Alf Mayer
Ausgabe 1617 | 30.04.2017 | 06:00 1

Die Realität erfinden

Wiederentdeckung Mit Hardboiled-Charme ermittelte Tony Casella schon in den 1980ern. „No One Rides For Free“ ist Teil zwei einer Trilogie des preisgekrönten Autors Larry Beinhart

Die Realität erfinden

Die im Kriminalroman bisher wenig betretene Welt der Nadelstreifen

Foto: Orlando/Three Lions/Getty Images

Elementare Sätze im Zeitalter von Fake News: „Wahrheit ist Wahrheit. Affenscheiße ist Affenscheiße. Das ist das grundlegende Menschenrecht und vielleicht die höchste Bestimmung des Menschen — die Wahrheit von der Affenscheiße unterscheiden zu können.“ Sie fallen im Roman You Get What You Pay For von 1988. Es war der zweite Kriminalroman des US-Autors Larry Beinhart, mit dem eine Wiederbeschäftigung sich dringend lohnt. Sein Erstling No One Rides For Free wurde gerade bei Emons als „vintage crime“ wiederaufgelegt.

Kinogängern bekannt ist Beinharts böse Politsatire American Hero (1993) mit Dustin Hoffman und Robert De Niro verfilmt als Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt. Der nun wieder gar nicht so fern liegende Inhalt: Zwei Wochen vor der Wiederwahl wird dem US-amerikanischen Präsidenten vorgeworfen, eine Schülerin sexuell belästigt zu haben. Sein Wahlkampfteam engagiert Conrad „Mr. Fix-It“ Brean, um die Wahl zu retten. Sein Rezept: die Aufmerksamkeit der Medien auf einen (fiktiven) Krieg zu lenken, den er mit Hilfe eines Filmproduzenten in Szene setzt. Die Wahl fällt auf Albanien, weil die Öffentlichkeit über das Land nichts weiß. Im Studio werden angebliche Augenzeugenberichte produziert und in den Nachrichten die Meldung verbreitet, dass albanische Terroristen eine Atombombe in einem Koffer versteckt in die USA schmuggeln wollen.

Genug an Aktualitätsbezug? Barry Levinsons Wag the Dog wurde lange vor Trump und auch lange vor Bill Clintons Lewinsky-Affäre fertiggestellt. Der ließ 1998 während der Anhörungen zu seiner Affäre den Irak bombardieren (Operation „Desert Fox“). 2003 engagierte die Regierung George W. Bush einen Hollywood-Kameramann, um die Rettungsaktion der in Gefangenschaft geratenen Jessica Lynch medienwirksam ins Bild zu setzen. Kritiker sprachen damals in Anlehnung an Steven Spielbergs Film von „Saving Private Jessica“. Wir können gespannt sein, was Trumps Mephisto Steve Bannon, Autor von bisher acht demagogischen Dokus, noch alles einfallen wird.

Politische Dimension

Umso wichtiger wird der Widerstand, the resistance, wie er sich bereits in den USA formiert. Natürlich muss da der Kriminalroman dabei sein und man wird sehen, wie und welchen Niederschlag „The Age of Trump“ in der Fiktion finden wird. Es ist Zeit, an die Maxime des englischen Schriftstellers J. G. Ballard zu erinnern. „Die Fiktion ist bereits vorhanden. Aufgabe des Schriftstellers ist es, die Realität zu erfinden“, sagte er gerne.

„Keiner hätte uns das geglaubt“, jammerten deutsche Krimi-Schreiber, auf den fehlenden Roman zur Barschel-Affäre angesprochen. Solch ein Einwand aber heißt, das falsche Pferd falsch herum aufzuzäumen. Heißt, durch Nichtschreiben mitzustricken an jenem Banal-Narrativ, in dem wir alle gefangen sind. Viele Krimiautoren, und besonders gerne die der sogenannten soziopolitischen Prägung, haben die falsche Art von Respekt vor der Realität. Sie schreiben sie nur ab statt um. Larry Beinhart, der wirklich so heißt und alle deutschen Witze zu seinem Namen kennt, exerziert in No One Rides For Free geradezu musterhaft vor, was im Genre möglich ist: nämlich die (scheinbar) mühelose Verschränkung von Fiktion und politischer Realität, die schonungslose Aufdeckung krimineller politischer Geschäftemacherei — also wenigstens in der Fiktion.

Der erste Auftritt des Privatermittlers Tony Cassella war so überzeugend, dass es dafür 1987 den Edgar-Allan-Poe-Award für das beste Debüt gab. Cassella ist ein Mann für alle Jahreszeiten: „Ich jage Kautionsflüchtige. Ich schürfe nach dem nötigen Dreck für Scheidungen. Ich spüre die Wirtschaftsganoven großer Firmen auf ... Ich hab ein paar äußerst diskrete Sachen für Politiker erledigt. Ich biete Diskretion, Loyalität, überlegene Intelligenz und einen halben juristischen Grad.“ Einmal im Leben, sagt er, sei er am richtigen Platz gewesen, nämlich in Yale, auch wenn er die Ausbildung nie abgeschlossen habe.

Runde zwei Jahrzehnte später ist daraus – so osmotisch wirken manche Autoren, die ihrer Zeit voraus sind – eine serientaugliche Figur geworden: der hochbegabte Hochschulabbrecher Mike Ross aus Suits (inzwischen in der sechsten Staffel).

No One Rides For Free ist nicht einfach ein weiterer Privatdetektivroman, wie er in den 1980ern üblich und von Autoren wie Robert B. Parker geprägt war: hardboiled und mit dem Herz auf dem richtigen Fleck, der neuen Zeit und den starken Frauen ein charmant raubeiniges Gegenüber. Das alles ist Tony Casella, der Held von gleich drei Romanen Larry Beinharts, auch. Aber es gibt da einen Mehrwert, eine gesellschaftliche und eine politische Dimension, die diesen Roman (und die weiteren Bücher von Larry Beinhart) auch zwei Jahrzente später immer zu einer unterhaltsamen und erkenntnisreichen Lektüre machen. Larry Beinhart wagte sich – dies fünf Jahre vor John Grishams Die Firma – aus dem Westernsaloon in eine im Kriminalroman weniger betretene Welt, nämlich in die der Nadelstreifen und Anwälte. In die der Eliten, der Klassenjustiz und der Geschäftemacherei auf allen politischen Ebenen. Wer darüber schreibt, schrammt schnell an Klischees und kann die Nadelstreifen vom Parkett sammeln.

Schatten der Großmeister

Hier braucht es gut abgehangenes Insiderwissen und eine erzählerische Haltung. Einen eigenen Biss. Der Großmeister solcher Kriminalliteratur, die scheinbar leichtfüßig daherkommt, dabei elegant die Machtstrukturen unserer modernen Welt aufrollt, war der Romancier Ross Thomas (1926 – 1995). Weniger bekannt ist Richard Condon (1915 – 1996), dem wir die satirische Überdrehung der Angst vor Unterwanderung (Botschafter der Angst, 1963) und die Mafia-Groteske Die Ehre der Prizzis verdanken. Beide Großmeister werfen bis heute lange Schatten. Beinhart behauptet sich hier. Noch schärfer war sein zweites Buch, das eingangs zitierte You Get What You Pay For, in dem Cassella den Mafia-Verbindungen des (offiziell davon weißgewaschenen) US-Justizministers nachspürt. Auch hier hat die Trump’sche Realität längst nachjustiert, warten wir auf die Autoren, die Larry Beinhart übertrumpfen können. Im dritten Roman Foreign Exchange muss Tony Cassella nach Europa emigrieren und arbeitet (wie sein Autor zeitweise) als Skilehrer. Beinharts deutscher Übersetzer Jürgen Bürger hält die Romane in seinem Kölner Verlag Spraybooks als E-Books vorrätig. Das ist eine gute Sache, denn dieser bemerkenswerte Autor verkörpert die Kraft der Subversion wie nur wenige andere im Genre, der Großmeister Ross Thomas natürlich ausgenommen.

Nicht übersetzt, aber wichtiger denn je ist Larry Beinharts Nonfiction-Buch Fog Facts. Searching for Truth in the Land of Spin (2005). Gegen die Faktenverdrehungen und Nebelkerzen der Bush-Präsidentschaft gerichtet, liest sich das Buch heute als ein frösteln machendes Präludium. Und antiquarisch lohnt sich rororos thriller-Magazin 9 von 1994, das Beinhart damals herausgab und mit einem bemerkenswerten Beitrag zierte. Seine Überschrift: „The Joy of Genre“. Das Genre ist ein Spielfeld, begründet er darin, „und ich will spielen“.

Info

No One Rides For Free Larry Beinhart Werner Waldhoff (Übers.), Emons 2017, 272 S., 14,95 €

Alf Mayer ist Kritiker und Redakteur des Online-Magazins CulturMag

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 16/17.

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