Sarah Khan
Ausgabe 2317 | 18.06.2017 | 06:00 1

Die reale Politfolter

Was läuft Wenn die reale zur fiktionalen Welt in Konkurrenz tritt. Über das Dilemma der US-Serie „House of Cards“. Spoiler-Anteil: 21 Prozent

Die reale Politfolter

Unsere Autorin sehnt sich nach einem Sheriff wie Gary Cooper aus „High Noon“, der bei „House of Cards“ aufräumt

Foto: United Archives/Imago

Das Problem mit der Polit-Serie House of Cards, die einmal eine große Serie war, ist ihre unauflösliche Gefangenschaft in ihrer eigenen, fiktionalen Welt. Und die plötzliche Erkenntnis der Zuschauerschaft, in einer anderen Serie leben zu müssen, einer Polit-Torture-Serie namens „Trumps America“ oder „Trump scheißt der Demokratie mitten ins Gesicht und niemand tut etwas dagegen“. Wir erleben jeden Tag eine Präsidentschaftsaufführung, die anders aussieht als die des fiktiven Fieslings Francis Underwood (Kevin Spacey), der weiterhin mit Shakespeare flirtet, als sei nicht längst der White Trash im Weißen Haus ausgebrochen.

Melania, Ivanka, Steve Bannon – die wären in den Kulissen von Heidi Klum („Mwuah! Mwuah!“) oder bei der Teleshopping-Queen Judith Williams („Rich Rose Face Creme“) ästhetisch besser aufgehoben. Aber einen stilsicheren Geschmack zu haben ist kein herrschaftssicherndes Instrument mehr, und entsprechend fällt auch Robin Wrights kühle Darstellung der Präsidentengattin Claire Underwood gegenüber der Wirklichkeit ab.

Kollusionen zwischen Filmen und einer veränderten politischen Realität hat es einige Male gegeben. Doch man musste immer ein wenig zurückgehen, um Beispiele dafür zu finden. Ich hätte nie gedacht, eines Tages selbst so einen schmerzhaften Zwiespalt zu empfinden und einem Kunstwerk vorwerfen zu müssen, sich nicht anständig orientiert zu haben.

Vormals betroffen von dem Dilemma war die Vier-Sektoren-Komödie Eins, Zwei, Drei von Billy Wilder aus dem Jahr 1961, die plötzlich vom Bau der Mauer überschrieben wurde. Das Publikum brauchte einen Generationswechsel, um so herzlich darüber lachen zu können, wie der Film mit James Cagney, Lilo Pulver und Horst Buchholz es von Anfang an verdient hätte.

Auch Ernst Lubitschs 1942 uraufgeführte Komödie Sein oder Nichtsein über die Nazibesatzung in Polen hatte es schwer bei den Kritikern seiner Zeit – sie galt mit ihrer unbeirrten Herzensintelligenz als verharmlosend und wirkte auf die Zeitgenossen verstörend. Gestapo-Chef Gruppenführer Erhardt – „man nennt mich auch Konzentrationslager-Erhardt“ – ist ein Juwel von einer Kunstfigur, der Darsteller Sig Ruman bekam verdient eine Oscarnominierung; aber sie war für das Publikum angesichts so enthemmter Menschenschlächter wie Hans Frank, Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich sicher nicht so entspannt zu genießen, wie es später den Studenten in der Programmkinozeit der 1980er Jahre vergönnt war.

Bei der fünften Staffel von House of Cards kommt ein schwerwiegender Mangel hinzu: Sie hat uns keinen Trost anzubieten. Sie kapriziert sich auf die Bemühungen der Underwoods, eine Diktatorenschaft zu etablieren. Das mögen spätere Generationen mit einem gewissen Erkenntnisgewinn betrachten, aber ich halte dies hier und jetzt nur schwer aus. Mein Bedürfnis ist es, Trump, ich meine Underwood, in Ketten gelegt zu sehen, enttarnt, beschimpft, besiegt. Dann würde ich meine Seele an dieser Serie laben. Die Not ist so groß, ich will jetzt einen Sheriff, der wieder Recht und Ordnung in die Stadt bringt. Ich will Gary Cooper aus High Noon.

Diese Figur gibt es in den Dramaturgien unserer Serien nicht mehr, mit Ausnahme der weiblichen Polizistinnen in der Fargo-Serie, aber die haben so etwas Unbewusstes, als wären sie Rankpflanzen; die schaffen auch immer, was sie sich vorgenommen haben, sind mir aber zu unheldisch. Es braucht schon Gary Cooper, der sich dem Bösen entgegenstellt, und nur eine Stunde Zeit hat, um Verbündete zu finden (High Noon von 1952 erzählte übrigens schon in Echtzeit, das hat nicht 24 erfunden). Um 12 Uhr mittags wird der Zug den Banditen bringen, der den Sheriff töten wird und dann die Stadt übernimmt. Wenn sich ihm niemand entgegenstellt. Die Stadtbewohner sind feige, sie ducken sich weg. Nur ein Alter und ein Junge wollen Gary Cooper helfen.

Es steht nicht gut um uns, da wir jetzt wieder da stehen, wo Gary Cooper damals stand. Für einige Menschen ist James Comey, der entlassene FBI-Direktor, Gary Cooper. Bald wird er vor einem Untersuchungsausschuss eine wichtige Aussage machen. Ich ahne, was er singen wird, zur Melodie von Do not forsake me: „Do not know what fate awaits me / I only know I must be brave / And I must face a man who hates me / Or lie a coward, a craven coward / Or lie a coward in my grave.“

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 23/17.

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