Die Realität ist idiotisch

Mimesis und weiter Ein Symposion über das Reale auf dem Theater

Ende der siebziger Jahre erschien ein schmales Bändchen des französischen Theoretikers Clément Rosset mit dem Titel Le Réel. Traité de l´idiotie. Darin umkreist er das Phänomen des Realen und beschreibt es als im wörtlichen Sinne idiotisch, nämlich als Sachverhalt ohne Reflex oder Double, als bestimmt und zufällig zugleich und deshalb unbedeutend. "Wenn man dem Realen eine Bedeutung zuschreibt, verleiht man ihm einen imaginären Wert", folgert Rosset daraus und dies lasse jede Repräsentation des Realen heikel erscheinen. Seit einiger Zeit aber ist zu beobachten, dass sich die Theater wieder verstärkt der Realität zuwenden. Nicht nur Gruppen wie Rimini Protokoll oder matthaei konsorten. Auch die Stadttheater haben inzwischen nachgezogen, von den Münchner Kammerspielen über das Berliner HAU bis zum Schauspiel Essen. Was erhoffen sie sich davon? Einen Zugewinn an Authentizität, die schlichte Affirmation des Faktischen oder eine neue Stufe des Virtuellen? Fragen, die das Symposion Reality strikes back - Tage vor dem Bildersturm am Forum Freies Theater in Düsseldorf zu beantworten versuchte.

Die von Frank Raddatz und Kathrin Tiedemann kuratierte Veranstaltung bewegte sich selbst im Spannungsfeld zwischen Virtualität und Authentizität: Referenten wie Friedrich Kittler, Klaus Theweleit oder Künstler wie Rimini Protokoll oder Lukas Matthaei saßen leibhaftig auf dem Podium, andere wie Boris Groys oder Sam Weber waren nur per Videointerview anwesend. Diesen Gedanken einer angerufenen Präsenz nahm Friedrich Kittler quasi auf und schlug einen Bogen zurück zur Antike. An Beispielen wie dem Liebesakt von Hera und Zeus, der Flagranti-Szene zwischen Ares und Aphrodite sowie Helenas Aufspaltung in die Keusche und die Hure verfolgte er sukzessive die noch heute gängige Unterscheidung von Scheinbild und realer Figur. Bis zu Euripides habe das Wesen der Dichtung in der Anrufung der Götter bestanden; deren "Präsenz" dabei Modell- und Anstiftungscharakter besessen, ohne in der menschlichen Nachahmung an Intensität zu verlieren. Erst mit Euripides werden Zweifel am Wirken der Götter laut; die Allegorie kommt als Lösung ins Spiel und setzt sich schließlich durch.

Was Kittler emphatisch beklagte, zielte für Boris Groys auf einen entscheidende Punkt: dass das neue Gewicht der Realität in der Kunst sich als Siegeszug des Ready made beschreiben liesse, der letztlich affirmativ sei. Kunst biete keine kritische oder utopische Alternative zum defizienten Leben mehr. "Die Lösung besteht darin, dass man ein Stück Leben ästhetisiert, ins Museum oder auf die Bühne setzt und als Kunst akzeptiert". Dieser ästhetische "Hunger nach Wirklichkeit" entspräche einer eher distanzierten Haltung zur Realität; ein Gedanke, den Groys ins 19. Jahrhundert zurückverfolgte. Das Publikum wandelte sich damals zur anonymen Masse. Duchamps antwortete schließlich darauf, indem er selbst die Zuschauerposition einnahm, das Weltgeschehen als Schauspiel betrachtete und auswählte, was dann als Ready made im Museum seine Wirkung entfaltete.

Wie eine praktische Beglaubigung dieser These wirkte dazu der Bericht der Gruppe Rimini Protokoll, die in ihrer Arbeit Wallenstein Parallelen zum Drama in der gesellschaftlichen Realität sowie bei Bürgern der Stadt Mannheim suchten, ohne einen Vers von Schiller zu benutzen. Nicht unwichtig für die Arbeit von Rimini ist die Zeitstruktur. Bei Wallenstein geht das Reale seiner Repräsentation voraus. Doch selten kamen Rimini der beschworenen "1:1-Situation" so nah, wie bei Deutschland 2; einer Aktion, bei der Laien eine Berliner Bundestagsdebatte um wenige Sekunden verzögert in Bonn simulierten. Helgard Haug verwies am Beispiel von Call Cutta, das Zuschauer in Berlin mit Callcenter-Mitarbeiter in Indien für eine Stadtführung verschaltet, auf die Austauschbarkeit von Betrachter und Akteur. Zugleich könnte man sagen, dass hier die Schaffung einer zweiten Realität die Realität der Globalisierung erst wahrnehmbar macht. Gleichzeitigkeit, die aber ohne Konstruktion nicht zu haben ist - weshalb Daniel Wetzel auf die minutiös probierten Abläufe bei Rimini-Produktionen hinwies.

Im Rahmen des Symposions kamen auch zwei Produktionen zur Uraufführung. matthaei konsorten stellte ihre Produktion Vom richtigen Leben 2 vor. Wie Rimini Protokoll arbeiten auch sie bevorzugt mit Laien; diesmal allerdings ließen sie die vor einem halben Jahr erarbeitete Erstversion des Stücks von Profischauspielern nachspielen. So instruktiv dieser Versuch, so fraglich blieb die Produktion Death of Nations V: Heimwehen der International WOW-Company. Sie stellte einen merkwürdigen Dreiteiler über die US-Südstaaten, den Untergang Nazideutschlands und die Gegenwart vor, der das Nebeneinander von Klischee, Individuation und Gewalt mit Hilfe des Herr-Knecht-Modells am Beispiel von Weiß/ Schwarz, Nazi/Jude, Amerikaner/Nazi, Mann/Frau, Amerikaner/Araber usw. durchexerzierte.

Das Verhältnis von Realität und Repräsentation bleibt immer ein prekäres. Der Psychoanalytiker und Philosoph Sam Weber erörterte dies am Beispiel von Lacan und Derrida, die mit Begriffsassoziationen wie "résistance" und "reste" auf das Widerständige des Realen hingewiesen hätten. Einen Gedanken, den Weber auf den Begriff der Heterogenität verdichtete. Das Reale geht weder in seiner Erkenntnis auf, noch in der Wiederholung und ist doch zugleich in der raum-zeitlichen Situiertheit des Schauspielers schon gegenwärtig. Nach diesem philosophischen Höhenflug blieb es Klaus Theweleit vorbehalten, am Beispiel des 11. September dem Verhältnis von Realität und Fiktion im Politischen nachzugehen. Als Beispiele benutzte er neben einer Bush-Rede, amerikanische Nachrichtensendungen und hinterfragte die Neigung vieler Künstler, die WTC-Katastrophe, also den Einbruch des realen Todes, in Bezug zur Fiktion zu setzen. Theweleit beharrte auf der Existenz zahlreicher Realitäten, ihrer Begriffssysteme sowie der Analyse ihrer Relationen zueinander. Sein eher kursorischer Vortrag stand am Ende eines Symposions, das mit seinen sehr unterschiedlichen Ansätzen den Blick öffnete nicht nur für die schwierige Bestimmung des Realen selbst, sondern dafür, was künstlerische Repräsentanz von Realität jenseits des alten Mimesisgedankens überhaupt sein könnte.


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00:00 22.09.2006

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