Die Religion der Gentechnologie

WIDERSTAND GEGEN DIE EXPO Der "Themenpark" ist der "ideologische Pfeiler der Weltausstellung"

Gegner der EXPO 2000 brauchen derzeit eine kräftige Stimme. Aus allen Kommunikationskanälen rieseln farbenfrohe Berichte über die Wunder der Weltausstellung in Hannover, die am 1. Juni eröffnet wurde. Die beiden örtlichen Tageszeitungen, Hannoversche Allgemeine und Neue Presse, kompilieren Tag für Tag ein EXPO-Journal. Die Mattscheibe läuft vor Sondersendungen und Gala-Abenden über. Wie stellt man unter solchen Bedingungen eine Gegenöffentlichkeit her? Die Auftaktkundgebung der EXPO-Gegner war nicht ermutigend: als am vergangenen Sonnabend etwa 600 Demonstranten durch die Innenstadt zogen, beobachteten die Hannoveraner das Ereignis eher gleichgültig. "Ich find' die EXPO gut", meinte ein Passant und beklagte sich allein über die Steuergelder, die eine Demonstration verschlinge; dass die EXPO Milliarden kostet, scheinen die meisten vergessen zu haben.

Alvons Diemer von der Anti-EXPO-AG weiß, wie schwierig es ist, den Widerstand zu organisieren. Seit zwölf Jahren arbeitet er mit den Weltausstellungs-Gegnern zusammen. Er hofft, die Zersplitterung der einzelnen linken Gruppen durch gemeinsame Aktionen aufzuheben. Es würde sich lohnen: "Die EXPO ist die erste große Manifestation des neoliberalen Denkschemas ohne staatssozialistische Alternative." Ihre Vielschichtigkeit erfordere "subversive Kreativität" und vielerlei Widerstandsformen: Antifa, Technologiekritik und Themen wie Innere Sicherheit sollen zur Sprache kommen. Ein Ziel ist es, Hannover im Verkehrschaos versinken zu lassen, das würde den Preis der EXPO hochtreiben - "damit die nicht einfach lässig durchmarschieren und wir zeigen, dass wir noch da sind und wiederkommen." Der Mega-Stau könnte gelingen, denn es gibt zwar ein Verkehrsleitsystem, aber niemand ist sich seiner Funktionsfähigkeit so richtig sicher.

Zentraler Angriffspunkt der EXPO-Gegner soll der Themenpark sein, nach Diemer ein "ideologischer Pfeiler der Weltausstellung". "Dort wird beispielsweise die Religion der Gentechnologie gepredigt. Birgit Breuel sagt: ›Wer sich gegen Gentechnologie wendet, macht sich schuldig‹, und das bekommt dann für mich so einen religiösen Charakter." Systemkritische Gruppen seien ins Konzept eingebunden worden, zum Beispiel Kirchen, Gewerkschaften, Umweltverbände, Jugendorganisationen. Der Themenpark hält auch ein Tanztheater bereit, das die Kernbotschaft "Die Zukunft der Arbeit ist Veränderung" vermitteln soll. Was man natürlich auch als Lobgesang auf neoliberale Flexibilisierungsstrategien lesen kann.

Die EXPO-Gegner setzen auf die Nadelstichtaktik. Am Tag der Deutschen Einheit zum Beispiel werden sie sich bemerkbar machen. Rund 750 BGS-Beamte sollen dann in der niedersächsischen Landeshauptstadt dafür sorgen, dass das Protokoll nicht umgeworfen wird. EXPO-Chefin Birgit Breuel, Ministerpräsident Gabriel und der Kanzler wollen nichts anbrennen lassen. Im Vorfeld statteten Polizisten in Zivil ausgesuchten Weltausstellungsgegnern sogar Hausbesuche ab, erzählt Diemer. "Die klingelten und meinten: ›Können wir mal 'nen Kaffee trinken und über die EXPO reden?‹ So nach dem Motto ›Wir haben euch im Blick‹."

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