Die Reform der Reform

Bildungsstreik Die protestierenden Studenten rennen mit ihrer Kritik am Bachelor-System von Bologna ­offene Türen ein: Sie fordern, was in wenigen Jahren ­ohnehin der Fall sein wird

Als in diesem Herbst der Band Die Illusion der Exzellenzmit Beiträgen zur Kritik der jüngsten Bildungsreformen bei Wagenbach erschien, brach in den Feuilletons eine ungewöhnliche Begeisterungswelle los. Endlich, so erklärten konservative und linke Kommentatoren zum Sammelband des FAZ-Redakteurs Jürgen Kaube einhellig, ernteten die Bologna- und Bachelor-Technologen, was sie verdient hätten. Sie würden mit dem bildungspolitischen Desaster konfrontiert, das die Modularisierung und Verschulung der Studiengänge an den deutschen Universitäten ­ausgelöst habe.

Indessen ist auf die destruktiven Folgen des so genannten Bologna-Prozesses schon früher und ebenfalls von berufener Seite aus hingewiesen worden. Bereits 2006 war, von den Medien nicht ganz so intensiv beachtet, ein Buch des Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann mit dem Titel Theorie der Unbildung erschienen, in dem detailreich und prägnant mit den „Irrtümern der Wissensgesellschaft“ abrechnet wurde. Liessmann hatte sich damals eher auf die Wissenschaftskritik der Kritischen Theorie bezogen, Kaube und seine Mitstreiter bevorzugen die empirische Soziologie und die Systemtheorie. Entsprechend unterschiedlich fällt, bei aller Ähnlichkeit in der Diagnose, die Schwerpunktsetzung beider Bücher aus. Wo es Liessmann um eine Fundamentalkritik am technologischen und instrumentellen Wissensbegriff der Hochschulreformer geht, argumentiert Kaubes Sammelband pragmatisch und hat damit schon mal den Vorteil, die Architekten des Bologna-Prozesses mit ihren eigenen Ansprüchen zu konfrontieren.

Politische Kaderschmieden

An zwei Beispielen lässt sich erkennen, wie fruchtbar eine solche Perspektive sein kann und was sie zum bundesweiten „Bildungsstreik“ beizutragen hätte: am Schlagwort der „Amerikanisierung“ und am Verhältnis zwischen Universität und Staat. Auch bei den jüngsten Studentenprotesten wird immer wieder das Schreckgespenst einer „Amerikanisierung“ des Bildungswesens beschworen. Dass dies allenfalls zur Hälfte wahr und eben deshalb gänzlich falsch ist, zeigen die vergleichenden Betrachtungen, die der Luzerner Soziologe Rudolf Stichweh in Kaubes Sammelband anstellt. Auch wer Stichwehs Bewertungen nicht teilt, muss zugeben, dass das deutsche Universitätssystem durch Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge allenfalls formal „amerikanisiert“ worden ist: Typisch „amerikanisch“ sind nur die verwaltungstechnischen und curricularen Formen, die den einzelnen Studienfächern seither oktroyiert wurden, etwa die Verschulung, die reduzierte Wahlfreiheit, das Gebühren- und Stipendiensystem und die Erfindung der „Credit Points“. Ganz und gar nicht „amerikanisch“ ist aber der Begriff des Geistes und der Bildung, den die deutschen Bildungspolitiker aller vermeintlichen „Marktorientierung“ zum Trotz weiterhin hochhalten und der eigentümlich für die deutsche Geschichte ist.

Geist und Bildung werden in Deutschland nach wie vor als freischwebende, den profanen Zwängen der Ökonomie enthobene Sphären vorgestellt, die durch materielle Zwecksetzungen beschmutzt werde. Daraus erklärt sich das idealistische Gerede von der „geistigen Exzellenz“, der „Eliteförderung“ und den „Leistungsträgern“, dem deutlich anzumerken ist, dass sich die Bildungstechnologen nicht mit einer Verbesserung der universitären Marktkompatibilität bescheiden wollen, sondern sich zu Höherem berufen fühlen. Diese missliche Vermischung von erzwungenem Pragmatismus und Idealismus hat das bildungspolitische Desaster von „Bologna“ erst möglich gemacht. So kommt etwa in den Vereinigten Staaten einem akademischen Abschluss nicht annähernd jene Bedeutung als Distinktionsmerkmal zu, die er hierzulande hat: Dort sind die „Elite-Unis“ ganz einfach die politischen Kaderschmieden und versuchen dies auch gar nicht zu verbergen, während sie in Deutschland als unantastbare Weltgeistverwalter imaginiert werden, die weit über ihre Rekrutierungsfunktion hinaus einen vermeintlich ideellen Wert besitzen. In den USA, aber auch in Großbritannien, besteht allen sozialen Barrieren zum Trotz eine immense Durchlässigkeit zwischen dem universitären Arbeitsfeld und der Gesamtgesellschaft. Dozenten, die über den zweiten Bildungsweg an die Uni gekommen sind und sich dennoch langfristig etablieren können, sind keine Seltenheit, während an deutschen Universitäten Lehrende, die etwa aus dem Journalismus oder aus dem handwerklich-technischen Berufszweig kommen, zumindest in den Geisteswissenschaften von vornherein geringere Chancen haben.

Überhaupt werden die humanities im angloamerikanischen Raum keineswegs so sehr verachtet, wie hierzulande oft unterstellt wird. Im Gegenteil kommt ihnen als Vermittlern der notwendigen social skills große Bedeutung zu, was sich nicht zuletzt in einer Großzügigkeit der staatlichen und privatwirtschaftlichen Förderung äußert, von der deutsche Universitäten nur träumen können. In Deutschland dagegen ist das Verhältnis der „Leistungsträger“ zu der Bildung, die sie beschwören, seit jeher schizophren. Einerseits werden Bildung und „geistige Entwicklung“ derart fetischisiert, dass jedes Kind, das um die Möglichkeit gebracht wird, Latein zu lernen, als prospektiver „Risikoschüler“ identifiziert wird. Andererseits ist man, wie der Bologna-Prozess und die Diskussion um die Elite-Unis gezeigt hat, jederzeit bereit, alle geistigen Inhalte eines akademischen Fachs über den Haufen zu werfen, sobald die Gefahr besteht, als nicht mehr konkurrenzfähig abgehängt zu werden.

Ein möglicher Pyrrhussieg

Diese Schizophrenie schlägt sich auch im Verhältnis der Unis zum Staat nieder. Die vielberufene „Ökonomisierung“ der Universitäten, mithin ihre verstärkte Abhängigkeit von privatwirtschaftlichen Fördermitteln, verdankt sich in Deutschland, anders als in den Vereinigten Staaten, keinem wie auch immer kritikwürdigen autonomen Entscheidungsprozesses, sondern ist selbst Ergebnis staatlicher Setzungen: Es handelt sich um eine Zwangsprivatisierung, eine staatlich gewollte und geplante Entstaatlichung, und nicht um eine „Emanzipation“ der Bildungseinrichtungen vom Staat. Die schale Einfallslosigkeit, die sich hierzulande gerade an den per Ranking ermittelten „Elite-Unis“ seither breitgemacht hat und die jede intellektuelle Eigeninitiative im Keim erstickt, dürfte sich nicht zuletzt diesem Paradox verdanken. Gerade als von staatlicher Direktive befreite Existenzgründer begreifen sich deutsche Akademiker erst recht ausschließlich als Staatsagenten: „Elite“ ist wird damit tendenziell zu einem Synonym für vorauseilenden Gehorsam, aber ganz bestimmt nicht für jenen „amerikanischen“ Egoismus, in dessen Verachtung sich Universitätspolitiker und Studenten einig sind. Vor diesem Hintergrund erhält der „Bildungsstreik“ einen fragwürdigen Beigeschmack. Dessen Protagonisten nämlich stellen letztlich nur fest, was die Verantwortlichen, wie die Begeisterung über Kaubes Buch zeigt, mittlerweile selbst begriffen haben: Die Bachelor-Bürokratie verhindert internationale Mobilität, statt sie zu fördern, die standardisierten Lehrpläne machen die Entwicklung individueller Interessen fast unmöglich, die Zerstörung der Einheit von Forschung und Lehre und der Leistungsdruck sind wissenschaftspolitisch unproduktiv.

Natürlich wäre einiges gewonnen, wenn die Universitätsverwaltungen – die einzigen wahren Profiteure der jüngsten Reform – aus dieser Einsicht Konsequenzen zögen. Wenn das einzige Ergebnis des Bologna-Kritik aber in einer erneuten Verwaltungsreform bestehen sollte, bei der diesmal vielleicht auch die Aktivisten des „Bildungsstreiks“ ihre Tantiemen einheimsen können, wäre das ein Pyrrhussieg. Um ihn zu verhindern, müssten sich die Universitätskritiker stärker auf die Fragen besinnen, die Liessmann in seinem Buch stellt: Welches „Wissen“ wird in den akademischen Disziplinen produziert? Welche institutionellen Formen sind diesem Wissen angemessen? Und wie verhält dieses Wissen sich zu den Fähigkeiten, die „der Markt“ verlangt? Nur wer über solchen Fragen nie nachgedacht hat, kann Begriffe wie „Ökonomisierung“ oder „Amerikanisierung“ unschuldig im Munde führen.

Die Illusion der Exzellenz. Lebenslügen der WissenschaftspolitikJürgen Kaube (Hg.) Wagenbach. Berlin 2009, 96 S., 9,90 Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft Konrad Paul Liessmann Pieper. Wien 2006, 174 S., 7,95

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21:00 25.11.2009

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