Die Reblaus war französisch

Vom insekt zum Sozialparasiten Mit "Schädlinge" hat Sarah Jansen die abenteuerliche Geschichte eines wissenschaftlichen und politischen Konstrukts geschrieben

Ein bunter rundlicher Käfer, mitsamt seinen Eiern und Larven auf Kartoffellaub drapiert, hergestellt aus Zuckerguss, in einem Kästchen mit Glasschiebedeckel und belehrendem Beipackzettel über seine Gefährlichkeit, zu Hunderttausenden produziert und in alle Welt verschickt: Es ist Sommer 1877, als mit der Innovation der Kölner Firma Stollwerk die Popularisierungskampagne des nordamerikanischen "Schädlings" in Deutschland einen Höhepunkt erreicht. Die deutsche Wissenschaftshistorikerin Sarah Jansen arbeitet mit unterschiedlichen Spuren wissenschaftlichen Arbeitens, mit Repräsentationsformen wie Tabellen, taxonomischen Tableaus, mathematischen Gleichungen, Zeichnungen, Texten oder musealen Objekten, und sie hat ein ungewöhnliches, aufregendes, spannendes Buch über die Konstruktion eines wissenschaftlichen Gegenstands geschrieben.

Der niedlich-gestreifte Kartoffelkäfer ist nur eines der Objekte, die sie bei ihrer Suche nach der Entstehung des "Schädlings" aufspürt: Daneben wäre da etwa jener amerikanisch-französische "Fremdling auf unserem Boden" zu erwähnen, die Reblaus, die unberechenbar und unsichtbar den "deutschen Weinberg" bedroht, oder 3.800 Läuse aller Größen auf dem Hemd eines einzigen russischen Soldaten, von einem deutschen Entomologen in einem Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs untersucht, und nicht zuletzt die unscheinbare Mehlmotte, die etwa zur gleichen Zeit zum Versuchsobjekt der ersten "Entwesungen" geschlossener Räume mit gasförmiger Blausäure avanciert. Akribisch betrachtet Sarah Jansen nicht nur die Objekte, sondern auch die Protagonisten des Kampfes, ihre wissenschaftlichen Biographien und sozialen Netzwerke.

Der Ansicht, "Schädlinge" habe es doch schon immer gegeben, tritt Sarah Jansen vehement entgegen. Sie argumentiert, dass nicht nur der Begriff in Deutschland erst 1933 lexikalisch wurde, sondern auch der "durch sprachliche und nicht-sprachliche Praktiken hervorgebrachte wissenschaftliche und politische Gegenstand ›Schädling‹ im Zeitraum zwischen 1840 und 1920 entstand." In einer klaren und außergewöhnlich präzisen Sprache beschreibt sie die Entwicklung vom "schädlichen Insekt", das den ökonomischen Wert eines Waldes mindert, hin zum "Schädling", dessen Bedrohung sich viel umfassender gegen symbolische Kollektivkörper richtet, wie den "deutschen Wald", den "deutschen Weinbau" und schließlich auch das "deutsche Volk".

Was 1920 als wissenschaftlicher Gegenstand "Schädling" und naturwissenschaftliche Disziplin "angewandte Entomologie" konstituiert war, entwickelt Sarah Jansen aus dem Kontext breiter historischer Formationen: der vielschichtigen Verflechtungen von Lebenswissenschaften und Staat zu Ende des 19. Jahrhunderts, einer mit zunehmender Industrialisierung einhergehenden verstärkten Migration von Mensch und Tier, der Mathematisierung und Experimentalisierung biologischer Wissensgebiete, des Darwinismus und der Hygienekonzepte in seinem Gefolge und nicht zuletzt der chemischen Kriegsführung im Ersten Weltkrieg. Für ihren Untersuchungszeitraum von knapp 80 Jahren beobachtet Jansen wesentliche Bedeutungsverschiebungen eines wissenschaftlichen Gegenstands: "Schädliche Insekten sind Insekten, während jedes Lebewesen, auch ein Mensch, ›Schädling‹ sein kann." Sie geht dabei über eine Analyse des Begriffes hinaus und beschreibt den "Schädling" abseits einer metaphorischen Ebene als "materiales, politisches, kulturelles und historisch situiertes Objekt, für das sowohl der tierliche als auch der menschliche ›Andere‹ konstitutiv war."

Das Andere, Fremde begegnet den deutschen Entomologen zum ersten Mal in Gestalt eines kaum sichtbaren Tierchens, das sein unheilvolles Werk im Boden, an der Wurzel des Weinstocks verrichtet und um 1870 von Frankreich aus nach Deutschland einzufallen droht: "Die Reblaus war französisch, und sie war amerikanisch, und das machte sie anders als den einheimischen Maikäfer." Der Kampf gegen das politische Problem und die nationale Gefahr der migrierenden Laus richtet sich erstmals gegen die Umwelt eines Lebwesens - was Peter Sloterdijk für den Gaskrieg im Ersten Weltkrieg beobachtet, wird hier im Weinberg mittels Schwefelkohlenstoff und Phosphorwasserstoffgas initiiert. Dieser Kampf formiert als "veritables Gesamtkunstwerk preußischer Gründlichkeit in Verwaltung, Polizeikontrolle, Desinfektion und Belehrung" einen neuen Typ Wissenschaftler, den Technokraten im Auftrag des Staates.

Die wandernden Insekten regen auch die Entomologen zum Reisen an und die Wissenschaftler bringen in ihrem Reisegepäck "Wahrnehmungen von tropischem Gewimmel und schmutzigem Osten" mit nach Deutschland zurück. Gerade der "phantasmagorische Osten", so Sarah Jansen, hätte es den Wissenschaftlern angetan: Dieses unbekannte Land war in Deutschland bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Zusammenhang mit Cholera-Epidemien und bitterarmen jüdischen Pogromflüchtlingen negativ konnotiert gewesen. Im Verbund mit Hygienikern folgen die Entomologen der Front, als Deutschland 1915 in Polen einmarschiert, und reduzieren den Osten auf einen "Ort des Schmutzes und der Läusemassen" - ein "gigantisches Entlausungslaboratorium."

Der Schweizer Psychiater und Hirnforscher August Forel, einer der kenntnis- und einflussreichsten Ameisenkundler seiner Zeit, führt bereits zur Jahrhundertwende sozial- und rassenhygienische Prämissen in die Entomologie ein, indem er Parallelen zwischen Ameisenhaufen und der menschlichen Gesellschaft zieht. Unter dem Terminus "Sozialparasitismus" vergleicht Forel Alkoholiker, die als Degenerationserscheinung der Gesellschaft diese von innen zersetzen würden, mit einer Käferart, die in Ameisenhaufen lebe und die Brut der Ameisen fräße, aber geduldet würde, da sie eine für die Ameisen berauschende Flüssigkeit ausscheide. Dass der "Schädling" als "Sozialparasit" in die Gesellschaft der Menschen eingeführt, diese neuerdings von innen bedroht, erlaubt eine Fraktionierung der menschlichen Gesellschaft in Bessere und Schlechtere, in Degenerierte und Normale und stellt sich nicht als politischer Gegensatz, sondern als "biologische Alternative zwischen Ausrotten oder Ausgerottetwerden" dar, so Jansen. Karl Escherich, der Initiator und Gründungsvorsitzende der "Deutschen Gesellschaft für angewandte Entomologie" nimmt Forels Thesen auf und nationalisiert den Diskurs mit seiner Formulierung einer "Waldhygiene" des "deutschen Waldes".

Wenig bekannt, aber auch kaum überraschend ist, was Sarah Jansen für das wissenschaftliche Experimentier-Eldorado der Kriegsjahre beobachtet, dass nämlich "die großflächige chemische Bekämpfung von ›Schädlingen‹ mit dem Einsatz chemischer Waffen als Insektizide im Ersten Weltkrieg begann und dass das Insektizid Zyklon, mit dem die Nazis später unzählige Menschen in den Konzentrationslagern ermordeten, ein Ergebnis der 1917 begonnenen Kooperation von Entomologen mit den Physiko-Chemikern und Toxikologen des Gaskrieges ist." Ebenso wenig bekannt ist, dass Fritz Haber, der "Vater des Gaskriegs" und Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie es ist, der 1917 mit der Idee eines Institutes für Schädlingsbekämpfung einen Weg findet, seine Gaswaffenforschung in Friedenszeiten zu retten. So findet bereits vor Kriegsende ein Wissenstransfer aus der militärischen in die entomologische Praxis statt und Vernichtungstechniken der chemischen Kriegsführung werden in der angewandeten Entomologie etabliert. Damit wird ein Vernichtungsfeldzug gegen die als Masse konstituierten "Schädlinge" als "feindliche Armee" möglich und im Lauf der zwanziger Jahre praktiziert.

Sarah Jansen beginnt ihr Buch mit dem Anspruch, "die Formierung des ›Schädlings‹ auch als Entstehung von Möglichkeitsbedingungen und Möglichkeitsräumen des NS-Genozids" zu untersuchen. Ihre Untersuchung endet mit dem Jahr 1920, doch schließt sie ihr Buch mit dem Denken von Kontinuitäten darüber hinaus. Sie tut es mit der ihr eigenen sanften Präzision, die schon während der mehr als 400 Seiten zuvor den Wunsch weckt, dass sie bald wieder "eine deutsche Geschichte" schreiben möge.

Sarah Jansen: "Schädlinge". Geschichte eines wissenschaftlichen und politischen Konstrukts, 1840-1920. Campus, Frankfurt am Main, New York 2003, 434 S., 45, - E


00:00 16.04.2004
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