstanden war. Dort gab es eine Fülle von statistischen Ergebnissen zu Teams und einzelnen Spielern. Im letzten Jahrbuch, das nach der Saison 2001/2002 erschien, konnte man etwa nachlesen, wie effektiv eine Mannschaft vor dem gegnerischen Tor gewesen ist. Manchester United war hier am besten, die Mannschaft hatte 15,6 Prozent ihrer Torschüsse zu Toren gemacht. Der FC Sunderland war in dieser Kategorie mit nur sieben Prozent Letzter. In der Tabelle wirkte sich das anders aus, als man erwarten würde: Manchester wurde nur Dritter, Sunderland rettete sich als Viertletzter vor dem Abstieg.

Dass Passgenauigkeit etwas über die Qualität einerMannschaft aussagt, liegt auf der Hand. Doch auch hier landeten die beste und die schlechteste Mannschaft am Ende der Saison nicht an der Spitze oder am Ende der Tabelle. Manchester United erzielte sowohl die höchste Passgenauigkeit (81,3 Prozent) insgesamt als auch bei den Pässen in der gegnerischen Hälfte, den Kurzpässen und den langgespielten Bällen. Der Fünftletzte, Bolton Wanderers, kam auf die geringste Zahl angekommener Pässe insgesamt (65,8 Prozent) und lag auch bei den Bällen in der gegnerischen Hälfte, den Kurz- und Langpässen hinten. Manchester United schlug zudem die besten Flanken – kein Wunder angesichts von Spielern wie David Beckham und Ryan Giggs auf den Flügeln. 28,3 Prozent fanden den Mitspieler, beim schlechtesten Team in dieser Kategorie, Derby County, waren es nur 20 Prozent.

Warum die Mannschaft von Sir Alex Ferguson jedoch 2002 nicht englischer Meister wurde, ließ eine weitere Statistik ahnen. Bei den Tacklings hatte sie eine Erfolgsquote von nur 70,7 Prozent – die schlechteste Mannschaft der Premier League. Angeführt wurde die Statistik vom Champion Arsenal mit 76 Prozent. Wie stark das Team von Arsène Wenger in jener Saison in der Defensivarbeit war, zeigte auch, dass es den Gegnern im Laufe der Saison nur 110 Schüsse aufs eigene Tor erlaubte, Absteiger Derby County kam auf 225. Auch in der Kategorie „Clearances“, was man als Rettungstaten im eigenen Strafraum übersetzen kann, lag Manchester United am Ende der Tabelle, dort glänzte vor allem Liverpool mit dem hünenhaften Finnen Sami Hyppiä und dem Schweizer Stéphane Henchoz, der früher beim Hamburger SV gespielt hatte.

Auf den Spielstil lassen die Statistiken ebenfalls Rückschlüsse zu. Dass Arsène Wenger beim FC Arsenalschon damals am Kombinationsfußball arbeitete, derauf schnellen Flachpass kombinationen fußt, zeigte sich im verblüffend geringen Anteil von Kopfballtoren. Sieben waren es insgesamt und damit nur 8,9 Prozent aller Treffer, so wenig wie bei keiner anderen Mannschaft. Aston Villa schoss fast jedes dritte Tor per Kopf. Doch bewegte Arsenal den Ball auf dem Rasen, ging es knallhart zu: Das Team wurde nicht nur am meisten gefoult, sondern beging selbst die drittmeisten Fouls. Die Mannschaft brachte so eine Reihe knappe Siege über die Zeit, elf davon mit nur einem Tor Unterschied.

Auch absolute Zahlen können deutlich machen, was während einer Saison auf dem Platz passiert. Manchester United und die Bolton Wanderers schnitten 2001/2002 nicht nur bei der prozentualen Passgenauigkeit am besten bzw. am schlechtesten ab. Auch in absoluten Zahlen waren die Unterschiede gewaltig. United spielte insgesamt 20.255 Pässe, die Wanderers nur 11.965, der Tabellen-Sechzehnte spielte auch nur 7.395-mal Pässe in der gegnerischen Hälfte (Manchester 11.747-mal). Offenbar versuchten die Bolton Wanderers in ihrer Not, den Ball möglichst zügig nach vorn zu hauen.

Auch Statistiken zu einzelnen Spielern sind aufschlussreich. Der Franzose Patrick Vieira vom FC Arsenal machte die meisten Tacklings, hatte die höchste Erfolgsrate (79,7 Prozent), aber gemessen an Fouls, Gelben und Roten Karten, war er auch der unfairste Spieler der Saison. Sein Gegenstück war der nordirische Innenverteidiger Aaron Hughes, der damals bei Newcastle United spielte und nur alle 277 Minuten ein Foul beging, also lediglich in jedem dritten Spiel. Er wurde in 34 von 38 Saisonspielen eingesetzt und kam auf insgesamt nur elf Fouls.

© 2009 by Verlag Kiepenheuer Witsch, Köln

www.kiwi-verlag.de


Christoph Biermann, geboren 1960, ist Sportkorrespondent für Der Spiegel und Spiegel Online. Als freier Autor schreibt er u.a. für taz und 11 Freunde. Bei Kiepenheuer & Witsch sind u. a. erschienen: und (mit Ulrich Fuchs) Erschienen im August 2009

00:00 24.09.2009

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare