Die Realität der Übergangsgesellschaft

Türöffner Anmerkungen zur zeitgenössischen Literatur aus dem Land der "orangenen Revolution"

Die letzte Liebe des Präsidenten. Der Titel des Romans, den der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow vorgelegt hat (s. Freitag vom 3. 12. 2004), klingt prophetisch: Darin schildert er die Ukraine nach 2011: Irgendein Präsident regiert, ein junger Oligarch erhebt sein Haupt, während die Abhängigkeit von Russland wächst und wächst. Sieht so die Zukunft des Landes in Aufruhr aus? Kurkow seufzt: "Ich hoffe es nicht. Ich hoffe, die Ukraine wird weiterhin zwischen Russland und Europa aufgespannt hängen wie bisher."

Und sein Landsmann, der Essayist Jurij Andruchowytsch, ergänzt: "Die Ukraine grenzt unmittelbar an die EU. Aber ich merke, dass die Ukraine nicht mal als Randregion Europas betrachtet wird ... Das ist doch eine neue, interessante Erfahrung: Wie kann auf einem Territorium, das als völlig hoffnungslos gilt, etwas Neues entstehen? Genau das passiert hier derzeit."

Die Bürger dieser vom Westen vernachlässigten Nation zeigen plötzlich Zivilcourage und formulieren eine deutliche Absage an die sowjetisch anmutenden Manipulationsstrategien und die Versuche, eine Ost-West-Spaltung des Landes herbeizuführen. Denn es gibt ja eine Kulturgrenze innerhalb der Ukraine. Sie verläuft zwischen den orthodoxen, russischsprachigen östlicheren und südlicheren Regionen, die Jahrhunderte lang von russischen Zaren regiert wurden, und den griechisch-katholischen, von polnischer sowie österreichischer Fremdherrschaft geprägten westlichen Landesteilen, die auf der ukrainischen Sprache bestehen.

Von daher rührt auch die Österreich-Begeisterung der nationalbewussten Westukraine, die der Intellektuelle Jurko Prochasko noch im Frühsommer 2004 mit der Sehnsucht nach Europa, der Unzufriedenheit mit der eigenen Regierung und dem Messianismus der Westukraine gegenüber den anderen Landesteilen, also mit dem Bewusstsein erklärte, die wahre Ukraine zu sein. Nur wenige Monate später trägt die Westukraine mit ihrer Gebietshauptstadt Lemberg, ukrainisch Lwiw, wieder einmal zu einer Bewegung bei, die von Russland abrückt und sich den europäischen Demokratien annähern will. Die bekannte Literaturkritikerin Solomija Pavlytschko meinte über die Stimmung: "Wien ist dort die Hauptstadt". Heute wird sogar über ein Denkmal für den österreichischen Kaiser nachgedacht. Dem Überangebot russischsprachiger Medien werden hier konzentriert ukrainischsprachige Radiosendungen, Zeitungen und Bücher entgegengesetzt.

Doch einen Bürgerkrieg zwischen den beiden Ukraines wird es nicht geben, wenn man der ukrainischen Autorin Oksana Zabuzhko glaubt. Sie schreibt im Internet: "Es muss für diese Berichterstatter eine große Überraschung sein, nichts von diesem Szenario in der Luft zu spüren ..."

Mit 48 Millionen Einwohnern verheißt die Ukraine scheinbar einen großen Buchmarkt. Es handelt sich aber um einen geteilten Markt, dessen eine Hälfte den Produkten in russischer Sprache gehört. Das sind Bücher, die in Russland herausgegeben werden und auch auf den ukrainischen Markt drängen, sowie Bücher zahlreicher ukrainischer Autoren, die zur besseren Verbreitung ihrer Werke in russischer Sprache publizieren. Dazu zählt vor allem der in Deutschland mit seinen Romanen um den Pinguin Mischa Picknick auf dem Eis" und Pinguine frieren nicht erfolgreiche Andrej Kurkow. Er war, wie er im Internet schreibt, mit der russischen Sprache aufgewachsen: "Mein Verhältnis zur Westukraine war von Kindheit an nicht frei von Vorurteilen. Zum ersten Mal war ich dort auf einem Schulausflug. Dort war alles anders als in Kiew. Aber am meisten erstaunte es mich, dass die Menschen in der Westukraine ukrainisch sprachen, hatte ich doch angenommen die ganze Sowjetunion spräche nur russisch."

Die andere Hälfte des Marktes, also Publikationen in ukrainischer Sprache, werden zu 80 Prozent in den beiden Städten Lemberg und Kiew verkauft. Der Rest wird eher in der Westukraine abgesetzt als in anderen Landesteilen. Das liegt vor allem an fehlenden Distributionsstrukturen außerhalb der Städte und der Dominanz der russischen Sprache in der Ost- und Südukraine.

Angesichts der schmalen Leserschaft in der Ukraine selbst verwundert es nicht, dass in den 13 Jahren der Unabhängigkeit über die Landesgrenzen hinaus recht wenig von der ukrainischen Literatur zu hören war. Übersetzungen ins Deutsche sind noch rar: Ein Begriff unter Ukraine-Interessierten ist Anna-Halja Horbatsch, die im eigenen Brodina-Verlag unermüdlich zweisprachige Werkausgaben und Hintergrundliteratur herausgibt. Erst vor kurzem drang Jurij Andruchowytsch auf den deutschsprachigen Buchmarkt vor: Die Lektorin des polnischen Autors Andrzej Stasiuk hatte die Übersetzung von deren Gemeinschaftswerk Mein Europa angeregt, der Nachfolgeroman Das letzte Territorium wurde ins Deutsche übersetzt. Andruchowytsch erhielt so auch im Ausland gute Kritiken und die Möglichkeit zu ausgedehnten Lesereisen. Er gilt nun als "Türöffner" für die ukrainische Gegenwartsliteratur im deutschsprachigen Raum.

Im Gegensatz dazu sind einige Schriftsteller der ukrainischen Gegenwartsliteratur in Polen, Russland und Weißrussland bereits erfolgreich. Im englischsprachigen Raum konnte sich Oksana Zabuzhko etablieren, eine Vertreterin feministischer Literatur, die einige Zeit in den USA gelebt hat. Ihr 1996 erschienener Roman Feldforschung zum ukrainischen Sex schlug in der Ukraine und in den USA hohe Wellen.

Zensur und Moral

Eine offizielle Zensur existiert nicht. Probleme mit der Freiheit des Wortes bestehen dennoch. Am meisten davon betroffen sind abhängige Publikationen, die von staatlichen oder wirtschaftlichen Institutionen finanziert werden. Doch sie können auch mit subtileren Mittel Einfluss nehmen: sehr beliebt ist eine gründliche Prüfung durch das Steueramt, dem es aufgrund der undurchsichtigen, hoch komplizierten ukrainischen Steuergesetze nicht schwer fällt, Mängel aufzudecken und die Arbeitsabläufe zu behindern. Problematisch sind auch die nationalen Empfindlichkeiten und gesellschaftlichen Tabus, die nicht immer alle gleichzeitig beachtet werden können. So werden neben Sympathien für das Russische auch feministische Anwandlungen als Verrat an der nationalen Idee betrachtet. Solomija Pavlytschko formuliert das in ihrem Band Feminizm so: "Nationalismus verlangt die Einigkeit eines gesamten Volkes in Bezug auf die nationale Idee. Feministen innerhalb der Nationalkultur hinterfragt, riskieren es, Verräter genannt zu werden." In einem Interview schildert Oksana Zabuzhko die Wirkung ihrer offenen Schilderung weiblicher Standpunkte und Sexualität in dem Roman Feldforschung zum ukrainischen Sex in ihrer Heimat folgendermaßen: "Der Skandal selbst war unerhört - über ein Jahr lang war ich im Mittelpunkt der Medienaufmerksamkeit, zusätzlich zum Spießrutenlaufen durch hässliche persönliche Angriffe. Ich wurde beschuldigt, die öffentliche Moral zu verletzen und - glauben Sie es oder nicht - sogar die Interessen der Nation zu verraten (!)."

Dennoch ist die ukrainischsprachige Gegenwartsliteratur äußerst rege. In der Westukraine gründet sie auf einem reichen Erbe deutschsprachiger Literatur wie Paul Celan, Rose Ausländer, Manès Sperber oder Joseph Roth sowie ukrainischsprachiger Literatur: Markian Schaschkewytsch als Vertreter der westukrainischen Romantik oder Iwan Franko, der wichtigste Autor des 19. Jahrhunderts neben dem ukrainischen Nationaldichter Schewtschenko, um nur zwei zu nennen.

Da die jungen Autoren der modernen ukrainischen Literatur von Stiftungen stark gefördert werden, traten sie in den letzten Jahren innerhalb der Ukraine überproportional in Erscheinung. Einen Boom gibt es im Bereich von Fantasy und Frauenprosa und hier insbesondere bei Bestsellern, die wie Helen Fieldings Bridget Jones´s Diary oder Hera Linds Das Superweib gestrickt sind. Dieser Trend hin zu kommerzieller Literatur statt zur hochliterarischen Prosa zeichnet sich auf dem Buchmarkt erst seit etwa zwei Jahren ab. Junge Autoren, die ukrainisch schreiben, leben mit wenigen Ausnahmen in Kiew oder in Lemberg. Viele arbeiten als Dozenten oder Reiseleiter. Das Schreiben allein sichert keinem von ihnen einen Lebensunterhalt.

Am Beginn der postsowjetischen Autorengeneration in Lemberg steht die Gruppe "BU-BA-BU", die 1985 von Jurij Andruchowytsch, Viktor Neborak und Oleksandr Irwanets gegründet wurde. Sie begannen mit Lesungen im Freundeskreis. Ab 1987 traten sie mit Performances ihrer musikalisch-theatralischen Poesievorträge an die Öffentlichkeit. Zentral für ihre Literatur war, in Anlehnung an Bachtin, die Theorie, dass die Gedichte nicht aus sich selbst, sondern aus ihren Figuren heraus entstehen sollten. Sie machten die Sprache der Bauern und des Nationaldichters Schewtschenko zu einer Sprache der Avantgarde. Wie das Beispiel Andruchowytsch zeigt, erneuerten sie die ukrainische Literatursprache, indem sie verschiedenste historische und ethnische Schichten auf der Suche nach einer neuen Identität zu einer Synthese zusammenführten.

Das "Stanislauer Phänomen"

1960 in Iwano-Frankiwsk (früher Stanislau) geboren, kam der Autor mit sieben Jahren auf eine Schule, in der Deutsch als erste Fremdsprache gelehrt wurde. Er studierte an der Polygraphischen Hochschule in Lemberg Journalismus und nach ersten Erfolgen von 1989-1991 in Moskau Literatur. Mitte der achtziger Jahre gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der literarischen Gruppe "BU-BA-BU". Als Viktor Neborak, Mitbegründer der Gruppe, Andruchowytsch kennenlernte, zeigte er sich erstaunt darüber, dass es ukrainische Autoren gibt, die nicht aus Lemberg kommen, und nannte ihn ein "Stanislauer Phänomen". Jurij Andruchowytsch gehört zu den zahlreichen Intellektuellen, die in der Übergangsgesellschaft der seit 1991 unabhängigen Ukraine eine Rolle spielen möchten und daher das Bleiben dem Auswandern vorziehen; dabei hat sich eine anfängliche Idealisierung von Westeuropa mittlerweile in eine kritisch-distanzierte Beobachtung gewandelt.

Bekannt wurde Andruchowytsch für seine Lyrik. Nun schreibt er Prosa, mit der er auch im Ausland bekannt wurde. Er gilt als Erneuerer der ukrainischen Sprache. Sein innovativer Stil ist eine Synthese vielfältiger Einflüsse: Er wuchs in einer gebildeten, kleinadeligen Familie auf, die nach der so genannten kakanischen Tradition auch in der Sowjetunion eine geheime Welt voll altgalizischer Traditionen fortführten. Daher finden sich für den eingeweihten Leser in Andruchowytschs Werken zahlreiche Geheimcodes, die früher eine Subversion gegen die Sowjetunion darstellten und heute gegen den mitteleuropäischen Code, den Surzhyk (eine Mischung aus ukrainischen und russischen Elementen) und das Russische der Gesamtukraine gleichermaßen gerichtet sind.

Die multikulturelle Tradition der ehemals polnisch und habsburgisch geprägten westlichen Landesteile mit ihrem bedeutsamen Anteil jüdischen Kulturerbes ist eine weitere Quelle sprachlicher Besonderheiten. Schließlich stellen auch der im Armeedienst persönlich erfahrene Sowjetjargon und der heutige Einfluss der russischen Sprache Stilmittel für Andruchowytsch dar. Diese Besonderheiten parodiert der Autor durch Konfrontation mit der Hochsprache. So gelingt es ihm, in der Deskription scheinbar phantastischer Szenarien seine Vision vom habsburgischen Galizien aufscheinen zu lassen und sie wiederum mit der Realität der Übergangsgesellschaft zu verbinden.

Seine Prosa ist geprägt von lyrischen Anklängen und hyperbolischen, rhythmischen Aufzählungen. Bei aller sprachlichen Perfektion fehlt seinen Formulierungen nie ein ironisches Schmunzeln, Vulgarismen und Schimpfworte erzeugen eine eigenwillige Komik. Die zahlreichen intertextuellen Anspielungen hingegen, insbesondere die Selbstzitate, sind nur für Eingeweihte erkennbar. Dieser postmoderner Stil trägt das Etikett karnevalistischer Literatur. Trotz der tieferen Bedeutungsschichten seiner Literatur und der oft unzureichenden Hintergrundkenntnis gerade ausländischer Leser besitzt Andruchowytsch inzwischen auch außerhalb der Ukraine eine Fangemeinde.

So mag "die Ukraine weiterhin zwischen Russland und Europa aufgespannt hängen wie bisher", sie wird nicht nur durch die aktuellen politischen Ereignisse ein neuer Begriff in Europa, auch der Kulturaustausch ist offenbar bereits angerollt!


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00:00 10.12.2004

Ausgabe 39/2020

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